Fünftes Kapitel
Veit Galler, der Krämer, war diesmal nicht allein fortgezogen aus der Heimat. Den Florian Siegwein hatte er mit sich genommen und damit im Dörfl ein übles Gerede angerichtet.
Sie waren schlecht zu sprechen auf den Kramer Veit, im Dörfl. Schon deshalb, weil er so gottlos gewesen war und das schlechte Mädel, das Regele, von der Straße aufgeklaubt hatte und sie jetzt irgendwo versteckt hielt.
Darüber erzürnten sich die Leute recht. Denn wenn ein Mädel wie das Regele, das beinahe selber noch ein Fratz war, so spottschlecht sein konnte und ein Kind bekam, dann gebührte ihr die öffentliche Schande. Wohin sollte denn das führen, wenn man so ein Mädel auch noch in Schutz nahm und sie der Strafe entzog?
Aber natürlich, der Kramer Veit! Der wußte und verstand wohl alles besser, was sich schickte, als wie Kirche und Geistlichkeit! War völlig ein Luthrischer oder gar ein Heid' geworden, der Kramer, und war kein ordentlicher Christenmensch mehr.
Die Notburg bekam manche bissige Redensart zu hören, weil sie das Kind vom Regele aufgenommen hatte. So was gab nur böses Beispiel und munterte förmlich zur Schlechtigkeit auf. Konnte ja alle ledigen Kinder aufnehmen, die Notburg, wenn sie schon solche Freude am Kinderwarten hatte.
Das und ähnliches sagten ihr die Nachbarsleute offen ins Gesicht. Aber die Notburg war keine, der man bissige Reden ungestraft hinreiben durfte. Kräftig und derb entgegnete sie den höhnischen Angriffen, und die Weiber wunderten sich nur, wie die Notburg doch immer wieder fest zu ihrem Manne hielt. Jetzt noch mehr denn zuvor, erschien es ihnen.
Sie fand es offenbar ganz in der Ordnung, daß sich der Veit so warmherzig um das Regele annahm, und sie begriff es auch, was sie alle nicht begreifen konnten ... daß er nun gar auch den Florl noch aus der Heimat fortlockte.
Was der eigentlich mit dem Burschen in der Welt draußen anfangen wolle, fragten sie immer wieder und schüttelten bedenklich die Köpfe. Gelernt hatte der Florl ja nichts und konnte wohl kaum seinen Namen richtig zu Papier bringen. Daß das mit dem Florl und dem Regele auf keinen Fall ein gutes Ende nehmen würde, das prophezeiten sie einmal alle im Dörfl.
Dem Kramer Veit war es zunächst selbst ein Rätsel, was er mit den beiden jungen Leuten eigentlich beginnen sollte. Und als er damals kurze Zeit, nachdem er das Kindl auf seiner Kraxe ins Dörfl getragen hatte, zu dem Florl aufs Alpl hinaufgestiegen war und ihm getreu alles von dem Regele berichtet hatte, da fuhr er sich wohl ein über das andere Mal bedenklich mit der Hand durch das schüttere, graumelierte Haar.
Neben dem Wasserle auf einer Steinplatte waren die beiden gesessen und etwas abseits von den Almhütten. Eine Holzröhre, vom Alter völlig mit Moos bewachsen, leitete quellendes Brunnwasser, und leise murmelte es durch die Röhre, plätscherte dann geschäftig als Brunnen, ergoß sich über die holprigen Steine und formte sich dann zu einem Bächlein. Brunnkresse, tiefblaue Vergißmeinnicht und sattgelbe Dotterblumen wuchsen am Rande des Bächleins, das die Bergmahd durcheilend ins Tal hinabrieselte.
»So, Bua ... iatz woaßt es, wie's steht!« sagte der Veit und stierte ernst und mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. »Und daß du's Dirndl heiraten mußt ... dös wirst einsehen.«
Forschend und scharf beobachtend sah er auf den Burschen, der ihm zur Seite saß. In kurzen, abgetragenen Lederhosen und mit nackten Waden und Füßen. Ein weißes Hemd, das jetzt nicht mehr weiß, sondern schmutzig grau aussah, ließ vorn die Brust entblößt, die vom Sonnenbrand braunrot wie die Haut eines Indianers geworden war.
Auf dem Kopf saß keck herausfordernd ein spitzes Filzhütl, das einmal wohl schwarz gewesen sein mochte, jetzt aber grünlich schillerte. Eine kurze weiße Hahnenfeder schmückte das Hütl und erhöhte noch das verwegene Aussehen des Burschen.
Er machte entschieden einen verwilderten Eindruck, der Florl, mit seinem ungepflegten, vollen braunen Haar, den listigen Augen und dem krausen Spitzbart, der das feine, sonnverbrannte Gesicht umrahmte.
Wie er so dasaß, die nackten Beine vom Quell des Wassers spielerisch berieseln ließ und sich dabei eifrig immer wieder die Füße wusch, schien es, als machte die Rede des Kramers nicht den geringsten Eindruck auf ihn. Und doch war der Florl ganz bei der Sache und heilsfroh, als er hörte, daß das Regele am Leben war.
Es war ihm recht, daß der Veit das Kind als sein eigenes behalten wollte und daß er das Mädel im Inntal draußen in einer Wirtschaft untergebracht hatte. Für eine Basl hatte der Kramer das Regele bei den Wirtsleuten ausgegeben.
»A Tochter von a meiniger Basl ... die heiraten soll und halt aa gern no eppas lernen möcht' ...« log er der Wirtin vor. Er kannte sie schon seit vielen Jahren, und da er bei ihr stets ein guter Gast gewesen war, hielt sie große Stücke auf den Veit. Sie fragte auch gar nicht lange nach der Herkunft des Mädchens, und es genügte ihr, daß das Regele eine Verwandte vom Kramer Veit war.
