Zweites Kapitel

Es dämmerte stark, als der Kramer Veit zum ersten Male seit langen Jahren sein Heimatsdörfl wiedersah.

Jenseits des kleinen Hochtales fiel der Berg steil ab, und tief drunten lag auf einem hügeligen Wiesenvorsprung ein winziges Dörflein. Wohl kaum ein Dutzend Häuser waren es, kleine, braune Holzhäuser, eng um die Kirche geschart, die keck ihren spitzen Turm gegen Himmel reckte.

Ganz der Sonne ausgesetzt, ohne Wald und mit nur wenigen Obstbäumen, lagerte das Dörfl auf steilem Wiesenabhang, hart am Ausgang eines Hochtales, das sich viele Stunden weit bis an die Gletscher erstreckte.

Tief unten im Tal, dort, wo der Wiesenabhang, auf dem das Dörfl war, aufhörte und steile Felsen eine Schlucht bildeten, brauste der Wildbach.

Drei Hochtäler mündeten hier mit ihren Wildbächen in enger Nachbarschaft und schluchtartig in das Haupttal ein. Zornig schlugen die Wellen an die Steine und Felsblöcke, die dem rasenden Lauf der Wasser hemmend entgegenstanden, und weißer Schaum sprühte jählings in die Höhe.

Smaragdgrün und sanft leuchtete der Fluß des Haupttales und lud die drei wildbrausenden Berggesellen ein, ihr Schicksal von nun ab seiner besseren, milderen Leitung anzuvertrauen.

Veit Galler, der Krämer, blieb, ehe er von der Anhöhe des Berges zu dem Dörfl herabstieg, überwältigt von dem Ausblick, der sich ihm bot, stehen.

Beinahe gespensterhaft baute sich die Gebirgswelt der drei Hochtäler in der Abenddämmerung auf.

Draußen im Haupttal brannten an den Hängen der Berge schon die ersten Karsamstagsfeuer. Im Dörfl drunten blitzte vereinzelt ein Licht auf. Im dämmrigen Grau lagen die engen, schluchtartigen Täler, und nur die Umrisse der gigantischen Bergriesen, zu deren Füßen sie sich hindehnten, waren noch deutlich zu erkennen.

Veit Galler aber wußte, daß man am hellen Tage von hier oben in eine wunderbare Welt der Alpen schauen konnte. Kulissenartig schob sich da Berg an Berg und Wald an Wald, baute sich empor bis zu den kahlen Felsen und Schrofen, über welche die Spitzen der mit ewigem Eis bedeckten Ferner ragten.

Vereinzelt standen kleine Hütten in den Tälern und sahen aus wie winzige Spielzeuge, schier erdrückt von den gewaltigen Bergriesen.

In sehnsuchtsvollen Stunden, in denen das Heimweh mit voller Macht den Krämer oft befiel, hatte er immer nur dieses eine Bild vor Augen gehabt, das er jetzt in hereinbrechender Abenddämmerung zum ersten Male wiederschaute. Das war der Blick von dieser Anhöhe aus, hinein in die drei Hochtäler mit ihren wildschäumenden Bächen, ihren dunkeln Wäldern und ihren hohen Bergriesen. Dieser Blick verkörperte seine Heimat und blieb sein Sehnen in all den langen Jahren, da er in der Fremde weilte.

Veit Galler vergaß die späte Stunde und vergaß, wie nahe er dem Heime war, in dem sein Weib einsam hauste und wohl auch seiner harrte.

Und sein Herz hämmerte stärker, und seine Füße wurden ihm schwer. Es war, als ob ihn, da er nun so nahe am Ziel war, die Kräfte verlassen wollten und eine große Müdigkeit ihn zusammenbrechen ließe.

Das überkam ihn so jäh und gewaltsam, daß der starke Mann, ohne auf den schneeigen Boden zu achten, sich wie gebrochen niederließ und schwer den Kopf auf die Arme stützte.

