Achtes Kapitel
Der Winter war lang und schwer in der Gungl. Wenn draußen im Tal an den geschützten Stellen der Schnee den warmen Strahlen der Sonne zu weichen begann und die Hänge der Berge ab und zu ihr weißes Kleid mit dem grünen vertauschten, dann merkte man hier drinnen im engen, schluchtartigen Hochtal nur wenig von dem werdenden Frühling.
Ein einsames, abgeschlossenes Dasein war es eigentlich schon hier herinnen. Dieser letzte Winter ganz besonders erschien der Vef endlos und lange. Wenn sie nicht ihre drei Kinderchen gehabt hätte, die ihr vollauf zu schaffen machten, dann hätte sie wohl oftmals Heimweh verspürt nach dem Perlmoserhof. Denn so weltabgeschieden war man dort oben doch nicht wie hier in der Gungl.
Schließlich war sie ja noch jung, die Vef, und hätte manchmal ganz gern einen Hoangart mit Nachbarsleuten gehabt. So aber war außer dem Wastl und dem Göd rein gar niemand vorhanden, mit dem man hätte diskurieren können. Und der Göd zählte schon bald nicht mehr. Von Tag zu Tag schwand seine Kraft, und der Vef war oft recht bange davor, daß der alte Mann just in der allerschlimmsten Zeit dahinsterben könnte. So mitten im Winter, wenn sie oft wochenlang von aller Welt abgeschlossen lebten und der Schnee so hoch vor ihrer Hütte lag, daß sie kaum zu den Fensterscheiben hinausschauen konnten.
Mit vieler Müh' mußte da der Wastl den Schnee rings um die Hütte und bis zum Stadl hinüber wegschaufeln, eine Arbeit, die ihm fast keinen Tag erspart blieb. Denn täglich erneuten sich die Massen des Schnees und fielen dicht und unaufhörlich und hüllten neidisch jeden Ausblick, auch den nächsten, in ein undurchdringlich weißes, wirbelndes und flatterndes Tuch.
Wenn der Alte von der Gungl justament in so einer bösen Zeit dahingegangen wäre, dann hätte es geschehen können, daß man die Leiche vielleicht gar etliche Wochen im Haus hätte behalten und unter Dach einfrieren lassen müssen. Wie dies in abgeschlossenen Hochtälern bei strengen Wintern vorzukommen pflegt. In der engen Hütte, wo buchstäblich eines über das andere stolperte, auch noch eine Leiche zu beherbergen, dieser Gedanke allein machte das junge Weib in abergläubischer Furcht schaudern.
Es war ein weiter Weg zurückzulegen bis zum nächsten Kirchdorf. So an die vier Stunden rechnete man im Sommer, wenn die Wege gut und gangbar waren. Im Winter aber, bei Schnee und Eis, wo man sich jeden Schritt erst bahnen mußte, konnte man völlig die doppelte Zeit rechnen.
Eigentlich war's ja nicht zum verwundern, wenn die Vef manchmal recht übellaunig war und mehr schimpfte, als gerade notwendig gewesen wäre. Manchen Tag hatte sie in diesem letzten Winter, an dem ihr der Wastl rein gar nichts recht machen konnte. Denn daß ihre üble Laune in der Hauptsache ihr Mann zu fühlen bekam, das war eigentlich nur natürlich. Und der Wastl gewöhnte sich auch daran und sah es ein, daß sein junges, lebensprühendes Weib eben doch oft unter der Einsamkeit litt. Ein Glück, daß sie die Kinder hatte, die ihren Sinn ablenkten.
Als es draußen im Tal schon wieder zu sprossen und blühen anhub und herinnen in der Gungl die dichte, festgefrorene Schneedecke unter der warmen Frühlingssonne allgemach dahinschmolz, da war es mit der Lebenskraft des alten Göd auch zu Ende.
