Sechstes Kapitel
War das ein jauchzendes Glück in dem kleinen Berghöfl in der Gungl! Drei Jahre hausten sie nun schon da, der Wastl und die Vef und zwei kleine halbnackte Kinderchen strampelten in der engen Stube, quietschten vergnügt und gaben der Vef alle Hände voll zu tun.
Glückselig lachte die Vef und sang und schmetterte ihre Lieder hinaus in die Alpenwelt. Sie schaffte und arbeitete und küßte dann wieder die kleinen nudeldicken, blonden Buben. Und jeder Tag erschien ihr zu kurz für das große Glück, das sie genoß. So schön war's auf der Welt und so herrlich hier hinten im Tal und in dem engen Hüttl, das ihre Heimat geworden war.
Der Wastl arbeitete wie ein Ackergaul für Weib und Kinder und hatte keinen anderen Gedanken wie sein junges Weib. Und hohe Zeit war es nun wieder, daß das zweite Kindl aus der alten, wurmstichigen Holzwiege kam; denn das dritte hatte schon seine Ankunft angekündigt, und wenn's mit der Verliebtheit dieser beiden jungen Leute so weiter ging, dann konnte das kleine Hüttl bald nicht mehr den reichen Kindersegen fassen.
Sie hatten noch etliche Jahre aufeinander warten müssen, die Vef und der Wastl. Sie seien noch zu jung zum heiraten, hatte die Gemeinde erklärt; denn so junge unerfahrene Menschen läßt man nicht heiraten. Die hausten meistens schlecht, brächten ihr Besitztum herunter und fielen dann der Gemeinde zur Last.
Das konnte man nicht dulden, und deshalb mußte die Liebe der beiden noch ein wenig gebändigt werden. Bis der Wastl mündig geworden war ... dann erst übergab ihm der Göd das Gütl und ging in den Austrag.
Es hatte viel Überreden gebraucht, bis sich der alte Mann dazu verstand. Aber schließlich, alt war er ja genug und auch nimmer ganz fest mit'n G'sund. Der Winter war hart, rauh und lang in der Gungl drinnen, und wenn man da jemand bei sich hatte, der einem ein bissl Arbeit abnahm und auch ein bissl auf einen schaute, so wäre das gerade ja auch nicht zu verachten, dachte er schließlich bei sich. Aber bis so ein Bauer die Herrschaft über sein Reich ... und wenn es auch noch so klein und unansehnlich ist ... aufgibt, braucht's einen gar gewaltigen Entschluß.
Als der Wastl das erste Mal zu dem Göd kam, um ihm sein Anliegen vorzutragen, hatte er nur geringen Erfolg.
Der Göd war ein großer, hagerer Mann. Schier Haut und Knochen war der Alte und gemahnte an einen starken Baum im Hochwald, dessen Mark verdorrt war. Aber die Knochen waren stark und die Adern straff wie Stricke. Sein Gang war steif, denn die Beine wollten sich nicht mehr recht in den Gelenken abbiegen. Der Rücken senkte sich leicht nach vorne, aber der Göd hielt ihn mit aller Kraft aufrecht.
Er ließ sich nicht so leicht unterkriegen von der Last der Jahre, der alte Mann! Eisgrau war der Kopf, schmal und knochig, und eine gewaltige Adlernase ragte kühn aus dem scharfgefurchten, bartlosen Gesicht.
Die kleinen hellen Augen lagen tief in ihren Höhlen, sahen aber scharf wie die Augen eines Adlers. Und mit diesen scharfen Augen schaute der Alte jetzt streng und abweisend auf den Wastl, der bittend zu ihm gekommen war.
»Kannst nit warten, Bua ... bis i hin bin?« frug er mit seiner heiseren Stimme, die davon zeugte, daß der Göd mit 'm G'sund nit ganz richtig war. »Aft kriagst alles. Bist ja mei' Godlkind!« fügte er hinzu.
Der Wastl zog den Kopf ein und schaute gedrückt zu Boden.
»Dös kann aa no zwanz'g Jahr' sein!« meinte er. »Und 's Madl ...«
»Mei! 's Madl!« machte der Alte verächtlich. »'s Madl! Dös heirat' halt derweil an andern.«
»Dös soll sie aber nit!« brach der Wastl leidenschaftlich aus. »Dös derleid' i nit.«
Der Alte im derben, schäbiggrauen Lodenrock mit den plumpen, bodenscheuen Hosen und unförmlichen Holzschuhen, saß eine Weile beobachtend neben dem Burschen auf der Ofenbank der kleinen Stube. Die flache Hand stützte er schwer auf die Bank, weil ihm das Aufrechtsitzen hart ankam. Den grünlich schwarzen, spitzen Filzhut hatte er fast bis über die Augen gerückt, und das rote Halstüchl, das er lose um den dürren, adrigen Hals geschlungen trug, schien ihm auf einmal viel zu eng zu werden. Sein zahnloser Mund mit den farblosen Lippen zitterte leicht und unaufhörlich.
»Dös derleidest nit!« wiederholte der Göd über eine Weile und machte sich an seinem Halstüchl zu schaffen. »Dös derleidest nit!« brummte er ein paarmal leise vor sich hin. »Ah a so! Wohl nit!« machte er dann nachdenklich.
»Naa.«
Langsam und bedächtig nickte der Alte mit dem zittrigen Kopfe. Dann meinte er schwerfällig: »Unseroans hat aa manches nit derlitten. Unseroans! 's ist aber aft do aa gangen. Guat ist's gangen. Recht guat!« wiederholte er.