Arbeitskräfte konnte man in einem Gasthaus immer brauchen, und besonders zu Sommerszeiten, wo man noch dazu am Feld draußen alle Hände voll zu tun hatte. Die Wirtin lud daher das Regele recht freundlich ein, nur dazubleiben und halt überall zuzugreifen, wo sie eine Arbeit sähe.
»'s G'wand vom Dirndl bring' i aft schon her, bald i wieder kimm!« versicherte der Veit, indem er der Wirtin die Hand zum Abschied hinreichte.
Er hatte es recht eilig, der Kramer, wieder zur Haustüre hinauszukommen und zu seiner Kraxe, die er abseits vom Hause hatte stehen gelassen. »Denn sonst hätt' am End' der kloane Sakra 's schreien ang'hebt ...« erzählte der Veit lachend dem Florl ... »und nachher war's aus und g'fahlt g'wesen bei der Wirtin ... woaß man wohl!«
Der Florl erklärte sich mit allem einverstanden. Gern wolle er ja das Regele heiraten, meinte er zögernd, aber ... und dabei stockte er und rückte unruhig an seinem Filzhütl und schaute nachdenklich hinüber zu den schwarzgrünen Wäldern in der Tiefe und zu den Bergen hinauf, die im Hintergrund der drei Hochtäler sich noch majestätischer aufbauten wie drunten vom Dörfl aus gesehen.
»Aber?« forschte der Kramer Veit und sah mit seinen runden, etwas hervorstehenden Augen scharf beobachtend auf den Burschen. Seine wulstige Oberlippe war weit über die gelblichen Zähne emporgeschoben, so daß es aussah, als lache er. Er lachte aber nicht, der Veit, sondern war ernst und nachdenklich, wie er sich jetzt mit seinen beiden Händen schwer auf den dicken Stock stützte.
»Koa Geld, was?« forschte er dann über eine Weile.
»Ja!« nickte der Florl und schlenkerte die braunen, nackten Füße spielerisch im Brunnenwasser hin und her.
Dann saßen sie beide wieder eine Weile schweigend, und der Quell, der sie trennte, murmelte und brodelte im Holzrohr. Der Kramer Veit saß weit nach vorn gebeugt und stützte das kurze, massige Kinn auf die Hände, mit denen er den Griff des Stockes umklammert hielt.
»Wann i dir aa a Geld leihen tat, damit dir eppas ankaufen kanntest ...« fing der Veit dann langsam zu reden an ... »ös derfets ja do nit heiraten. Seid's no viel zu jung ... ös zwoa ... saget die Gemeinde.«
Der Florl nickte leicht mit dem Kopf und kraulte sich bedenklich seinen Bart. Sagte aber kein Wort.
»So hab' i mir halt denkt, und hab's aa mit'n Regele abg'red't ... wann ös zwoa halt mit mir gangets ... in die Welt außi ... woaßt wohl?« Forschend sah der Kramer in das junge, etwas leichtsinnige Gesicht des Burschen.
»Hattest was dagegen, du?« frug er ihn dann, da ihm der Florl die Antwort schuldig blieb.
Der Florl schüttelte den Kopf. »Hab' nix einzuwenden dagegen!« meinte er und spielte unablässig mit den Füßen im Wasser herum.
»Also warst nachdem einverstanden damit?« frug der Kramer eindringlich. »Du und 's Regele geht's mit mir auf Micheli fort, und du heiratest aft 's Madel. Verstanden?«
»Und i heirat' aft 's Madel!« wiederholte der Florl, hörte mit dem Wasserplätschern auf, sah angelegentlich in die Luft, spitzte den Mund und stieß einen leichten Pfiff aus.
»Ja ... und ...?« Der Kramer runzelte mißtrauisch die breite, wuchtige Stirn. »Was paßt dir aft nit?« frug er barsch.
»Mir?« Der Florl schaute spitzbübisch auf den Kramer. »Mir paßt alles. Aber mei' Bauer ... was der eppar dazu sagt. Hab' nit aufg'sagt auf Micheli.«
»Ah so! Dei' Bauer!« machte der Kramer Veit. »Werd' halt i a Wörtl reden müssen mit dein' Bauer!« ...
Mit dem Dienstherrn des Florl hatte der Kramer Veit dann noch eine langwierige Auseinandersetzung. Er begriff nicht gleich, der Bauer, weshalb er so mir nichts dir nichts seinen Knecht außerhalb der üblichen Zeit sollte ziehen lassen. Schließlich gab er aber doch nach, weil der Kramer unermüdlich und in einemfort auf ihn einredete.
»Muaß halt an andern stellen, der Florl!« meinte der Bauer. »Aft mag er von mir aus schon giahn, der Hallodri! Hab' ihn sonst nit ungern g'habt. Hat aufs Viech aufpaßt und koan Arbeit nit g'scheucht. Hat aa eppas vom Kasen verstanden, der Florl!« lobte er den Burschen. »Hatt' ihm nia nit aufg'sagt, dem Buab'n ...« fügte er bedauernd hinzu und klopfte sich umständlich die Pfeife aus. »Nia nit aufg'sagt hatt' i ihm!« versicherte er nochmals eindringlich ...
»Also ... dös hätt'n wir glücklich bei'nander!« meinte der Kramer Veit zum Florl, als sich nun auch ein Ersatz für ihn gefunden hatte. »Jatz war'n wir so weit, und 's Madel braucht nimmer lang zu rear'n draußen, weil's so viel derweillang hat und ihr's gar so schiach dunkt im Tal unten!« sagte er breit und polternd. »Aber, mei' Florl ...« meinte der Veit dann in komischer Verzweiflung ... »was fang' i grad' mit enk zwoa an! Können tut's ja hinten und vorn nix als wia Lieder singen und a bissl Zither und Guitarr'g'spiel?«
»Sell aa!« meinte der Florl seelenruhig. »Und Heumachen und Misttragen und Kuhmelken und an Kas machen ...« zählte der Florl seine Fähigkeiten an den Fingern ab. »Ist dös weiter nix'n?« frug er lustig.