Ohne Schmerzen und ohne eigentliche Krankheit war der Alte dahingegangen. Ausgelöscht wie ein Licht, das kein Öl mehr hatte. Auf seinem gewöhnlichen Platz auf der Bank am Herd war der alte Mann eingeschlummert. Am Nachmittag, als es zu dunkeln anfing und sie alle in der Küche waren. In seinem gewöhnlichen Anzug, den Hut am Kopf und in dem grauen kurzen Lodenrock mit den schwarzen Samtstulpen, so war er dagesessen, hatte sich nur mühsam aufrecht halten können und hatte wie immer unverständlich und leise vor sich hingemurmelt.
Und auf einmal war er ganz still geworden. Und die Vef, die am Herd herumhantierte, glaubte, er sei eingeschlafen, wie das schon öfters der Fall gewesen war. Die Kinder spielten und kreischten, und der Wastl wiegte das Jüngste in der Wiege.
Sie war wieder einmal recht übellaunig gewesen heute, die Vef, und der Wastl vermied es, viel mit ihr zu reden. Würde schon wieder besser werden mit dem Humor, wenn erst der Schnee ganz dahin war und man wieder mehr hinaus konnte ins Freie.
Der Wastl gab sich den Anschein, als bemerke er die schlechte Laune seines Weibes gar nicht, obwohl die Vef alles tat, um nur ja recht viel Lärm zu verursachen. Sie klapperte in überflüssiger Weise mit der Pfanne und warf die Deckel auf dem Fußboden herum, und als sie endlich mit der Kocherei fertig war, rief sie laut und mit zorniger Stimme: »Essengiahn!«
Sie mußte ein Ventil haben, die Vef, um jeden Preis, und wenn ihr schon kein Mensch den Gefallen erwies, sie zu ärgern, dann mußte sie eben ohne Ursache schreien. Der Wastl folgte gehorsam und schweigend dem zornigen Ruf, ließ den Säugling in der Wiege liegen und ging mit schwerfällig langsamen Schritten zu dem Tisch, wo die Muspfanne aufgetragen stand.
»Essengiahn!« wiederholte die Vef scharf, als sich der alte Mann noch immer nicht von seinem Platze rührte. Der Göd aber hörte ihren Ruf nicht mehr ...
Bis ins Innerste ihres Herzens war die Vef erschüttert, und ihr ganzer Unmut war mit einem Male verflogen.
»Wastl ... der Göd ...« Das war alles, was sie herausbrachte, als sie die regungslose Gestalt des alten Mannes sah, der tief in sich zusammengesunken war und den Kopf hängen ließ. Die Augen lagen starr und gebrochen in den tiefen Höhlen.
»Jessus Maria!«
Es war ihnen beiden doch recht überraschend gekommen, dieses jähe Ende des Alten. Und so sehr sich die Vef den Winter über vor dem Tod gefürchtet hatte, so bitter griff es ihr jetzt ans Herz, da er nun wirklich Einkehr hielt in ihre kleine Hütte.
Noch nie war ihr ein naher Verwandter gestorben, und niemals noch hatte sie einen Menschen sterben sehen. Um den eigenen Vater hätte das junge Weib nicht mehr und nicht ehrlicher weinen können wie um den Göd ihres Mannes. Sie schüttelte den Alten und rüttelte ihn und wollte es gar nicht glauben, daß er nun wirklich dahingegangen war.
»Göd! Göd!« schluchzte sie laut und fassungslos.
Der Wastl zog sie sanft von dem Toten fort. »Laß gut sein, Vef! Den weckst du nimmer auf.«
Einige Tage später luden sie die Leiche des Alten von der Gungl auf einen Schlitten und brachten ihn zum nächsten Kirchdorf. Der Wastl hatte bitten gehen müssen, daß Leute vom Tal hereingekommen waren, um ihm bei dieser traurigen Pflicht zu helfen.
Es kam der Vef recht hart an, daß sie nicht einmal beim Begräbnis dabei sein konnte. Sie hatte ihn lieb gehabt, den Alten. Das fühlte sie jetzt erst. Recht lieb ... Und eine Leere war da plötzlich um sie, eine Leere und Kälte, daß sie sich in dem kleinen Raum fast zu fürchten anfing.