In dieser einsamen Stunde, da er sich seinem Weibe und seinem Heim so nahe wußte, flammte die Erinnerung an sein vergangenes Leben übermächtig in ihm auf.

Die Wanderlust hatte den Kramer Veit schon als ganz jungen Burschen aus der Heimat getrieben. Es gärte in dem jungen Blut und drängte nach Taten. Die Welt wollte er kennen lernen, wollte sehen, wie es draußen aussah im Land, in den Dörfern der großen Täler und in den Städten, von denen er erzählen gehört hatte.

Zu jener Zeit, in der diese Begebenheiten spielen, gab es noch keine Eisenbahnen, und wer Lust zum Reisen verspürte, mußte entweder wandern oder sich der Postkutsche anvertrauen. Kein Wunder also, daß die Leute von damals seßhafter waren wie heutzutage, und daß einer, dem's in der Heimat zu enge wurde, unangenehm auffiel.

Der Kramer Veit war früh verwaist, ein armes, aber fleißiges und aufgewecktes Bübl. Als der Metzger draußen von dem stattlichen Dorf mit den behaglichen, weißen Häusern und dem grünen, spitzen Kirchturm einmal ins Dörfl heraufkam, um nach Schlachtvieh Umschau zu halten, fand er Gefallen an dem Veit und nahm ihn mit zu sich in die Lehre.

Von diesem Metzger hatte der Veit das Wandern abgelernt, sagten die Leute. War ein unruhiges Blut, der Metzger, und hatte nirgends Rast. Wanderte immer im Lande herum und handelte mit Vieh. Kam bis ins Salzburgische und hinein nach Südtirol, und einmal war er sogar in Wien unten gewesen.

Als der Veit älter und verständiger geworden war, da nahm ihn der Metzger manchmal mit hinaus ins Land. Da mußte er das Vieh auftreiben zu den Jahrmärkten, die abgehalten wurden.

Dem Veit paßte das Viehtreiben auf die Dauer aber gar nicht, und auch der Metzgerei konnte er keinen Geschmack abgewinnen.

Resolut und mutig, wie er war, ergriff er die erste Gelegenheit, die sich ihm bot, und eröffnete einen Handel auf eigene Faust. Er hausierte mit Waren, handelte mit Schnaps, den die Bauern seiner Heimat im Herbst aus Obst und Beeren brannten, und er handelte mit feinem Wildleder, aus dem dann Handschuhe erzeugt wurden.

Der Veit hatte Glück mit seinem Handel und kam auch weit im Land herum und bis nach Deutschland hinaus. Bald hatte es der Veit so weit gebracht, daß er ein kleines Gütl in seinem Heimatsdörfl von einer alten Base übernehmen konnte.

Dann heiratete er die Notburg und richtete einen kleinen Kramladen im Dörfl ein.

Er und die Notburg hatten einander schon als Kinder gekannt. Hier oben, an der Stelle, an der er jetzt im Schnee saß und über sein Leben nachdachte, da hatten er und die Notburg gar oft gesessen, hatten miteinander geplaudert und gespielt und auch gesungen. Und die hohen Felswände der Berge jenseits des Baches gaben das Echo ihrer hellen Kinderstimmen wieder.

Ein Hüterbub war der Veit gewesen, und die Notburg war die Tochter einer Witwe, die sich bei den Bauern als Schneiderin verdingte.

Schon als Kind mußte die Notburg den Haushalt fast ganz allein besorgen. Ärmlich und klein genug war er ja. Eine windschiefe Hütte, baufällig und zerlattert, ein kleines Gärtchen davor und zwei Ziegen im Stall.

Die Ziegen des Dörfels wurden dem Veit in der schönen Jahreszeit zum Hüten anvertraut. Mit ungefähr zwanzig Ziegen zog der Bub frühmorgens aus dem Dörfl, hinauf aufs Joch, dort, wo es die würzigen Alpenkräuter gab. Und abends kehrte er dann mit seinen Schützlingen wieder zurück.