»Naa!« sagte der Kramer, sehr ernst werdend. »Dös ist nix. Kannst nit brauchen in die großen Städt' ... woaßt wohl! Aber enker Singerei und enker G'spiel, dös kann enk vielleicht a Geld einbringen, moanet i!«
Da riß der Florl vor lauter Verwunderung seine beiden Augen auf, so weit es nur anging. Und wußte nicht, ob bei dem Kramer Veit nicht doch am Ende ein Radl im Oberstübchen locker geworden sei.
»Dös Singen?« frug er, und nicht nur die Augen, sondern auch der Mund stand ihm jetzt sperrangelweit offen.
»Ja!« sagte der Kramer ernsthaft. »Dö Singerei. Habt's ja beide koane unebene Stimmen nit und könnt's wohl aa alle G'sanglen und Jodler, wie sie da herin bei uns der Brauch sein. Da könnt' völlig a bissel a Geld außer schau'n bei der Sach' ...« sagte er nachdenklich und gedehnt.
Und dann erzählte der Kramer Veit dem Florl, wie er in Amerika drüben oft vom Heimweh geplagt worden sei. »Woaßt ... und grad' wenn i so auf die Nacht unter dö ganz fremden Leut' in an Gasthaus g'hockt bin und dö so g'racht und g'soffen haben und manchmal aa in dera fremden Sprach' zu singen ang'hebt haben ... woaßt, Florl ... da ist mir grad' g'wesen, als müsset i aufspringen und ihnen mit der Hand 's Maul zuheben, damit sie nimmer singen können. Weil's alle mitanand koa anständige Stimm' g'habt hab'n und aa koan ordentlich's Liedl nit haben singen können. Und amal sein wir bei an Haar raufet worden. I und no a paar sölle Löder. Hab'n grad' g'sungen und schiach tan, bis i's nimmer ausg'halten hab' und g'sagt hab', sie soll'n 's Maul halten. Mei Lieber ... dös hattest sechen sollen, wie die aufbegehrt haben! I soll's besser machen, hab'n sie g'schrien ... wann i's könn', und sie wöll'n mir in Schädel einhau'n ... hab'n 's g'moant. I hab' mi weiter nit g'fürchtet vor'n Schädel einhau'n!« Der Kramer Veit fletschte die Zähne und reckte seine mächtigen Glieder. »Dö hatt'n schon Augen g'macht, bald sie mi angriffen hatten! Haben's aber nit tan. Sein viel zu viel b'soffen g'wesen dazu. Aber oans g'sungen hab' i ihnen. A Lied mit an Jodler drauf! Tuifel ... hab'n dir die Augen herg'macht! Nimmer auslassen haben's mi und mir grad' oa Glasl Wein und oa Glasl Schnaps ums andere eingeschenkt. Und alleweil hab' i wieder no oans singen müssen. Weil's ihnen grad' so viel gut g'fallen hat. Und nix hab' i zu zahlen brauchen denselbigen Abend. Der Wirt ist kommen und hat mi eing'laden, i soll ja fein g'wiß wieder kommen und aa eppas singen. Ja mei ...« Der Kramer Veit hielt mit seiner Erzählung inne und stieß kräftig seinen Stock in den steinigen Erdboden. »Wenn i dir sag' ... völlig a G'schäft hab' i dir mit der Zeit mit meiner Singerei g'macht. I hab's bald heraußen g'habt, daß sich dös umanand g'red't hat, und daß, bald i mit singen ang'hebt hab' ... die ganze Wirtsstuben voll Leut' g'wesen ist. Da bin i zum Wirt gangen und hab' g'sagt, daß i nix mehr singen tua, außer er zahlt mi dafür.« Der Veit grinste breit und schlau. »Ist weiter koa Arbeit nit g'wesen für mi ... dös glaubt's mir wohl. Hab's gern tan ... wenn i aa nit grad' an extra gute Stimm' g'habt hab' ... aber verdient hab' i ganz anständig dermit. Dös Jodeln hab'n 's halt gar so viel gern g'hört, dö Löder, dö ausländischen.«
Still und beinahe andächtig horchend war der Florl dagesessen und hatte den Kramer Veit mit keinem Worte unterbrochen. Die beiden saßen wieder auf der Steinplatte und hatten den murmelnden Brunnen zwischen sich.
Leise und gleichmäßig sprudelte das Wasser aus der Röhre und plätscherte dann als fröhlicher Bach über die Bergmahd ins Tal hinab. Abseits grasten die Kühe, und etliche lagerten im Gras und kauten blöde und bedächtig ihre Mahlzeit wieder.
Die Melcher von den Nachbarasten gingen ihrer Beschäftigung nach. Lautlos war der Gang der nackten Sohlen, deren Haut schmutzig war und kräftig und gelb wie gegerbtes Leder. Sie bekümmerten sich nicht viel um den Kramer Veit, der jetzt schon öfters heraufgekommen war, den Florl aufzusuchen. Und was die beiden gar so eifrig zu diskurieren wußten, das würden sie schon noch bald genug erfahren ...
Die Perlmoser Vef lachte aus vollem Halse, als man die Sache eines Abends beim »hoangarten« besprach. Jetzt war's ja aufgekommen, weshalb der Kramer Veit zum Florl aufs Alpl gekommen war. Der Florl sollte mit ihm gehen, das Regele heiraten und im Amerikanischen drenten Tiroler Lieder singen. Völlig nimmer halten konnte sich die Vef vor lauter Lachen!
