Erstes Kapitel
Nach einem ungewöhnlich warmen Vorfrühling war neuerdings der Winter über Land gezogen. In toller Liebesfreude hatte der junge Lenz verschwenderisch seine Gaben verschenkt. Im Tale standen nicht allein die Aprikosenbäume schon in voller Pracht, sondern auch die Kirschbäume hatten ihr Sehnen nach neuem Leben nicht länger zurückhalten können und keimten und sproßten, bis ihre Blüten barsten und sie wie Bräute festlich geschmückt des Geliebten harrten.
Aber es war ein rauher Geselle, dem sie arglos vertraut hatten. Eisiger Wind durchbrauste nun das Tal und brachte Schnee. Viel Schnee, wie mitten im Winter. Die blütengeschmückten Äste beugten sich kummervoll unter der schweren Last, die ihre Herrlichkeit verdarb. Die Berberitzensträucher an den Wegen neigten die zarten grünen Äste tief der Erde zu, als strebten sie, voll Scham ihre karge Schönheit zu verbergen vor dem Wüstling, der sie zu vernichten drohte.
Bang und beklommen schauten die Bauern des Tales zu dem bleischweren Himmel empor. Wenn jetzt noch der Frost dazu kam, dann war's aus mit dem Erntesegen. Dann mußten die Blüten erfrieren, und die Frühsaat, die schon so prächtig aufgegangen war, mußte zugrunde gehen.
Und doch waren sie nicht unvorsichtig gewesen mit dem Anbau und hatten mit einem Wettersturz gerechnet. Freilich, daß er sich so verheerend einstellen würde, das hatten sie nicht erwartet.
Gar zu früh in der Jahreszeit war es ja auch nicht mehr. Karsamstag war's und ging dem Wonnemonat Mai entgegen.
Die Glocken der spitzen Kirchtürme in dem Tal läuteten zur Auferstehungsfeier. Hell und feierlich durchzitterte der Glockenton die lautlose Stille der Winterlandschaft, schwang sich von Dorf zu Dorf und kündete den Bewohnern des engen Tales die Botschaft von der Auferstehung des Herrn.
Sogar die Schwalben hatten sich heuer geirrt und waren zu früh ins nordische Land zurückgekehrt. Nun umkreisten sie aufgeregt schreiend die Dächer der Häuser, unter denen sie ihr junges Heim aufgeschlagen hatten.
Eine Bachstelze hüpfte über den Weg. Zierlich und äußerst vorsichtig hüpfte sie von Zaun zu Zaun. Drehte das Köpfchen nach rechts und drehte es dann nach links, als schüttelte sie unwillig ihr Haupt über solche Art von Schnee und Frühlingslust.
Ein paar Spatzen hatten sich inmitten der kleinen Talstraße niedergelassen und suchten in dem Schnee nach Körnern. Sie fanden auch Futter in den Spuren eines Pferdehaufens, der noch dampfte.
Auf den Höhen der Berge jagte der Wind die grauen Wolken auseinander, trieb sie in rasendem Lauf vor sich her und öffnete der Sonne einen Spalt, so daß ihr warmer Strahl tröstend die vielen traurigen Frühlingskinder küssen konnte.
Wie doch so ein Sonnenstrahl mit einem Male alle Unbill vergessen machte! Ein Aufatmen durchwehte die Natur. Bachstelzchen reckte, so hoch es konnte, sein zierliches Köpfchen der Sonne entgegen, neugierig und mißtrauisch zugleich, als wollte es nicht daran glauben, daß seine mächtige Freundin nun tatsächlich über Kälte und Schnee Siegerin bleiben werde. Es plusterte sein Gefieder und wetzte das Schnäbelchen an dem Holzzaun, auf dem es saß. Zu beiden Seiten schloß der Zaun die kleine Talstraße von den Feldern ab.
Bachstelzchen sah neugierig und mit klugen Äuglein beobachtend umher und gewahrte, daß der Schnee, der auf dem Zaune lag, zu glitzern anfing und unter der milden Macht der Sonne sich langsam löste. Da ließ Bachstelzchen einen frohen jubelnden Triller ertönen und flog davon, hinauf zu den hohen Wipfeln der Obstbäume, und erzählte diesen, daß sie nun nicht mehr zu bangen brauchten um den bräutlichen Schmuck.
Ein stämmiger, groß gewachsener Mann ging mit weit ausholenden Schritten die Straße entlang. Wuchtig, eilig und selbstbewußt. Er sah weder nach rechts noch nach links, als er das Dorf durchschritt, und nickte nur flüchtig dankend für den Gruß, den man ihm bot.
Eine Gruppe von kleineren Kindern sah ihm nach. Etwas schüchtern und verwundert; denn er war ihnen fremd. Sah auch nicht aus, als ob er aus der hiesigen Gegend stammte; denn seine Kleidung war kein Bauerngewand. Und doch wieder schien es, nach der sicheren Art seines Ganges zu urteilen, daß er ein Kind der Berge war und auch hierher gehören mußte.
Außerhalb des Dorfes zweigte ein Seitenweg von der kleinen Talstraße ab. Führte im schmalen Pfad zwischen Felsen hindurch und zu einem steilen Bergwald empor.
Ein langsam feierliches Rauschen, an den vollen Ton einer Orgel gemahnend, durchbrauste den mächtigen Dom des Hochwalds. So feierlich und weihevoll war es, daß der stämmige Mann unwillkürlich lauschend und in fast andächtiger Haltung stehen blieb.