»Göd!« Gequält sah der Bursch dem Alten in die Augen, die ihn mit einem Male hart und grausam dünkten. »Seid's iatz an alter Mann, Göd! Und könnt's Euch leicht nimmer vorstellen, was a junger empfindet. Wenn oan a Madel alles ist auf der Welt. Himmel und Herrgott und ...«
Da hob der alte Mann den Zeigefinger seiner knochigen rechten Hand warnend in die Höhe. So steif und ungelenk war der und zitterte bedenklich.
»Tua nit freveln, Bua!« warnte er. »Der Herrgott ist mehrar wia a Weib! Tua nit freveln! Nit freveln!« wiederholte er mit seiner heiseren Stimme. Aber dann gab er doch wenigstens seine Einwilligung, daß der Wastl die Vef zu ihm bringen durfte.
»Magst sie schon bringen, dei' Madl ...« meinte er, etwas weicher gestimmt. »Anschaug'n kann i sie ja. Aber das sell sag' i dir glei' ... deswegen übergib i no lang nit. Und wann sie aa no a so a schian's Fötzl hermacht. Dassell rührt mi nit, sag' i dir. Schon gar nit!« ...
Es hat ihn aber dann doch umgestimmt, den Göd, als er die ehrliche und fast kindliche Freude des Mädels über das Hoamatl sah. Völlig gerührt war der alte Mann geworden, weil die Vef alles so schön fand und die Gegend so lobte. Da wurde ihm der Blick feucht, und die Stimme zitterte, und der zahnlose Mund zog sich noch mehr in die Breite und wurde zum freundlichen Grinsen.
»Ah a so!« machte er. »Schian dunkt's di da, Madel! Wohl schian? Ist freili schian. Freilich! Wann's aa nit extra groß ist. Zwoa Goaß und a Kuah! Ist wohl epper z'wenig für enk zwoa, ha?«
Die Vef schüttelte den Kopf und lachte wie immer ihr strahlendes lustiges Lachen.
»Ah sell tut's leicht!« meinte sie sehr zufrieden. »Und halten wollt' i Enk, Göd ... wie mein' eigenen Vater!« sagte sie warm und nahm die blutleere kalte Hand des Alten in ihre warme Hand. »Sollt's es recht ... recht fein haben bei uns!« versprach sie.
Der Alte blinzelte mit seinen kleinen Augen, die so tief in ihren Höhlen lagen, erst auf den Wastl und dann auf die Vef, die vor ihm in der Stube standen. Dann zog er die scharfe Adlernase ein paarmal in die Höhe, als müsse er durch sie eine höhere Erleuchtung einschnuppern.
»Ist a toll's Mensch her ... dei' Madl!« lobte er dann befriedigt. »Und aa a schian's Mensch her. Kannst a Freud' hab'n dermit. A recht a saubers Mensch, dei' Vef!« murmelte er zufrieden vor sich hin. »Kann aa ordentlich zugreifen bei der Arbeit ...« überlegte er. »Sölle Arm' wia die dir herhat ... recht an ordentlich's Weibets, kam' mir amal für!« nickte er immer wieder vor sich hin.
Damit war die Sache eigentlich gewonnen, und sie hatten nur mehr auf die Gemeindebewilligung zu warten. Die ließ dann freilich noch ein paar Jahre auf sich warten, und der alte Mann in der Gungl, der immer gebrechlicher und kränker wurde, drängte schließlich selber zu der Heirat und konnte es kaum mehr erwarten, bis das junge Paar in seine Hütte einzog.
Ein kleines, enges Reich war das Gütl vom Göd. Die Heimat vom Regele war im Vergleich ein großer Holzpalast.
Der Göd war in eine kleine Kammer neben der Stube gezogen. In der Stube selbst schliefen die jungen Leute mit ihren Kindern, und in der Küche wohnten sie zum großen Teil.
Da wiegte die Vef ihr jüngstes Kind und herzte ihren Erstgeborenen im seligen Glück. Und innig und dankbar genoß sie die Liebe ihres Mannes, der ihr wie ein treuer Knecht ergeben war.
Das Regiment im Haus aber hatte die Vef inne. Das war nun schon einmal so. Auch der Alte fügte sich ihr gerne, brummte darüber und schmunzelte dazu. War nicht mehr zu viel nutz auf der Welt, der alte Mann. Saß fast den ganzen Tag steif und zittrig in der rauchgeschwärzten kleinen Kuchel auf der Bank neben dem offenen Herd und wärmte sich. Blinzelte in die Luft und brummte unverständliche Laute vor sich hin ...
Und wieder war's Sommer geworden in der Gungl. Die Vef hatte den Göd mit der Aufsicht ihrer Kinder betraut und ging hinaus auf die Mahd, ihrem Mann zu helfen. Der trug auf hochbeladener Kraxe das Heu in den Stadel ein, und die Last war so schwer, daß der junge starke Körper bei jedem Schritt zitterte und die Brust keuchte.
Von steiler Halde trug er das Heu, und langsam und vorsichtig, aber sicher setzte er die nackten Füße auf den schlüpfrigen Boden. Ein Fehltritt nur, und der Wastl wäre ausgerutscht, hätte sich, da er nirgends einen Halt hätte finden können, überkugeln müssen und wäre abgestürzt.
Ein mühsam schweres Ernten war das hier hinten in der Gungl. Zu Lasttieren wurden die Menschen, und im mühseligen, nimmer rastenden Fleiß mußten sie dem spröden Erdreich schier jede Kartoffel abringen.
Die Felswände, mit langen Gräsern bewachsen, die wie Schleier darüberfielen, ragten glatt und mächtig oberhalb der Mahd zum steilen Berg empor. Hie und da hatte auf brüchigem Felsvorsprung ein Strauch oder Bäumchen sich eingenistet, und seine Wurzel gedieh und sog an dem spärlichen Erdreich, das ihm hier Nahrung bot.
