Vierzehntes Kapitel

Ohne Rast und Ruh' folgte der Wastl seiner Frau. Wie eine fixe Idee war es, die ihn nicht mehr los ließ. Umsonst bat und warnte der Kramer Veit.

»Wastl, vertu' dei' Geld nit. Wirst no a Lump auf die Weis' ...« Es half nichts. Er dachte nicht mehr an die Heimat und nicht mehr an die Kinder. Hatte nur immer den einen Gedanken: die Vef. Und oftmals überkam ihn eine große brennende Angst um sie. Ein Unglück könnte ihr widerfahren, wenn er nicht bei ihr wäre. Er müsse sie schützen, müsse in ihrer Nähe weilen.

Dann ließ er die Arbeit in der Heimat, zu der er doch immer wieder zurückkehrte, und folgte der Vef von Stadt zu Stadt und von Land zu Land, solange ihm das Geld ausreichte.

Die Glanzzeit des Florian Siegwein und seiner Sängerschar hatte längst ihren Höhepunkt erreicht, und es ging allmählich, aber stetig abwärts mit ihnen. Wohl sangen sie nach wie vor in den großen Sälen der Städte und nur vor gutem Publikum. Aber jene ersten vornehmen Kreise, die sich ehedem für die reisenden Tiroler interessierten, hatten sich langsam zurückgezogen.

Sie erhielten keine Einladungen mehr auf die Schlösser der Fürsten und durften auch nicht mehr vor gekrönten Häuptern singen. Der Florian hatte in den letzten Jahren arges Pech gehabt. Der Simeringer Franz, der vom Anfang an eine Hauptstütze seiner Gesellschaft gewesen war, hatte sich immer mehr dem Trunke ergeben, so daß er schließlich seine Stimme einbüßte und durch eine andere Kraft ersetzt werden mußte.

Nun reiste der Simeringer Franz auf eigene Faust, warb etliche Leute in der Heimat an und verursachte dem Florian Siegwein manchen Verdruß. Denn er war nicht wählerisch, der Simeringer Franz, sang in Weinkneipen und rauchigen Bierlokalen und achtete nicht auf den Ruf seiner Leute.

Das ärgerte den Florian, da oft durch eine Verwechslung seine eigene Truppe in Mißkredit geriet. Mit dem Simeringer Franz zu reisen erschien verlockender wie mit dem Florian Siegwein. Denn der Florian kämpfte tapfer und mit zäher Energie, um seiner Truppe den vornehmen Ruf, den sie einmal besessen hatte, wieder zu erobern.

Es gab viel Zank und Streit, und schließlich trennte sich auch der Tobias Scholl von dem Florian und ging zu dem Simeringer Franz über. Die Zeißler Anna, die auch von allem Anbeginn mit dem Florian reiste, war in der Fremde gestorben. Lungenkrank, stellten die Ärzte fest, die sie monatelang in dem Spital einer Großstadt pflegten. Und einsam und von allen verlassen betteten sie die junge Tirolerin ins fremde Erdreich.

Es war nur noch die Vef übrig von den alten Kräften des Florian Siegwein, und auch ihre sieghaft schöne Stimme hatte nachgelassen und war im Verblassen. Der Lebenswandel, den die Vef führte, war nicht ohne Folgen für ihre Gesundheit geblieben. Das üppig schöne Weib welkte dahin und alterte in wenigen Jahren. Mit allen Mitteln der Kunst erhielt sie sich nun. Sie wußte, daß ihre Schönheit ihr einziger Besitz war.

Die Vef hatte keine Freude über die Anhänglichkeit ihres Gatten. Für sie war die Vergangenheit erloschen, und sie hatte gebrochen mit allem, was ihr einst lieb und teuer gewesen war.

Sie wies den Wastl von sich, hart und schroff. Aber ohne Erfolg. Wie mit Blindheit war der Mann geschlagen. Ahnte nichts von ihrem Lebenswandel und wollte vielleicht auch nichts ahnen. Nach wie vor blieb sie für ihn die Vef, die er einstmals geliebt hatte. Die resche, resolute Frau mit dem guten und keuschen Herzen. Und niemand war, der den Mut gehabt hätte, ihm die Augen zu öffnen. Bis er selbst dahinter kam.