Ein seliges Lächeln verschönte einen Augenblick lang das derbe Gesicht und verlieh ihm schier einen knabenhaften Ausdruck. Aufatmend nahm der Mann den dunklen Filzhut von dem Kopf, zog ein großes, farbiges Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich, vom raschen Gehen erhitzt, den Schweiß aus der Stirne.
Eine breite, brutal hohe Stirne bildete den Abschluß des großen, dicken Kopfes. Das Gesicht war schwammig, braun und aufgedunsen, und die dunklen, etwas hervorquellenden Augen hatten einen harten, energischen Ausdruck.
Von festem, unbeugsamem Willen zeugte auch das kurze, massige Kinn und der breite Mund, dessen auffallend wulstige Lippen nur spärlich durch einen dunklen Schnurrbart bedeckt wurden. In das schüttere Haupthaar hatte sich schon stark die graue Farbe gemengt. Wie der Mann jetzt entblößten Hauptes dastand, konnte man deutlich gewahr werden, daß er wohl schon über ein halbes Jahrhundert gesehen haben mochte.
Eine geraume Weile hindurch lauschte er reglos der feierlichen Sprache des Waldes; dann aber entriß er sich gewaltsam dem Zauber, der ihn gebannt hielt.
Immer mehr gewann die Sonne jetzt an Macht und leuchtete sieghaft und strahlend über das Tal, vergoldete die schneeigen Spitzen der Berge und zauberte glitzernde Tropfen von den Ästen der Bäume.
Die dunklen Fichten schüttelten unwillig die Schneelast von sich und neigten dann ihre Wipfel freundlich einander zu, als erzählten sie sich die Märe, daß zu ihren Füßen ein Mann ging, der ihnen wohl bekannt war, den sie aber lange nicht mehr gesehen hatten.
Und lange war es auch her, seit Veit Galler diesen Weg zum letzten Male geschritten war. Völlig noch jung war er damals gewesen und jung und ungebrochen das Weib, das ihm zur Seite ging.
Wie der Veit so dastand inmitten der feierlichen Schönheit der Natur, überkam ihn ein wehmütiges Erinnern an vergangene Tage, und ein ungewöhnlich weicher Ausdruck milderte die Härte seiner Augen. Nur ganz kurz und flüchtig. Dann setzte der Mann mit fester Hand den breiten Filzhut auf den mächtigen Kopf und stieß wuchtig und hart die Spitze des kurzen Stockes auf den steinigen Boden des Waldes. Der knirschende Laut der eisernen Spitze des Stockes bewirkte, daß ein paar Krähen in der Nähe aufgescheucht wurden und mißtönig kreischend davonflogen.
Vom Tal herauf, dort, wo der Wiesenpfad aufhörte und in den steinigen Waldweg überging, erklangen im gleichmäßigen Abstand jugendlich elastische Schritte. Ein helles Lied ertönte zweistimmig aus jungen Männerkehlen.
Veit Galler hatte den Rand des Waldes erreicht. Ein kleines Wiesental, eingeengt von Bergen, breitete sich in sanftem Anstieg vor ihm aus.
Sein Blick schweifte über das Tal, aus dem er soeben gekommen war. Da lag, dem Norden zu, ein stattlich behäbiges Dorf.
Die weißen Mauern der Häuser leuchteten auf, vom Sonnenglanz getroffen. Ein grüner Kirchturm wies, gleich einem spitzen Finger, gegen Himmel, und das kleine, goldene Kreuz des Turmes funkelte wie ein goldener Tautropfen.
Der schmale Gebirgsbach durchschlängelte wie ein smaragdenes Band in anmutigen Windungen das Tal. Die samtbraunen Holzhäuser, die weich in Wiesen eingebettet, einzeln und in Gruppen bis hoch hinauf die Berge zierten, ließen ihre winzigen Fensterchen im Sonnenglanze gleich Diamanten auf dunklem Grunde schimmern.
Ein ernster, düsterer Berg mit breitem Rücken schloß das Tal beinahe hermetisch von der Außenwelt ab. Zackige Bergspitzen bauten sich im Süden auf und lugten neugierig über die Höhe des kleinen Hochtales, das Veit Galler mit weit ausholenden Schritten jetzt durchwanderte.
Ein regelrechtes Bergtal war es, mit schmalem Pfad und einem winzigen Bächlein. Einige Bauernhöfe, alt, verwittert und aus Holz gebaut, lagen verstreut umher. Abgesondert voneinander und nur durch einen schmalen Fußsteig miteinander verbunden.
An einem dieser kleinen Holzhäuser mußte Veit Galler vorbeigehen. Das lag zu tiefst im Tal und hatte einige Meter ebenen Bodens vor sich.
Ein paar Bretter querten das Bächlein, das im eiligen Lauf von dem jäh ansteigenden Berg herablief. Eine hohe Felswand, zerklüftet und zum Teil mit niederem Strauchwerk bewachsen, stand wie ein drohender Wächter über diesen Ansiedelungen der Menschen.
Der Schnee zeichnete scharf und kantig die Risse des grauen Felsens, und wie ein weiches, duftiges Schleierband fiel das Bächlein silberfarbig über die hohe Felswand. Grub sich dann eiligst in die Bergmatten, floß, geschäftig murmelnd, in rasendem Lauf bis herab zu dem Holzhaus in der kleinen Ebene und trennte das Haus von dem gleichfalls aus Holz gebauten Stadel.