Doppelt einsam und verlassen kam sie sich jetzt vor. Daß man so gar keinen Menschen um sich hatte, der einem ein wenig beigestanden wäre! Die Vef mußte bei ihren Kindern zurückbleiben, während sie draußen im Tal den toten Göd in die geweihte Erde betteten.
Er fehlte der Vef an allen Ecken und Enden, der alte Mann. Die Leute in der Einsamkeit der Berge gewöhnen sich mehr aneinander und hängen auch mehr aneinander. Und immer wieder mußte die Vef an den Alten denken, wie gut er gewesen war und wie er nie ein anderes Wörtl als wie ein liebes für sie übrig hatte.
»Jetzt hat man gar kein' Menschen mehr, mit dem man a Wörtl reden könnt' ...« sagte das junge Weib, wenn sie abends noch eine Weile mit ihrem Mann in der spärlich erleuchteten Küche saß; und der Wastl stimmte ihr dann traurig bei.
»Gar kein' Menschen. Freilich. Aber wir haben ja no uns selber, Vef, und aa no die Kinder!« tröstete er dann ...
Das war in jenem ersten Jahr gewesen, nachdem die Rosina mit dem Florl und dem Regele in die Welt hinaus gewandert war. Die Vef hatte oft an diese Schwester denken müssen an den langen, düstern Winterabenden. Was die Rosina wohl treiben würde, und ob sie auch Sehnsucht empfand nach der Heimat?
Es war merkwürdig. Je länger die Zeit verging, desto mehr sehnte sich die Vef fort von der Gungl. Und der erste Winter nach dem Tod des Göd war noch schlimmer wie der vorhergehende. Da überkam es die Vef mit seltsam starker Macht, die Sehnsucht nach der alten Heimat und die Sehnsucht nach dem Alpl hinauf, wo man so unbändig toll und lustig sein konnte.
Die Vef sprach auch mit dem Wastl darüber. Der kannte diese Sehnsucht nicht, hatte kein Verlangen nach den Menschen, war glücklich und zufrieden mit seinem Schicksal und freute sich an seinem Weib und seinen Kindern.
Zu Lichtmeß schon sollte der vierte Sproß ihrer Ehe kommen, und gleich nach Weihnachten traf die Julie in der Gungl ein, um abermals bei der Schwester auszuwarten. Die Julie brachte wenigstens ein bissl Leben in das einförmige Dasein, und die Vef atmete förmlich auf, als die Julie fröhlich und lachend den Kopf zur Hüttentür hereinsteckte.
Was die Julie aber auch für Neuigkeiten mitbrachte! Schon in diesem Frühjahr, so erzählte sie, werde der Neubau vom Kramer Veit fertiggestellt sein. Ein großes, zweistöckiges Haus sei das und ganz aus Holz gebaut.
Wahre Wunder wußte die Julie darüber zu berichten. Alle Leut' sagten es weitum: »So eppas schian's, wie die Wirtschaft vom Kramer Veit, könnt' man do völlig nur in der Stadt finden. Und da kennet man's halt do, daß der Veit eppas von der Welt g'sechen und erfahren hat.«
»Du ... Wastl ... dös muß i mir anschaug'n giahn!« sagte die Vef ganz begeistert, und ihre Augen, die jetzt immer etwas trübe und matt schauten, leuchteten aufgeregt bei den Schilderungen der Julie, wie die Augen eines Kindes vor der Christbescherung.
»Die Julie kann derweil bei die Kinder bleiben, und i geh' auf a Woch'n hoam außi. Gelt, Wastl?« sagte die Vef bittend und in beinahe demütigem Ton.
Der Wastl nickte gutmütig. »Freilich. Bleib' nur glei a paar Wochen draußen!« meinte er in seiner schwerfälligen Art. »Nachher g'freut's di da herin wieder um so besser!« setzte er hinzu und stopfte sich in aller Behaglichkeit seine Pfeife.