Im engen Tal brauste der Bach. Wild und ungebärdig. Haushohe Felsblöcke lagen darin und hielten den Wellen Widerpart. Das brodelte und schäumte und bäumte sich auf in wildem Grimm, formte sich zum Kessel und spritzte in weißem Gischt zornig empor.
Große und kleinere Felsblöcke lagen auch verstreut in den grasigen Halden und in unmittelbarer Nähe der Hütte. Ein windschiefer Zaun grenzte das kleine Besitztum ab und machte es als Anwesen kenntlich.
Sogar eine kleine Gasse führte hier vorbei. Die war so steil und steinig, daß nur die abgehärteten Füße dieser Bergmenschen ohne Schmerzen sie gehen konnten. Dieser steinige Weg führte tiefer ins Tal hinein, bis zu dem Rand des Gletschers. Almen lagen da drinnen, auf denen zur Sommerszeit das Vieh aufgetrieben wurde.
Die Vef hatte ein hellfärbiges Tüchl schützend gegen den Sonnenbrand über den Kopf gebunden, die Ärmel ihrer dunklen Jacke weit zurückgeschoben und den Rock vorne hochgeschürzt. So stand sie auf der Mahd und zog mit dem Rechen das Heu zu einem Haufen zusammen.
Ziemlich hoch oben auf der Halde arbeitete sie, dort wo die Felswände anfingen und die Luft schwer zu drücken schien durch die Macht der emporragenden Wände. Der Wastl trug gerade wieder seine gefährliche Heulast zum Stadel herab, der knapp hinter seinem Häusl stand.
Im Gassl unten trieb ein Mann etliche Schweine vorbei. »Tschöh ... tschöh ... tschöh ...« lockte er; denn die Tiere, eigenwillig wie sie nun einmal sind, wollten nicht vorbei an der Hütte. Offenbar witterten sie gutes Futter in der Nähe und wünschten Einkehr hier zu halten.
»Tschöh ... tschöh ... tschöh ...« lockte der Mann, und ungeduldig hieb er mit seinem Stock auf die Schweine ein, daß sie grunzend und schreiend vorwärts liefen.
Die Vef hielt mit der Arbeit inne und schaute von ihrer Höhe aus neugierig zu dem Wanderer herab, der sich kleinwinzig ausnahm. Sie hielt die Hand vor die Augen, um besser zu unterscheiden, wer der Wanderer sei.
»Weit aus?« rief sie ihm mit ihrer weittragenden vollen Stimme zu.
»Nimmer gar weit!« rief er zurück.
An dem Klang der Stimme erkannte sie ihn.
»Jessas! Der Stanis!« rief sie freudig herunter. »Grüß di Gott, Stanis!«
Und dann warf sie den Rechen beiseite und kam, so schnell sie es vermochte, über die Halde heruntergelaufen, um den alten Bekannten vom Alpl zu begrüßen.
»Muaßt schon einer giahn, Stanis ...« lud sie ihn ein. »A Maulvoll Milch kosten und a Brot und an Butter essen. Hab' erst heut' in der Fruah frisch gekübelt!« erzählte sie.
»Ja ... und meine Facken?« wies der Stanis ärgerlich mit dem Stock auf die Schweine, die schon wieder ihren eigenwilligen Weg laufen wollten.
»Dö locken wir einer da und geben ihnen an Trank. Wart', i hilf dir!« Und resolut wie sie war, half sie dem Stanis die Schweine in den Stall treiben.
»Schlagt dir guat an, die Gungl!« neckte der Stanis, als er in der Küche beim Tische saß und aus der hölzernen Milchschüssel trank. »Ausgezeichnet!« Vom Fuß bis zum Kopf musterte er sie dreist und frech. »Hast no mehra sölle Fratzen?« meinte er dann, auf die beiden Kinderchen deutend.
»Bis iatz grad lei dö zwoa!« sagte die Vef und hielt dem Stanis voll Stolz das nackte dicke Bübl entgegen, damit er es gebührend bewundern solle.
»Wia alt bist aft'n du?« frug der Stanis und beugte sich zu dem größeren Kinde, das nur mit dem färbigen Hemdchen bekleidet am Boden saß.
»Der? Der ist zwoa Jahr auf Martini und der kloane acht Monat. Aber so viel a braver! So viel a braver Bua!« lobte sie und putzte das kleine Stumpfnäschen mit ihrer Schürze. »Gelt, Ahndl, brav ist er, der Luisele?«
Der Alte auf der Herdbank, im Lodenrock und mit dem Hut am Kopf, brummte mit seinem zittrigen, zahnlosen Mund unverständlich vor sich hin. Die Vef war aber ganz zufrieden mit dem, was sie für eine Antwort hielt. Gleich wandte sie sich wieder dem Stanis zu. »Gelt, und toll ist er?« frug sie voll Mutterstolz.
»Was geiht's aft eppar iatz ab? Zwilling?« frug der Stanis boshaft.
»Von mir aus aa. Je mehr Kinder, desto liaber!« lachte die Vef.
Da mußte der Stanis laut herauslachen über das ehrliche Geständnis.
»Wo hast aft dein' Alten, den Wastl?«
»Werd' glei kömmen.« Sie öffnete die Türe und rief mit ihrer schönen dunkeln Stimme den Namen ihres Mannes.
»Wastl! Einer giahn! Der Stanis ist da!«
Es dauerte eine Weile, bis der Wastl kam. Der Stanis aber erzählte indes, was sich in der Heimat draußen in der letzten Zeit ereignet hatte.
»Der Kramer Veit ist wieder kömmen!« berichtete er nach einer kleineren Pause.