Sie saßen wie immer alle versammelt, die Leute von den fünf Asten, und warteten im Abenddämmer auf die Dunkelheit der Nacht. Alle kamen sie herüber zu den Perlmoserischen und saßen dort auf der langen rohgehobelten Bank vor der Türe. Ein ungewöhnlich dickes Brett war diese Bank, über ein paar große Steine gelegt und knapp neben der Eingangstüre, die nieder und rußgeschwärzt in die Küche führte.
Ein kleines Holzgitter schloß die Küche ab, und auf der andern Seite der Türe war eine runde Öffnung in den Holzbalken der Wand angebracht. Da floß, von dem Innern der Küche hergeleitet, Trank für die Schweine in den Trog, der an der andern Seite neben der Türe stand.
Lieblicher Geruch von saurer Milch und Schweineduft durchtränkte hier die Luft. Grunzend umstanden feiste Mutterschweine den Trog, so gierig nach Futter, daß sie nicht nur den Rüssel, sondern auch die Vorderpfoten hineinsteckten. Ängstlich quieckten die Jungen nebenher und schrien, wenn ein ungeschickter Tritt der Mutter sie traf. Dann ringelten sie die Schweifchen und rannten im Kreislauf und quietschend davon. Und Schlamm und Kot bedeckte den etwas sumpfigen Erdboden vor der Aste.
Auf Holzpfosten gebaut, stand die Hütte da. Wie ein Tier, das seiner Hinterfüße beraubt ist, stand sie da und spreizte plump und ungeschickt die Beine. Lehnte sich mit dem Schindeldach, das mit großen Steinen beschwert war, an die Bergmahd, und große Felsblöcke, welche die Form von spitzigen Bergen hatten, lagen im Gras und drohten die kleine Almhütte einzudrücken. Von vorn aus gesehen, standen diese Almhütten förmlich in der Luft. Wenn man sich etwas bückte, dann konnte man ganz bequem darunter herumgehen.
Es war eine recht kleine Hütte, die Aste von den Perlmoserischen. Gleich über dem Erdgeschoß hing das Dach herunter, und eng und nieder war die rauchgeschwärzte Küche mit dem offenen Herd. Ein viereckiger Tisch stand in einer Ecke, und zwei winzige Fensterchen, die nicht größer waren wie Taschentücher, ließen einen Blick tun hinüber in die Alpenwelt der Hochtäler.
Von der Küche führte eine Tür, die nur schlecht in den Angeln saß, in einen ganz engen Raum. Ein Verschlag war es und hatte nur eine einzige Fensteröffnung. Da schliefen die drei Perlmosermädeln, und da hatte auch das Regele geschlafen, wenn sie mit am Alpl war.
Sie schliefen auf Strohsäcken und ohne Bettstatt. Kein Federbett war vorhanden, nur ein buntüberzogener Polster und eine grobe Decke. Aber sie verlangten sich gar nicht mehr, die Dirndln, und es kam ihnen vor, als könne man in Gottes weiter Welt nirgends einen so köstlichen Schlaf haben wie hier oben am Alpl ...
»Daß es grad' a so eppas Narrisches aa geben kann!« lachte die Vef ausgelassen, als die Rede von dem Florl und dem Regele ging. »Der Kramer Veit muß döcht a halbeter Narr sein ...« meinte sie ... »daß er auf so a Idee überhaupts kimmt. Der Florl und singen! Und dös Grispele dazu. Das Regele! Daß dös grad' möglich ist!« wunderte sich das Mädel. »Dö Amerikaner werden herschaug'n, wenn dös Grispele ang'ruckt kimmt!« spöttelte die Vef boshaft. Völlig nimmer genug tun konnte sie sich, so gut gefiel ihr der Spaß.
»Aber a Stimm' hat sie weiter a gute! Da gibt's nix'n nit einzuwenden dagegen!« verteidigte die Julie, die neben der Vef auf der Bank saß, das Regele.
Die Julie war die jüngste Schwester der Vef und gleichfalls groß und üppig gewachsen, obwohl sie erst sechzehn Jahre zählte. War ein kerngesunder Schlag, die Perlmoserischen. Hellblond und rosig sah die Julie aus und hatte große blaue, etwas ausdruckslose Augen. Sie war bei weitem nicht so hübsch wie die Vef, schien aber viel sanftmütiger und gutmütiger zu sein als diese.
»Dös hab' i aa ... a gute Stimm' ...« erwiderte die Vef verächtlich. »Grad' a so gut wie 's Regele!«
»Muaßt halt aa mit ummi giahn auf Amerika!« neckte einer, der Melcher, ein sehniger, älterer Knecht, der in kurzen Hosen und schmutzig färbigem Hemd auf der niedern Holzbank zwischen den beiden Mädchen saß. »Könntest dir eppar an Haufen Geld verdienen ...« witzelte der Knecht weiter, streckte die nackten Beine, die vom Stallschmutz förmlich starrten, weit von sich, lehnte den Kopf behaglich an die braune Balkenwand der Hütte und stützte die Hände kreuzweise darunter. Dann gähnte er ein über das andere Mal laut und herausfordernd. »Uaah!«
»Ja, und du kannst nachher als Gockel mitgiahn ...« neckte die Vef zurück. »Weil du überhaupt koa Stimm' nit hast!« fügte sie schnippisch hinzu. »Leicht tragt dös no mehra Geld ein, dös Krahen!«
»Kunnt leicht sein!« mischte sich nun der Wastl in das Gespräch ein. »Wann oans gar a so schiach tut ... wie du ...« Der Wastl konnte halt das Necken nicht bleiben lassen, und wenn er nur eine Gelegenheit hiezu fand, nützte er sie auch weidlich aus.
»Du ...« warnte der Angegriffene. »Gelt, woaßt schon ...!« Boshaft schielten die kleinen Augen auf den jungen Burschen.