Das Haus stand niedrig, wie erdrückt von der Größe seiner Umwelt. Es war mehr breit als hoch; denn gleich über dem Erdgeschoß ragte schon das mit Steinen beschwerte Schindeldach herein. Um das Haus, zu dem ein paar holprige Steinstufen hinanführten, lief ebenerdig eine kleine Holzaltane. Ohne Schmuck und Zier und nur von dem tief hereinhängenden Dach schützend gedeckt.
Ein kleiner, blonder Bub, rotwangig und dickköpfig, saß auf der Schwelle des Hauseinganges. Das hübsche Gesicht war ungewaschen, das glatte Haar zerzaust und das Näschen feucht.
Der Bub steckte, als er Veit Galler erblickte, vor Verwunderung über den fremden Mann gleich die ganze Faust in den Mund, glotzte ihn blöde an und wußte nicht recht, sollte er jetzt davonlaufen oder lieber laut zu schreien anfangen.
Der Ausdruck des Erstaunens in dem kleinen pausbackigen Gesicht war so komisch, daß Veit Galler stehen blieb und das Bübl freundlich anredete.
»Wie hoaßt nacher du?« frug er gutmütig und in der Mundart dieser Gegend.
Der Knirps, der ungefähr sechs Jahre zählen mochte, erhob sich, spreizte die dicken, kurzen Beine, die in derben langen Hosenröhren staken, auseinander, wischte sich mit dem Ärmel seiner grauen Lodenjoppe den Rotz von der Nase und schwieg.
»Kannst nit reden, Bua? Wie du hoaßt, möcht' i wissen!« Veit Galler schob den Filzhut aus der Stirn und stützte sich mit beiden Händen auf seinen kräftigen Stock.
Freundlich lachend sah er auf den Kleinen herab, wobei sich die dicken Lippen auseinander schoben und ein gesundes, raubtierartiges Gebiß sehen ließen.
Die laute Stimme des Mannes lockte noch mehr Kinder aus dem Innern des Hauses. Gleich zu viert kamen sie angerannt. Zwei Buben und zwei Mädeln, bloßfüßig und nicht sehr sauber in ihrer Kleidung.
Veit Galler fletschte sein Raubtiergebiß und meinte anerkennend: »No mehr Kinder? Wieviel seid's nachher?«
»Elfe!« sagte das größte Kind, ein Mädel mit strohblonden, dünnen Zöpfen, zog die Schürze über das Gesicht und lief dann, erschrocken über die eigene Kühnheit, in den dunklen, niedern Hauseingang zurück.
»Elfe! Und du bist der jüngste? Ha?« frug Veit Galler den kleinen stämmigen Buben, der zuerst dagewesen war.
»Naa!« sagte sein älterer Bruder und rannte, über seine Heldentat lachend, hinter der Schwester her.
»Tut's enk fürchten vor mir?« frug Veit Galler gutmütig und neigte sich tief zu den drei Kindern, die wie Schafe eng aneinander gedrückt dastanden und ihn mit neugieriger Scheu, jedoch sehr eingehend betrachteten.
»Naa!« schrien sie alle drei zugleich, und flugs eilten sie, eines hinter dem anderen, in das Innere des Hauses zurück.
Nun kam ein junges Mädel zum Vorschein. Blutjung war sie und bildhübsch. Klein und zierlich, mit auffallend blassem Gesicht, dunklem Haar und leuchtenden blauen Augen.
Ein voller kirschroter Mund war wie zur Frage halb geöffnet. Zwei dunkle Zöpfe umrahmten den feinen Kopf, und nur mühsam hielt das schmale, schwarze Samtband die kleinen Löckchen zurück, die sich unter der Haarkrone eigenwillig loslösen wollten und auf die niedere Stirne des Mädels fielen.
Das Mädel war ärmlich, aber sauber gekleidet, trotzdem sie gerade von der Arbeit weggelaufen sein mußte. Die dunkelfarbige Schürze war zum Teil naß. Die Ärmel ihrer dunklen Jacke waren zurückgesteckt, und die bloßen Arme glänzten rot und feucht und waren mit Seifenschaum bedeckt.
»Teufel!« nickte Veit Galler. »Das lass' i mir g'fallen!« Dabei strich er sich mit der Hand über den Schnurrbart und reckte sich zu seiner ganzen stattlichen Größe empor.
Eine tiefe Röte überzog das zarte Gesicht des Mädels unter den bewundernden Blicken des Fremden.
»Sein das deine G'schwister?« Veit Galler deutete mit dem dicken Finger seiner plumpen Hand gegen das Hausinnere, und als das Mädel bejahend nickte, frug er weiter: »Wie hoaßt man's nacher bei enk da?«
»Mei' Vater ist der Söllerbauer!« antwortete das Mädel jetzt mit heller, wohlklingender Stimme.
»Söllerbauer?« wiederholte der Fremde nachdenklich. »Den müsset i döcht aa kennen.«
»Seid's nit von da?« frug jetzt das Mädel und sah forschend zu dem Manne auf.
»Wohl!« nickte der Fremde. »Eigentlich schon. Wirst mi aber nit kennen.« Sein breiter Mund zeigte noch mehr wie zuvor die Raubtierzähne. »Vom Bergl drent bin i dahoam.« Er wies mit dem Stock zu der Anhöhe, die den bewaldeten Abschluß des kleinen Hochtales bildete. »Wirst schon g'hört haben vom Kramer Veit, ha?« grinste er.