Wenn die Notburg die Schellen der Ziegen nur von ferne hörte, dann lief sie, flink wie ein Reh, dem Veit entgegen, um sich ihre Ziegen bei ihm abzuholen. Dann spielten die beiden Kinder immer erst eine Weile zusammen und erzählten sich wohl auch die kleinen Erlebnisse des Tages.

Als der Metzger den Veit als Lehrling mit sich fortnahm, da weinte das kleine Mädel und wollte auch gar keine rechte Liebe mehr für die zwei Ziegen aufbringen. Sie mochte auch gar nicht mehr zu der Anhöhe hinaufgehen, wo sie so oft mit dem Veit gesessen war und in die Täler hinabgesehen hatte. Es gefiel ihr nicht mehr da droben, und sie blieb lieber im Dörfl herunten und machte sich in der Hütte zu schaffen.

Der Veit aber hatte die einstige Spielgefährtin nicht vergessen, und obwohl der Weg zu ihr nun stundenweit war, so machte er ihn doch, so oft er nur konnte.

Und es war immer das gleiche mit den beiden. Obschon oft Monate dazwischen lagen, bis sie sich wiedersahen, so waren sie sich doch niemals fremd geworden. Plauderten wie einst als Kinder und vertrauten einander ihre Zukunftspläne, ihre Wünsche und ihre Sorgen an.

So war aus der Kinderfreundschaft eine regelrechte Jugendliebe geworden. Bis dann die Unruhe über den Burschen gekommen war und er in der weiten Welt allein herumzuwandern anfing.

Da sorgte sich die Notburg sehr um ihn und zweifelte, ob er wohl je zu ihr kommen und sie, wie er gesagt hatte, als sein Weib heimführen würde.

Ein prächtiges, dralles Bauernmädel war die Notburg geworden. Groß und üppig gewachsen, die dicken, aschblonden Zöpfe um den Kopf gewunden, und mit einem braungebrannten, bildhübschen Gesicht. Nur die Augen wollten nicht recht hineinpassen in das frische Bauerngesicht. Die waren hell und schauten ernst und lachten selten.

Die Notburg war Näherin geworden wie ihre Mutter und ging mit ihr Tag für Tag zu den Bauern auf die Stöhre.

Bald nähten sie im Dörfl und bald auf den einsamen Berghöfen der Nachbardörfer. Man hatte sie überall gerne, und wenn die Notburg nicht gar so abweisend gewesen wäre, dann hätte sie schon öfters Bäuerin auf einem Berghof werden können.

Es war aber nichts zu machen mit dem Mädel. Sie war einmal zu ernst, und die Leute fingen an ihr nachzusagen, daß sie hochmütig und stolz sei.

Als die Mutter starb, hauste die Notburg ganz allein in der baufälligen Holzhütte. Kümmerte sich nicht viel um die Leute, tat ihre Arbeit und ging auf Stöhren.

Veit Galler hatte nun so viel Geld aufgebracht, daß er an die Gründung eines eigenen Heimes denken konnte. Die Leute staunten nicht wenig, als der Veit das Gütl von der alten Base übernahm, sich den Kramladen einrichtete und seine Notburg heiratete.

In unmittelbarer Nähe der Kirche war das Heim des jungen Paares.

Lange Zeit hindurch handwerkerte der Veit selber an dem Häusl herum, das er übernommen hatte. Da gab es viel, was er daran auszubessern und zu verschönern fand. Mit Lust und Liebe war der junge Kramer bei der Arbeit und schmückte sein und seiner Notburg Heim von innen und außen.

Neue Fensterläden machte der Veit, strich sie mit grüner Farbe an und malte bunte Blumen darauf. Die Kinder des Dörfels standen mit aufgerissenen Augen und Mäulern um ihn herum und bewunderten seine Kunst.