»Ah wohl!« machte die Vef interessiert und setzte sich mit dem jüngsten Kind am Schoß zu dem Stanis auf die Bank hin, während das größere auf allen Vieren am Boden herumkroch. »Wohl wieder kömmen?« frug sie. »Hat er was verzählt vom Regele und vom Florl? Sein's iatz verheirat' ... dö zwoa?« forschte sie neugierig.
»Freilich verheiratet. Sein aa mitkömmen dö zwoa!« berichtete der Stanis und schnitt sich mit seinem großen Taschenmesser ein gewaltiges Stück Brot ab, das er dann fingerdick mit Butter bestrich.
»Was du nit sagst? Da sein's?« verwunderte sich die Vef.
Da kam der Wastl zur Stubentür herein und mußte sich tief bücken, damit er nicht an den Balken anstieß. »Grüaß di Gott, Stanis!«
»Grüaß Gott aa!«
Er sah gealtert aus, der Wastl, mitgenommen von der harten Arbeit, und tiefe Furchen hatten sich vorzeitig in dem jungen, wetterharten Gesicht eingegraben.
»Horch, Wastl, was der Stanis verzählt!« rief die Vef wichtig. »Der Florl und 's Regele sein hoamkömmen mit'n Kramer Veit.«
»Wohl kömmen? Ah so!« sagte der Wastl und setzte sich aufatmend neben sein Weib. Sein Gesicht war noch aufgedunsen und hochrot von der schweren Arbeit, und dicke Schweißtropfen standen auf der Stirn und machten das hereinhängende schwarze Haar feucht glänzen. »Was machen's nacher, dö zwoa?« erkundigte sich der Wastl ziemlich gleichgültig.
»Faulenzen tian's!« sagte der Stanis scharf. »Und nobel sein dir dö zwoa g'worden! Am hellichten Werktag laufen's im Sonntagsg'wand umadum!«
»Haben's Kinder?« forschte die Vef interessiert.
»Naa. Haben koane.«
»Nit?« meinte sie verwundert und drückte ihr kleines Bübl, das vor Wonne krähte und sie aus hellen runden Augen anlachte, innig an ihre volle Brust. »Koane Kinder?«
»Aber dös oane ... dös Büabl ... dös hat die Notburg no alleweil?« frug der Wastl.
»Dös hat die Notburg no alleweil!« bestätigte der Stanis. »Laßt's aa nit her, die Notburg, und recht hat sie!« erzählte er weiter. »Söllene zwoa, wie dir dö sein!« sagte er verächtlich und kaute laut schmatzend sein Butterbrot.
»Ja ... und haben's aft döcht a Geld verdient mit der Singerei?« frug die Vef weiter.
»Freilich! A woltern a Geld haben's verdient, sagt der Kramer Veit. Söllene zwoa, wie dir dö sein!« entrüstete er sich weiter. »Wöllen iatz no a paar Madeln und Buab'n mitlocken zu dera Singerei Aber dem Kramer Veit ist die Sach' nit ganz g'recht. Er tu' da nimmer mit, hat er erklärt.« Verächtlich spuckte der Stanis im weiten Bogen zur Seite.
»Dös sell glab' i schon!« meinte der Wastl schwerfällig, äußerte sich aber in keiner Weise, wieso er zu dieser Ansicht kam.
»Ja, und was sagt aft der Söllerbauer dazu?« frug die Vef interessiert.
»Nix'n sagt er. Was soll er aa sag'n? Aber dei' Vater larmt dir anders, Vef!«
»Mei' Vater?«
»Freili ... dei' Vater.«
»Ja ... z'wegen was denn?« frug die Vef betroffen. »Was geht denn dös mein' Vater an?«
»Wann die Rosina aa mittuan will, bei dera Singerei.«
»Dö Rosina?« Die Vef war aufgesprungen und legte den Säugling achtlos in die Wiege hinein. Dann stemmte sie beide Hände in die Hüften. War ein stattlich schönes Weib geworden, die Vef, trotz der ärmlichen Kleidung und trotz des Kindersegens. »Jatz bin i's do nimmer! Die Rosina? Ja ... was sagst aft iatz du, Wastl?« frug sie ihren Mann scharf, als ob dieser Schuld an der Sache trüge.
»Nix sag' i. Soll halt giahn, wenn sie's g'lustet.«
»Kimmst du bald amal zur Rosina, Stanis?« erkundigte sich die Vef.
»Kann leicht sein.«
»Sag' ... sie soll einer giahn zu mir in die Gungl. Lang dauert's ja do nimmer, bis das Kloane kommt, und da mag sie mir auswarten. Und dö Flausen, dö treib' i ihr aft aus, dös woaß i!« erklärte das junge Weib resolut ...
Die Rosina hat sich aber bei der Vef nicht blicken lassen. Die Julie war statt ihrer gekommen zum Auswarten, und der Florl und das Regele waren auch mitgekommen, um die alten Freunde aufzusuchen.
Die Vef und der Wastl rissen da freilich beide Augen auf, als sie das Regele und den Florl wiedersahen. So verändert, wie die waren, und kamen ihnen so fremd vor, daß sich der Wastl und auch die Vef anfangs wirklich hart taten mit reden.
Das Regele tat ganz besonders geziert und redete eine Sprache, wie man sie in dieser Gegend herum nicht gewohnt war. Und fein angezogen war sie! Hatte ein schwarzsamtenes Miederleibchen und ein helles Seidentuch darein gesteckt, und ihr Hals guckte blühweiß und schlank daraus hervor. Eine große goldene Brosche hielt das Tüchl ziemlich tief am Halsausschnitt zusammen, und in den zierlichen Ohren hatte sie ein Paar goldene Ohrgehänge, die viel zu lang und schwer waren für die feinen Läppchen und sie unnatürlich in die Länge zogen.