»Der in Amerika ist?« forschte das Mädel neugierig.
»Dersell'!« nickte der Fremde bestätigend. »Der bin i!« fügte er selbstbewußt hinzu.
Fast ängstlich drückte sich das Mädel an die braune Holzwand ihres Vaterhauses.
»Brauchst di nit z'fürchten, Madel ...« begütigte der Kramer. »I friß di nit!« lachte er dann mit seinem breiten, gutmütigen Grinsen.
»I fürcht' mi nit!« erwiderte das Mädel resolut. »I fürcht' mi überhaupt nit!« wiederholte sie, und ein leichtes Zittern spielte dabei um die Winkel des kleinen vollen Mundes.
»Na, na!« machte der Kramer Veit zweifelnd. »Wird nit a so weit her sein mit der Kuraschi.«
»Wollt's nit einer giahn rasten?« lud ihn jetzt das Mädel ein. »Habt's no a Stuck Weg bis hoam.«
Noch ehe Veit Galler der Aufforderung folgen konnte, bogen zwei Burschen um die Ecke des Stadels.
»Ah, Regerl!« grüßte der größere von den beiden. »Magst mitgiahn aufi aufs Alpl?«
Das Gesicht des Mädels verfinsterte sich, als sie mit flüchtigem Blick die Ankömmlinge streifte und sich dann wie geärgert abwandte.
»Naa!« sagte sie kurz, und ohne auf die Burschen weiter zu achten, lud sie den Kramer Veit nochmals ein, ins Haus zu kommen. »Kömmt's einer in die Stuben, Kramer. A Glasl Schnaps ...«
»Du, Regerl, an Schnaps mögen mir aa. Gelt, Florl?« sagte der größere und kräftigere der beiden jungen Männer lustig.
Sie mochten beide im gleichen Alter sein. Beide wohl kaum über zwanzig Jahre, hübsch und schlank gewachsen. Nur war der Florl um beinahe einen Kopf kleiner als sein Kamerad, aber biegsam wie ein junger Tannenbaum und geschmeidig wie eine Gemse. Das Gesicht war zart und so fein wie das Gesicht eines jungen Mädchens. Ein brauner, krauser Bart rahmte es ein, und kleine, helle Augen sahen scharf und listig und unternehmend zugleich in die Welt.
Die Burschen waren beide im Feiertagsgewand. Der hellgraue kurze Lodenrock mit den schwarzen abgesteppten Sammetstulpen an den Ärmeln brachte den jugendlich kräftigen Wuchs aufs vorteilhafteste zur Geltung. Die dunklen Filzhüte waren mit Rosmarinzweiglein geziert und saßen keck und schief, tief ins Gesicht gedrückt.
»Hast koa Nagele für'n Huat, Regele?« fragte der Florl und versuchte dem Mädel in das abgewendete Gesicht zu schauen.
»Naa!« sagte das Mädel, ohne ihn anzublicken. »Wenn jetzt no nix blühen tut. Weißt wohl.«
Ihr Ton war nun weniger barsch, jedoch ausweichend und leicht verlegen.
»Habt's ös zwoa so schön g'sungen da drunten?« erkundigte sich Veit Galler und deutete mit dem Kopf in die Richtung des Haupttales, wo in weiter Ferne das große, behäbige Dorf lag, mit den weißglänzenden Häusern und der blaßgrünen Kirchturmspitze.
»Habt's uns wohl g'hört?« frug der Florl mit seiner hohen Tenorstimme übermütig zurück und rückte sich den Hut weit aus der Stirn.
»'s war ja laut g'nug, daß i enk hab' hören können!« lachte der Kramer. »Und du ...« wandte er sich an den größeren der beiden Burschen, »du hast ja a sakrisch gute Stimm'! Könntest dir a schian's Geld verdienen mit dera Stimm' ... wann d' möchtest.«
»Mei!« machte der Florl geringschätzig. »Er singt ja nur die zweite Stimm'. I sing' die erste!« erklärte er wichtig und mit Stolz.
»Was ist's nacher mit dem Schnaps, Regerl?« gab sein Kamerad dem Gespräch eine andere Wendung. »So a Stamperl können wir leicht vertragen, bevor wir aufs Alpl aufi giahn, ha, Florl?« Scherzhaft drängte er das Mädel vor sich her in das Haus hinein und zwängte es übermütig an die braune, rohgezimmerte Holzwand des Eingangs.
»Wann i iatz koan Schnaps kriag, Madel, kriag i a Bussel!«
Wie ein junger Bär stand er vor ihr, groß und kräftig und voll von tollpatschigem Übermut.
Die Arme hielt er ausgebreitet vor dem kleinen Mädel, das sich tapfer gegen seine Zärtlichkeiten wehrte. Mit beiden Fäusten schlug sie unbarmherzig auf ihn ein und stieß mit den Füßen um sich, ohne zu achten, wohin sie ihn traf.
»Aus laßt mi!« schrie sie, hochrot vor Zorn. »Lackel, damischer!«
Der Bursch lachte ihr gutmütig ins Gesicht und beugte sich zu ihr herab. Ihre Püffe und Schläge machten offenbar nicht den geringsten Eindruck auf ihn.
