Siebentes Kapitel
Als der Florl und das Regele zum erstenmal ihr Kind aufsuchten, hatten beide ein etwas beklommenes Gefühl. Etwas wie Scham und eine innere Verlegenheit war es, diesem Kinde gegenüberzutreten, das ihr eigen Fleisch und Blut war und dem sie bis jetzt so fremd und fast interesselos gegenübergestanden hatten.
Ohne elterliche Liebe und Fürsorge war es bisher aufgewachsen, und die Notburg hatte ihm Vater und Mutter ersetzen müssen, und wahrlich, die Frau hatte getreulich ihre Pflicht erfüllt.
Der kleine Anderl hatte nur eine große Liebe, und das war die zu seiner Pflegemutter. Und die Notburg hätte ein eigenes Kind nicht lieber haben können und nicht besser betreuen können, wie das fremde Kind vom Regele.
Sie pflegte und wartete den kleinen Anderl, hätschelte ihn und verwöhnte ihn auch, so daß sich die Nachbarsleute gar oft darüber aufhielten. Sie werde keinen Dank dafür ernten, die Notburg, meinten sie; und die Notburg erwiderte scharf, daß sie wegen des Dankes überhaupt nichts tue und daß die Leute vor ihren eigenen Türen kehren sollten, ehe sie sich in ihre Angelegenheiten mischten. Sie war noch immer die alte Notburg, nur etwas älter geworden und auch etwas milder in ihrem Wesen.
Ein schmächtiges, lang aufgeschossenes Kind war der kleine Anderl, der nun schon das erste Jahr zur Schule ging und recht fleißig lernte. So erzählte wenigstens die Notburg und lobte ihn sehr und konnte sein Talent und seinen Eifer nicht genug rühmen. Er war ein aufgeweckter, bildhübscher kleiner Kerl, der Anderl, der, wie es schien, das Mundwerk von der Mutter und die Frechheit vom Vater her geerbt hatte.
Seine Eltern betrachtete der Anderl keineswegs mit liebenswürdigen Augen. Zeigte überhaupt gar keine Freude über den elterlichen Besuch, so daß ihn die Notburg wiederholt strenge ermahnen mußte, doch freundlich zu sein und schön das Handerl zum Gruß zu geben.
»Jatz, Anderl, wer bin denn epper i?« frug der Florl und griff dem Kleinen unters Kinn. »Kennst mi nit, gelt?«
Der Anderl spreizte, wie er das vom Kramer Veit abgeguckt hatte, breitspurig die magern Beinchen, die in langen Hosenröhren staken, auseinander, verzog schmollend das Mäulchen und sah trotzig zu Boden.
»Hast koa Zung', Anderl?«
Der Anderl streckte unartig seine Zunge heraus, so weit er nur konnte, aber redete kein Wort.
»Aber Anderl!« sagte die Notburg entsetzt. »Wo hast denn iatz dös wieder her?«
»Vom Moidele!« sagte der Bub triumphierend und mit dem strahlenden Augenaufschlag seiner Mutter. »Vom Moidele!«
Das Regele in ihrem feinen Staat machte sich jetzt an den Buben heran und wollte ihn von der Notburg, zu der er sich geflüchtet hatte, wegziehen. Der Anderl aber steckte seinen Kopf in die dunkle Schürze seiner Pflegemutter und schlug abwehrend mit den Beinen um sich.
»Laß mi ... du ...« schrie er ungebärdig.
