Drittes Kapitel
Hoch droben am Berg, an der Seite, wo Veit Galler gesessen war, ohne zu dessen Höhe hinaufsehen zu können, leuchteten ganz besonders große Feuer ins Tal hinab.
Fünf Holzstöße brannten da droben in regelrechten Abständen. Fast an der Spitze des Berges aber loderte in hellen, lustigen Flammen ein einzelner, mächtiger Holzstoß. Das war das Feuerl, von dem der Florl seinem Mädel gesprochen hatte.
Der Florl hatte schon seit etlichen Wochen Pech gesammelt und es in einer der fünf Almhütten, vor denen heute die fünf Höhenfeuer brannten, aufbewahrt.
Das Pech hatte er sich heute geholt und es mit auf die Höhe genommen, um es in den mächtigen Scheiterhaufen zu werfen. Denn das Pech machte den Schein des Feuers ganz besonders hell und die Flammen auflodernd. Das allerschönste und allergrößte und noch dazu das allerhöchste, das war das Feuerl von dem Florl.
Das Regele hatte einen weiten Weg tun müssen, um ihr Feuerl auch richtig sehen zu können.
Sie hatte, nachdem der Veit Galler fortgegangen war, rasch ein dunkles Tuch übergeworfen und war mit flüchtigen Schritten von daheim fortgelaufen.
Ganz in unmittelbare Nähe, wo der Krämer saß, war das Mädel in atemlosem Lauf gekommen, ohne daß der Mann sie bemerkt hätte. Sie hatte ihn wohl erkannt, huschte aber rasch und lautlos und auf Umwegen an ihm vorbei, hinunter dem Bergtal zu, wo ein hölzerner, schmaler Steg in schwindelnder Höhe den brausenden Bach überspannte und zu der andern Seite des Berges führte.
Bei jedem Schritt, den man da tat, zitterte und krachte das morsche Holz. Die Brücke schwankte und bog sich, als wollte sie zusammenbrechen. Man mußte schon ganz schwindelfrei sein, um den engen Steg, der kaum Raum für eine Person bot, zu überqueren.
Bogenförmig überspannte die Brücke den Bergbach. Ein kleines, niedriges Geländer zu beiden Seiten sollte Schutz gewähren gegen einen Fall in die Tiefe. Wohl an die fünfzig Meter ging es hier in den Abgrund, und brausend tobte der Wildbach in der engen Bergschlucht.
Dieser Steg war der Teufelssteg, und ältere Leute mieden ihn in abergläubischer Furcht. Nur jene benutzten ihn, welche die Bergmahd jenseits des Baches zu mähen hatten, oder jene, welche den Weg kürzen wollten, der zum Nachbarhochtal führte. Die meisten Leute aber gingen den allgemein üblichen Talweg, wenn er auch zumindest um eine Stunde länger war.
»Weil's soviel schiach ist über'n Teufelssteg ...« sagten sie. »Und man kann's doch nit wissen, ob nit amal a Unglück g'schiecht.«
Vor etlichen Jahren war hier auch ein Unglück geschehen, und seither mied man den Steg noch mehr wie zuvor.
Das war, als die Philomena Abfalter hier ihrem Leben ein Ende gemacht hatte.
Die Mena ... An die Mena mußte das Regele jetzt lebhaft denken, wie sie inmitten des leicht schaukelnden Steges stand und in das tobende Wasser tief drunten schaute.
Ob es bei der Mena wohl auch so gegangen war wie bei ihr?
Das Regele erinnerte sich noch deutlich an die Mena. Ein dickes, dralles, junges Ding, mit hochroten Backen und lustigen, dunklen Augen. Und hatte ein Kind gehabt, die Mena.
Das Regele erinnerte sich noch, als ob es gestern gewesen wäre. An einem Sonntagmorgen war es gewesen vor der Frühmesse. Da hatte die Mena vor der Kirchentüre knien müssen, einen Strohkranz auf dem Kopf, und hatte nicht hinein dürfen in das Gotteshaus, bis der Priester kam und sie aussegnete. Dann erst war die Schuld von ihr genommen und sie würdig befunden worden, den heiligen Raum zu betreten.
Die Mena war auf den Steinstufen der kleinen Dorfkirche gekniet und hatte den Kopf fest an die Kirchentüre gedrückt. Das Gesicht geschwollen und die Augen entzunden von vielem Weinen. Und alle Leute, die da in die Kirche gingen, mußten an dem gebrandmarkten Mädel vorbeigehen und sie in ihrer Schande sehen.
Die Burschen schlichen, so schnell sie konnten, an ihr vorbei und zogen die Köpfe ein. Die Kinder blieben neugierig bei ihr stehen, bis ältere Leute sie mit barschen Worten gehen hießen.
Die Bäuerinnen und älteren Weiber rafften die Röcke, um nicht anzustreifen an der Ausgestoßenen. Die Männer taten, als sähen sie das schluchzende Mädel nicht, und die Altersgenossinnen der Mena machten schadenfrohe Gesichter oder gaben harte Reden.
Da war nicht einer, der ein gutes Wort für die Gefallene gehabt hätte, nicht einer, der sich an Christi Wort von der Sünderin erinnert hätte. Jeder von ihnen wäre sofort bereit gewesen, den ersten Stein zu heben und ihn auf die arme Sünderin zu schleudern.
Und doch, was hatte die Mena anders verbrochen, als daß sie einen Burschen lieb gehabt hatte, der sie, weil sie beide arm waren, nicht heiraten konnte.
Freilich, der Schande hatte er sie dann allein preisgegeben. War davongezogen, hinaus ins Tal, und hatte sich dort auf einem der Berghöfe als Knecht verdingt.
Die Mena aber hatte das ganze Leid allein tragen müssen. Gleich einer mit der Pest Behafteten war man dem Mädel ausgewichen, seit ihre Schande offenkundig geworden war. An den Sonntagen mußte sie allein den Kirchgang antreten und sich dann scheu in einem dunklen Winkel der Kirche verstecken. Jung und Alt höhnte sie laut und wies mit Fingern nach ihr. Die Bäuerin, bei der sie diente, war hart und ohne Mitleid bis zu ihrer schweren Stunde.
Alles hatte die Mena ertragen, geduldig und ohne zu murren. Sie wußte ja, daß sie sich der schwersten Sünde schuldig gemacht hatte und nun ehrlos geworden war. Aber das Allerhärteste, das war doch die öffentliche Schaustellung mit dem Strohkranz.
Das Regele war damals noch ein Kind gewesen, und neben der Scheu und der Aufregung über das außergewöhnliche Ereignis hatte sie doch ein inniges Mitleid mit dem gebrandmarkten Mädel. Sie getraute sich's nur nicht merken zu lassen. Aber während der ganzen Messe konnte sie kein Vaterunser beten und mußte nur immer an das laut und krampfhaft schluchzende Mädel draußen vor der Kirchentüre denken.