Das mußte man dem Veit ja lassen. Geschickt war er. Das sagten sie alle im Dorf. Was der Veit einmal in die Hand nahm, das konnte er auch. Kein gelernter Maler hätte die Fensterläden schöner machen können, wie der Kramer Veit das tat.

Als er mit den Fensterläden fertig war, machte er sich daran, einen schönen Söller rund um das erste Stockwerk seines kleinen Hauses zu bauen. Strich ihn braun an und schnitzte als Mittelpunkt in das hölzerne Gitterwerk eine Gemse in Lebensgröße.

Blumenstöcke prangten zur Sommerszeit auf dem Söller, blühende Nelken, die, in kleine Holzkistchen gesetzt, üppig gediehen und weit über das braune Gebälk herabfielen. Tiefrote Geranien, grüner, wohlriechender Rosmarin, Pelargonien und Hortensien in allen Farben, sie alle zierten und schmückten das Heim des jungen Paares.

Es hieß, daß man weitum gehen müsse, bis man wieder ein so schönes Häusl fand wie das vom Kramer Veit.

Auch den Kramladen hatte der Veit mit viel Umsicht und Geschick eingerichtet. So klein er war, so reichhaltig war sein Warenlager.

Da gab es Nägel und Hacken und Zwirn und Strickwolle, Kleiderstoffe und Stoffe für seidene und baumwollene Schürzen, Bänder und Tücher in allen Farben und Stoffe für Hemden und Unterröcke. Es gab Kaffee und Zucker, und ganze Stöße von Seife standen aufgeschichtet herum. Wohlriechende Seifen waren vorrätig und verlockten die Bäuerinnen zum Einkauf.

Ganze Reihen von Hosenriemen hingen von der niedern Bodendecke herab. Rosenkränze, aus bunten Glasperlen angefertigt, baumelten über der Ladenbudel. Es gab Soda und Öl, Bürsten und Besen, und der durchdringende Geruch von Erdöl schwängerte die Luft des winzigen Kramladens.

Kerzen aus Talg und Wachsstöcke in allen Größen lagerten in der Nähe der Eingangstüre, die mit einem kleinen Fensterchen versehen gleichzeitig als eine Art Auslagekasten diente. Pfeffer und Zimmet gab es und allerhand fremdartige Gewürze, mit denen die Bäuerinnen nur wenig anzufangen wußten.

Wenn sie Sonntags nach der Frühmesse zum Einkauf im Ladele waren, dann belehrte der Kramer Veit eine jede einzelne der Kundinnen über die Vorzüge der Gewürze und über deren Anwendung, und die Frauen kauften die Ware und waren stolz auf den Besitz; aber sie benutzten sie nie.

Auch Gebetbücher waren vorhanden, und farbige Heiligenbildchen, lose und in kleinen Rahmen, hingen in der Nähe der Türe. Blechlöffel, Schüsseln aus Blech und Schüsseln aus Holz, Krüge und Töpfe und buntfarbige Schalen standen aufgestapelt am Fußboden umher.

Weiße Zuckerröhrchen und grellrote Zuckerpfeifchen, auf denen man einen richtigen schrillen Pfiff loslassen konnte, waren für die Kinderwelt bestimmt. Herrliche Lebkuchen und bunte Zuckerln und ganz hervorragend gute Biskotenherzen bildeten das Entzücken der bäuerlichen Jugend.

Auf rein gar nichts hatte der Kramer Veit vergessen, und mit allen Bedürfnissen der Zeit hatte er sein kleines Lager versehen.

Von Zeit zu Zeit nahm der Veit seine Kraxe, belud sie schwer mit Käselaiben und trug sie hinaus ins Inntal und bis hinauf nach Innsbruck. Dort veräußerte er den Käs und füllte die Kraxe mit neuer Ware für seinen Kramladen.

Die Notburg hantierte im Haus herum, pflegte die Blumen am neuen Söller, pflegte das kleine Gartl am Haus, versorgte den Laden und nähte in ihren freien Stunden Wäsche und Schürzen und Unterröcke zum fertigen Verkauf.