»Da schaug oaner an, was dös für a wilder Teufel sein kann!« neckte er sie. »Magst aufpassen, Florl! Die hat Haar' auf die Zähnd!«
»Laß mi in Fried', du!« Das Regerl wehrte sich noch immer gegen den starken Griff des Burschen, der sie wie mit Eisenschrauben fest umklammert hielt.
»An Schnaps oder a Bussel?« fragte der Bursch und machte Miene, sich das letztere gewaltsam zu nehmen.
Unvermutet stieß ihm der Florl kräftig seinen Fuß in den Rücken.
»Au ... du!« machte der andere, ließ von dem Mädel ab und ballte die Fäuste gegen den Florl.
»Laß 's Madel in Fried', Wastl!« sagte der Florl drohend und mit finsterem Gesicht.
»Wöllt's raffen?« lachte der Kramer Veit breit und dröhnend.
»Naa!« machte der Wastl gutmütig. Er hatte jetzt gar keine Absicht mehr böse zu werden, sondern begriff, daß er in seinem Übermut zu weit gegangen war.
»Sein wir wieder gut, Regerl?« Freundlich und beinahe bittend hielt er dem Mädel seine große, breite Arbeitshand entgegen.
»I sag's der Vef!« schmollte das Regerl schon halb versöhnt und rieb sich mit der flachen Hand die Oberarme, die der Wastl so fest umklammert hatte. »Völlig blaue Fleck' hat er mir druckt ... der Ruach ... der ungute!« schimpfte sie geärgert.
»Bist schon du ungut!« lachte der Wastl und zeigte zwei Reihen gesunder Zähne, die blendend weiß in dem dunklen, bartlosen Gesicht leuchteten.
»Hast du jetzt alleweil an Grant ...« wollte er ihr Vorwürfe machen, aber der Florl zog ihn am Rockärmel gewaltsam mit sich fort, hinein in die Stube, wo der Kramer Veit bereits im Herrgottswinkel breitspurig Platz genommen hatte.
»Fein habt's es!« lobte der Kramer, streckte die Füße weit von sich und lehnte sich so behaglich an das braune Holzgetäfel, als wäre es eine weichgepolsterte Sofalehne. »Tut das gut!« machte er aufatmend. »I sag's ja! Schian ist's auf der Welt! Aber am allerschönsten ist's döcht bei uns in Tirol herin.«
Die beiden jungen Burschen setzten sich zu ihm, jeder an eine andere Tischecke, und sahen mit leichter Verlegenheit auf ihn. Sie wußten nicht recht, was sie mit dem Fremden reden sollten.
Der gelbe, unförmliche Kachelofen, der gleich neben der Tür in der Ecke stand und einen großen Teil des freien Raumes einnahm, sprühte eine wahre Gluthitze.
Den beiden Burschen wurde es schwül in ihren lichtgrauen Lodenröcken, und sie zogen dieselben aus und warfen sie in kühnem Schwung seitwärts über die Achsel, so daß nur die eine Hälfte der Schulter davon bedeckt wurde, während man auf der andern Seite der Achsel das blühweiße Leinenhemd mit den langen Ärmeln sehen konnte.
Die Stube war ein mäßig großer, niederer und düsterer Raum. Vier winzige Fenster, an zwei Seiten des Eckzimmers verteilt, ließen nur wenig von dem hellen Tageslicht eindringen. Die Fenster waren vergittert und ohne Vorhang, und die Scheiben waren trübe und ungeputzt.
Ein viereckiger, rohgezimmerter Tisch stand in der Stubenecke. Kleine Heiligenbilder in grellbunten Farben zierten die Ecke nebst dem großen, unschönen Kruzifix. Eine Holztaube, das Sinnbild des heiligen Geistes, die einmal weiß gewesen sein mochte, jetzt aber schmutziggrau aussah, hing von der rauchgeschwärzten Stubendecke herab und baumelte an einem dünnen Faden über dem Tisch.
Eine Holzbank lief längs der Wände entlang und endigte dann als Ofenbank. Es gab weder Stuhl noch Hocker in der Stube. Nur zwei Bänke ohne Rückenlehne standen an dem Tisch, und auf ihnen hatten sich die beiden Burschen niedergelassen.
In einem Holzgehäuse, zur rechten Seite der Türe, war eine alte Wanduhr eingebaut. Das Gehäuse war wurmstichig, und die bunt gemalten Blumen waren arg verblaßt.
An der Spitze dieser Uhr aber standen in weißen Farben zwei Namen geschrieben. Es waren offenbar die Namen der Eltern des jetzigen Besitzers; denn die Ziffern, welche die beiden Namen trennten, wiesen eine Jahreszahl auf, die beinahe fünfzig Jahre zurücklag.
In der Stube roch es unangenehm nach saurer Milch und ausgelassenem Butterschmalz, ein Geruch, der augenscheinlich von der daneben gelegenen Küche hereindrang. Ein kleines Schubfenster, das offen stand, gewährte den Ausblick in die rußige, beinahe ganz dunkle Küche mit dem offenen Herd, auf dem ein Feuerchen lustig flackerte.
Eine Frau in mittleren Jahren streckte neugierig ihren Kopf durch das Schubfenster.
»Grüß Gott, Bäurin!« grüßte sie der Florl, der gerade mit dem Gesicht ihr zugewendet dasaß und so der erste war, der sie gewahr wurde.