Die Notburg fuhr dem Kinde mit linder Hand über den dunklen Lockenkopf. »Muaßt brav sein, Büabl ...« mahnte sie mit guter Stimme. »'s ist dei' Muatter!«
»Naa!« wehrte sich der kleine Bursch energisch. »I mag nit.«
»Magst mi nit, Anderl?« schmeichelte das Regele. Sie versuchte, so gut sie konnte, den richtigen Ton zu ihrem Kinde zu finden. Es war aber doch schon lange her, seitdem das Regele in der Kinderstube ihrer Mutter herumhantiert hatte, und sie schien die Art, mit Kindern umzugehen, gründlich verlernt zu haben. Zum mindesten gelang es ihr hier nicht bei dem kleinen Anderl. Der blieb störrisch und abweisend und widerstand hartnäckig ihren Koseworten, und ihre Verlegenheit nahm zu, je mehr sie sich um den Kleinen mühte.
»Schau ... Anderl, i hab' dir was mitgebracht!« lockte das Regele neuerdings.
Der Anderl zog für einen Augenblick das Gesicht aus der Schürze der Notburg hervor und sah neugierig auf das Geschenk, das ihm das Regele jetzt aus einem Päckchen wickelte. Eine schöne silberne Uhr war es, mit einer dicken Kette daran, viel zu groß und schwer noch für den Knirps.
»Schau, Anderl ... g'hört dir!« lockte das Regele den Buben an sich heran, während sie sorgfältig Papier um Papier von Uhr und Kette löste, in dem beides verpackt war, und die schönen Sachen dann dem Kinde zum Bewundern hinhielt.
»G'halt' dir's!« machte das Büabl und versteckte sich abermals unter der Schürze der Pflegemutter. »I brauch' nix von enk zwoa.«
»Aber Anderl ... Anderl ...« mahnte die Notburg ehrlich bestürzt. »Wer wird denn a so sein.« Und hilflos sah sie auf das Kind, das ungebärdig jeden Annäherungsversuch seiner Eltern von sich wies.
»Brauchet halt a Tracht Prügel, der Bua!« konstatierte der Florl unmutig. »Ist arg verzogen, kommt mir vor.«
»Der ist ja völlig aufg'hetzt gegen uns!« sagte das Regele beleidigt. »Dös hätt's ja grad aa nit braucht!« setzte sie schnippisch hinzu.
Die Notburg zog den Kopf des Anderl gewaltsam aus ihrer Schürze hervor und fuhr ihm mit der Hand leicht und beruhigend über das erhitzte Gesichtl.
»Aufg'hetzt hab' i den Buben nit!« erwiderte sie sehr ruhig. »Er tut halt a bißl fremden, der Bua!« fügte sie entschuldigend bei. Und dann fragte sie ihn weich und gut, und das Regele neidete ihr für einen Augenblick diese mütterlich gütige Nachsicht ... »Sag', Anderl ... für wen hast denn alle Abend beten müssen?«
Man hätte es dieser ernsten, wortkargen Frau niemals zugemutet, wie zart und innig ihre Stimme klingen konnte. Und das Regele fühlte in dieser Stunde keine Dankbarkeit für die Güte dieser Frau, sondern nur wütendblinde Eifersucht. Sie war ihr neidig um die Liebe dieses Kindes, das ihr eigen war, und fühlte sich innerlich hilflos und beraubt.
»Für wen hast gebetet, Anderl?« wiederholte die Notburg ihre Frage von vorhin.
»Für di!« erklärte der Bub trotzig.
»Für mi? Und für wen no?« frug die Notburg leise.
»Für mein' Vater!« sagte der Bub eigensinnig. Man sah es deutlich, daß er damit nicht den Florl meinte, von dem er sich immer noch im kindlichen Trotz abwandte.
Das Regele verzog spöttisch den Mund. »Für'n Kramer Veit, gelt?« frug sie schnippisch.
»Ja. Für densell!« erklärte der Anderl frech. »Weil i den mag!« sagte er eigensinnig.
»Und uns magst nit?« frug der Florl unmutig und mit zusammengezogenen Brauen.
»Naa. Enk mag i nit!« sagte der Bub sehr bestimmt.
»Und warum magst uns nit?« forschte der Florl weiter. »Wir haben dir ja nix getan.«
»'s Moidele hat g'sagt, so zwoa wie ös seid's, soll man nit mögen!« erzählte der Kleine.