»Ja!« machte da die Julie etwas gespreizt. »Aber i werd' enk halt nimmer einer kommen können.«
»Nit?« frug die Vef verwundert. »Ja, warum denn nit?«
»I bin halt ang'stellt im Fruahjahr, woaßt wohl. Muß Kellnerin machen in der neuen Wirtschaft draußen!« antwortete die Julie und spielte recht angelegentlich mit ihrem Schürzenband.
»Beim Florl?« frug der Wastl gedehnt und nicht ohne Interesse.
»Freilich. Der Kramer Veit hat mi aufg'nommen dafür. Und ... damit ihr's aa gleich wißt's. I geh' enk überhaupts nimmer da einer in enkere Daxhöhl'n ... wann ihr leicht wieder a Kloans kriagen sollt. I siech nit ein, zu was grad i alleweil daheim herhocken soll. Und wo die Rosina so a fein's Leben hat.«
»Du willst do nit aa no mit'm Florl mitgiahn?« fragte die Vef jetzt ehrlich erschrocken.
Die Julie lachte geziert und laut. »Ja ... warum denn nit? Was die Rosina kann ... kann i döcht aa no. Möcht' grad wissen, wer mir dös verbieten soll?«
»Ja ... und dei' Vater?« frug der Wastl sehr ernst nach einer kleinen Weile.
»Mei! Soll amal übergeb'n, der Vater, wenn er sich nit anders aussiecht.« Die Julie hob gleichgültig ihre vollen Schultern in die Höhe. »Der Jackl wartet eh' schon hart und möcht' alleweil gern heiraten. Und i bin mir aa zu gut dazu, lei alleweil grad in Mistkorb am Buckel zu tragen!« erklärte das Mädel entschlossen. »Und wo der Florl a so gute G'schäft' macht und 's Regele a so a nobles Weibets ist. Naa ... i bleib' nimmer dahoam. Dessell' woaß i g'wiß. Glei' wenn der Florl kimmt, sag' i's ihm!« erklärte die Julie sehr energisch. In diesem Augenblick erinnerte sie ganz an die resolute Art der Vef, nur daß sie trotz allem nicht so temperamentvoll und auch nicht so hübsch war wie diese.
»Du solltest halt heiraten ... Julie ...« mahnte die Vef nach einer kleinen Pause, in der sie nachdenklich und sinnend dagesessen war.
»Heiraten? Moanst?« Die Julie lachte laut heraus. Es klang schrill und häßlich, dieses Lachen. »Und in a söller Daxhöhl'n leben wia du und oa Kind ums andere hab'n?« frug sie spöttisch. »Naa, mei' Liabe! I tat' mi bedanken dafür! Die Rosina ... ja ... die hat an anders Leben wie du. Geld g'nuag und schiane G'wander und braucht nix zu arbeiten und sich um nix zu kümmern. War' oans ja dumm, wenn's nit aa mittat'« ...
Seit jener Unterredung mit der Julie wurde die Vef noch launenhafter. Jetzt schrie sie nicht allein den Wastl an, sondern auch die Kinder waren ihr überall im Wege, und sie teilte Püffe und Schläge aus, ohne eine wirkliche Ursache dafür zu haben.
Als dann nach Lichtmeß das Kleine kam, zeigte die Vef nur wenig Freude an diesem Kind. Es war ein Mäderl und hatte die dunklen Augen und das dunkle Haar vom Wastl. Die ersten drei waren Buben und blond und helläugig wie ihre Mutter.
Die Vef hatte in diesem einen Jahr, nachdem der Göd gestorben war, ihr übermütiges Lachen eingebüßt. Wenn's so weiter ging mit ihr wie bisher, dann würde sie früh altern und ein böses und zänkisches Weib werden.
Dieses Gefühl hatte wenigstens der Wastl, und es drückte ihn schwer, daß er so gar nichts dagegen zu tun vermochte. In ruhigen Stunden der Überlegung sagte sich die Vef das auch selber, und sie war ehrlich genug, die Ursachen dieser inneren Wandlung zu erforschen und schonungslos einzugestehen ...