Es war alles Glück und stiller Frieden in dem kleinen Häusl am Kirchplatz. Der Veit und die Notburg hausten gut miteinander, und sie schienen nur eines für das andere zu leben. Und trotzdem konnte die Notburg innerlich nie so ganz froh werden. Eine geheime Sorge nagte an ihr und trübte ihren Blick. Das war die Angst um ihren Mann, die sie oft plötzlich überfiel und sie ruhelos und schlaflos machte.

Die Notburg fühlte es, noch ehe der Veit es selber so recht wußte, daß ihn die Heimat anfing zu drücken und zu beengen. Und sie wußte: über kurz oder lang würde es den Mann hier nicht mehr leiden, und er würde fortziehen von ihr in eine Welt, die ihrem Sinne fremd war.

In ihrer bangenden Sorge fühlte sie deutlicher, wie er selber das tat, das erste Wiedererwachen seiner Unrast.

Oft saß das junge Weib in einer der vielen schlaflosen Nächte aufrecht in ihrem Bett und beobachtete bei dem fahlen Schein des Mondlichtes, das in die enge Kammer fiel, mit ängstlicher Spannung jeden Zug in dem Gesicht ihres Mannes, der an ihrer Seite schlummerte. Und angstvoll sah sie die Unruhe in seinem Gesicht, hörte sie das schwere Atmen der starken Brust und das rastlose Herumwälzen im Bette.

Sie sah, wie sich die kräftigen Hände zu Fäusten ballten und wie die Glieder sich wie im Krampfe dehnten und reckten.

Und bei Tage sah ihr scharf beobachtender Blick, wie das Gesicht des Mannes allmählich den Ausdruck sonnigen Glückes einbüßte, wie es von Tag zu Tag finsterer und mürrischer wurde, und wie der Veit übellaunig und wortkarg zu werden begann.

Und die Notburg wußte es mit Bestimmtheit: dies waren die Anzeichen seiner neu erwachenden Unstetheit, und in heißer Angst betete sie zur Schmerzensmutter am Seitenaltar der kleinen Dorfkirche mit aller Inbrunst, deren sie fähig war ...

»Laß mir den Veit, Gottesmutter! Laß ihn nit fortziehen von mir! Laß mich ein Kind haben, Muttergottes, dann bleibt er lieber bei mir!«

Denn das war der Schatten in der Ehe des jungen Paares. Jahr um Jahr war vergangen, aber der Kindersegen war ihnen versagt geblieben.

Die Notburg hätte sich mit der Kinderlosigkeit weit eher abgefunden. Ihr war der Veit alles; aber sie wußte, daß ihr Mann die Kinder liebte. Und hätten sie nur ein Kind ihr eigen nennen dürfen, wer weiß, ob nicht doch alles anders für sie gekommen wäre.

So aber kam es, wie es die Notburg in bangen Stunden vorausgeahnt hatte. Eines Tages war der Veit vor sein Weib hingetreten, hatte ihr die Hand gereicht und mit scheuem Blick zu Boden geschaut.

»Notburg ...« fing er dann zu reden an, und der Klang seiner sonst lauten, polternden Stimme war ungewöhnlich weich und innig. »Nimm mir's nit verübel ...« sagte er stockend und im abbittenden Ton. »I kann nit anders. I muß fort von da. Von Tag zu Tag hab i's immer mehr eing'sehen. I pass' nimmer einer da zu enk. Es ist mir alles viel zu eng umadum ... so eng ... daß i oft mein', i muß dersticken. Lang hab' i ang'kämpft dagegen ... Notburg ...« fuhr er leise redend fort. »Kannst mir's glauben oder nit. Weil i dir's nit hab' antun wollen. Aber jetzt halt' i's nimmer aus, Notburg. I muß fort.«

Käseweiß im Gesicht war das junge Weib dagestanden, mit hochklopfendem Herzen und schmalen Lippen. Die preßte sie fest zusammen; denn sonst hätte sie bei der Rede des Mannes vor Schmerz laut aufgeschrien.