»So zwoa wia ös seid's ...« Der Hieb saß fest. Wiederholt hatten sie, seit sie nun in der Heimat weilten, diese Rede der Geringschätzung gehört. Zuerst vom Söllerbauer, dem Vater der Regina, und dann vom Perlmoser, und jetzt hörten sie sie aus dem Munde ihres Kindes.
»Ös habt's enk ja nia nit bekümmert um mi ...« fuhr der Kleine altklug zu reden fort. »Wie soll denn i enk mögen?« Und eigensinnig stampfte der Bub mit beiden Füßen und hatte jetzt mit seinem frechen Gesichtl eine so auffallende Ähnlichkeit mit dem Florl von einst, wie er noch am Alpl droben war, daß der Florl ungeachtet seines Ärgers hellauflachen mußte.
»Ist ja recht nett von dir!« meinte er dann trocken, spitzte die Lippen und pfiff leise vor sich hin.
»Wer ist denn das Moidele, das dich so aufg'hetzt hat?« frug das Regele über eine Weile, in der eine peinliche Stille in der kleinen Wohnstube der Notburg geherrscht hatte.
»Das ist halt sei' G'spielin!« erklärte die Notburg. »Schon woltern alt für ihn, aber a bissele schwach da oben.« Die Notburg tupfte mit dem Finger auf die Stirn. »Ist schon bald ausg'schult, 's Madl, spielt aber mit'n Anderl, als ob sie erst sieben oder acht Jahr' alt wär'. Du kennst sie epper wohl no ...« wandte sie sich dann an das Regele. »'s Kind von der Mena ist's ... woaßt wohl ... die sell, die ins Wasser gangen ist.«
Da wurde das Regele ganz still und in sich gekehrt und sagte kein Wort mehr. Sie mahnte ihren Mann aber bald zum Aufbruch; denn es wurde ihr auf einmal schwül in der kleinen, sauber hergerichteten Stube.
Sie mochte nicht gerne erinnert werden an jene harten Stunden seelischen Erlebens, welche die schwersten waren in ihrem jungen Dasein. Wozu auch? Diese Zeiten gehörten ja nun, Gott sei Dank, der Vergangenheit an, und sie brauchte nicht mehr daran zu denken. Und sie dachte auch nie mehr daran, wenn sie draußen war in der großen Welt, die voll Glanz und Erfolg für sie war.
Seitdem sie aber wieder in der Heimat weilte, lebten die alten Erinnerungen mächtig in ihr auf. Das Regele wäre eigentlich froh gewesen, wenn sie nur wieder bald hätte fort dürfen. Es gefiel ihr im Grunde alles nicht mehr so recht in der Heimat. Die Leute sahen sie mit scheelen Augen an, das fühlte sie gar wohl, und ihr und des Florl nobles Auftreten schien ihnen nicht viel Eindruck zu machen.
Auch bei ihren Angehörigen fand sie nur wenig Entgegenkommen und Verständnis. Dem Söllerbauer gefiel es zwar, daß der Florl viel Geld aufzuweisen hatte; denn für Geld hat der Bauer immer ein Verständnis. Daß aber die jungen Leute nur durch ihr Singen allein das Geld erworben hatten, das wollte dem schwerfälligen Dickschädel nicht recht einleuchten.
»Dös ist a Faulenzerei und a Lotterei!« erklärte er mit Bestimmtheit. »Und so eppas tuat a rechtschaffener Mensch nit. Handeln ... ja ... dös lass' i gelten ... und nebenbei singen ... wia dös der Kramer Veit macht. Aber lei so umananderziechen und 's Maul aufreißen und singen ... dös ist koa Arbeit nit!« sagte er mißbilligend.