Das war im Frühsommer, und die Julie war längst wieder daheim und wahrscheinlich schon in ihrer neuen Stellung als Kellnerin tätig. Da fügte es sich, daß die Vef und der Wastl wieder einmal wie in früheren Zeiten ruhig und vertraulich miteinander sprachen.
Seit Wochen hatten sie arges Regenwetter gehabt in der Gungl. Naßkalt war es und unlustig wie mitten im Winter, so daß sie in der Stube hatten heizen müssen. Die Nebel hingen dicht und schwer ins Tal herab und kürzten die langen Sommertage und machten sie grau und bleiern. Die Heumahd hatte zurückstehen müssen, und teilweise war ihnen das Heu während der Arbeit verfault.
Zu solchen Zeiten konnte man hier drinnen nicht viel anderes anfangen, als trübselig in der Stube hocken und geduldig die besseren Zeiten abwarten, die ja doch wieder kommen mußten.
Der Wastl hatte die Zeit aber doch genützt. Hatte draußen vor der Hütte den ganzen Tag hindurch Holz gespalten und den Vorrat dann fein säuberlich an die Wände der Hütte aufgeschlichtet. Das weit vorspringende, mit Steinen beschwerte Schindeldach schützte das Holz vor Nässe, und die Luft trocknete es aus, und bis zum Winter würde der Vorrat rings um das Haus und bis nahezu unter das Dach hinaufreichen und das Häusl so gleich einer zweiten Mauer wärmend umgeben.
Seit dem Tod des alten Göd hatten sie nun etwas mehr Platz in der kleinen Hütte und brauchten die Stube nicht mehr als Schlafraum zu benutzen. Sie hatten jetzt, wie andere Bauersleute auch, ihre richtige Wohnstube, und die Vef hätte eigentlich recht zufrieden und glücklich sein können, wenn sie eben noch dieselbe gewesen wäre wie ehedem. So aber nagte der Neid an ihr und machte sie unzufrieden und launisch. Sie gestand es dem Wastl aufrichtig ein, an jenem Abend, als er müde vom Holzhacken noch eine Weile bei ihr in der Stube saß.
»Weißt, Wastl ...« begann die Vef zögernd ... »amal muß i döcht an offenes Wörtl mit dir reden.«
Die jungen Eheleute saßen allein in ihrer kleinen Stube. Seite an Seite auf der Bank im Herrgottswinkel. Die Kinder schliefen bereits in der Kammer nebenan. Ein Talglicht brannte am Tisch und warf seinen matten Schein gespenstig durch die niedrige braune Balkenstube.
Und draußen plätscherte der Regen einförmig und unaufhörlich, wie jetzt schon seit vielen Tagen. Der Wastl sah müde und schläfrig aus und gähnte laut und ausgiebig von Zeit zu Zeit. Die Vef, in ihrem einfachen Arbeitsgewand, mit der dunkelfärbigen Schürze, hatte die Ärmel aufgestülpt und ihre nackten, schöngeformten Arme auf den Tisch gelegt und stützte ihren Kopf schwer mit der rechten Hand.
»Wenn man's so recht bedenkt ...« fuhr die Vef zu reden fort ... »so haben wir zwei do eigentlich a recht's Hundeleben da herinnen. Schinden und rackern uns und bringen's unser Lebtag auf kein' grünen Zweig.«
Jetzt hielt die Vef mit reden inne und wartete, was ihr Mann darauf zu sagen hätte.
Der Wastl aber sagte gar nichts. Er gähnte nur und bereitete sich vor, nun baldmöglichst in die Schlafkammer zu verschwinden. Denn nun, wußte er, würde der gemütliche Plausch, den er heute abend mit der Vef gehabt hatte, wieder in einer Schimpferei über die Gungl und die hier herrschende Öde und Langeweile enden. Das war jetzt immer so gewesen in der letzten Zeit, und da konnte man eben nichts dagegen tun, als schleunigst die Flucht zu ergreifen.