»Mir scheint, der Stanis hat eppar schon z' lang nimmer g'rafft!« sagte da die Rosina sehr ruhig mit ihrer dunklen, weichen Stimme.
Das sagte sie, weil der Stanis so ab und zu einmal ganz gerne einen Streit vom Zaune brach, um dabei seine überschüssige Kraft auszulassen.
Der Stanis war schon ein guter Vierziger, war klein und mager und über und über im Gesicht und am Körper haarig wie ein Aff. Aber er hatte Muskeln, die so sehnig waren wie Stricke, und die lederfarbige Haut spannte sich straff über die groben, herausgearbeiteten Muskeln. Sein dunkles, schmales Gesicht war gefurcht und so hart wie aus Holz geschnitzt. Die kleinen schwarzen Augen hatten die Schärfe eines Adlers und zeugten von einem ungewöhnlich heftigen Temperament.
Dieses Temperament mußte ab und zu einmal zum Durchbruch kommen, und wenn es den Stanis besonders juckte, dann stieg er vom Alpl herunter ins Tal, ging ins Wirtshaus und soff sich einen tüchtigen Rausch an.
Ohne Rauferei lief die Sache dann niemals ab, und der kleine, sehnige Melcher blieb fast immer Sieger, auch wenn er seine Kraft mit den stärksten Burschen messen mußte.
So kam es, daß der Stanis weitum als Raufer gefürchtet war, und die Burschen am Alpl vermieden es für gewöhnlich, ihn aufzuziehen. Sie mochten ihn aber sonst gerne leiden, den Stanis; denn er konnte wie kein zweiter Witze erzählen und boshafte Bemerkungen über andere machen. Im Schuhplatteln war er allen über, sogar dem Florl und dem Wastl, und er entwickelte in diesem Tanz eine fast affenartige Behendigkeit.
Der Florl kam jetzt meist erst später zu den abendlichen Versammlungen vor der Almhütte der Perlmoserischen und blieb nie lange. Er wußte, daß es ohne kleine Anzüglichkeiten wegen seiner G'spusi mit dem Regele nicht abging. Das liebte der Bursch nicht sehr und vermied es daher, länger als nötig mit den andern zusammen zu sein.
»Könnt' mir einfallen, daß i mit auf Amerika ging'! Gang' mir grad' ab und a Loch im Kopf. Sischt nix!« sagte da die Perlmoser Vef, um die beginnende Plänkelei zwischen dem Stanis und dem Wastl abzulenken. Sie wußte, daß sich der Wastl schon einige Male eine blutige Nase vom Stanis geholt hatte. »I woaß mir eppas besser's!« fuhr sie fort und sah auf das halbe Dutzend Mannderleute, die um die Hütte herum lagerten. Teils hockten sie auf Steinern, teils standen sie auch an die Balkenwände der Hütte angelehnt. Nur mit Hose und Hemd waren sie bekleidet, und das Hemd hing lose wie eine Bluse, da es durch keinen Gurt oder Hosenträger eingeengt war. »Soll'n ja all's Heiden sein, dö Amerikaner!« fügte die Vef verächtlich hinzu.
»Ja ... und die Madeln tian sie als Sklaven verkaufen!« erzählte der Wastl wichtig. »Oaner hat's amal verzählt im Dorf draußen. Dersell' hatt's als ganz g'wiß wahr in an Buach g'lesen.«
Sie waren dem Florl und dem Regele gar nicht neidisch, die Leute vom Alpl heroben. Nur die Rosina vielleicht, die hatte eine unbestimmte, leise Neugierde. Sie hätte ganz gerne gewußt, wie es in dem fremden Lande eigentlich aussah, aber sie hütete sich, irgend etwas von dieser Neugierde verlauten zu lassen, aus Furcht, von den übrigen ausgelacht und verhöhnt zu werden.
Die Rosina war die mittlere der drei Perlmoser Mädeln und so grundverschieden von ihren beiden Schwestern, als ob sie gar nicht zu ihnen gehört hätte. Schon allein ihrem Äußern nach.
Groß und schlank gewachsen war sie und hatte die tiefbraune Farbe einer Zigeunerin. Weich und samtartig war der Teint ihres feinen, ovalen Gesichtes, das verschlossen und streng schaute. Tiefrote Wangen und ein brennroter kleiner Mund, über dessen vollen Lippen der matte Schatten eines Schnurrbärtchens sichtbar war. Die kräftigen, schwarzen Brauen stießen an der Nasenwurzel zusammen, und die dunklen, nicht sehr großen Augen schauten finster, leuchteten aber strahlend auf, wenn die Rosina, was selten genug geschah, einmal lachte. Die schwarzen Zöpfe waren viel zu schwer und massig für den feinen Kopf und drückten die niedere Stirn wie eine Dornenkrone.
Die Rosina saß meist schweigend da und beobachtete. Hielt auch nie viel Freundschaft mit ihren Schwestern, war aber gleich diesen eine tüchtige Arbeitskraft.
Ohne seine drei Mädeln hätte sich der Perlmoser recht schwer getan. Sie schufteten wie Knechte, so daß er es jetzt wenigstens etwas leichter hatte und an seiner drückenden Schuldenlast abzahlen konnte. Bis dann die kleineren Buben herangewachsen waren. Dann würde es auch wieder besser gehen ...
So oft die Sprache von der bevorstehenden Abreise des Florl ging, beschlich den Wastl immer ein leises Unbehagen. Er konnte es sich selbst nicht erklären, weshalb. Auch wenn die Vef noch so übermütig darüber spottete und witzelte, sah er ihr doch immer nur mit Angst in die Augen, als traute er ihr nicht so ganz.