Die Mena hatte diese öffentliche Schande auch nicht überleben können. Ein paar Tage noch war sie in dem Bauernhof, in dem sie diente, scheu herumgeschlichen, hatte nichts gegessen und nichts gearbeitet und nichts geredet. Bis dann der Bauer mit harten Worten sie an die Arbeit gehen hieß.
Da war das Mädel davongelaufen, und kein Mensch hatte sie mehr zu sehen gekriegt.
Einige Tage nachher, als man auf die Suche ging, fand man den leblosen Körper des Mädels zerschellt im Bache auf. Von der Teufelsbrücke war sie herabgesprungen, und ohne Priester und ohne Gebet war sie in ungeweihter Erde begraben worden.
Zwei alte und einschichtige Bauersleute, ledige und ehrsame Jungfrauen, hatten sich um Gotteslohn ihres Kindes angenommen. Das Moidele hieß es und war ein scheues kleines Mädel mit einem dummen, ausdruckslosen Gesichtchen.
Hatte nicht viel Pflege, das Moidele, aber genug zu essen. Denn alte Jungfern, das weiß man wohl, können mit so kleinem Zeug nicht gut umgehen. Aber sie waren gut zu dem Kind; und wenn es böse Worte waren, die das Moidele zu hören bekam, dann waren es die Kinder aus der Nachbarschaft, die sie ihr nachriefen ...
Das Regele beugte sich vor über den Steg, so daß er stark schaukelte und sie ein leichter Schwindel überfiel.
Wenn sie es jetzt nun auch so machen würde wie die Mena? Ob es wohl sehr wehe tat ... ein Sprung da hinab ... und alles wäre zu Ende ...
Das Regele aber hatte den Mut dazu nicht. Sie hatte aber auch den Mut nicht, das auf sich zu nehmen, was die Mena auf sich genommen hatte.
Da droben, dort, wo der Florl das hoch emporlodernde Feuer entzündet hatte, das jetzt langsam zu verlöschen begann ... dort droben war es angegangen zwischen ihnen beiden.
Dort, wo heute abend die fünf Holzstöße flackerten, da standen fünf Almhütten. Eine regelrechte Siedelung war es, und die Leute hierzulande nennen diese Hütten nicht Almhütten, sondern Asten. Die Aste dient als Zwischenstation vom Tal zur Alpe. Wenn es am Joch noch zu kalt ist, dann weidet das Vieh auf der Aste. Das Heu der Almwiesen wird auf der Aste eingelagert.
Ein lustiges, reges Leben ist da mitunter im Frühjahr und im Herbst auf den Asten. Und gar erst da droben, wo fünf Asten in enger Nachbarschaft vereinigt waren. Da wird gesungen und getanzt und auf der Ziehharmonika oder Zither Musik gemacht.
Der Florl und der Wastl waren beide auf je einer der Asten bedienstet. Den ganzen Sommer über waren sie da droben. Ein jeder von ihnen hatte etliche Stück Vieh zu betreuen und nebenbei Käse und Butter zu machen.
Arbeit gab's genug, und der Tag dauerte ihnen niemals lang. Ab und zu kam Besuch vom Tal herauf. Das waren die Knechte von den Bauern, welche die Butter und den Käse abzuholen hatten.
Aber noch andern Besuch bekamen die Burschen manchmal, der ihnen lieb war und den Tag verschönte.
Die Perlmoserischen von dem kleinen Hochtal unten, in dem das Regele daheim war, besaßen auch eine der fünf Asten.
Gerade zwischen dem Florl und dem Wastl seiner war die von den Perlmoserischen. Und da hauste der Jackl, der älteste Sohn des Perlmoser.
Da die Perlmoserischen keine fremden Dienstboten anstellten, mußten die Töchter, die dem Jackl im Alter am nächsten waren, diejenigen Arbeiten verrichten, die sonst von Rechts wegen eigentlich den Männern zukamen. Sie trugen in schwerbeladenen Kraxen Käse und Butter ins Tal und mähten mit kräftigen Armen, weitausholend das Gras der Almenmahd ihres Vaters.
Sie waren robuste, kernkräftige Mädeln, die drei Perlmoserischen. Ganz besonders aber die Genovefa Perlmoser, kurz Vef genannt.
Das war eine Freude, der bei der Arbeit zuzusehen. Wie die schaffen und tragen konnte mit ihren neunzehn Jahren! Hochgewachsen und üppig war sie, hatte hellblondes Haar mit dicken Zöpfen, ein zartrosiges Gesicht und hellblaue, lachende Augen. Lachen tat sie überhaupt gern, die Vef. Und zeigte dabei gesunde weiße Zähne und entzückende Grübchen in beiden Wangen.
Kein Wunder, daß dem Wastl die Vef so gut gefiel und daß er allen Ernstes daran dachte, sie zu heiraten.
Als der Wastl der Vef dies zum erstenmal sagte, da lachte das Mädel, daß man's weithin hören konnte.
»Möcht' wissen, von was wir zwoa heiraten sollten! Du nix und i nix ... Das gab' a nette Wirtschaft ab! Nua ... i amal nit! Zuerst muß i wissen, wohin i nacher g'hör' ... sonst lass' i mi nit ein mit dir.«
Und dabei blieb's. Sie war viel vorsichtiger in der Liebe, die Genovefa Perlmoser, wie das kleine, dumme Regele. Freilich, das Regele war auch noch jünger, ein halbes Kind und daß der Florl so ungestüm war und es beim Küssen allein nicht bewenden ließ, das hatte sie wirklich zu Anfang ihrer Liebschaft nicht wissen können.
Aber schön war's doch gewesen!
Wenn das Regele genauer darüber nachdachte, wie das eigentlich alles so hatte kommen können, dann mußte sie immer wieder der verflixten Singerei die Schuld geben. Die und nichts anderes trug die Hauptschuld. Denn hätte die Perlmoser Vef das Regele nicht immer wieder geholt, daß sie mit ihr singe, dann hätte der Florl nicht die Gelegenheit gefunden für seine Annäherung.
Die Perlmoser Vef und das Regele konnten nämlich gar so schön zusammen singen. Und taten es auch gern. Schon von Kindheit auf übten die beiden Nachbarskinder die schönsten Lieder und Jodler ein. Das Regele sang mit glockenheller Stimme und nahm auch den höchsten Ton mit spielender Leichtigkeit, und die Vef hatte einen weichen, vollen Alt, der warm und innig klang wie der Ton einer Glocke aus edlem Metall.
An den langen Winterabenden saßen sie gar oft in der überhitzten Stube beim Perlmoser und sangen. Dann griff die Vef in die Saiten ihrer Laute, und oft spielte das Regele die Begleitung auf der Zither.
Die schönsten musikalischen Abende hatten sie da oben in ihrem einsamen Bergtal. Die Vef und das Regele waren so aneinander gewöhnt, daß sie vermeinten, die eine könne ohne die andere gar nicht so recht singen.