Aber dem Regele schienen die schweren Ohrringe ganz besonders gut zu gefallen; denn sie drehte und wendete das feine Köpfchen nach allen Seiten, um sie ja recht zur Geltung zu bringen. Wie ein kokettes verliebtes Kanarienvogerl war sie und lachte lieb und zutraulich, wenn sie mit dem Wastl sprach. Und wenn sie mit der Vef sprach, dann war es, als ob ein ganz klein wenig Herablassung in ihrem Blick läge. Und eine helle Seidenschürze hatte das Regele, die so kostbar war wie jene, welche die reichen Bäurinnen nur an den allerhöchsten Festtagen zu tragen pflegten.
Die Vef konnte sich im Anfang gar nicht satt sehen an dem Regele. So gut gefiel sie ihr. So fein und nobel wie sie aussah und so hübsch und jung dabei. Wie ein junges Dirndl von zwanzig Jahren war das Regele und sah gar nicht aus wie eine verheiratete Frau.
Der Florl erzählte lachend, wie man das Regele draußen in der Welt immer für ein Fräulein halte, und wie es kein Mensch wisse, daß das bildhübsche Tiroler Mädel seine rechtlich angetraute Gattin sei.
»Fräulein Regina sagen die Leut' zu mein' Grispele!« lachte der Florl überlaut, und es klang doch etwas erzwungen, wenn man mit feinem fühlendem Ohr zu hören verstand. Wenigstens erschien das dem Wastl so, der, die Arme auf die Knie gelegt, vornüber geneigt dasaß und aufmerksam zuhorchte.
»Und Verehrer hat dir die ...« prahlte der Florl weiter und legte seinen Arm um die zierliche Figur der kleinen Frau ... »könnt' eins völlig eifersüchtig werden, wie dö fremden Mannderleut' damit tun ...« meinte er.
Die Vef schlug die vollen Arme über den Kopf zusammen.
»Und dös derlabst du, Florl?« frug sie voll Verwunderung. »Und bist nit amal eifersüchtig?«
Hellauf lachte da der Florl und zog das Regele eng an sich. »Ist ja do mei' Weibl!« sagte er stolz. »Und g'hört koan als mir alloan. Und dös andere, dös g'hört mit zum G'schäft!« erklärte er.
»Was g'hört mit zum G'schäft?« frug da der Wastl auf seine schwerfällige Art und runzelte bedenklich die Stirn. »Wann i mei' Weib ...«
»Bua, das verstehst du nit!« erklärte ihm der Florl mit herablassender Miene. »Dös ist dir ganz an andere Sach' und nit a so wie bei uns herinnen. Siehst, wann sich so a frisches Tiroler Dirndl hinstellt und zu jodeln anfangt, dann ist's aa jedesmal, als ob ihr alle Herzen zufliegen taten. Aber das Jodeln und schian singen allein tut's nit. Kannst mir's glauben. Da muß aa a bißl a Aufmachung dabei sein. Eppas fürs Aug'. Und zu der Aufmachung g'hört's aa, daß wir's nit an jeden auf die Nas'n binden, daß wir verheirat' sein. A ledig's Dirndl wirkt besser als wie a verheirat's Weib. Kannst mir glauben.«
Selbstbewußt und energisch hatte der Florl gesprochen, und die Vef und der Wastl hatten ihm in lautloser Stille zugehört. Sie saßen in der düstern Küche am Tisch und bewirteten ihre Gäste mit Milch und Butterbrot. Am Boden rutschte das älteste Bübl in seinem grauen Flanellhemdchen, und das jüngste strampelte in der Wiege und schrie gebieterisch nach der Mutter.
Die Vef eilte zu ihm und nahm es auf ihren Schoß. Der Göd saß auf der Herdbank, den Hut am Kopf und wie immer in seinem grauen, abgetragenen Lodenrock mit den schwarzen Samtaufschlägen an den Ärmeln, und murmelte leise und unverständlich vor sich hin und bezeigte keinerlei Interesse an den fremden Besuchern.
Die Julie hatte sich schon heimisch gemacht; denn sie sollte ja nun etliche Wochen bei der Schwester bleiben. Sie hatte das Werktagsgewand angezogen und versuchte nun eine kleine freundschaftliche Annäherung mit dem kleinen blonden Buben am Fußboden herbeizuführen. Der wich ihr aber standhaft aus, rutschte so weit er konnte von ihr weg und zu dem Alten hinüber, der auf der Herdbank saß.
Von da aus betrachtete er die Julie neugierig, aber mit ausgesprochenem Mißtrauen; und als die Julie ihre Annäherungsversuche so weit trieb, daß sie den Kleinen auf ihren Arm nahm, da brüllte der Wicht ganz ungebärdig und wollte sich gar nicht mehr beruhigen lassen.
Erst als die Vef den Buben nahm und ihn mit einem tüchtigen Klaps dem Wastl aufs Knie setzte, hörte er zu schreien auf. Er sah aber unausgesetzt und mit zornigem Gesichtchen zu der neuen Tante hinüber, stets bereit, bei dem geringsten Annäherungsversuch von ihrer Seite in ein erneutes Gebrüll auszubrechen.
»Der hat a Stimm'!« meinte der Florl anerkennend, und das Regele schnitt ein so wehleidiges und zimperliches Gesicht, daß man es ihr wohl anmerken konnte, wie unleidlich und zuwider ihr Kindergeschrei geworden war.
»Gibt amal an guten Sänger ab ... mit der Lungl!« erklärte der Florl mit Bestimmtheit.
»Möchtest ihn leicht mitnehmen auf deine Reisen?« lachte die Vef und schaukelte ihren Jüngsten unaufhörlich im Arm hin und her.