Die Vef beobachtete mit festen, forschenden Blicken ihren Mann, wie sie so in nachlässig bequemer Haltung auf den Tisch gestützt neben ihm saß.
»Wastl ...« fing sie dann neuerdings zu reden an, und ihre Stimme klang sanft und mild wie schon lange nicht mehr ... »ist dir nit schon selber der Gedanken kömmen ... daß wir's uns eigentlich aa besser einrichten kannten? Schau ... wir waren do no nit alt ... sein all's beide junge Leut', und's ist völlig schad' um uns, daß wir uns da herinn lebendig eingraben tian. Wenn wir halt do eppas Besseres finden taten ... eppas ... i moan ...« Und jetzt stockte sie, leicht verwirrt, und sah fast hilfesuchend zu ihrem Mann auf, der an die Holzwand zurückgelehnt dasaß und die Arme verschränkt unter dem Kopf hielt.
Der Wastl sagte noch immer kein Wort, starrte mit leeren, schläfrigen Augen in die Luft und schwieg. Er war klug und vorsichtig geworden, der Wastl, und wollte nicht durch irgend eine Unvorsichtigkeit den Zorn seines Weibes erregen. Und dann begriff er es überhaupt nicht, auf was die Vef mit ihrem Gerede eigentlich hinauswollte.
Sie mußte also schon deutlicher werden. Das sah sie ein, und die Schwerfälligkeit und Begriffstützigkeit ihres Mannes brachte ihr das Blut in Wallung, so daß sie sich geärgert erhob und mit der flachen Hand zornig auf die Tischplatte schlug.
»Stell' di nit a so deppat!« fuhr sie ihn an. »Du weißt recht gut, was i moan! Verkaufen sollst dö Lotterhütt'n ... dö elendige! I mag nimmer bleib'n da herin!«
Der Wastl war über den jähen Ausbruch seines Weibes zu tiefst erschrocken.
»Aber Vef ...« stammelte er und sah ihr mit seinen guten, treuen Augen ins Gesicht. »Aber Vef!«
»Ja ... freilich! Dös ist wohl alles, was du kannst!« höhnte das Weib. »Aber Vef! Aber Vef! Aber nix da ... sag' i ... i mag nimmer! Tu, was du willst ... aber no an Winter in dem Sauloch da herinnen halt' i einfach nit aus!« schrie sie ihn aufgebracht und zornig an.
»Ist dös dei' Ernst, Vef?« brachte der Wastl sehr langsam und mit gepreßter Stimme hervor. »'s ist döcht unser Hoamatl. Hast's do amal gern g'habt ... Vef ... 's Hoamatl ...« sagte er innig und mit Wärme.
»Freilich. Weil i nix Besseres kennt hab' ... Aber iatz bin i nimmer so dumm!« Das Weib stemmte ihre vollen Arme in die üppigen Hüften und stellte sich resolut vor ihrem Mann auf. »Moanst, dös wurmt mi nit, daß i alloan so dumm g'wesen bin und g'heirat' hab'? Reu'n tuat's mi, soviel i Haar' am Kopf hab' ... daß d' es woaßt. Verkümmern und versauern kann i da herin und bin döcht nix als wia an arm's Lotterweib. Und die Rosina und die Julie haben's schianste Leben! Und wenn iatz aa no die Julie an Haufen Geld verdient, aft kannst mi gern hab'n!« schrie sie wütend. »Aft renn' i dir davon, so wie i bin ... und geh'aa no singen. Daß d' es woaßt!«
So zornig und aufgebracht war die Vef, daß sie sich nicht mehr anders helfen konnte und beide Hände vors Gesicht hielt und laut zu weinen anfing. Ratlos saß der Wastl da und wußte nicht, was reden und deuten. Er fühlte nur, wie eine schwere Traurigkeit über ihn kam, die sich ihm beklemmend aufs Herz legte. Und sagte kein Wort, der Wastl. Nur das Atmen kam ihn hart an, war schwerer, als wenn er draußen die Zentnerlast auf der Kraxen von den Schrofen herabtrug.