Er wußte, daß es um Haus und Hof beim Perlmoser schlecht stand, und daß der Bauer wiederholt schon hatte alles aufbieten müssen, um sein Anwesen vor der Gant zu bewahren. Wäre also gerade kein Wunder gewesen, wenn sich die Vef ins Ausland hätte locken lassen ...
Einmal, da nahm sich der Wastl ein Herz und stellte die Vef zur Rede. Das war, wie die Perlmoser Mädeln oben am Alpl mit der Grummetmahd fertig waren und wieder auf etliche Wochen hinunter mußten auf den Hof.
Die Julie und die Rosina waren schon vorausgegangen. Die Vef aber stand, den plumpen, unförmlichen Korb auf dem Rücken, vor der niedern Hüttentüre und sah recht angelegentlich ins Tal hinab. Das tat sie zum Schein, denn in Wirklichkeit hoffte sie, daß sich der Wastl noch blicken lassen würde, um von ihr Abschied zu nehmen.
Wenn auch die Vef manchmal recht barsch zu dem Burschen war, heimlich hatte sie ihn lieb. Sie ließ es ihn aber nicht merken, daß ihr keiner von allen Burschen so gut gefiel wie gerade der Wastl.
So oft auch einer sich dem Mädchen genähert hatte und mit ihr anbandeln wollte, sie hatte bis jetzt immer einen jeden abfahren lassen. Lachte die Burschen aus auf ihre übermütige Weise und ließ sich mit keinem ein.
Der Wastl wußte es nie so recht, wie er eigentlich mit der Vef daran war. Tat er ihr schön, so gab sie ihm eine schnippische Rede, und wenn er sie dann einige Tage nicht beachtete, dann führte sie geschickt ein Gespräch mit ihm herbei und war fein und gefügig wie ein Lamberl. So daß der Wastl wieder dreister wurde und von Liebe sprach. Holte sich aber dann sofort wieder eine tüchtige Abfuhr von ihr.
»Daß du di grad' nit schamst!« sagte das Mädel dann herrisch. »I sag' dir's do alleweil, was i denk. Oaner, der umadum nix ist und nix hat ... den mag i nit. Und iatz erst recht nit, weil i wieder dös Unglück siech mit'n Regele.«
Vor zwei Tagen erst war die Vef mit dem Burschen wieder recht abscheulich gewesen und hatte es erreicht, daß der Wastl innerlich recht niedergeschlagen und zerknirscht ihr auf Weg und Steg auswich. Jetzt aber, da es zum Fortgehen war, stand die Vef schon weit über eine Viertelstunde vor der Hütte und wartete auf den Wastl. Vielleicht würde er doch noch kommen, um ihr ein liebes Wörtl zu sagen.
Der Wastl hatte aber doch auch seinen Stolz und war trotzig und kam nicht. Heimlich beobachtete er sie aber mit gespannter Aufmerksamkeit. Stand auf dem Heuboden der Tenne, die hinter seiner Aste etwas erhöht gelegen war, und spähte durch eine Holzritze. Wandte kein Auge von ihr, und das Herz hämmerte und pochte und war ihm schwer.
Das Warten dauerte dem Mädel nun doch zu lang. Jetzt ging sie, langsam und bedächtig. Ohne Hut und ohne Kopftuch. Der dunkle, farblose Rock war hochgeschürzt, so daß man den grellroten Unterrock sah und die weiße Haut der bloßen Füße. Kräftig und voll setzte die Wade an, und beim Gehen wiegte sich die üppige Gestalt weich im elastischen Schwung.
Die Sonne sandte noch die letzten Strahlen auf die hellblonde Haarkrone des Mädchens und ließ sie im goldenen Glanze schimmern. Etwas wie Enttäuschung spiegelte sich in dem hübschen, rosigen Gesicht ab. Hatte sie den Wastl nun wirklich endgültig vertrieben? Das hatte er doch noch nie getan und wenn sie noch so garstig zu ihm gewesen war. Zum Abschied war er immer gekommen und hatte ihr treuherzig in die Augen geschaut.
Es lag etwas rührend Gutes in diesen Augen und erinnerte an den demütigen Ausdruck eines treuen Hundes. Gerade diese großen, dunklen Augen des Burschen, die so schwärmerisch schauen konnten, waren es, die der Vef so gut gefielen.
Die Vef mußte an der Aste des Wastl vorbeigehen, ehe sie zu dem Abstieg kam. Vielleicht steckte er doch da drin verborgen und kam dann zu ihr heraus.
Das Mädel mit dem leeren Rückenkorb ging nun, den einen Arm lässig in die Hüfte gestemmt, langsamen Schrittes an der Aste vorüber. Sprang, als sie zu dem sumpfigen Morast kam, der jede dieser Hütten schmückte, gewandt von Stein zu Stein, die spitz und nicht groß herumlagen und einen Fußweg darstellen sollten, auf dem man halbwegs trocken gehen konnte.
Geradeaus sah das Mädel, den blonden Kopf verächtlich erhoben und die vollen Lippen leicht zum Gesang geöffnet. Ein Liedchen summte sie vor sich hin und hatte keinen Blick für die Hütte, in der sie den Wastl vermutete.
Als die Vef schon ein ziemliches Stück zurückgelegt hatte, litt es den Wastl nicht länger in seinem Versteck. Behend wie eine Gemse kletterte er über die steile Leiter, die von außen angelehnt zum Heuboden führte und bei jedem Tritt, den er tat, ganz gefährlich wackelte. Von rückwärts kletterte er, sich mit den Händen an den Spreißeln haltend, und dann sprang er bloßfüßig und ohne Kopfbedeckung dem Mädel nach. In wenigen Minuten hatte er sie eingeholt und rief sie an.