So war es denn auch die Vef gewesen, die das Regele immer wieder mit hinauf aufs Alpl nahm. Der Mutter war's freilich nicht immer recht gewesen. Man tut ja gern eine Gefälligkeit und erst gar den Nachbarsleuten; aber schließlich, das Regele war die Hauptarbeitskraft zu Hause, und daheim blieb dann die Arbeit liegen. Denn oft kam das Mädel tagelang nicht vom Alpl herunter.
Daß es da droben oft bis spät in die Nacht hinein lustig zuging, das wußte die Bäurin sehr wohl. Gar so lang war's ja schließlich nicht her, seitdem sie selber jung gewesen war. Und sie gönnte ihrem Mädel ja gern ein bissel Unterhaltung.
Singen und Zitherspielen und auch ab und zu ein bissel Tanz, was war da viel dabei. Die Mädeln gaben ja acht aufeinander, und das Regele konnte ja kaum noch als ein richtiges ausgewachsenes Dirndl gelten. Wenigstens sah die Mutter immer noch das Kind in ihr.
Aber auch die andern Leute nahmen das Regele nicht ernst. So hatte der Wastl das Regele mehr als einmal mitleidig ein Grispele geheißen, an dem nichts sei wie Haut und Knochen.
Der Wastl wäre also nicht zu fürchten gewesen. Dem Florl freilich, dem traute die Bäurin nicht über den Weg. Der hatte ein so übermütiges Spitzbubengesicht, und die Bäurin konnte ihn überhaupt nicht leiden. Wenn er einmal beim Söllerbauer zukehrte, dann war sie immer mürrisch und unfreundlich zu ihm und maß ihn mißtrauisch von der Seite.
Als die Vef wieder einmal zum Söllerbauer herüberkam, um das Regele nur grad für einen Tag aufs Alpl hinauf auszubitten ... »weil wir's iatz grad gar so viel gneatig hab'n und 's Grummet döcht aa no trocken einer bringen möchten ...« da meinte die Bäurin etwas besorgt: »Ös werd's epper nit grad alleweil arbeiten da oben. I moan völlig, ös tanzt's die halben Nächt' durch, weil's Madel alleweil gar a so verschlafen ist, bald's aber kimmt.«
»Tanzen tian mir freilich aa!« lachte die Vef ihr strahlendes Lachen. »Zu was war'n wir denn jung? Beim Tag arbeiten, daß die Schwarten krachen, und auf d' Nacht singen und aufspielen und tanzen.«
»Mei ...« machte die Bäurin mürrisch und stemmte nachlässig den Arm in die breite Hüfte. »I vergunn's enk wohl. Aber 's Regele ist grad so viel jung no. Die gang' aa g'scheiter schlafen.«
»Sell tut sie schon!« bestätigte das Mädel lebhaft. »Wir schlafen aft schon aa, bald wir müd sein!« Sie lachte übermütig und zeigte dabei ihre blendend weißen Zähne.
»Tust mir halt a bissel achten aufs Madel, gelt, Vef?« bat die Bäurin besorgt. »Woaßt wohl, dö Löder ...«
»Wir sein alleweil beinand, wir Madeln!« beruhigte sie die Vef. »Da g'schiecht nix. I schau' schon drauf. Und dö Löder haben wohl aa mehr z' tian, als wie grad auf das Grispele aus zu sein.«
Das Grispele! Dieser Spitzname, den ihr der Wastl aufgebracht, der war dem Regele geblieben. Und daß man sie noch immer nicht für voll gelten ließ, das war's ja auch, was dem Florl die Liebschaft mit ihr so leicht machte.
Niemand außer ihm selber schien das Regele als erwachsenes Mädel zu betrachten. Das kam daher, weil sie so klein und zierlich war und ein so kindliches Gesichtchen hatte.
In dem kindlichen Gesicht aber hatte das Regele einen kleinen, kirschroten Mund, dessen volle Lippen immer leicht fragend offen standen. Und diese leicht geöffneten Lippen erschienen dem Florl sehnsüchtig und hungrig und lockten ihn, sie einmal gewaltsam mit den seinen zu schließen.
Droben, wo das Feuerl heute abend zu höchst brannte, da war's gewesen, wo der Bursch keck und übermütig das Regele um die Mitte nahm, ihr das dunkle Köpfchen nach rückwärts bog und sie nach Herzenslust abküßte.
»Du ... lass' mi ...« wehrte sich das Mädel schwach. »I schrei ...«
»Schrei, wenn du kannst ... du ...« neckte sie der Florl übermütig und zog das zarte Geschöpf zu sich ins Gras herab. Dann nahm er sie wie ein Kind aufs Knie und busselte sie ab, daß ihr Hören und Sehen verging.
»Hätt' nit denkt, daß deine Busseln gar a so fein schmecken!« neckte er sie dann. »Völlig nit g'nug kunnt oans kriag'n davon.«
Dem Regele schienen die seinen gleichfalls sehr zu munden. Wenigstens machte sie keine Miene, sich aus seinen Armen loszureißen, sondern hielt ihm immer wieder ihr kirschrotes Mäulchen entgegen.
So nahm sich denn der Florl, was ihm das Mädel nicht weigerte. Eine richtige leichtsinnige Liebschaft war's. Das erste Erwachen der Sinne zweier unreifer Menschen.
Eine heiße Liebe war's, die an nichts dachte, keine Folgen fürchtete und nur dem seligen Augenblick sich hingab.
Am Alpl unten merkten sie von nichts. Die Vef konnte mit Recht die Söllerbäurin beruhigen. Das Regele war abends immer bei ihr und ihren beiden Schwestern, tanzte und sang mit ihnen und schlief mit ihnen in der niedern Holzkammer bis zum Morgengrauen.
Tagsüber jedoch, wenn sie das Dirndl bei der Arbeit glaubten, da fand das Regele immer einen Vorwand, sich von den übrigen abzusondern. Und die andern achteten nicht weiter auf sie. Was konnte man denn beim hellichten Tag anders tun als arbeiten?
Der Florl war keck genug und kam nun auch zu seinem Mädel, wenn sie drunten war im Elternhaus. Schlich zu ihr auf Umwegen und in der Dunkelheit der Nacht, trotz Wind und Wetter. Und im Winter machte er den weiten Weg zu ihr vom Tal herauf. Stapfte durch Schnee und Eis, und der Söllerbauer wunderte sich oftmals in der Frühe, wenn er die Haustür öffnete und den angefrorenen Schnee gewaltsam mit den Füßen von den Pfosten stieß, über die frischen Spuren.
»Wer ist denn grad wieder in der Nacht bei all'n Wind und Wetter da aufergangen? A so a damischer Loder ... a damischer!«
Und der Söllerbauer schüttelte unwillig seinen Kopf. »Dö jungen Leut' von heutzutags ...« und dann brummte er etwas in seinen struppigen, leicht ergrauten Bart hinein.
Sein Verdacht lenkte sich auf den Nachbarshof und auf die Perlmoserischen mit den drei bildsaubern Töchtern. Daß das Regele es war, die den Fensterlbesuch in der Nacht erhalten hatte, an das dachte kein Mensch am Hof, am wenigsten der Söllerbauer.