Die Söllerbäuerin hatte ihre ganze Überredungskunst aufbieten müssen, daß der Vater überhaupt die jungen Leute unter sein Dach aufnahm. Gar nicht wollte er sich dazu verstehen. Bis die Bäurin zornig wurde und ihn anschrie. Da gab er nach; denn der Gewalt dieser Stimme unterwarf er sich. Aber innerlich grollte er noch immer über »dö elendige Faulenzerei« und brummte darüber, »daß man sich vor die Leut' schamen muaß, wia dö zwoa Tagdieb' nix tian wia umananderziagen.«
Der Florl und das Regerl waren recht niedergeschlagen und betraten das elterliche Heim mit geduckten Köpfen und mit dem demütigenden Gefühl, hier bloß geduldet zu sein.
Es war ein recht bescheidenes Kämmerlein, welches das junge Paar bewohnte, und niemand im Haus achtete sonderlich auf sie. Sie gingen alle ihrer Arbeit nach wie sonst und hatten, da es Sommer war, alle Hände voll zu tun.
Und es war schon wirklich so, wie es der Söllerbauer in seinem Zorn hinausschrie. Arbeiten mochten sie nimmer, die beiden. Das schienen sie gründlich verlernt zu haben. Etliche Wochen waren sie nun schon daheim und hätten sich vom Faulenzen und Nixtun eigentlich schon erholt haben können, meinte der Söllerbauer.
Wenn die andern, ja sogar die Bäurin, jetzt im Morgengrauen an die Arbeit gingen, dann schliefen der Florl und das Regele bis tief in den Tag hinein. Sogar eine eigene Bedienung beanspruchten sie; denn dem Regele fiel es nicht im Traum ein, auch nur einen Stiefel zu putzen, geschweige denn ihre Kammer aufzuräumen.
Dazu hatte sie sich ihre jüngere Schwester, die Zenz, abgerichtet. Denn das Regele mußte die Pfötchen hübsch weiß und zart erhalten für den Winter, wo sie wieder auf Reisen mit dem Florl gehen wollte.
Was aber den Söllerbauer am meisten gegen die jungen Leute erboste, das war, daß ihnen jeder Sinn für bäuerlichen Fleiß und bäuerliche Arbeit abhanden gekommen war. Denn nicht ein einziges Mal hatten sie mit zugegriffen bei der Feldarbeit. Und wenn alle am Hof, auch die Bäurin und das jüngste der Kinder, das noch kaum einen Rechen ordentlich halten konnte, draußen bei der Heumahd waren und im Sonnenbrand schufteten, daß ihnen der dicke Schweiß von der Stirne perlte, da spazierten der Florl und das Regerl in ihren feinen Gewändern müßig herum, besuchten Bekannte oder machten Ausflüge in die Nachbartäler.
Sie fühlten es gar wohl, die jungen Leute, daß man sie in der Heimat als Müßiggänger verachtete und ihnen nur wenig Freundschaft entgegenbrachte. Sie merkten es, wenn sie zum Nachbar hinüber auf dem Perlmoserhof zum »Hoangart« kamen, daß ihnen der Perlmoser am liebsten die Türe vor der Nase zugeworfen hätte.
Und als es gar erst aufkam, daß sie die Rosina zu der verflixten Singerei beredet hatten, da war es bei dem Perlmoser aus und vorbei. Wie zwei Vagabunden wies er ihnen grob die Türe. Und sie sollten sich nicht mehr unterstehen und sein ehrliches Haus betreten. Das sei zu schade »für söllene zwoa ... wia ös seid's!« schrie er sie an.
Überall, wohin sie kamen, fühlten sie offen oder versteckt das gleiche Mißtrauen. Nur ein paar von den ganz jungen Leuten schlossen sich ihnen an und lauschten gierig auf die Erzählungen aus der Fremde.