Die Vef blieb stehen und tat verwundert. »Ah ... du bist's?« machte sie dann gleichgültig. »I hab' mir denkt, du bist mit'n Stanis auf Streb (Streu) aus?«
»I geh' aft schon!« sagte der Bursch, von ihrem kühlen Ton schon wieder abgeschreckt. »Hab' dir lei B'hüat Gott sagen wollen.«
Die Vef reichte ihm die Hand hin. »Also, Pfiat Gott nachher und wohlaufleben!« sagte sie gleichgültig. Der Wastl hielt ihre Hand fest in der seinen.
»Sag', Vef ...« bat er dann und senkte den Blick scheu zu Boden ... »aber sag' mir's auf Ehr' und G'wissen, wia's eigentlich steht. I halt' das einfach nimmer länger aus!« stieß er gequält hervor.
»Was soll i dir sagen? Daß was steht?« frug die Vef resolut.
»I moan ... i will sagen ...« stotterte der Wastl ... »du sollst mi nit a so schinden, Vef!« brach er los und fuhr sich mit der Hand über die heiße Stirn.
»I?« heuchelte die Vef verwundert. »I schind' di ja nit. Bist wohl völlig ganz rapplig worden, moan i!« spottete sie dann.
»Naa, no nit. Aber es könnt's oaner schon no werden mit dir!« sagte der Wastl kleinlaut.
Das Mädchen tat, als verstünde sie ihn nicht, und schüttelte lachend den Kopf.
»Jatz sag' mir grad' amal, was du eigentlich willst von mir!« befahl sie und entzog ihm mit kräftigem Ruck ihre Hand, die er noch immer festhielt.
»Gern hab' i di ... Madel ...« preßte er gedrückt hervor und wischte sich mit dem Ärmel seines dunkelfärbigen Hemdes über die feuchte Stirne. »Gern ...«
»Ja ... und von der Liab alloan wird man nit fett!« unterbrach sie ihn grausam.
Da sah der Wastl auf und sein weher Blick aus seinen großen, ausdrucksvollen Augen traf sie ins Innerste. Etwas wie Mitleid regte sich in ihr und ließ sie sanfter werden.
»Bist ja a dummer Bua ...« fügte sie leise hinzu. »Wia oaner nur a so dumm sein kann!«
»Also, magst mi do a bissl, Vef?« frug der Wastl mit leiser Hoffnung.
Die Vef schob die vollen Schultern gleichgültig in die Höhe.
»Was nützet's aa, wenn i di möcht'?« frug sie zurück. »I hab' dir's ja oft und oft schon g'sagt. Zu nix Guten tat' das amal nit führen. Kannt' sein, daß es mir ging' wia 'n Regele!« Hart preßte sie den vollen, sinnlichen Mund zusammen und schaute dem Burschen ernst in die Augen. »'s ist besser a so, Wastl ...« sagte sie jetzt weich ... »Besser für mi und aa für di!«
»Vef?« Der Wastl hielt jetzt beide Hände des Mädels umklammert. »'s hoaßt, du habst den Glöschl Hias abg'wiesen. Ist das wahr?«
»Ja!« nickte sie. »I mag ihn nit.«
»Und hätt' do a Güatl unten im Dorf ...« sagte der Wastl sinnend, und seine tiefe, volle Stimme klang weh und bitter. »Kann vier Küh' halten und an Ochsen ...« preßte er hervor.
»Von mir aus!« sagte die Vef. »Von mir aus zwölfe! I mag'n nit!«
Da leuchtete es in den Augen des Burschen auf.
»Vef! Auf Ehr' und G'wissen! Hast an andern gern?«
»Geht's di was an?« frug sie scharf zurück und wollte sich gewaltsam von seinem festen Griff befreien. »Lass' mi ... du ...« gebot sie energisch.
»Naa, Vef. No nit!« stieß der Wastl hervor. »I will die Wahrheit wissen!«
»Und nachher?«
»Nachher ...« Der Wastl schöpfte tief Atem. »Nachher ... nachher sag' i mein' Dienst auf und ...«
»Und?«
»Und geh' ins Tal außi, so weit i derkimm ... grad' fort von da, damit i di nit alleweil siech!« preßte er heiser hervor.
»So!« Hart kam das Wort aus dem hübschen Mund des Mädels. »Aft gehst, bald es da nit aushalten kannst!« stieß sie zornig hervor und stampfte mit dem Fuß auf. »Lettfeig'n, elendige!«
Ihr Zorn machte ihn kühner.
»Aft ist's dir nit recht, Vef ...« jubelte er auf. »Aft soll i bleib'n ...«
»Geh'!« wiederholte sie ... »wenn di g'lustet. I brauch' di nit.«
»Nit?« Zweifelnd sah er ihr in die Augen und wurde auf einmal ganz zuversichtlich ... »Schau, Vef ... wann du mi grad' a kloans ... kloans bissele gern haben könntest ... i moan, i wisset an Ausweg, daß wir zwoa do z'sammenkömmen taten!« sagte er bittend.
»Möchtest amend gar aa auf Amerika ummi?« spöttelte sie schon wieder.
Der Wastl schüttelte den Kopf. »Sell war' nix für mi!« sagte er schwerfällig. »Könnt' mi nit entschließen dazu. I g'hör' in die Berg' und du aa ... Madel!« fügte er warm hinzu. »Hab' alleweil an Zweifel g'habt in die letzten Wochen, ob's di nit do amend ansiecht, dö Sach' ... ob du ...«
Die Vef ließ ihn nicht ausreden, sondern lachte ihm hellauf ins Gesicht.
»A so a Tolm ... a narreter. Ich sag's do alleweil, daß i nit narrisch bin.«
»Ah nit?« machte der Wastl erleichtert.
»Naa. Aber schon gar nit. Hast mir iatz no a sölle Verrucktheit zu sagen? I muß iatz hoamgiahn!« sagte sie barsch.