Die Sorge der Mutter um das Dirndl war behoben, sowie sie das Regele unter dem Schutz des väterlichen Daches wußte. Und gar so tief war die Sorge auch nicht gewesen. Die Bäurin hatte an mehr zu denken den lieben langen Tag, wie an das Regele.
Da schrie ein Kind und wollte betreut sein, und dort balgte sich ein anderes. Da hatte ein Bub ein Loch in die Hose gerissen, und dort stand eine Schüssel nutzlos herum und war im Wege. Da mußte man schimpfen und zanken und zwischendurch auch wieder ein bissel arbeiten und dann wieder nach dem Regele schrein, daß es helfe, die Schäden zu heilen.
In dem täglichen Ärger über Nichtigkeiten eines einförmigen Lebens kam die Frau gar nicht dazu, sich viel um ihre älteste Tochter zu bekümmern. Sie war bei ihr, und das genügte ihr. So bemerkte sie es auch gar nicht, daß das Mädel von Tag zu Tag blässer wurde und mager und schlecht auszusehen anfing.
Denn nun hatte es das Regele mit der Angst zu tun. Die Folgen ihres Leichtsinns waren nicht ausgeblieben, und lange dauerte es nicht mehr, dann würde ihre Schande offenkundig werden.
Das Regele wußte, daß der Vater sie in seinem Zorn halbtot schlagen würde, und sie fürchtete sich vor dem Ausbruch seiner Wut. So gutmütig der Söllerbauer für gewöhnlich war, so maßlos heftig konnte er im Zorne sein. Und das Regele wußte auch, daß sie von nun ab keine gute Stunde mehr bei der Mutter haben würde. Geächtet und verachtet würde sie herumgehen, wie damals die Mena.
Wenn das Regele dran dachte, daß sie nur mehr wenige Wochen ihre Schande würde geheimhalten können, dann überlief es sie eiskalt. Nur noch ein paar Wochen, und sie wußten es alle, wie es um sie stand ...
Fröstelnd hüllte sich das junge Mädchen in ihr warmes Tuch und starrte mit großen, ängstlichen Augen in die Tiefe.
Wenn sie nur den Mut aufbrächte, jetzt über den Steg zu springen. Das Geländer der Brücke war ja so nieder! Obwohl das Regele klein war, so reicht das Geländer doch kaum bis zur Hälfte ihres Körpers herauf. Sie brauchte sich also nur ein ganz klein wenig nach vorne zu beugen ... dann verlor sie das Gleichgewicht. Nur ein ganz ... ganz klein wenig, und es war geschehen.
Das Regele beugte sich weit nach vorne, hielt sich aber gleichzeitig ängstlich und krampfhaft mit beiden Händen an dem morschen Holze fest.
Der Steg ächzte und schaukelte in schwingender Bewegung, und unten spiegelte sich das Mondlicht in dem dunklen Wasser. Dem Regele war es, als sähe sie aus dem brausenden Gischt ein todblasses Mädchengesicht auftauchen. Das zwinkerte mit den Augen und winkte ihr zu.
Jetzt, wenn sie die Hände losließ und sich weiter nach vorne beugte ... Ein Ruck nur, und alles ... alles wäre vorbei.
Und dann?
Daß sie immer wieder sich dieselbe Frage stellen mußte, was dann wohl kommen würde. Sie mußte die Sache zu Ende denken, ob sie wollte oder nicht.
Alles, was sie in der Schule gelernt hatte, vom Himmel und von der Hölle, von der ewigen Verdammnis und endlosen Pein, vom Teufel und von Verfolgung und Qual, alles fiel ihr in dieser Stunde ein.
Wenn sie jetzt da hinuntersprang, dann würde ihr junger Leib an den Felsen aufprallen und zerschellen. Das Leben war dann zu Ende und war doch so schön gewesen. Trotz allem, es war schön, und sie lebte gern.
Sie fürchtete sich jetzt nur vor den Folgen ihres Leichtsinns, aber sie wollte nicht sterben. Sie hing an dem Leben mit allen Fasern ihres Herzens. Das fühlte sie jetzt erst so richtig, wie sie mit entsetzten Augen in die Tiefe starrte.
Mochte das bleiche Gesicht der toten Mena auch locken da unten. Das Regele würde ihr nicht folgen. Das vorhin war nur so eine Anwandlung gewesen. Gott sei Dank ... das war nun glücklich überstanden.
Von abergläubischer Furcht gepackt, flüchtete das Mädel jetzt von der schmalen Brücke fort und achtete in ihrer Angst gar nicht, daß der Steg in allen Fugen ächzte und krachte und sich heftig schaukelnd bog.
Nur fort ... fort von da! Es war doch nicht ganz geheuer mit dem Teufelssteg ... Bei einem Haar, und sie hätte sich in den Abgrund gestürzt. Und das Gesicht der toten Mena hatte sie ganz deutlich aus dem Wasser aufsteigen sehen ...
Zitternd vor Kälte und Aufregung wickelte sich das Mädel fest in das warme Tuch ein.
Die Lichter auf den Bergen und im Tal waren nun verglommen, und auch das Feuerl des Florl war nur mehr ein schwach leuchtender Punkt, gleich einem verblassenden Stern.
Was der Florl wohl dazu sagen würde, wenn das Regele verschwunden war? Denn nun stand es in der Einsamkeit dieser Stunde bei dem Mädel fest, daß sie nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Sie wollte und konnte sich nicht aus dem Leben schaffen, aber sie wollte sich auch nicht der Schande preisgeben.
Allmählich hatte das Regele ihren atemlosen Lauf eingedämmt und ging jetzt, ruhiger geworden, fast langsam die mondbeleuchteten Bergwiesen hinan, dem Dörfl zu.
Wohin sie jetzt wohl ihre Schritte lenken sollte? Zu dem Florl flüchten in ihrer Not?
Das hätte wenig Zweck gehabt. Der Florl konnte ihr ja nicht helfen und sie nicht schützen. Wenn er auch immer wieder versichert hatte: »I verlass' di nit, Madel. Ganz g'wiß nit. Und wie i 's Geld beinander hab', heirat' i di ...«
Jetzt konnte er sie ja nicht heiraten. Und bis er das Geld dazu aufbringen würde, bis dahin konnten sie beide alte Leute werden.
Daß das Leben einen Fehltritt so hart bestrafen mußte! Ob es denn wirklich vor Gott eine so schwere Sünde war, wenn sich zwei junge Menschenkinder in Liebe zueinander fanden?
Immer wieder stellte sich das Mädel die gleiche Frage und konnte keine Antwort darauf finden. Sie schritt nur immer vorwärts, ganz langsam und bedächtig, als machte sie einen Spaziergang zu ihrem Vergnügen. Vorwärts ... immer vorwärts, und wußte nicht wohin.
Zu fast mitternächtiger Stunde kam das Regele an dem Haus des Kramer Veit vorüber. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterläden sah sie zu ebener Erde Licht schimmern.