Der Florl biß die Lippen zusammen, und zwei eigensinnige Falten prägten sich in seine glatte, junge Stirne ein. Er litt unter der Mißachtung seiner Landsleute weit mehr als das Regele, die wie ein eitles Pfauenweibchen leichtsinnig und geputzt herumging. Sie achtete scharf auf die neidischen Gesichter ihrer Geschlechtsgenossinnen; denn sie wußte genau: neidig waren sie ihr ... trotz allem. Der Florl aber schwor es sich, daß sie ihn und sein Weib einmal noch weit mehr beneiden sollten wie den Kramer Veit.
»Platzen soll'n 's no vor Neid!« sagte er oft wütend zu dem Regele und ballte die Fäuste. »I werd' ihnen den Faulenzer und Tagdieb schon geben! Wenn i erst mehr Geld hab' ... die soll'n Augen machen. Nachher kriechen's vor mir, das weiß i!«
Das Regele dachte nicht viel darüber nach, auf welche Weise denn der Florl noch mehr Geld zusammenbringen wollte. Sie war zufrieden, daß er das mit ihr überhaupt besprach, und hatte volles Vertrauen zu ihm, daß er es auch erreichen würde.
Sie teilte auch nicht die Sorgen ihres Mannes um die allernächste Zukunft, die ihn jetzt oft arg bedrückten. Und diese Sorgen waren eigentlich recht schwer und verursachten dem Florl viel Kopfzerbrechen. Aber er wußte: durchhalten müsse er um jeden Preis. Feig durfte er nicht sein, sondern er mußte das Angefangene mit Energie vertreten.
Der Kramer Veit hatte sich, das stand unwiderruflich fest, von dem Florl losgesagt. Er tue bei dem neuen Unternehmen nicht mehr mit, hatte er ganz entschieden erklärt.
»Denn siegst, Florl ...« meinte der Veit, als sie wieder einmal zusammen über die Sache sprachen ... »eigentlich hab' ich's oft schon bereut, daß i dich und 's Regele damals mit auf meine Reisen g'nommen hab'. I hätt's nit tun sollen ... dös ist mir klar g'worden!« sagte er sehr ernst. »Ös zwei seid's ... nimm mir's nit verübel, Florl, aber i muß es sagen ... andere Menschen g'worden da draußen. Die Luft hat enk g'schadet ... dö habt's nit vertragen.«
Schwer und wuchtig legte der Kramer Veit seine Hand auf die Schulter des Florl, der vor ihm in fast demütiger Haltung stand. Gegen die urwüchsige, bodenständige Kraft dieses Mannes kam der Florl nicht auf. Beinahe wie ein Schulbub nahm er sich gegen den Veit aus, und der Florl wußte es auch, daß ihm der Kramer in jeder Hinsicht weitaus überlegen war.
»Und i mag's nit verantworten, Florl ...« fuhr der Kramer Veit zu reden fort, und seine Stimme klang ungewöhnlich weich ... »daß jetzt no andere junge Leut' in dös fremde Erdreich verpflanzt werden. 's tuat ihnen nit gut!« sagte er mit einem Anflug seiner gewöhnlichen Energie. »I weiß es bestimmt. 's geht wie mit 'n Edelweiß. Wie schön blüht der am Joch droben. Aber Bua ... tua'n aber vom Joch und pflanz' ihn im Tal herunten ein ... wia sieht er nachher aus? Ist a Edelweiß und do keiner mehr. A traurige Blüah ... daß oan 's Herz schwer werden könnt', wenn man ihn siecht.«
Schier traurig sah der Kramer Veit auf den Florl herab, den er weitaus überragte. »Grad a so wie du und 's Regele. Seid's Bauern und do keine mehr. Und, desweg'n sag' i mi los von enk!« fuhr er leiser sprechend fort. »Verantwort' du's ... wenn du kannst, Florl ... was du aus die jungen Mannder und die Dirndeln machst. Und i rat' dir's gut ...« beinahe drohend kam es über die Lippen des Kramer Veit ... »lass' die Händ' weg davon! 's geht nit gut aus, das was du sinnst und planst.«
Wie ein Vater zu seinem Sohn, so hatte Veit Galler, der Krämer, zu dem Florl gesprochen. Voll Nachsicht und voll Güte. Aber er war nicht zu bewegen gewesen, dem Florl auch nur einen Groschen für sein Unternehmen vorzustrecken. Und das war die große Sorge, die den Florl jetzt Tag und Nacht drückte.