»Zu sag'n hatt' i freili no eppas ...« kam es langsam über die Lippen des Burschen. »Kann ja a Stückl mit dir giahn, wann's dir recht ist?«
»Von mir aus.«
So gingen die beiden jungen Leute die steile Berghalde hinunter dem Perlmoserhof zu, der drunten im Tälchen stand. Die sinkende Sonne leuchtete im feurigen Schein über die Bergspitzen der drei Hochtäler und übergoß die Gletscher mit ihrem rosenroten Licht.
Da sprach der Wastl von dem Plan, den er in seinem schlichten Sinn ausgeheckt hatte. Und bei jedem Wort, das er sagte, wurde ihm leichter und freier ums Herz.
»Siegst, Vef ... wann du mi wirklich gern haben könntest ... grad' a bissele ... i moan, i könnt's do machen, daß wir a Hoamatl kriagen taten, wir zwoa!« sagte er weich. »War' freilich nur a kloanwinzig's Gütl ... aber a Hoamatl war's döcht. Und siegst, Madl ...« fing er dann über eine Weile wieder zu reden an, da ihn die Vef mit keiner Silbe unterbrochen hatte ... »die Sach' ist a so. A Bruder von meiner Mutter's Vater, dersell', der Göd (Taufpate) zu mir g'standen ist ... der hat a Güatl. Ist an oanschichtig's Mannsbild und ist aa alm a bißl oanzoachet g'wesen. In der Gungl enten hat er's Güatl. Ganz weit hinten, wo man sich im Winter völlig nimmer halten kann vor lauter Schnee und Eis. Bist schon amal drein g'wesen in der Gungl, Vef?«
»Naa.« Die Vef schüttelte verneinend den Kopf, und ihre stets lachenden blauen Augen bekamen einen ernsten, weichen Schimmer. »Einig'sechen hab' i wohl oft in die Gungl ...« sagte sie sinnend. »Man sieht ganz gut eini vom Alpl droben.«
Der Wastl nickte. »Ja!« bestätigte er. »Aber in dö Gegend kannst nit sechen, wo's Güatl ist. Dös liegt no tiefer drein im Tal. Völlig in a Schlucht ist's drein, und wia auf der Alm schaut's dir aus da drinnen!« berichtete er weiter.
»Dös machet nix!« kam es leise über die Lippen des Mädchens.
»Gelt, nit?« frohlockte der Bursch und faßte nach der Hand des Mädels. »Gelt, a Hoamatl war's döcht?«
Ernst sah das Mädchen vor sich hin.
»Moanst, er übergibt's ... dei' Göd?«
»Wann i zu ihm geh' und 's ihm derklär' und sagen könnt', wia's steht zwischen uns zwoa ... könnt' sein, daß er's tat'!« meinte er langsam und schwerfällig. »Und i wollt' arbeiten und schaffen, und nix war' mir zu viel von der Fruah bis spat. Wann i di nur hätt', Vef!« versprach er schlicht und innig.
Nun gingen die beiden ein großes Stück des Weges bergab, und keines sagte ein Wort. Unten sah man schon die grünen Wiesen des Tälchens liegen und den schwarzgrünen Fichtenwald, der es fast wie ein Kranz umsäumte. Hand in Hand gingen sie, und es geschah zum ersten Mal, daß die Vef den Druck des Burschen warm erwiderte.
»Wann i amal wissen tat, wohin i g'höret, aft hatt' i nix dagegen ...« brach das Mädel dann das Schweigen. »Wann's aa no so kloan war' 's Hoamatl ...«
Da konnte sich der Wastl nimmer halten. Ganz wild war er vor lauter Freude.
»Also, hast mi do gern, Madel?« Er schrie die Frage jubelnd heraus, so daß das Echo von den Felswänden des Berges widerklang.
»Freilich hab' i di gern!« lachte die Vef jetzt und zeigte ihre weißen Perlenzähne. »Moanst, i hätt' sonst den Glöschl Hias abg'wiesen? Ist ja a feiner Mensch her.«
»Aber i bin dir der lieber, ha?« Der Wastl wartete die Antwort gar nicht erst ab. Schaute in die strahlenden Augen des Mädels, die innig und verheißungsvoll aufleuchteten.
»Madel ... Madel ...« stieß er hervor und zog sie kräftig in seine jungen, starken Arme und küßte sie.
Freilich, der Korb, den sie am Rücken trug, bildete ein großes Hindernis für seine stürmischen Gefühle. Der mußte fort. Die Vef war damit einverstanden, daß er ihr den Korb vom Rücken nahm und im weiten Bogen gegen das Tälchen hinabwarf. War mit einem Male ganz gefügig, die Vef, und duldete es sogar, daß der Wastl sie ganz gehörig abbusselte. Sie setzte sich sogar zu ihm hin ins Gras und schmiegte sich fest und weich in seinen Arm.
»Hab' di ja alleweil gern g'habt, du Bua, du deppeter! Grad' verstanden hast mi nit!« gestand sie ihm dann. »Und daß i dir's glei' sag'. Es bleibt beim busseln ... verstehst mi? Bis wir verheirat' sein und dei' Göd übergeb'n hat. Jetzt weißt es.«
Ganz resolut war sie nun wieder und so ernst, daß sich der Wastl nimmer getraute, ihr noch ein Bussel zu geben. Da lachte ihn das Mädel mit ihren strahlenden blauen, übermütigen Augen an. Schlang ihren vollen, weichen Arm um seinen Hals und preßte ihren Mund innig und heiß auf den seinen.
»I bin ja so froh, wenn i di kriag ... Wastl ... so froh ...« flüsterte sie.
Und lange ... lange saßen die zwei jungen Menschenkinder im Abenddämmer und hielten sich fest umschlungen. Bis dann die Mondsichel silbern am Firmament stand und weißer Nebeldunst vom Tal herauf zu den Bergen stieg. Da erst trennten sie sich, die Vef und ihr Wastl.