In diesem letzten Winter war die Not an den Wastl herangetreten. Er war nun endgültig fertig mit dem Gelde, das er für sein Gütl in der Gungl erlöst hatte, und mußte knausern und sparen. Noch etliche Wochen würde es ihm reichen, und dann mußte er, wollte er nicht verhungern, sich um einen Verdienst umtun.

Die Arbeit scheute er nicht, der Wastl. Wäre selig gewesen, wenn er nur wieder hätte arbeiten dürfen. Aber arbeiten war gleichbedeutend mit der endgültigen Trennung von seinem Weibe, und diese, das wußte er aus Erfahrung, konnte er auf die Dauer nicht ertragen.

Er hungerte und darbte und schlief in den elenden Schlafstellen der großen Städte, nur um sein Geld zu strecken, und suchte sich dann und wann einen Gelegenheitsverdienst. Aber gut bezahlte Arbeit war nur selten zu finden, und wenn sich der Wastl als Taglöhner gar zu sehr herunterkommen ließ, dann wurde es ihm noch schwerer gemacht wie bisher, sich seiner Frau zu nähern. Das wußte er bestimmt.

Als die Not ganz groß geworden war, da nahm sich der Wastl ein Herz, um mit seinem Weibe zu reden. Fast kam's ihm vor wie damals droben am Alpl, als er um die junge Vef geworben hatte.

Dasselbe wochenlang währende Hangen und Bangen und genau dieselben quälenden Zweifel, ob er ihr doch noch gefallen könnte ... und doch wieder das feste, überzeugte Zutrauen zu ihr. Genau wie in jener fernen Zeit, so redete er auch jetzt sich tagelang zu, ehe er den Mut fand, die Vef zu stellen.

Sie war ja immer ein bissl schroff und zuwider gewesen, die Vef, und war, als sie sich damals dann ausgesprochen hatten, doch eine kreuzbrave Frau geworden. Und dieser gute Kern steckte sicher trotz allem immer noch in ihr. War halt jetzt durch das üppige Leben ein bissl arg verwöhnt und halt auch noch launischer wie ehedem.

So redete sich's der Wastl immer wieder ein. Und wenn die Vef hörte, wie es um ihn stand, wie die alte Liebe zu ihr gleich stark und mächtig in ihm war wie damals am Alpl droben, wie er jetzt sogar hungerte und fror und um sie litt, dann würde das Mitleid für ihn sicher die Oberhand gewinnen. Und weiß Gott, vielleicht ging sie dann doch mit ihm in die Heimat zurück ...

Ein nebliger, naßkalter Wintertag war's, ohne Schnee und mit feinem, rieselndem Regen. Einer jener öden, grauen Tage, die in der Großstadt so trostlos traurig sind. Düster und schwer ist die Luft, und die Straßen sind glitschig vom feinen Regen, der dünn und unablässig niederträufelt.

Das ist das Wetter, wo die Menschen, innerlich erstarrt, sich nach Licht und Sonne und Wärme sehnen. Und alle, die da Frohsinn suchen und Glück, eilen ... Nachtfaltern gleich ... die das Licht umschwärmen, in festlich geschmückte Räume. Sie eilen zu Tanz und Spiel und Konzerten und Theatern und suchen Vergessen vor der inneren Leere ihrer Herzen.

Der Florian Siegwein hatte mit seinen Leuten schon etliche Wochen in der großen Stadt gastiert. Allabendlich sangen die Tiroler, und die Säle waren von Gästen gefüllt wie immer. Und sieghaft schön wie immer stand die Vef vor ihrem Publikum und sang ihre lockenden Lieder. Aber ihre Stimme klang nicht mehr so frisch und so innig, und die blühenden Farben des Gesichts wurden durch Schminke ersetzt.

Der Florian rechnete es sich im geheimen aus, wie lange die Vef wohl noch als Lockvogel zu gebrauchen sein würde. Kaltblütig, ohne Illusion und ohne Mitleid mit ihr. Denn er wußte, daß sie dann arm sein würde und sich kümmerlich durchbringen müßte.

Sie hatte keine Ersparnisse gesammelt, die Vef, hatte im wilden Taumel gelebt und das Geld, das sie verdiente, mit vollen Händen hinausgeschmissen. Daß sie einmal arm und unbrauchbar sein würde, das erfüllte den Florian Siegwein mit einer Art boshafter Genugtuung.