Zwei Burschen und zwei Dirndeln wollten in diesem Herbst mit dem Florian Siegwein und seiner Frau in die Welt hinausziehen, und von nun ab würde der Florl für sechs Personen aufzukommen haben. Dies erforderte Geld ... viel Geld. Alle Ersparnisse, die er und die Regina in diesen Jahren gemacht hatten, würden daraufgehen und trotzdem bei weitem nicht hinreichen, sein Unternehmen zu decken ...
Der Tag der geplanten Abreise rückte immer näher, und dem Florl wurde es immer schwüler. Noch einmal nahm er sich ein Herz und wanderte mit der Regina übers Bergl hinüber zum Dörfl und zum Kramer Veit.
Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und das Kind noch einmal zu sehen, sagte er erklärend und nicht ohne Wehmut. Denn es war ihm, als ob er Abschied nähme von einem guten Vater, der bis jetzt schützend seine starke Hand über ihn und sein junges Weib gehalten hatte.
Der Florl und die Regina hatten sich in der Stube neben dem Kramer Veit auf die Bank gesetzt und redeten lange kein Wort. Die Notburg saß wie immer im Herrgottswinkel, tief über eine Näharbeit gebeugt, und der kleine Anderl spielte mit dem Moidele und sah abwechselnd zum Fenster hinaus. Er achtete nur wenig auf seine Eltern, war aber freundlich und nicht mehr so trotzig zu ihnen wie im Anfang. Mit ernstem Sinnen stierte der Florl eine Weile vor sich hin, und der Veit kannte gar wohl die schwere Sorge, die auf dem jungen Mann lastete.
»Bua ...« brach der Kramer nun das Schweigen ... »i rat' dir no amal. Lass' gut sein! Bleibt's daheim, du und 's Regele!« meinte er. »Schau, i leih' enk a Geld. Baut's enk eppas! Arbeitet's! Schaut's, daß ös a Wirtschaft gründen könnt's!« sagte er immer eindringlicher. »Gabst kein' unebenen Wirt ab, du, und 's Regele war' ganz a saubere Wirtin.«
Mit einem Anflug seiner alten polternden Heiterkeit fletschte der Veit die Raubtierzähne und schaute dabei fast zärtlich auf die beiden jungen Leute, die geduckt und kleinlaut neben ihm auf der Bank saßen.
»Könnt's fein hausen miteinander ...« meinte der Kramer ... »und könnt's no etline Kinder kriagen und ...«
Da lachte das Regele laut und geziert. »Könnt' mir einfallen! Sölle Balgen aufziehn! I weiß mir was Besseres!«
Erschrocken hielt die Notburg mit ihrer Näharbeit inne und starrte auf das junge Ding, das so gottlose Reden tat. Und als müsse sie den kleinen Anderl vor dieser Mutter schützen, rief sie laut seinen Namen, und das Kind sprang zu der Pflegemutter und schmiegte sich schmeichelnd an sie. Fast hätte sich die Notburg bekreuzigt, so frevelhaft und gottlos kam ihr die Rede des jungen Weibes vor.
Der Florl aber lenkte ein und entschuldigte das Regerl.