»Den? Naa. Der ist mir no zu jung!« sagte der Florl lachend. »Aber enk zwoa, di und den Wastl! Enk könnt' i gut brauchen.«
Dem Wastl war, seit der Florl und die Regina zu Besuch hier weilten, etwas beklommen zumute. Er wußte nicht recht, was es war, aber es freute ihn durchaus nicht, daß die beiden zu ihnen gekommen waren. Er fühlte: diese beiden paßten nicht mehr zu ihnen und auch nicht mehr in die Einsamkeit dieser Berge.
Aus dem Florl war ein Herr geworden. Ein viel feinerer Herr wie aus dem Kramer Veit, der sich trotz jahrelanger Abwesenheit von der Heimat in Sprache und Art doch immer gleichgeblieben war. Der Florl aber fand nicht mehr den richtigen Ton, wenn er mit seinen Landsleuten sprach. Es war etwas Fremdes in seinem Wesen, etwas, das sowohl den Wastl wie auch die Vef von ihm abstieß.
Ein selbstbewußter und selbstsicherer Mann war der Florl geworden. Die elastische, biegsame Figur von ehedem hatte er eingebüßt, war voll und breitschultrig geworden, und die Tracht der Heimat, die er trug, paßte so wenig zu ihm, daß es aussah wie eine Verkleidung und als habe er sie nur zum Spaß angezogen.
Das feine, beinahe mädchenhafte Gesicht, das dem Florl früher eigen war, sah jetzt schwammig und aufgedunsen aus und zeugte vom gesättigten Genuß. Er hatte das Zarte und Frische eingebüßt und auch den übermütig verwegenen Ausdruck, und etwas Bestimmtes, berechnend Schlaues war an dessen Stelle getreten. Der kurze, braune Krausbart, der das Gesicht umrahmt hatte, war jetzt nach städtischer Mode zugestutzt, und die hellen Augen schauten herausfordernd und etwas frech in die Welt.
Als der Florl jetzt die Antwort gab, schaute der Wastl bis ins Innerste erschrocken auf sein Weib. Die Vef aber lachte nur, laut und übermütig, wie sie es stets getan hatte, und küßte ihr blondes Bübl, das auf ihrem Schoße jauchzte und lachte, leidenschaftlich.
»So a Tolm ... a narrischer!« schimpfte sie dann lustig darauf los. »Wir sollten da mittian? Nit zwanz'g Ross' bringeten mi amal außi aus der Gungl!« erklärte sie mit Bestimmtheit.
Erleichtert schaute der Wastl zu dem Göd hinüber, der noch immer teilnahmslos dasaß und nur leise mit dem Kopfe nickte.
»Könnt ihr zwei nimmer singen?« frug da das Regele in ihrer gezierten Sprache, die sie sich zugelegt hatte. »Habt's es ganz verlernt bei enkerer Arbeit?« Eine leise Geringschätzung lag in dieser Frage. Die Vef parierte aber kräftig den Hieb.
»Ah wohl!« sagte sie resolut. »Singen können wir no gut. I und mei' Wastl. Leicht besser wia ös zwoa!«
»Geht's, singt's amal oans!« forderte die Julie auf um dem Gespräch, das jetzt peinlich zu werden drohte, eine andere Wendung zu geben.
Da sangen die Vef und ihr Wastl, und der Florl und das Regele hörten zu. Schönheit und unverbrauchte Kraft lag in ihren Stimmen und eine Wärme und Innigkeit, wenn sie von der Heimat sangen, daß es dem Florl ganz eigen ums Herz wurde.
Diese Innigkeit, das wußte er, die brachte weder er noch das Regele mehr auf, wenn sie den fremden Menschen draußen die Lieder ihrer Heimat sangen. Und beifällig nickte er immer wieder mit dem Kopfe, und als die beiden geendigt hatten, da jubelte es in ihm auf, und übermütig sprang er empor, hob sein Regele wie ein Kind in die Luft und wirbelte sie im Tanz in der Küche herum.
Er pfiff und klatschte dazu mit den Händen, schlug sich aufs Knie und auf die Fußsohlen und führte einen regelrechten und ausgelassenen Schuhplattler auf. Und es war so befreiend frisch und ungezwungen, so voll Lebensfreude und toller Lebenslust, ein Tanz voll von Naturkraft und echtem Triebgefühl, wie er nur in Gottes herrlicher Bergwelt entstehen kann und nur hier vollendet in seiner echten, ungekünstelten Wirkung getanzt werden kann.
Das Regele wiegte sich geschmeidig und neckisch in ihren Hüften und jauchzte und lachte, da sie den Florl so übermütig sah, und freute sich wie ein Kind. Und jetzt erst, nachdem das Echte, Ursprüngliche in diesen beiden jungen Menschen wieder zum Durchbruch gekommen war, jetzt war auch die alte Herzlichkeit zwischen den Freunden wiederhergestellt.
Jetzt wurden der Wastl und die Vef zutraulicher und redeten mit ihren Besuchern wie in alten Tagen. Erzählten ungezwungen von sich und berichteten Nichtigkeiten ihres täglichen Lebens, die sie erfüllten und die ihnen wichtig erschienen. Und das Regele und der Florl hörten ohne zu unterbrechen zu, und es war ihnen, als wäre alles, was sie von diesem schlichten Leben getrennt hatte, verschwunden ... als lebten sie selber wie zuvor dieses schlichte Leben der Heimat, in dem sie wunschlos glücklich waren.
Da der Wastl und die Vef fertig waren mit ihren Berichten, erzählten der Florl und das Regele alles, wie es ihnen ergangen war in der fremden Welt da draußen. Und je mehr sie ins Erzählen kamen, desto fremder wurden sie wieder diesen schlichten Bergleuten, die ihnen zuhörten.