»Grüß Gott aa!« kam es etwas mürrisch und verdrossen zurück. »Geht's Feuer machen aufi?« erkundigte sie sich dann mit lässiger Neugierde.
»Ja. Aufs Alpl aufi!« bestätigte der Florl.
Die Kinder hatten sich in die Stube hineingedrängt. Ein halbes Dutzend an der Zahl und wie die Orgelpfeifen in allen Größen. Sie waren alle mangelhaft gekleidet, bloßfüßig und sahen schmutzig und ungewaschen aus.
Ein paar der größeren Buben kletterten auf die Ofenbank und liefen barfüßig, wie sie waren, die Bank entlang, flüsternd und kichernd und einer über den andern stolpernd.
Die kleineren Kinder drückten sich langsam in die Nähe des Tisches und starrten mit offenem Munde auf den Fremden, über dessen Anblick sie sich ersichtlich noch immer nicht beruhigen konnten.
Die Mutter schimpfte mit schriller Stimme aus dem Küchenfenster.
»Werd's aber giahn von der Bank oder nit! Wart' ... i kimm enk!«
Diese Drohung hatte aber nur die Wirkung, daß sie in offenbarem Ergötzen über den Ärger der Mutter sich mutwillig und polternd von der Bank herabfallen ließen und sich in einem Haufen am Boden balgten und ausgelassen Purzelbäume schlugen. Dies wieder bereitete den andern Kindern ein solches Vergnügen, daß sie sich mit Geschrei und Gelächter gleichfalls an der Balgerei am Boden beteiligten und so einen Höllenspektakel verursachten.
Jetzt kam das Regerl in die Stube. Sie trug eine große Schnapsflasche in der Hand und stellte sie auf den Tisch hin. Dann holte sie aus einem Seitenkästchen, das in der getäfelten Wand seitwärts des Tisches angebracht war, ein paar kleine derbe Gläser und goß Schnaps in jedes.
»G'sundheit, Kramer!« sagte sie freundlich und stellte ein volles Glas vor ihn hin.
»B'scheid tun!« meinte der und hielt ihr das Glas zum Antrinken entgegen.
Das Mädel nippte leicht und stellte das Glas dann wieder auf den Tisch.
»G'sundheit, Regerl!« stießen nun auch der Florl und der Wastl mit ihr an.
Die Bäurin trat jetzt mit gemächlichem, etwas schleppendem Gang in die Stube. Die Neugierde hatte sie hereingetrieben; denn sie wollte den fremden Besucher doch etwas genauer betrachten.
Sie war nicht allein, sondern hatte ein unförmlich dickes, zappelndes Kind, das kaum laufen konnte, an ihrem Rocksaum hängen. Die Bäurin war nicht viel größer wie das Regerl, aber kräftiger als die Tochter und sah sehr bequem und etwas verdrießlich zugleich aus.
Das Gesicht war sonnverbrannt und schon voll Furchen, war aber trotzdem noch immer hübsch und sah der Tochter auffallend ähnlich. Die Bäurin war aber nicht so sauber und ordentlich gekleidet wie das Regerl, und ihre dunklen Zöpfe, die sie gleichfalls zur Krone gewunden um den Kopf trug, bekundeten immer eine starke Neigung, ihren Halt zu verlieren, und mußten von Zeit zu Zeit festgesteckt werden. So hatte die Bäurin, während sie sich neben dem Fremden auf die Bank niederließ und ihn seitwärts eingehend und sehr genau musterte, eine fortwährende Beschäftigung für ihre Hände.
Das unförmig dicke Kind im langen dunklen Kittelchen saß ihr zu Füßen und bemühte sich vergeblich, unter den Rock der Mutter zu kriechen. Es hatte offenbar Angst vor dem Fremden und wollte sich vor ihm verstecken. Da ihm das nicht gelang, fing es in langgezogenen Tönen zu schreien an.
»Kinder habt's amal g'nug, Bäurin!« lachte Veit Galler und hielt ihr einladend sein Schnapsglas hin.
»'s tut si schon!« machte die Bäurin gleichgültig, nachdem sie getrunken und sich mit der flachen Hand den Mund abgewischt hatte. Dann setzte sie gleich wieder die Beschäftigung mit ihrer Haarkrone fort. »Können nia z'viel sein zu der Arbeit. Weißt wohl!« fügte sie erklärend hinzu.
»Jatz aber machen sie amal Arbeit, stell' i mir für!« meinte der Kramer.
»'s tut si schon!« sagte die Bäurin achselzuckend. »Wir machen's nit a so hoakel. Weißt wohl ...«
»Die Arbeit tut halt 's Regerl!« warf der Florl boshaft ein.
Ein unfreundlicher Blick der Mutter traf den Burschen.
»Geht's di was an?« frug sie scharf.
Das Regerl hatte das schreiende Kind vom Boden aufgenommen und sich mit ihm auf die Bank zum Ofen gesetzt. Da saß sie nun und spielte mit ihm und achtete nicht weiter auf die Gäste.
»Ist der Bauer nit dahoam?« erkundigte sich jetzt der Kramer.
»Naa!« Das Weib schüttelte verneinend den Kopf. »Ist Kirchen gangen mit'm Franzl.«
»Und der Seppl und der Hannes sein mit die Perlmoserischen aufs Alpl gangen zum Feuer anzünden!« berichtete jetzt einer von den Buben, die am Boden lagen, wichtig und schob sich näher an den Tisch heran.