Wenn sie da anklopfte? Die Notburg würde aufmachen und sich vielleicht verwundert nach ihrem Begehr erkundigen. Das Regele sah im Geiste das gleichgültige Gesicht und die kalten Augen der Frau, und sie fühlte es deutlich, daß sie der Notburg nicht würde beichten können und auch nicht dem fremden Manne, der heute heimgekehrt war aus der fernen Welt. Was würden die beiden wohl verstehen von der Not des kleinen, leichtsinnigen Mädels?
Sie mußte schon weiter wandern, das Regele. Hinaus aus dem Dörfl und die Bergstraße hinunter ins Haupttal.
Es war auch gar nichts dabei, in der mondhellen Nacht durchs Tal zu wandern. So still war's ringsum und so schön. Und je länger sie ging, desto wärmer wurde ihr, und auch die innere Kälte, die sie frösteln gemacht hatte, wich von ihr. Allmählich überkam sie eine ruhige Zuversicht.
Weit, weit fort wollte das Regele ziehen, dorthin, wo kein Mensch sie kannte. So wie sie war, ohne Geld und ohne Lebensmittel. Wenn sie auch hungerte. Macht nichts. Das hielt sie schon aus. Nur fort von der Heimat und der drohenden Schande!
In der Fremde, da würden gewiß gute Menschen sein, die sich ihrer erbarmten. Und voll Vertrauen auf die Güte unbekannter Leute schritt das Mädchen mutig fürbaß.
Als das Regele in das Haupttal kam, hinaus in das große Dorf mit den stattlichen weißen Häusern und der grünen Kirchturmspitze, das sie von ihrer Heimat aus täglich in der Ferne liegen sah und in dem sie noch nie gewesen war, da krähte gerade ein Hahn, und ein Nachbarhahn antwortete ihm in langgezogenen, aufgeregten Tönen. Das Regele aber wußte, daß es jetzt die dritte Morgenstunde war und daß sie noch weit gehen mußte, bis der neue Tag zu grauen anfing.
Mechanisch und gleichmäßig ausschreitend durchwanderte das Mädel das Tal. Alles wär ihr hier fremd und unbekannt, und die Berge, die sich dunkel und hoch am nächtlichen Himmel aufbauten, waren ihr neu.
Sie ging durch Dörfer und Weiler, hörte das Bellen eines wachsamen Hundes und hörte wie im Traume das Klingen der Kirchenglocken im Morgendämmer.
Viele ... viele Stunden ging sie, ohne zu rasten. Sie fühlte keinen Hunger und keine Müdigkeit. Hatte nur immer das eine Ziel: Fort! Fort von der Heimat, so weit als möglich.
Die Sonne war mit Pracht aufgegangen und hatte neues Leben in der Natur erweckt. Leute, die im festlichen Gewand zur Kirche gingen, starrten verwundert auf das fremde Mädchen. Das Regele grüßte kurz und schritt rüstig weiter.
Sich nur nicht verhalten im Tal! Leicht konnte man sie daheim schon vermissen und ihr jemand nachschicken.
Unwillkürlich mußte das Regele über diese Vorstellung lächeln. Kein Mensch von daheim würde sie jetzt mehr erreichen können, selbst wenn sie gewußt hätten, wohin sie gegangen war.
Was die wohl sagen würden daheim? Ob sie die Ursache ihres Verschwindens errieten und ob sie glaubten, daß sie der toten Mena gefolgt war?
Und der Florl? Wenn das Regele an den Florl dachte, dann schoß es ihr heiß in die Augen. Sie hatte ihn doch recht ... recht lieb, ihren Buben, obwohl sie in der letzten Zeit garstig zu ihm gewesen war und ihm kaum mehr ein gutes Wort vergönnt hatte. Mit Vorwürfen hatte sie ihn überhäuft und ihm alle Schuld allein beigemessen. Der Florl war immer gleich gut und zart geblieben, hatte sich mit keinem Wort verteidigt und hatte ihr nur tief in die Augen geschaut.
Ob sie ihn wohl je wiedersehen würde, ihren Florl? Und ob sie wohl jemals wieder in die Heimat zurückkehren würde?
Je höher die Sonne am Himmel stand, desto fremder und verlassener kam sich das Mädel vor. In der Dunkelheit der Nacht war sie tapfer und mutig gewesen. Nun wurde sie mit jedem Schritt, den sie tat, immer kleinmütiger und verzagter. Sie fing an, sich vor den Menschen, die ihr begegneten, zu fürchten, und wich scheu vor ihnen aus. Rannte, ohne auf die Müdigkeit, die sich nun bei ihr einstellte, zu achten, von der Straße fort, querfeldein, und schlich gleich einer Diebin den Waldsaum entlang.
Die Zeit dehnte sich, und der Weg wurde dem Mädel immer beschwerlicher. Allmählich aber neigte sich auch dieser Tag dem Abend zu. Die Glieder des Mädchens wurden schwer, und arger Hunger quälte sie.
Das Regele aber fand nicht den Mut, bei einem der zahlreichen Bauernhöfe anzuklopfen und um Obdach oder Essen zu bitten. Wie eine Bettlerin wäre sie sich vorgekommen, und die Menschen, von denen sie Güte und Barmherzigkeit erhofft hatte, erschienen ihr jetzt hart und grausam.
Ein schönes, weites Tal breitete sich am Ausgang ihres Heimatstales vor ihren Augen. Ein mächtiger, kahler Berg stand blockartig da. Rötliche Felsen, von dem Schein der sinkenden Sonne noch röter gefärbt, erhoben sich drohend über dem Tal. Ein breiter Fluß durchzog in ruhigem Lauf das Tal und nahm den grünen Waldbach ihrer Heimat sanft kosend in sich auf.
Eine tiefe Sehnsucht nach der Enge ihrer Hochtalheimat überkam das einsame Mädchen. Es gefiel ihr nicht hier draußen. Der kahle Berg, an dem weder Höfe noch Felder und Bäume standen, erschien ihr häßlich, und sie fürchtete sich beinahe vor ihm. Ausgestoßen und von aller Welt verlassen fühlte sie sich hier. Und war müde und so hungrig.
Am Rand eines Waldes, abseits von Weg und Häusern, setzte sich das Regele nieder, barg das dunkle Köpfchen in ihr Tuch und weinte. Sie wagte sich jetzt auch gar nicht mehr fort von da. Wollte hier ausruhen und im Freien nächtigen.
Zwei junge Mädchen, die vorübergingen, blieben stehen und sprachen das Regele an. Wer sie sei und woher sie komme? Das Regele schaute verwundert zu ihnen auf. Die beiden Mädeln mochten um einige Jahre älter sein wie sie selber und sprachen in einer Mundart, die ihr fremd und schwer verständlich war.
Schöne Kleider trugen sie, prächtige Hüte mit breiten Krempen, goldenen Quasten an der Seite und goldener Stickerei an der Innenseite. Und schwarze Seidenbänder hingen bis fast zum Rocksaum herunter. Noch nie hatte das Regele eine so kostbare Tracht gesehen; denn jene ihrer engern Heimat war weit schlichter.