Sie hatte ihm viel zu viel Ärger bereitet, diese Frau, und hatte ihn ihre Macht immer wieder fühlen lassen, so daß alles menschliche Mitgefühl mit ihr einem geheimen Rachedurst gewichen war. Jetzt war sie ihm nur mehr ein Rechenexempel, und mit scharfem Ohr und unnachsichtig scharfem Blick gewahrte der Florian Siegwein alle Mängel ihrer Stimme und ihrer Erscheinung, und insgeheim hielt er Umschau in der Heimat nach einer Nachfolgerin für die Vef.

Der Wastl aber bemerkte keinerlei Veränderung an der Vef. Wenn die Vef sang, so fehlte er nie unter den Zuhörern, und ihre Stimme hatte für ihn nach wie vor den süßen, einschmeichelnden Zauber, den sie stets gehabt hatte. Und gleich begehrenswert erschien ihm das Weib, das seine Schönheit so verführerisch zur Schau zu stellen wußte. Dieser herrliche, blendend weiße Nacken und die volle Büste, ihre stolze, vornehme Haltung, welche der einer Königin gleichkam. Voll und reich war das blonde Haar und drückte das feine, etwas schmal gewordene Gesicht gleich einer schweren Krone.

Dem Wastl gefiel sein Weib mit jedem Abend, an dem er sie sah, immer nur noch besser. Kein Wunder, daß sie so viele Verehrer besaß und daß man sie mit vielen schönen Blumenspenden ehrte. Da war auch nicht eine einzige Frau im Saal, die es der Vef an Schönheit hätte gleichtun können.

Oft spähte der Wastl heimlich im Saal herum. Und musterte mit kritischem Auge die Frauen, die zugegen waren. Aber die Vef ... seine Vef ... war und blieb doch immer die Schönste von allen.

So stolz war der Wastl auf sein Weib! Und wenn am Schluß des Konzertes reicher Beifall die Sänger lohnte, dann raste der Wastl wie toll vor Begeisterung und riß die andern stürmisch mit. Er vergaß, wie sehr er unter dieser Frau zu leiden hatte, vergaß seine Entbehrungen und seine Sehnsucht nach ihr und war nur noch stolz auf sie. Und dieser Stolz erhob ihn über sich und seine Not und machte ihn widerstandsfähig und steigerte nur immer brennender sein Verlangen nach ihr.

Und heute abend, als sie die Vef wieder einmal ganz besonders stürmisch gefeiert hatten, da lauerte der Wastl am Ausgang des Saales, um mit der Vef zu sprechen. So hatte er der Vef oft aufgepaßt, und sie war, je nach ihrer zufälligen Laune, gut oder auch abweisend gegen ihn gewesen.

Anfangs freilich war sie nur hart zu ihm gewesen. Hatte ihn gehen heißen und zornig mit dem Fuß aufgestampft. Als sich aber der Wastl dann doch immer wieder einfand und sich durch gar nichts abschrecken ließ, da siegte die Gutmütigkeit in dem Herzen des Weibes, und sie duldete es, daß er sie nach Hause begleitete und ihr von den Kindern sprach. Und oftmals gab sie ihm auch Geld für die Kinder, aber sie trug kein Verlangen, sie zu sehen oder in die Heimat zurückzukehren.

War die Vef aber übel gelaunt, dann schnappte sie den Wastl ab, resolut und grob, und zankte mit ihm, weil er sie nicht in Ruhe ließ, und der Wastl schlich dann mit eingezogenem Kopfe und schwerem Herzen gedrückt davon, um schon am nächsten Abend sich wieder bei ihr einzufinden.

Sie war nicht gut gelaunt heute, die Vef, als sie den Wastl sah. Im Dunkel der Nacht stand er an der Ausgangstüre, und die Laterne der Straße warf einen schrägen Schein auf das Pflaster. Das Licht spiegelte sich in den Pfützen und zitterte verlöschend auf dem glitschigen Gehsteig.

Mit aufgestülptem Kragen und in Pelze gehüllt eilten die Leute in die Dunkelheit der Nacht. Die Vef kam am Arme eines Verehrers, in kostbares Pelzwerk gekleidet, zu dem Wagen, der für sie bereit stand. Große Diamanten funkelten in ihren Ohren, und zornig zog sie die Stirn in Falten, als der Wastl auf sie zukam.