Sie erzählten, wie sie zu Beginn ihrer Reisen hatten in kleinen Wirtschaften singen müssen; und das Regele hatte dann einen Teller nehmen müssen und war von Tisch zu Tisch gegangen, um Geld einzusammeln. Aber dann war es ihnen besser und immer besser ergangen. Man lobte ihren Gesang und drängte sich, um sie zu hören. Und jetzt sangen der Florl und das Regele nur mehr in großen Sälen mit weißgedeckten Tischen und mit großen Spiegelscheiben, von denen viele Kerzenlichter ihren Schein zurückwarfen.
Die Leute, die kamen, um ihren Gesang zu hören, trugen herrliche Kleider aus Samt und Seide und die Frauen funkelnde Edelsteine im Haar und an den Hälsen, und ehe sie in den Saal zu dem Regele und dem Florl durften, mußten sie Geld bezahlen, und das Geld wurde dann zu gleichen Teilen geteilt und gehörte dem Florl, dem Regele und dem Kramer Veit.
»Ja ... aber iatz tut er ja nimmer mit, der Kramer Veit?« frug die Vef neugierig. »Z'wegen was eigentlich?« Sie hatte mit leuchtenden Augen zugehört, und ihre Wangen flammten; denn alles, was der Florl und das Regele erzählten, kam ihr so wunderbar und herrlich und schier unglaublich vor.
Der Florl runzelte leicht geärgert die Stirn und schob sein graues Lodenhütl mit dem auffallend großen Gamsbart weit gegen den Hinterkopf zurück.
»An altmodischer Mensch ist's, der Kramer Veit!« sagte er unwirsch. »Kann nimmer mittun mit junge Leut'!«
»Er derleid't's nit, daß i mi a bißl schian außerputz'!« machte das Regele schnippisch und mit gekränkter Miene.
Der Wastl sah das Regele verständnislos an. »Ah nit?« frug er dann, nur um etwas zu sagen.
»Die Sach' ist nämlich so!« erklärte der Florl wichtig. »Wenn man an Unternehmen in die Höh' bringen will, dann muß man sich aa a bißl an den G'schmack von die Leut' anpassen. Verstehst?«
»Naa!« sagte der Wastl, und die Vef hörte schweigend zu.
Die Julie hatte es nun doch fertiggebracht, daß sie den kleinen Neffen dem Wastl abnehmen durfte, und das hellblonde, pausbäckige Büabl saß jetzt ganz gefügig, aber doch noch mit lauerndem Mißtrauen auf ihrem Schoß und duldete es, daß sie ihm liebkosend mit ihrer Arbeitshand über den kleinen Lockenkopf fuhr.
»Anpassen, dös heißt, man muß den Leuten erstens zeigen, daß wir richtige Bauersleut' sein. Das haben's nämlich gern, weil sie's nit kennen und aa nit verstiahn. Und das Jodeln, das hören sie ganz besonders gern und unsere Sprach' aa. Völlig derkugeln tun sie sich, wenn wir so richtig zu reden anfangen. Und haben aa a Freud' mit uns. A richtige Freud'. Kann's nit anders sagen. Aber siehst, Wastl, so wia wir iatz da sitzen in dem G'wand, das paßt nit ganz zu dem G'schmack von die herrischen Leut'. Das muß man verstehn, und das versteht der Kramer Veit nit. Das G'wand ist zu armselig und sieht nach nix aus. Dös muß man a bißl herrichten, damit's wirkt.«
»Woaßt ...« verfiel nun das Regele in ihrem Eifer wieder in die alte ursprüngliche Mundart ... »der dunkle Kittel da geht do absolut nit für an feinen Konzertsaal. Der muß a bißl kurz sein, daß man die Schuh' g'siecht und a bißl was von die Strümpf' aa ... und's Miederleibl, dös g'hört aa a bißl tiefer ausg'schnitten ... woaßt ... so bis a so daher.« Und sie zeigte wichtig mit der Hand den Ausschnitt des Halses an, der einen schönen Teil der Büste enthüllte.
»Was? A so tief? Und all's nacket?« rief die Vef verwundert. »Da tat' i mi amal schamen!« erklärte sie energisch. »Als a Halbsnacketer vor alle Mannsbilder so dazustiahn!«
Das Regele lachte geziert. »Mei ... dös g'wöhnt man schon ...« meinte sie leicht verlegen ... »und nachdem, weißt, man schaut aa wirklich viel schöner aus a so.«
Die Julie riß ihre Augen auf, so weit es nur anging, und der Mund blieb ihr offen stehen vor Staunen. Der Wastl aber meinte langsam und sehr schwerfällig: »Und dös derlabst du, Florl? Dei' Weib und ...«
»Mei' lieber Wastl!« Der Florl lachte laut und polternd. Es klang beklommen, dieses Lachen und nicht so urwüchsig und befreiend, wie dasjenige vom Kramer Veit. »Wann's a Geld ... viel Geld eintragt ... warum nit? Das derlabest du aa.«
»I tat's schon nit! So a Fackerei!« entrüstete sich die Vef und sprang in hellichtem Zorn von ihrem Sitz auf. Den Säugling übergab sie jetzt ihrem Mann und machte sich am offenen Herd zu schaffen. Blies das Feuer an und holte die Muspfanne von der rauchgeschwärzten Wand herab, und an dem geräuschvollen Geklapper mit der Pfanne erkannte der Wastl, daß die Vef innerlich sehr zornig war. Und das freute ihn, und es freute auch den Alten, der regungslos dasaß und leise und unverständlich mit zahnlosem Munde vor sich hin murmelte.