Die hellen Seidenschürzen und das schwarze Sammetmieder, die silbernen Kettenschnüre um den Hals mit der großen steinbesetzten Schließe, das alles gefiel dem Regele so ausnehmend gut, daß sie, obwohl sie mühsam verstand, was die Mädeln zu ihr sagten, doch gleich Zutrauen zu ihnen faßte.
Allmählich verständigten sich die drei; denn auch den beiden Mädchen war die langgezogene, singende Sprache des Regele ungeläufig. Aber sie fanden doch heraus, daß das Regele von weit her gekommen war, müde und hungrig sei und kein Obdach für die Nacht habe.
»Wohin willst nachher?« erkundigte sich die eine von ihnen mit leichtem Mißtrauen und musterte das Regele eingehend vom Kopf bis zu den Füßen.
»An Dienst suchen.«
»In Innsbruck oder in Schwaz?« fragte die andere.
Das Regele hatte bis jetzt überhaupt nicht daran gedacht, wohin sie gehen würde. Sie fragte daher, um einer direkten Antwort auszuweichen, etwas verlegen zurück: »Wie weit ist's nachher noch hin?«
»Auf Schwaz, meinst?«
»Ja!« antwortete das Regele aufs Geratewohl.
»Heut' kommst amal nimmer hin!« erklärte ihr das eine der Mädeln resolut. »Heut' bist überhaupt zu müd' dazu. Kannst mit uns geh'n, wenn d' willst. Wir haben schon a Platzl für dich über Nacht. Und a warm's Essen kriagst aa. Brauchst nit zu rearen deswegen!« setzte sie tröstend hinzu, da sie sah, daß dem Regele schon wieder die hellen Tränen in die Augen schossen.
Ein Obdach für die Nacht und ein warmes Essen hatte sie also. War aber doch heilsfroh, das Mädel, als sie am nächsten Morgen wieder ihren Weg fortsetzen konnte. Sie sah das Mißtrauen in den forschenden Blicken der Leute und fürchtete ihre neugierigen Fragen. Und immer wieder mußte sie lügen und neue Ausflüchte ersinnen. Durfte ja nicht sagen, daß sie das Regele war vom Söllerbauer und von daheim fortgelaufen war.
Eine warme Milchsuppe zum Frühstück hatten sie ihr auch noch gegeben im Bauernhof. Waren gute Menschen, aber es gefiel ihnen nicht, daß das Regele allen Fragen nach ihrer Herkunft hartnäckig auswich.
Eines wußte nun das Regele. Daß sie sich im Unterinntal befand und daß sie nur mehr etliche Wegstunden bis nach Schwaz zu gehen brauchte.
Das mußte eine große, ansehnliche Ortschaft sein! Die Leute sprachen davon mit Stolz, und das Regele bekam völlig Angst vor den vielen Häusern, die es dort geben sollte.
Es war Ostermontag und ein Feiertag. Das Regele hatte tags zuvor mit keinem Gedanken daran gedacht, daß Ostertag war. Wohl sah sie die sonntäglich gekleideten Menschen zur Kirche gehen und hörte das feierliche Läuten der Glocken. Aber sie achtete nicht darauf, war viel zu beschäftigt mit ihren eigenen Gedanken und ihrem Unglück.
Jetzt, da sie ausgeruht und neu gestärkt war, da war sie auch wieder zuversichtlicher geworden. Nun sah sie den stattlichen Ort vor sich liegen. Sacht ansteigend lehnte er sich hingebreitet zu Füßen eines Berges.
Eine große Kirche mit grünlich schillerndem Kupferdach erhob sich aus dem Gewirr großer und kleiner Häuser. Und noch ein paar andere Kirchen gab es da, Kirchen mit spitzen Türmen, wie sie in ihrem Heimatstal zu sehen waren. Und Häuser standen da in engen Gassen und in Straßen und Häuser inmitten blühender Gärten.
Die Häuser in den Straßen erschienen ihr hoch, und die Enge der Gassen bedrückte sie so, daß sie kaum atmen konnte. Ratlos stand das Mädel auf dem Hauptplatz des Ortes und wußte nicht, was anfangen.
Wie am Tage zuvor gingen auch hier festlich geschmückte Menschen an ihr vorbei und der Kirche zu. Die war grau und mächtig und sah düster und vornehm aus. Und die Glocken des Turmes läuteten langsam, feierlich und dumpf.
Die Menschen hier hatten es eiliger wie draußen am Land. Waren mehr beschäftigt mit sich und schauten weniger verwundert auf das fremde Mädel in seinem ärmlichen Aufzug.
Das Regele hatte noch niemals so viele Menschen gesehen und drückte sich beklommen und scheu in eine der stillen Seitengassen in der Nähe der Kirche. Sie wartete, bis die Glocken verstummt waren und die Straße, die zur Kirche führte, leer geworden war. Dann schlich sie aus dem dämmrigen Gäßchen hervor und ging zur Kirche. Vorsichtig und unbeholfen setzte sie Schritt für Schritt, denn sie schämte sich, daß ihre grobgenagelten Bergstiefel auf dem Pflaster der stillen Straße mißtönigen Lärm verursachten.
Ein mächtiger, altehrwürdiger und düsterer Bau war diese Kirche. Und war gesteckt voll Menschen. Lange Zeit konnte das Regele überhaupt nichts ausnehmen in dem Dämmer des hohen Gewölbes und hörte nur, daß ein Priester von der Kanzel herab predigte. Wie aus weiter Ferne hallten die Worte an ihr Ohr, Worte, deren Sinn sie nicht verstand.
Am Hochaltar brannten dicke Wachskerzen auf hohen Leuchtern. Und mächtig durchbrauste die Orgel den heiligen Raum. Ein prunkvolles Hochamt wurde abgehalten, mit Priestern in kostbar gestickten Gewändern und mit Ministrantenbuben, die große silberne Rauchfässer schwangen.
Der Duft des Weihrauchs war stark und dem Mädchen ungewohnt, so daß sie eine leichte Übelkeit befiel. Ein altes Weiblein, das betend in ihrer Nähe stand, nahm sie bei der Hand und führte sie vor die Kirchentüre in die frische, laue Frühlingsluft.
»Bist wohl fremd da, Madel, gelt?« frug sie das Regele teilnehmend und sah ihr forschend in das blasse, müde Gesicht. Das Regele nickte stumm, konnte aber kein Wort hervorbringen.
»Wo bleibst denn?« erkundigte sich das Weiblein weiter.
Erschrocken und furchtsam schaute das Mädel auf. Sie hatte sich auf der Steintreppe der Kirche niedergelassen und schwer den schmerzenden Kopf in die Hand gestützt.
»Wo du bleibst?« wiederholte die Alte ihre Frage.
Das Regele wies mit der Hand vor sich hin. »Da!« sagte sie tonlos. Sie fand auch jetzt den Mut nicht, die Wahrheit einzugestehen.