»Ist die Vef aa derbei?« forschte der Wastl interessiert.
»Woaß nit!« meinte der Bub achselzuckend. »Kann leicht dabei sein.«
»Mir werd'n iatz giahn müssen, Florl!« mahnte der Wastl zum Aufbruch.
»Hast es so eilig?« frug die Bäurin spitz.
Der Florl kam seinem Kameraden zu Hilfe. »Wir müssen ja no Holz sammeln, und a Stuck Weg ist's aa no aufi.«
Als sich die Burschen erhoben, schloß sich ihnen der Kramer an. »A Stückl hab'n wir no den gleichen Weg!« sagte er sich entschuldigend zu der Bäurin.
»Wo bleibst nacher du?« erkundigte sich die Bäurin, die bis jetzt eine direkte Frage nach der Herkunft des Fremden vermieden hatte.
»Im Dörfl enten bin i dahoam!« erwiderte dieser. »Der Kramer Veit bin i!« fügte er breit und selbstbewußt hinzu.
»Dersell'?« Unfreundlich und neugierig zugleich sah die Bäurin zu dem hochgewachsenen Manne auf. »Bist lang ausg'wesen!« meinte sie dann. »Die Notburg wird di völlig nimmer kennen.«
»I werd' mi ihr schon zu derkennen geben!« lachte der Kramer Veit laut und polternd und fletschte sein Roßgebiß. »Die Notburg ist dös schon g'wöhnt von mir.«
Die Bäurin erhob sich nun gleichfalls von der Bank, auf der sie gesessen hatte.
»Wie lang ist's her, daß du fort bist auf Amerika?« frug sie und machte sich neuerdings mit ihren Zöpfen zu schaffen.
»So an die zehn, zwölf Jahr' werden's sein!« lachte der Kramer Veit.
»Oder no länger!« sagte die Bäurin nachdenklich. »I moan, 's Regerl hat damals no nit amal recht laufen können. I denk's no, als ob's gestern g'wesen wär'. Bin mit ihr damals im Ladele g'wesen bei der Notburg. Da bist g'rad a paar Wochen dahin g'wesen, und die Notburg hat mir recht derbarmt. Und dem Regele hat sie so a schian's Bischkotenherz g'schenkt. Mir ist völlig fürkömmen, sie hat g'reart g'habt. Aber woaßt wohl! Fragen hat man die Notburg nia nix derfen. Dös war' alleweil g'fahlt g'wesen. So an Stolz wia sie g'habt hat.«
Ganz gesprächig war jetzt die Bäurin mit einem Male geworden und auch ganz zutraulich, während dem Manne, der da vor ihr stand, bei der Erzählung der Frau offensichtlich immer schwüler und unbehaglicher wurde. Sein dicker roter Kopf schien noch röter. Das gutmütige Lachen verschwand vollständig aus seinem Gesicht, das wieder hart und roh erschien.
»Weiß die Notburg, daß Ihr kommt's?« mischte sich jetzt das Regerl in das Gespräch. Sie war mit dem Kinde auf dem Arm zu der kleinen Gruppe getreten, die sich nun verabschiedete.
Veit Galler schüttelte den Kopf.
»Naa!« sagte er und hatte schon wieder den gutmütig freundlichen Gesichtsausdruck. »I geh' und i komm' g'rad wie's mir paßt. Bin aa koaner, der viel schreibt. Und bis so a Brief amal zu uns einer kimmt, da ist man völlig schneller von Amerika herenten!« lachte er.
»Wie lang habt's nacher ummer braucht, Kramer?« erkundigte sich der Florl interessiert.
»Mei!« Der Kramer zuckte die Achseln. »All's in allen a paar Monat. Man zählt's gar nimmer, so lang kommt's einem vor.«
»Geh, Florl, geh'n wir!« drängte der Wastl, dem die Erzählung schon viel zu lange gedauert hatte und der schon die ganze Zeit hindurch den Florl durch Zeichen zum Aufbruch gemahnt hatte.
»Mei, hast du an Eil!« höhnte das Regele schnippisch. »Wirst's wohl no epper dermachen, ha?«
Man war jetzt vor die Haustüre getreten. Der Wastl zog, ohne auf das Regele weiter zu achten, eilig seinen lichtgrauen Lodenrock an und rückte den schwarzen Filzhut tief ins Gesicht herein.
Dann übersprang er kühn die holprigen Steinstufen und wollte so schnell er konnte zur Anhöhe hinanlaufen, zu welcher der schmale Wiesensteig vom Hause weg emporführte.
Das Regele aber ritt der Bosheitsteufel. Sie wußte, weshalb es der Wastl so eilig hatte, und rächte sich jetzt für seine Neckereien von vorhin.
»Holla!« rief sie energisch. »Dableiben! An Schnaps habt's kriagt. Jetzt müßt's oans singen!« befahl sie.
»Natürlich singen!« stimmte der Kramer Veit bei. »Dös g'hört dazu.«
Der Wastl sträubte sich ein wenig.
»An anders Mal singen wir!« meinte er lachend und stieß den Florl, der ihm nachgekommen war, mit dem Ellbogen an. »Renn'!« flüsterte er ihm zu.
Aber dem Florl war gar nicht um das Rennen zu tun, und er suchte jetzt dem Regerl einen Gefallen zu erweisen.