Eine Weile herrschte eine beklemmende Stille in der kleinen Küche. Keines sprach ein Wort. Der Florl und das Regele fühlten: diese Menschen hatten kein Verständnis für ihren Geschäftsgeist. Gerade so wenig wie der Kramer Veit, der nicht mehr mittun wollte.
Das Regele schaute angelegentlich durch die winzige Fensterscheibe, um ihre Verlegenheit zu verbergen. Draußen hatten sich schwere Gewitterwolken zusammengezogen, und dicke Tropfen prallten heftig ans Fenster. Dicht ballten sich die Nebel und zogen, vom Sturm gejagt, im eiligen Flug schwarzgrau durchs Tal heraus.
»Schau, Florl ...« brach das Regele die Stille ... »wia's da schiach außerkimmt. So schiach!« sagte sie etwas furchtsam.
Da hob der Alte auf der Herdbank den Kopf horchend empor. »Schiach?« frug er mit seiner zittrigen, hohlen Stimme. »Schiach? Mensch ... was die Natur fürer bringt ... dös ist niemals schiach. Ist schian und gewaltig. Weil's von unserm Herrgott selber kimmt.«
Ein greller Blitz leuchtete im scharfen Zickzack durch das Dunkel der Küche, in der jetzt auf dem Herd das Feuer loderte. Und mächtig krachte der Donner. Majestätisch und gewaltig war diese Sprache der Natur und hallte wider im vielfachen Echo von den nahen Felswänden der Berge. Und zornig schäumten die Wasser im Wildbach drunten und brausten so grimmig, daß ihr Toben in der kleinen Hütte deutlich vernehmbar war.
»A Hochwetter!« sagte der Wastl und sah besorgt durch eine andere der winzigen Fensterscheiben. »'s werd do koa Muhr nit niedergiahn.«
»Tian wir beten!« mahnte die Vef.
Sie knieten alle wie sie waren auf den rauhen, holprigen Holzboden der kleinen Küche nieder. Auch der Florl und das Regele. Und der Göd war aufgestanden, steif und hager, und nahm den Hut vom Kopfe und betete laut und mit zittriger Stimme den Wettersegen.
Und das Regele deckte die Augen mit ihren Händen; denn sie fürchtete sich vor den zuckenden Blitzen und hatte Angst vor den Gewalten der Natur, die so mächtig waren.
Und es war doch die Sprache der Heimat, die zu diesen Menschen redete in den Donnern des Hochwetters, im brausenden Tosen des Wildbaches, im Heulen des Sturmes, im gewaltigen Niederrauschen des Regens, im Ächzen und Krachen und Stöhnen der vom Sturm gerüttelten Bäume. Die Heimat sprach zu ihnen in ihren Schrecknissen und in ihren Segnungen ... die heilige Heimat.
Mit ihrer strahlenden Sonne sah sie in ihre Hütten. Mit ihren Schauern machte sie ihre Herzen erbeben ... die heilige Heimat. Sie gab ihnen Obdach und Nahrung. Mit ihren Bergen ragte sie über ihren Freuden und über ihrem Leid. Ihre Erde durchpflügten sie. Aus ihr wuchs Korn und Frucht. Und sie dankten es ihr gläubigen Herzens ... der heiligen Heimat.
Und Gott, der Allmächtige, Allgütige und Allbarmherzige, hatte in seiner ewiglichen Fürsorge die Heimat im Ratschluß seines unerforschlichen Willens über sie alle gesetzt als Herrscherin und Mutter, als Sachwalterin seiner unerschöpflichen Güter, als Statthalterin seiner Macht, als eine Königin von Gottes Gnaden.
Über alle Menschen ist sie gesetzt im Namen Gottes, mächtiger und unvergänglicher als jegliches Herrschergeschlecht dieser Erde ... die Königin Heimat. Sie segnet alle und sorgt für alle und hat alle in Eid und Pflicht genommen und straft alle, die ihr die Treue brechen. Wir sind in ihrer Macht ... Kinder und Untertanen zugleich ... Wer fern von ihr stirbt, dessen Seele sehnt sich nach ihrer Erde ...
Und sie läßt uns ziehen ins fernste Land ... und lächelt dazu ... die Königin Heimat ... Ein Würzelein hat sie heimlich eingegraben in unsern Herzen. Das gräbt sich bei Tag und gräbt sich bei Nacht immer tiefer und tiefer und wächst zum Baum, zum mächtigen Baum und trägt wehe Frucht. Trägt bittersüße Frucht. Wer davon gekostet, will zurück dahin, wo seine Wiege stand, wo er die ersten Lieder hörte, den ersten Boden trat, das erste Brot aß. Ihre Untertanen sind wir allzumal. Keine Macht ist größer auf Erden, weil keine Macht uns so weithin erreicht wie ihre Macht, die über uns gesetzt ist im Namen Gottes ...
Und der Göd betete mit gefalteten, knochigen Händen, mit den sehnigen Händen, die ein langes Menschenalter gearbeitet hatten in ihrem Dienst, treu und unermüdlich, und die in Ehren zittrig geworden waren in ihrem Dienst ... betete gläubig ... Herr Jesu Christ in Deinem Himmelreich ... Schütz' uns vor Dunnder, Blitz, Hagel und Wetterstreich ... Schütz' uns, unser Vieh und unser Korn ... Such' uns nit heim mit Deinem Zorn ... Laß Wetters G'walt vorübergehn ... Wollen allzeit in Deinem heiligen Dienste stehn ... Wollen nit wanken und weichen von Deiner Himmelstür ... Sind selber zu schwach, drum sorg' Du in Deiner Allmacht für ... Vater unser, der Du bist in dem Himmel, geheiliget werde Dein Name!