»Hast Verwandte da, ha?«
Wieder nickte das Mädel und barg den Kopf in beide Hände. Daß es ihr so schwer fiel, mit den Menschen zu reden, die es vielleicht gut mit ihr meinten!
Die Alte sah, daß das fremde Mädel keine Auskunft geben wollte und plagte sie nicht weiter mit ihren Fragen.
»Ist dir schon wieder besser, gelt?«
Das Regele nickte bestätigend. In Wahrheit aber fühlte sie sich schwach und krank.
Die Alte war wieder in die Kirche zurückgegangen, und das Regele schleppte sich müde und elend von dem Kirchenportal fort und schlich langsam und demütig durch stille, einsame Gäßchen bis hinauf zu den letzten Häusern, die zu Füßen eines alten Turmes lagen. Hier oben in freier Höhe mit dem weiten Blick ins Inntal wurde ihr leichter.
Es war schön da oben. Grüne Felder und Wiesen im Tal und blühende Bäume und schöne alte Gärten, vielfach von grauen Mauern abgeschlossen. Kein Schnee lag mehr im Tal, nur die Höhen der Berge bedeckte er noch, und warmer, milder Sonnenschein verschönte die altersgrauen Häuser des Ortes.
An der grauen Mauer eines Gartens hatte sich das Mädel niedergelassen und sah mit den Augen blinzelnd in den lachenden Sonnenschein. Hier blieb sie bis zum Abend. Kein Mensch störte sie hier, und kein Mensch sah sie.
Als es dämmerte, ballten sich schwere Wolkenmassen, und ein heftiger Wind, vom Oberland kommend, brachte Regenschauer.
Nun mußte das Regele sich doch um ein Obdach umsehen. Sie erhob sich schwerfällig, zog das warme Tuch über den Kopf und ging weiter. Aber so sehr sie sich auch vornahm, an einer der nächstgelegenen Türen anzuklopfen, fand sie doch nie den Mut dazu. Ihr Herz hämmerte heftig, und die Angst vor fremden, unbekannten Menschen steigerte sich fast von Minute zu Minute.
Nein. Sie brachte es nicht über sich, um Obdach zu betteln. Sie mußte schon aushalten in Regen und Kälte. Zitternd drückte sie sich an die Mauer eines kleinen Hauses, dessen vorspringendes Dach einigen Schutz gegen den Anprall des vom Wind gepeitschten Regens gewährte.
Vielleicht führte ihr doch der Zufall wieder einen mitleidigen Menschen in den Weg, der sich ihrer dann annehmen würde!
Und das Regele zog fröstelnd das Tuch enger an sich, preßte die Arme fest zusammen und horchte ängstlich auf Tritte, die vielleicht näher kommen würden. Aber Stunde um Stunde verrann, und kein Mensch kam an dem Häuschen vorbei, an dem das Regele zusammengekauert saß.
Wer wohl in dem Haus wohnen mochte? Wenn sie sich nun doch ein Herz faßte und an der Tür pochte? Man würde ihr auftun und sie ausfragen. Vielleicht hielt man sie auch für eine Diebin und jagte sie davon.
Der Regen, vom Wind getrieben, schlug ihr immer unerträglicher ins Gesicht. Das vorspringende Dach, das sie bis jetzt vor Nässe geschützt hatte, bot nun gegen Wind und Regen keinen Schutz mehr. So sehr sich das Regele auch an die Mauer drückte, sie wurde doch immer nässer. Die Zähne klapperten vor Kälte, und die Füße und Hände wurden ihr steif.
Da fiel es dem Regele ein, daß unten bei der großen Kirche, in der sie heute war, lange Arkadengänge um den Friedhof führten. Die würden ihr für den Rest der Nacht Schutz gegen die Unbill des Wetters gewähren.
Der Friedhof lag knapp neben der mächtigen alten Kirche, und das Regele hielt die Arkaden für kleine Kapellen. Sie wußte nicht, daß unter jedem dieser Bogengänge eine Grabgruft sich wölbte. Sie dachte auch in ihrer Sehnsucht nach einem Stückchen trockenen Bodens nicht an die Nähe der Gräber und freute sich nur auf den Schutz gegen Regen und Sturm, den sie nun finden sollte.
Knapp hinter der Kirche führte eine niedere Pforte über etliche Steinstufen in den Gottesacker. Einen Augenblick zögerte das Mädchen, weiterzugehen. Es schauerte sie, als sie ringsum Gräber sah. Die weißen Marmorsteine leuchteten in der Dunkelheit. Gespenstisch quiekten morsche Holzkreuze in dem Sturmwind.
Ängstlich und behutsam ging das Regele durch die Arkaden und spähte im Finstern nach einem Platz, der ihr den Ausblick auf den Friedhof etwas verdeckte.
Gräber, überall Gräber. Sie gewöhnte sich schon allmählich an den Anblick. Fühlte gar keine Angst mehr und ging weiter. Suchte nach einem Ruheplatz für die Nacht in dem Arkadengang.
Hier und da leuchtete ein kleines Öllicht in einer Mauernische. Das Flackern der kleinen Flamme im Windzug war unheimlich und gespenstisch.
Wenn sie doch nicht hierher gekommen wäre! Jetzt beim Scheine eines heller flammenden Öllichtes sah sie es erst, daß auch die Arkaden Gräber waren. Sie sah hinab in eine dunkle Gruft, die mit einem Gitter zugedeckt war. Nun fing sie zu laufen an, wollte fort von hier, hinaus ins Freie, und wußte in ihrer Aufregung nicht mehr, welchen Weg sie gekommen war.
Durch den Lärm ihrer eigenen Schritte erschreckt, hielt sie inne und lauschte. Es kam ihr vor, als hörte sie gedämpft stöhnende Laute in ihrer Nähe. Vom Turm der nahen Kirche schlug die Glocke. Ob wohl am Ende doch eine Kirchentüre offen geblieben war?
Behutsam schlich das Regele jetzt den dunklen Säulengang entlang. Endlos kam ihr dieser vor, und weit entfernt erschien ihr auf einmal die Kirche, die am Ende des Friedhofs stand. Es war ihr, als erweiterte sich das Feld der Toten, und es erschien ihr nicht mehr still und lautlos, sondern es war, als regte sich's an allen Ecken und Enden. Bei jedem ächzend knarrenden Laut eines Grabkreuzes zuckte das Mädel in abergläubischer Angst zusammen und bekreuzigte sich. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn, und sie faltete betend die Hände.
»Heilige Muttergottes, hilf mir! Nimm mich in deinen Schutz!«
Es war das erste Gebet, welches das Regele seit ihrer Flucht gesprochen hatte.
Wenn nur diese Nacht schon vorüber wäre ...
Das Regele dachte jetzt nicht mehr an ihr Unglück und weshalb sie von daheim weggelaufen war. Dachte nicht an Schlaf und Hunger, der sie quälte, sondern fühlte sich nur namenlos verlassen.
Auf den Steinfließen kniete sie im Säulengang und rang betend ihre Hände.