Allmählich beruhigte sich die Vef wieder, und ihr Weinen wurde leiser und weniger leidenschaftlich.
»Vef ...« bat da der Wastl leise ... »kann dös wirklich dei' Ernst sein? Unser Hoamatl ... und die Kinder ...« Er brachte nichts mehr hervor. Die Worte blieben ihm in der Kehle stecken, und es würgte ihn und stieg ihm heiß und bitter in die Augen.
Da wurde das Weib wieder ganz ruhig. Sie hatte ihn ja doch lieb, ihren Wastl, und auch die Kinder. Und wollte ihm gewiß nicht wehe tun. Nur, daß der Hunger nach Leben und Genuß in ihr erwacht war, daß sie sich jetzt unzufrieden fühlte und innerlich elend.
»Schau ... Wastl ...« fing die Vef nun neuerdings zu reden an und legte ihren vollen Arm um den Hals des Mannes. »Schau ... i will di ja nit kränken. Tu mir's nit verübeln. 's hat außer müssen! Siegst ... wann nit alleweil der Vergleich da war' ... wann i nit alleweil an die Rosina und an die Julie denken müaßat ... aft war' i nit so g'worden. Wann dös mit die zwoa nit kömmen war' ... meiner Seel' und Treu ... i war' zufrieden g'wesen mit unserm Hoamatl. Woaßt wohl selber, wia i mi g'freut hab' drauf, gelt? Und siegst, Wastl, seit der Göd nimmer ist ... ist's grad, als wenn unser guter Schutzgeist dahin war'. Siegst ... der hat einerpaßt in die Gungl. Und du paßt aa einer ... Aber i ... i pass' nimmer her! Der Göd ... dersell hat nix Schianeres kennt als wie die Schrofen und Berg' und dös Rauschen vom Bach drunten. I hab'n oft zuag'schaut, wia er dag'standen ist vor der Hütt'n. Z'morgens in der Fruah, wenn die Sonn' ang'hebt hat zu leuchten droben auf die Wänd'! Völlig an Andacht ist dös g'wesen. Und wia a Heiliger ist er mir oft fürkömmen ... wia oaner, der die Berg' anbeten tut. Und er hat betet, der Göd! I hab's g'sechen. In koaner Kirch' hätt' dös schianer sein können, als wenn der alte Mann, der's kaum mehr derstanden hat, vor der Hütt'n g'wesen ist, den Huat abertan hat und die dürren Händ' g'faltet hat. Aft ist mir fürkömmen, da droben in die Wänd' ... zuhöchst auf die Gipfel oben ... da müsset der Gottvater selber sein und aberschaun. Und oftmals hab' i mir vorg'stellt ... wenn in der Fruah die weißen Wolken aufg'stiegen sein und die Sonn' durchg'leuchtet hat, daß alles nur oa Silberglanz g'wesen ist vor lauter Pracht ... daß die Wolken a Vorhang wären und das Allerschianste, das es gibt, versteckt halten taten. Siegst, Wastl ...« die Vef lachte leise und träumerisch ... »a so bin i g'wesen. Fast kindisch ... kannst mir's glauben!« beichtete sie. »I hab' mir fürg'stellt ... dös Allerschianste hinter den silbrigen Wolkenglanz ... dös müaßet a Königin sein. Woaßt ... so ... wie si halt unseroans a Königin vorstellt. Auf und auf voll Glanz und Gold. Hatt' nit viel g'fahlt, und i hatt' sie am End' wirklich no g'sechen ... dö Königin!« lächelte das junge Weib wehmütig. »Weil's mir so ans Herz g'riffen hat, wenn i den alten Göd in aller Herrgottsfruah zum Himmel aufi hab' beten sechen.«
Die Vef hielt einen Augenblick inne und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Stirne. »Siegst, Wastl ...« fuhr sie dann leise zu reden fort ... »da ist mir g'wesen ... wenn i grad a so wie der Göd fromm sein kunnt und so wie er die gewaltige Liab zur Heimat hätt'. I hab' alleweil g'moant, i hätt' die richtige Liab zu unsere Berg'. Aber naa, Wastl, iatz woaß i's erst ... i kenn' sie gar nit. Der Göd ... ja ... dersell hat sie g'habt. Aber er war halt aa alt, und i bin jung. Kimmt mir für ... wir haben a neue Zeit kriagt. 's muß wohl a so sein! Ganz g'wiß! Weil's uns junge Leut' forttreibt von der Heimat.« Traurig neigte das junge Weib ihren Kopf und machte eine kleine Pause, ehe sie mit ihrer Beichte weiterfuhr.