»Grüß dich, Vef!« Er streckte ihr mit glücklichem Lachen seine große, derbe Hand entgegen. »Grüß dich, Vef!« wiederholte er.

Die Vef achtete nicht darauf. »Bist schon wieder da?« sagte sie unwirsch. »I kann di heut' nit brauchen. Wir feiern Abschied!« erklärte sie mit Bestimmtheit und wollte an dem Mann vorübergehen und in den offen gehaltenen Wagen steigen.

Der Wastl aber vertrat ihr den Weg. »I hätt' zu reden mit dir, Vef ...« stieß er heiser hervor. Sein Herz klopfte ihm zum Zerspringen. Zornig stampfte die Vef mit dem Fuße auf.

»Pack' dich!« zischte sie. Und der Herr an ihrer Seite hob sie rasch in den Wagen und warf den Schlag zu.

»Schnell!« befahl er dann dem Kutscher. Und die Pferde zogen mit jähem Ruck an, stampften und wieherten vor Freude, daß sie nun laufen durften.

Das alles geschah so eilig, daß der Wastl beinahe unter die Räder gekommen wäre. Denn als er das giftige, herrische Wort der Vef hörte, traf es ihn wie Peitschenschlag ins Gesicht. Und einen Augenblick taumelte er ... nur einen kurzen Augenblick, dann schoß ihm das Blut heiß und schwer zu Kopf.

»Pack' dich!«

Und der andere hatte sie ... sein Weib in den Wagen gehoben und war mit ihr davongefahren.

Der Wastl lief, was er laufen konnte. Ohne Besinnen. Durch die Straßen und Gassen und Gäßchen und über die Plätze der großen Stadt lief er. Nur nach. Immer nach! Nur nicht den Wagen aus den Augen verlieren. Er mußte es wissen, wohin die Vef in der Nacht fuhr. Mit ihm ... dem anderen.

Er merkte es nicht, wie ihm die Leute scheu auswichen und ihm mißtrauisch nachschauten. Er sah nichts als nur den Schein der beiden Wagenlichter in der Ferne und verfolgte ihn mit Anspannung seiner ganzen Kräfte. Mitten durch das Gewühl der Menschen zwängte er sich und folgte jeder Straßenbiegung, die das Gefährt nahm.

Ließ es nicht aus den Augen ... keine Minute lang ... und sah von ferne, wie der Wagen Halt machte und der fremde Herr mit der Vef unter dem Torbogen eines hohen Hauses verschwand.

Er durfte nicht in das Haus hinein, der Wastl. Sein Klopfen blieb ungehört, und niemand kam, der ihm Auskunft über die Bewohner des Hauses gegeben hätte.

Daß die Vef nicht in diesem Hause wohnte, das wußte der Wastl bestimmt. Denn der Florian Siegwein hatte es bis jetzt immer durchgesetzt, daß die Mitglieder seiner Truppe gemeinsam mit ihm unter einem Dache lebten. »Sein oa Familie ... wir Tiroler ...« pflegte der Florian noch immer zu sagen und wußte es doch genau, daß das alles nur mehr Schein war und das Wort zur Phrase geworden war.

War eine Eifersucht in dem Wastl. Quälend und brennend. Der fremde Herr ... die Vef ... sein Weib ... und war da drinnen in dem düstern, hohen Haus.

Bis zum Erwachen des neuen Tages stand der Wastl auf seinem Posten am Eingang des Hauses. Er fühlte nicht Kälte und Frost und hatte doch die Glieder starr vor Frost. Es tobte und brannte ihm der Kopf ... Daß er an nichts anderes denken konnte, nur immer wieder den einen Gedanken ... die Vef ... da drinnen mit dem fremden Herrn ... Und pack' dich! hatte sie zu ihm gesagt.

Wie langsam die Stunden in dieser Nacht verrannen! Irgendwo schlug eine Kirchturmuhr in der Ferne. Anfangs zählte der Wastl die Schläge mechanisch ... ohne zu denken. Eins ... zwei ... drei ... Dann aber achtete er nicht mehr darauf. Stand nur immer Posten in der Einsamkeit der Nacht.