»Heilige Mutter Maria, hilf mir!«
Und dann ein Schrei, wild und wie in Todesnot.
Dort ... dort drüben ... ganz in ihrer Nähe, hinter einem der unheimlich weiß schimmernden Marmorsteine sah sie es wieder ... das bleiche Gesicht der toten Mena ... und es war, als käme es immer näher heran ... schwebte ihr zu ... näher ... immer näher ... so greifbar nahe, daß das Regele den eisigen Hauch des Grabes zu fühlen glaubte. Das war so unheimlich und schauerlich, daß sie gellend in die Nacht schrie.
»Heilige Muttergottes, hilf!« ...
Am Morgen fand der Mesner, als er das Kirchentor zu öffnen kam, ein blutjunges, fremdes Bauernmädchen besinnungslos im Arkadengang auf.
Man brachte das Regele ins Spital zu den Barmherzigen Schwestern. Wochenlang lag sie schwer krank und im Fieber.
Und gebar einen Buben ...
Mit dem Kinde im Arm ging sie dann, als man sie wieder gesund aus dem Spital entließ, aus der großen Ortschaft fort.
Wußte nicht wohin und kümmerte sich nur wenig darum. Es war ja auch so gleichgültig. Ein herber, scharfer Zug hatte sich um die Winkel des kirschroten Mundes eingegraben, den der Florl so gern geküßt hatte. Das Regele dachte jetzt nicht mehr an den Florl. Sie dachte an nichts und wollte auch an nichts denken.
Hartnäckig hatte sie im Spital ihren Namen verschwiegen und nicht gesagt, wer der Vater ihres Kindes sei. Nichts erzählte sie den Schwestern. Gar nichts. Und wenn sie auch noch so teilnehmend fragten.
Die Schwestern hielten sie für verstockt und ließen sie ziehen. Gaben ihr noch fromme Lehren mit auf den Weg und ermahnten sie, brav zu bleiben.
Das Regele schaute einen Augenblick verwundert auf. Brav! Sie war doch immer brav gewesen. Hatte gebetet und gearbeitet, und das bißchen leichtsinniger Liebe hatte sie hart genug büßen müssen ...
Das Mädel schaute nachdenklich auf das kleine Bündel, das sie im warmen Tuche eingewickelt im Arme trug. Was sie nur mit dem Kinde anfangen sollte! Wo würde sie denn Arbeit finden mit der kleinen Last?
Die Sonne brannte heiß auf die staubige Landstraße. Das Regele fühlte keine Hitze, sie war nur müde und verzagt. Am Rande des Weges setzte sie sich ins Gras und weinte still in sich hinein.
So fand sie Veit Galler, der Krämer, und nahm sich ihrer an.
»Tuifl, Madel, i moan, di kenn i!« sagte er in seiner lauten, polternden Art und fletschte die Raubtierzähne.
Ein freudiges Erkennen kam in das verhärmte Gesicht des Mädels.
»Bist ja 's Regele vom Söllerbauer, ha?« fragte der Kramer laut und pflanzte sich in seiner ganzen Größe vor dem schmächtigen Ding auf. »Und dös ist g'wiß a Bua und g'hört dem Sakra, dem Florl, ha?« erkundigte er sich und wies mit seinem plumpen Finger auf das kleine Bündel. »Hat wohl alles b'standen, der Teufelskerl ...« erzählte er dann weiter. »Völlig verzweifelt ist er g'wesen, weil sie di nirgends aufg'funden haben!« berichtete der Kramer, setzte sich zu dem Mädel am Wegrand hin und brachte sie zum reden.
Es war, als ob alles Schwere mit einem Male von dem Mädel genommen worden sei. Mit leuchtenden Augen sah sie zu dem großen Manne auf, der aus ihrer Heimat gekommen war und ihr von daheim erzählte.
Eine große innere Ruhe überkam das Regele. Voll Vertrauen war sie und voll froher Hoffnung. Sie fühlte Zutrauen zu dem Kramer, fühlte die warme Menschengüte trotz der groben, polternden Art seines Wesens.
»Ja ... und iatz, Madel? Was iatz?« Ernst und forschend sah der Kramer Veit in das blasse Gesicht. »Bist völlig a bissl schmal g'worden, kimmt mir für ...« meinte er mitleidig und fuhr ihr behutsam streichelnd mit der Hand über die Wangen.
Das Regele zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie leise und tonlos.
»Wohin nachher mit dem Fratz'n, ha?« frug der Kramer Veit über eine Weile und schaute neugierig in das verdeckte Bündel, das im Arm des Regele lag. »Ist völlig a braver Bua, ha?« erkundigte er sich dann. »Weil er nit amal rearen tut.«
»'s tut sich schon!« machte das Regele gleichgültig. Man sah, sie hatte wenig Freude an dem Kind.
»Hast dir schon was ausdenkt, Madel?« forschte der Kramer Veit weiter.
»Naa.«
»Nit? Ja ... und nachher?«
»Woaß nit!« sagte das Regele gleichgültig.
Veit Galler maß das Mädel, das ihm zur Seite saß, mit scharfen Blicken.
»Ist dir hart gangen, Madel?« forschte er.
Das Regele nickte bejahend, und heiße Tränen fielen ihr über die Wangen. Dann erzählte sie alles ... alles, was sie erlebt hatte, dem Kramer Veit.
Ohne sie mit einem Wort zu unterbrechen, hatte der Kramer zugehört. Als das Regele zu Ende war, herrschte eine Weile tiefes Schweigen.
»Ja ... und iatz?« wiederholte der Kramer seine Frage von vorhin.
»Woaß nit!« erwiderte das Regele. Es klang aber weniger traurig und weniger mutlos wie zuvor.
Der Veit dachte nach. Lange ... lange Zeit. Und ruhig saß das Mädchen an seiner Seite und schaute ihm zuweilen ängstlich fragend in das derbe, kraftvolle Gesicht.
»Woaßt was ...« brach da der Veit das Schweigen. »Gib mir den Buab'n. I tausch ihn aus. Bring ihn ins Dörfl eini zur Notburg und bring dir dein' Florl dafür. Und ös zwoa tut's heiraten. Das bitt i mir aus! Nit da bei uns herin. Da geht's nit. Wir sein no nit so weit. Aber i nimm enk mit. Außi in die Welt. Da, wo enk koa Mensch fragt, ob's a Geld habt's zum heiraten. Seid's jung, ös zwoa, und könnt's, wenn's brav bleibt's, enker Glück machen. Magst, Dirndl? Schlag ein!«
Gutmütig hielt er dem Mädel seine große Hand hin. Und das Regele schlug ein. Voll Dankbarkeit. Fragte nicht lange, was sie und der Florl wohl würden tun müssen in der Welt da draußen. War zufrieden und voll Vertrauen auf den Kramer Veit.
Veit Galler aber nahm das kleine, zappelnde Bündel, lud es auf seine Kraxe, auf der er von Innsbruck kommend wieder einmal Waren für das Ladele besorgt hatte, und brachte es der Notburg zu.