Da sie ihm keine Antwort gab, glaubte der Veit, daß die Notburg es auf ihre ruhige Art hinnähme und sich gleichmütig damit abfinde. Er faßte Mut und schaute in das todblasse Frauengesicht.

»Nimm's nit hart, Notburg!« bat er weich und versuchte ihr die eiskalte Hand zu streicheln. »Nimm's nit hart. Schau ... i kimm ja bald wieder zu dir zurück. Im Langes bin i wieder da und bleib' bei dir bis zum Winter. Schau ... grad' der Winter, wenn nit wär'. Der bringt mi um da bei uns herin. Tag für Tag 's gleiche. Koan Abwechslung und koan Mensch außer dir, mit dem man a vernünftig's Wörtl dischkurieren könnt'. Und koa richtige Beschäftigung aa nit. Schau, Notburg, das ist völlig 's Härtigste für mich. I bin jung und stark, und i muß arbeiten. I muß was sehen und derleben, sonst komm' i um. I will arbeiten für dich, Notburg! Reich sollst sein, wie weit umadum koa zweite mehr, und a gut's Leben sollst haben. Aber laß mi jetzt fort von da und mach' mir's nit hart!« — — —

Der einsame Mann, der da im Schnee saß und schwer den Kopf in seine Hände stützte und in der Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht über sein Leben nachdachte, erinnerte sich deutlich an jene erste Abschiedsstunde. Sie war ihm hart geworden, so hart, wie nichts mehr seither.

Wohl war die Notburg tapfer geblieben und hatte mit keinem Wort verraten, wie tief er sie getroffen hatte. Ein Stück des Weges hatte sie ihn noch begleitet und ihm dann die Hand zum Abschied gereicht.

Es war, als ob der Veit Eis gehalten hätte, so kalt und leblos lag die Hand der Notburg in der seinen. Und noch viele Wochen hindurch verfolgte ihn der wehe Blick aus den hellen Augen seines Weibes.

In jener ersten Nacht, in der die Notburg mutterseelenallein in ihrem Häusl zurückgeblieben war, schrie das Weib wie ein todwundes Tier. Sie preßte den Mund in das Kopfkissen, um die wilden Schreie ihrer Not zu dämpfen. Niemand sollte hören, wie sie litt, und kein Mensch sollte ahnen, wie es innerlich um sie stand.

Ein scharfer Zug um die Winkel ihres Mundes prägte sich seit jener Nacht in dem hübschen Gesicht ein. Er machte sie um Jahre älter und ließ sie bitter und vergrämt erscheinen. Aber äußerlich blieb sie dieselbe, die sie vordem war. Aufrecht und stark, nur wortkarg und so stolz, daß den Leuten die neugierigen Fragen nach dem Veit im Munde stecken blieben.

Der Veit hielt Wort. Als sich die ersten Anzeichen des erwachenden Frühlings zeigten, kam er zurück, frisch und fröhlich wie in den ersten Jahren ihrer Ehe und laut polternd vor Freude über das Wiedersehen mit der Notburg.

Aber die Frau war eine andere geworden. Ruhig und schier gleichgültig empfing sie ihn und zeigte keine Freude. Sie hatte auch keine Freude über das Geld, das er ihr brachte und mit strahlendem Gesicht ihr vorzählte. Was war ihr das Geld, nachdem sie ihr Glück dafür hatte hergeben müssen?

Es war etwas geborsten in der Seele des Weibes. Was weich und hingebend in ihr gewesen war, das war in den Stunden einsamer Sehnsucht allmählich erstorben. Und die innere Kälte der Frau war so groß, daß es den Veit zu frieren anfing in ihrer Gegenwart.