»Sie moant's nit so, 's Regele ...« sagte er beschwichtigend. »Leicht ... wenn wir a Heimatl hätten ... leicht wär's anders dann ... gelt, Regele?«
Es lag etwas in dem Ton des Mannes, das den leichten Sinn der jungen Frau bezwang. Etwas Inniges und Warmes, das sie längst nicht mehr bei ihm kannte. Heiß schoß es ihr in die Augen, und ganz verlegen stammelte sie: »Ja ... freilich ... siegst wohl ...« und jetzt wandte sie sich an die Notburg ... »Unseroans kann do nit an Kinder denken, in der Fremd' draußen.«
Der Kramer Veit war ein viel zu guter Menschenkenner, als daß er dem Regele ihr vorlautes Reden weiter nachgetragen hätte. Er wußte: dieses Weib war noch weich und zu biegen. Noch war sie unverdorben, und wenn sie in die Heimaterde zurückversetzt wurde, konnte sie gedeihen wie ehedem. Er sah dem Florl forschend ins Gesicht und wußte, daß der Sinn des Mannes schwerer zu wandeln sei. Er sah den listig schlauen Ausdruck in den hellen Augen und den eigenwilligen intelligenten Zug in dem jungen Gesicht, der von Kraft und Zähigkeit sprach.
»Schlag' ein ... Florl ...« sagte der Kramer Veit über eine Weile und hielt ihm seine Hand ausgestreckt entgegen. »Schlag' ein! I mach' an Wirt aus dir! Magst?«
Fast war's wie damals droben am Alpl. Nur daß der Florl es jetzt gelernt hatte, vorsichtig und genau alle Seiten einer Sache zu überlegen, ehe er zusagte. Der Vorschlag des Kramer Veit gefiel ihm nicht übel ... aber auf das Reisen mochte er doch nicht ganz verzichten. Die große Welt da draußen lockte verführerisch mit ihrem gleißenden Schimmer und mit ihrem süßen, betäubenden Gift. So suchte er denn nach einem Ausweg und unterhandelte mit dem Kramer.
»Sag', Kramer, wo tat'st du's hinbauen ... die Wirtschaft?« frug er ernst und nachdenklich.
»Wohin du willst. Wir da herinn' können überall a gut's Gasthaus brauchen.«
Und wieder dachte der Florl nach und brauchte lange Zeit dazu. Und der Kramer störte ihn mit keiner Silbe und keinem Blick.
»Eppar da aufi ...« frug der Florl dann, streckte den Kopf etwas zum Fenster vor und zeigte mit der Hand auf die steile Wiese, die zu jener Stelle führte, an welcher der Veit als Kind mit seiner Notburg so oft gesessen hatte.
Nun war der Kramer doch etwas verblüfft; denn diesen Vorschlag hatte er nicht erwartet.
»Da aufi?« frug er verständnislos. »Da geht dir do koa Mensch nit hin, Florl!« sagte er kopfschüttelnd.
»Ah wohl! I moanet wohl!« sagte der Florl zuversichtlich. »Wenn du baust ... sag'n wir bis in zwoa Jahr' ist die Sach' fertig ... und 's Regerl und i fahr'n auf als Wirt und Wirtin. War's g'recht, Kramer?«
Noch immer verstand der Veit den Florl nicht.
»Ja und die Gäst' ...?« Seine dunklen runden Augen standen dem Kramer Veit jetzt noch mehr hervor wie gewöhnlich, vor lauter Staunen.
»Die Gäst'? Die bring' i von draußen mit!« erklärte der Florl ganz bestimmt.
»Von draußen ...?«
Der Florl nickte. »Ja. Sollst sehen, Kramer, daß das möglich ist. A neu's Unternehmen.« Der Florl erhob sich, und jetzt war er es, der dem Kramer aufmunternd auf die Schulter schlug. »Und da tust du mit, Veit. Wirst's sechen ... 's geht.«
Und jetzt hielt er dem Kramer Veit die Hand zum Einschlag hin. Aber der Kramer war genau so vorsichtig, wie es vorhin der Florl gewesen war, und zögerte einzuschlagen.
»Du willst dö Fremden ins Land einerzügeln ... in unser Landl?« frug er zögernd und fast so schwerfällig, als wie der Wastl in der Gungl drinnen es getan haben würde.