Menschenleer und verlassen war die Gasse. Mußte ziemlich entfernt sein von dem Innern der Stadt. Er kannte sie nicht, die enge Gasse, und wußte auch nicht, wo er sich befand. Es interessierte ihn auch gar nicht. Nur eines interessierte ihn, und nur eines dachte er ... die Vef.

So düster, wie die Gasse war, und so hoch die Häuser. Hatten dicke graue Mauern und hohe, vergitterte Fenster. Häßlich war's und unlustig, fast zum Fürchten. Der Wastl hätte nicht hier wohnen mögen. War weit schöner und freier gewesen sein Heimatl in der Gungl, und war dort nicht so schwer zum Atmen wie hier, und wenn die Nebel auch noch so dicht und schwer über die Felsenwände herabhingen.

Die Gungl und der Göd und die Kinder ... das Tonele, das gestorben war ... und die Vef ... An alle mußte der Wastl in dieser langen Nacht denken. Gar an alle. Und war ihm, als wären sie bei ihm ... Bis die Gedanken dann wieder wie ein toller Reigen in seinem Kopf herumwirbelten und er an nichts mehr denken konnte als: die Vef ... und da drinnen ... ehrlos ...

Von ferne hörte der Wastl das Rollen eines Wagens. Es kam immer näher und näher. Einförmig und gemächlich trabten die Hufe der Pferde auf dem steinigen Pflaster. Hatten es gar nicht eilig und kamen dann doch immer näher und näher und hielten vor dem großen Hause, wo der Wastl Posten gestanden hatte.

Er drückte sich, um nicht gesehen zu werden, hinter einen Pfeiler des hohen Eingangsportales und starrte, die Hände fest in seinen Manteltaschen haltend, unverwandt auf die Türe, durch die sein Weib kommen mußte.

Die Pferde stampften unruhig, und der Wastl wagte jetzt kaum mehr zu atmen.

Lang dauerte das Warten, so lange, daß der Kutscher, der anfangs vor dem Wagen auf und ab gegangen war, sich in das Wageninnere setzte und dort zu schlafen schien.

Und wieder schlug die Uhr am Turm der fernen Kirche. Ein leiser Lärm regte sich entfernt und ganz allmählich. Die Großstadt erwachte und mit ihr die Melodie des Alltags. Milchgefährte rasselten, und vereinzelte Fußgänger kamen. Und alles hatte noch den Flüsterton der Nacht. Und die Dunkelheit der Nacht wich von der Gasse wie ein schweres Tuch und machte einem leichteren schwarzgrauen Schleier Platz.

Der Kutscher stieg fröstelnd aus dem Wagen, rieb sich die Hände und schritt stampfend und ärgerlich auf und ab. Und unruhig scharrten die Pferde und neigten die Köpfe einander zu, als wollten sie miteinander heimlich bereden, weshalb sie im Grauen des frühen Morgens hier zu warten hatten.

Fest lehnte sich der Wastl an den Pfeiler, hinter dem er versteckt stand. Starrte mit brennenden Augen auf die Tür und krampfte die Fäuste in den Taschen des Mantelrocks.

Und dann öffnete sich die Tür mit leisem Krachen ganz leise und sacht ... und noch ein Flüstern hinter der Türspalte ... ein matter Lichtschein ... und der Schatten eines Weibes.

Und der Wastl stand und horchte und sah ... klar und deutlich, wie sich ein Männerarm um den Nacken seines Weibes legte ... sah, wie sich ihr Kopf zurückbeugte, und sah, wie ihre vollen Lippen sich dem fremden Herrn lüstern darboten. Und knirschend preßte er die Zähne aufeinander und klammerte sich mit beiden Händen an den Pfeiler, um nicht wie ein gereiztes Tier auf das Weib zu springen.

Leichtfüßig wie ein junges Mädchen lief die Vef, ohne den Wastl zu sehen, über den Gehsteig zu dem Wagen hinüber. Der Kutscher schlug den Schlag zu und stieg auf den Bock.

»Hü!« Die Pferde zogen an, und mit einem wilden Satz sprang der Wastl auf den Tritt des Wagens und öffnete die Wagentüre. Ein erschreckter Schrei aus Frauenmund ... Der Kutscher hörte ihn nicht; denn der Lärm der rollenden Räder auf dem Steinpflaster übertönte ihn.