Als der Veit das zweite Mal auf die Wanderschaft ging, fiel ihm der Abschied leicht. Er war froh, daß er das stille, kalte Gesicht seiner Frau nicht mehr zu schauen brauchte, das eine fortwährende Anklage für ihn war.

Und der Veit blieb länger und immer länger von der Heimat fern. Bis er dann gar nach Amerika gegangen war und im Dörfl als verschollen galt.

Doch immer, wenn der Mann im fremden Lande weilte, verblaßte das Bild seiner Frau mit dem kalten, reglosen Gesicht, und die Notburg seiner Jugend erstand ihm aufs neue. Ihr liebes, sanftes Gesichtchen und ihr hingebendes Wesen war ihm stets gegenwärtig, und der starke Mann, der im rücksichtslosesten Kampf ums Dasein stand, bangte sich nach ihr und sehnte sich nach einem guten Wort aus ihrem Munde.

Durch die räumliche Trennung war ihm sein Weib innerlich viel näher gekommen; er vergaß ihre harte Art und entschuldigte sie.

Er begriff die Schwere ihres Schicksals und nahm sich vor, wieder den Weg zu ihr zurückzufinden. Bis er dann wieder bei ihr war. Da jagte ihn ihre abweisende Kälte förmlich von der Heimat fort.

Kein gutes, verzeihendes Wort, kein warmer Blick ... Die Notburg war grausam geworden zu dem Manne, der stets aufs neue wieder bei ihr seine Heimat suchte ...

Ein dumpfes, schweres Stöhnen rang sich aus der Brust des einsamen Mannes.

Grausam! Hatte er ein Recht, sein Weib grausam zu schelten? Hatte er nicht auf die grausamste Art das Lebensglück der Frau vernichtet?

Veit Galler fühlte die Schwere seiner Schuld, und doch ... er bereute nichts.

Dem innersten Trieb seiner Natur war er gefolgt. Der Mann mit dem festen, unbeugsamen Willen gehörte in die Welt hinaus. Dort hatte er seine Kraft stählen können und hatte es zu etwas gebracht.

Es war ihm nicht immer leicht geworden in der großen Welt da draußen, dem Veit Galler. Das Leben hatte ihn gar oftmals hart angefaßt; aber mit zäher Energie und einem eisernen Willen war er stets Sieger im Kampf geblieben.

Und war ein reicher Mann geworden ...

Wohl kaum einer im ganzen Tale konnte solchen Reichtum aufweisen. Und das Bewußtsein des erworbenen Besitzes machte den Veit stolz und selbstbewußt und half ihm immer wieder über die trüben Stunden hinweg, die auch ihn nicht verschonten.

Der Veit wußte es wohl. All sein Reichtum machte auf die Notburg nur geringen Eindruck. Mit kalten, gleichgültigen Augen wird sie auch heute wieder auf das Gold schauen, das er ihr mitgebracht hatte und das er jetzt spielend in den weiten Taschen seines Rockes klirren ließ.

Der Mond stand nun in seiner kaltsilbrigen Pracht am Firmament, und viele Tausende von Sternen glitzerten und funkelten am Himmel. Die Bergfeuer der Karsamstagsnacht flammten zu Hunderten im Tal und an den Bergen, die mit Lichtern besät bis hoch an den Rand der Almweiden waren.

Veit Galler, der Krämer, genoß die stille Feier, und es kam ihm beinahe vor, als hätte sich die Heimat heute für ihn geschmückt.

Wie im leichten Silbernebel lagen die drei Hochtäler im Mondenschein. Die schneeigen Bergkonturen erstanden traumhaft schön wie in einem Feenland.

Veit Galler, der Krämer, erhob sich von seinem unwirtlichen Sitz, dehnte und reckte die schweren Glieder und faltete einen Augenblick die Hände wie zum Gebet.

Dann schüttelte er das Trübe dieser Stunde von sich und ging mit festen, sicheren Schritten bergabwärts, seinem Heimatsdörfl zu.