»Ja. In unser Landl!« nickte der Florl. »Wir brauchen uns do nit zu schamen damit. Sollen nur kommen die Fremden und sich die Augen außerschaug'n, wenn sie unsere Berg' sechen. Schian ist's bei uns da, Kramer ...« der Florl streckte die Arme in ehrlicher Begeisterung ... »wia nirgends in der Welt, kimmt mir für. I und mei' Weib, wir hab'n nit viel Rar's derlebt da, seit wir wiederkömmen sein. Aber eins hab'n wir derlebt, und dös war das G'fühl, daß wir da und nirgends sonst dahoam sein. Und desweg'n, Kramer, wenn du Wort halt'st und baust ... daß wir aa a eigenes Dach kriegen ... i schwör' dir's ... daß i's heilig halten will und rechtschaffen wirtschaften.«
Es war lange her, seit der Florl dem Kramer Veit so gut gefallen hatte wie in dieser Stunde. Und trotzdem überlegte er noch, ehe er auf den Vorschlag einging.
»Wann wollt's denn fort ... Bua?« frug der Kramer nach einer kleinen Pause, in der er tief nachdenklich dasaß und den Kopf schwer in die Hand gestützt hielt.
»Morgen in einer Woche.«
»Und du nimmst die andern mit?«
»Ja!« kam es sehr bestimmt zurück. »I nimm sie mit und bring' sie wieder, wie sie iatz sein. I versprich dir's, Veit.«
Da schüttelte der Kramer Veit den Kopf. »Dös kannst nit halten ... dös Versprechen!« sagte er fast tonlos. Dann aber gab er sich einen Ruck, so daß seine kernige, kräftige Gestalt zur vollen Geltung kam. »Aber dös andere ... dös mit der Wirtschaft ... dös will i mir überleg'n und dir no Botschaft bringen, eh' du fortziehst. Kann sein, daß i die Sach' mach' ... kann sein aa nit.« ...
Und in einigen Tagen darauf ging der Kramer Veit übers Bergl hinüber zum Söllerbauer und fragte nach dem Florl. Und sagte diesem in seiner geraden, offenen Weise, daß er die Sache mit dem Bau machen wolle.
»Soll a schian's Häusl abgeben ... Florl ... daß du a Freud' hast. Nit zu groß und nit zu klein. Grad g'recht für enk und etliche Fremde, die ihr mit einerbringen wollt's. Aber nacher, Florl ... dös versprichst mir ... nacher steckst es auf ... dö Singerei ... gelt?« Treuherzig und wie abbittend schaute der Kramer Veit in die Augen des Florl.
Der Florl sah eine Weile zu Boden, ehe er antwortete.
»Wann wir a Heimat haben ... 's Regele und i ... und uns halten können ... i mein' ... wann sich die Sach' aa rentiert ... nacher glaub' i's selber, daß i kein Verlangen mehr hab' ... mi Abend für Abend vor die Leut' hinzustellen und ihnen eppas vorzusingen!« sagte der Florl zögernd. »Aber rentier'n muß sich's halt ordentlich ... dös verstehst wohl, gelt, Kramer?« — — —
Ganz zufrieden war der Kramer Veit ja nicht mit dieser Antwort. Aber er baute trotzdem. Er baute, weil ihn das neue Unternehmen interessierte und seinen regen Geist beschäftigte. Auf diese Weise ging ihm der erste Winter, den er wieder in der Heimat verlebte, rasch und abwechslungsreich dahin. Er hatte einen Plan und spann ihn aus. — — —
Kaum waren zwei Jahre verflossen, da zogen der Florian Siegwein und seine Frau Regina als Wirtsleute in das Haus, das der Kramer Veit hoch droben überm Dörfl mit dem Blick auf die drei Hochtäler und die Berge und Gletscher im Hintergrund erbaut hatte.