Wie ruhig und kalt überlegend der Wastl mit einem Male geworden war. Redete und handelte, als ob er ein Fremder sei und nicht er selber.

Wie selbstverständlich setzte er sich der Vef gegenüber, die sich fest in die weichen Polster schmiegte. Kalkweiß war sie im Gesicht und hatte Angst.

»Brauchst dich nit zu fürchten, Vef. I tu' dir nix!« sagte der Mann sehr ruhig, aber seine großen, dunklen Augen, die immer so gut schauten, hatten einen fremden, wilden Blick.

»I schrei ...« stieß die Vef geängstigt hervor. »I ...«

Da lachte der Wastl rauh und hart. »Tu's ...« höhnte er boshaft. »Damit die Leut' kommen und mich von mein' Weib trennen?«

Und dann beugte er sich weit zu ihr hinüber, so daß sein Gesicht das ihre fast berührte, und preßte ihre beiden Hände so fest in den seinen, daß es sie heftig schmerzte.

»Wo bist g'wesen ... Vef?« stieß er heiser und gebieterisch hervor. »Wo bist g'wesen?«

Die Vef schauderte in ihrem kostbaren Pelzwerk vor innerer Angst und Kälte. Aber sie war nicht feig.

»Aus lass' mich! Du!« befahl sie resolut und sah ihn mit zornfunkelnden Augen an.

Aber der Wastl ließ nicht los, sondern zog das Weib immer näher an sich heran, bis sie vor ihm auf den Knien zu liegen kam. Wie mit Eisenklammern hielt er sie und beugte sich über sie.

»Du ...« keuchte er wild und zornig. »Du ... und a söllene bist! Und mei' Weib!«

»Lass' mich, du!« fauchte ihn die Vef wie eine Wildkatze an und wand und krümmte sich unter seinem festen Griff.

»Bin dir g'folgt wia a Hund ...« keuchte der Wastl außer sich ... »hast mi um alles bracht ... und jetzt no um mei' Ehr! Du ...«

»Lass' mich!« zischte die Vef in ohnmächtiger Wut. »Lass' mich ... mi graust vor dir!«

Da war's geschehen. Ein wilder Schrei des Mannes, und dann hieb er auf das Weib ein. Brutal und unbarmherzig. Schlug auf sie ein, ohne zu denken, wohin er traf. Und unter seinen Hieben kamen ihr die Tränen. Stolze Tränen ... denn sie verbiß den Schmerz und ertrug die Züchtigung. Krümmte sich lautlos und ohne Gegenwehr unter der Wucht seiner Kraft.

Und als der Wagen sein Ziel erreicht hatte, sprang der Wastl heraus. Und die Vef folgte langsam und gebrochen. Breitspurig ... ganz Bauer ... trotz des städtischen Gewandes, das er trug, stellte er sich vor ihr auf. Und spie zur Erde. Und die Vef wandte sich, ohne ein Wort zu sagen, dem Hause zu, in dem sie wohnte, aschfahl und müde und gebeugt. Und in ihren hellen, sonst so sonnigen Augen lauerte ein tiefer Haß gegen den Mann, der sie gezüchtigt hatte und der ihr Gatte war.

Aufrecht, wie lange nicht mehr, ging der Wastl seines Weges. Ging durch die Straßen der Stadt, die sich im frühen Wintermorgen immer mehr belebten, ging achtlos und ohne Gedanken ... viele ... viele Stunden. Wie ein Traumwandelnder ... Fühlte nichts und empfand nichts. Nur leer war's in ihm ... trostlos leer.

Der rieselnde Regen des Vortages hatte sich in einem feinen Schneefall aufgelöst. Und ein scharfer Wind blies eisig dem Wandernden ins Gesicht. Unermüdlich ging er ... ohne Nahrung und ohne Trunk ... Bis es ihn am späten Nachmittag zu frieren anhub. So heftig, daß ihm wie einem Kranken die Zähne klapperten.

Da kehrte der Wastl in eine Schenke ein. Und trank ... trank sinnlos und ohne Wahl ... und trank, bis er wie ein Tier betäubt unter dem Tisch der Schenke lag.