»Singen müssen wir schon eins!« meinte der Florl nachdenklich. »Das ist schon amal so der Brauch, weil wir an Schnaps aa g'habt haben.«
Die Bäurin, umringt von ihrer Kinderschar, stand, die Hände lässig in die Hüften gestemmt, vor der Haustüre, im Glanze der scheidenden Sonne.
Der Kramer Veit hatte sich breitspurig und erwartungsvoll auf die Bank vor dem Hause niedergelassen, während das Regele mit dem Kind am Arm zu den beiden Burschen herabgestiegen war.
»Regerl ...« flüsterte der Florl ganz leise und nur für sie hörbar.
»Laß mi ... du ...« sagte das Mädel unfreundlich und machte sich mit dem Kinde zu schaffen, das den Florl mit seinen großen, dunkeln Augen blöde und unverwandt anstarrte und an seinem dicken, roten Fäustchen lullte.
»Mußt mitsingen, Regerl!« forderte sie der Wastl auf. »Dann gehen wir's an.«
»I hab' heut' koa Stimm' nit!« sagte das Mädel ausweichend.
»Weil d' nit magst!« widersprach der Wastl geärgert.
Das Mädel zog die Achseln hoch. »Kann aa sein!« meinte sie gleichgültig.
»Wird's bald?« erklang da die scharfe Stimme der Bäurin vor dem Hause.
Die Burschen sahen ein, daß sie jetzt singen mußten, und einigten sich rasch durch ein paar Worte über das Lied, das sie zum besten geben wollten.
Dann stellten sie sich wie regelrechte Sänger in Positur, kehrten ihre Rückseite den Zuhörern zu, offenbar um ihre eigene Verlegenheit zu verbergen, und ließen ein helles, fröhliches Lied erklingen. Das tönte hinaus in den heiligen Frieden der Natur und erzählte von jugendfrischer Liebe und von der Schönheit ihrer Heimat.
Die steile Felswand, über die sich das silberfarbige Band des kleinen Baches zog, gab das Echo zurück.
Als das Lied verklungen war, herrschte einen Augenblick lang tiefes Schweigen. Sogar die Kinder waren ruhig geblieben und wagten sich nicht zu rühren.
Jetzt meinte der Kramer Veit: »Schön könnt's singen, Buben! Sehr schön. So was könnt' ein' grad no's Herz auffrischen.«
»Singt's no oans, ös zwoa!« sagte die Bäurin ermunternd.
»I nimmer!« lachte der Wastl und lief jetzt mit weit ausholenden Schritten seinem Kameraden davon und die sanft ansteigende Wiesenanhöhe hinauf.
Der Florl suchte verstohlen die Hand des Mädels.
»Wann d' halt do mitgangst, Regerl!« bat er leise und fast demütig.
Jetzt schaute das Mädel zu ihm auf. Es war ein kurzer, flüchtiger Blick und doch voll von Vorwurf und tiefem Weh.
»Daß du grad so daherreden magst!« sagte sie dann unwirsch und wandte sich, ohne den Druck seiner Hand zu erwidern, von ihm ab und dem Hause zu.
Aber der Florl war so leicht nicht loszukriegen. Gewaltsam hielt er sie zurück. »Aber Feuerlen schaug'n gehst auf d' Nacht, gelt, Regerl?« flüsterte er innig. »Und das höchste Feuerl ... weißt, ganz droben ... du kennst ja 's Platzl ... dös ist's meinige. Und i zünd's für di an, Dirndl! Daß d' es woaßt.«
Nun konnte das Mädel doch nicht anders als lieb sein, und dankbar sah sie zu dem Burschen auf. Ihre blauen Augen leuchteten, und eine dunkle Röte übergoß das zarte, auffallend blasse Gesicht.
Der Florl drückte ihr noch rasch die Hand.
»Morgen auf die Nacht, Regerl ...« flüsterte er, und dann eilte er gewandt und geschmeidig wie eine Gemse dem Wastl nach, der schon einen tüchtigen Vorsprung gewonnen hatte.
»Sein das zwei Sakramenter!« schimpfte der Kramer Veit gutmütig mit lautpolternder Stimme. »So a Lungl, wie die haben! Und können nit amal warten auf unseroans! Ha, Regerl?« Freundlich hielt er dem kleinen, zierlichen Mädel seine mächtige Hand zum Abschied hin. »Und vergelt's Gott für'n Schnaps. Und wenn du aufs Dörfl ummikimmst .. a Bischkotenherz kriagst von mir aa!« lachte er laut und dröhnend.
Mit wuchtigen, weit ausholenden Schritten ging der Kramer Veit jetzt der Anhöhe des kleinen Bergtales zu.
Die Bäurin und die Kinder vor dem niedern braunen Holzhause sahen ihm nach, solange sie ihn sehen konnten. Dann, als die massige Gestalt des Mannes von der Anhöhe verschwunden war, kehrten sie ins Haus zurück.
Das Regele aber, mit dem Kind am Arm, blieb noch lange sinnend stehen. Sie achtete nicht darauf, daß das Kind unruhig wurde, sondern sah unverwandt in die Richtung, in der die beiden Burschen den Berg hinangestürmt waren.
Die Sonne leuchtete nur noch matt auf die höchsten Spitzen der Berge. Das stattliche Dorf draußen im Haupttal lag schon im Dämmerschein, und seine weißen Häuser sahen grau und düster aus.