»'s will mir nimmer g'fallen da herin, Wastl!« sagte sie beinahe tonlos. »So fein's mi amerst dunkt hat ... völlig schiach kimmt's mir iatz zeitenweis für.«
Es war ganz still in der kleinen Stube. Nichts regte sich wie draußen vor den Fenstern das monotone Rieseln des Regens. Und ab und zu der schwere Atem des Mannes, der regungslos an der Seite seines Weibes saß und mit tieftraurigen Augen vor sich hinstarrte.
»Z'erst ist's angangen ...« fuhr die Vef über eine Weile mit ihrem Bekenntnis fort ... »wia der Florl und die Regina da herin g'wesen sein. Da hab' i ang'hebt zu sinnieren. Hat mir nit eing'leuchtet, daß iatz gar aa mei' eigene Schwester auf die Wanderschaft geht. Hab' alleweil an sie denken müssen. Und meiner Seel' ... oft ist mir fürkömmen in denselbigen Winter ... i muß auf und davonrennen. Grad ... daß der Göd no g'lebt hat. Und vor densell hatt' i mi g'schamt. Woaß nit, was es war! Hätt's nia nit verlauten lassen können vor ihm, daß mir eppas nit passen tat' in der Gungl. Leicht war's ... weil i a Scheu g'habt hab' vor seiner heiligen Liab zu die Berg' ... Kann sein, daß es dös war!« sagte sie leise und sehr nachdenklich. »Aber ... i hab' die Liab nimmer, Wastl. Hab' an Unrast in mir und möcht' außi ... grad fort und in die Welt außi.« Das junge Weib hatte sich erhoben und breitete sehnsuchtsvoll die Arme aus.
»Wastl!« sagte sie warm und voll inbrünstiger Sehnsucht. »Wenn's oan so forttreibt wia mi ... aft ist koa Halten mehr. 's Bluat pumpert mir oft in Kopf, daß i moan, er muß derspringen. Und 's hilft koa Denken mehr und koa Überlegen. Und aa die Kinder ... dö können mi aa nimmer halten. Siegst, Wastl, wann i's bedenk' ... oans nach'n andern kimmt ang'ruckt bei uns. Dauert nimmer lang, und wir derfuttern's nimmer. 's Güatl ist zu kloan dazu. 's sein Lotterkinder aft ... koane Bauernkinder mehr. Und wenn du no so schuftest und rackerst und i no a so alle Fleck' fürer such' zum flicken und ausbessern ... 's hilft nix. Wann die Fleck' für die G'wander größer werden, aft haben wir koa Geld mehr zum kaufen. Und dös ist's. Da stell' i mir für: grad an etline Jahrln vielleicht ... und wir hatten 's Geld beinand und könneten uns an ordentlich's Gütl kaufen. Etline Jahrln lei ... so lang wir jung sein ... dös tun, was der Florl tut und 's Regele und die Rosina. Wir zwoa ... du und i, Wastl ... wir singen besser, wie die alle mitnander. Und wann's uns a Geld eintragt ... z'wegen was sollen grad wir a so dumm sein und 's nit aa tian. Sag' ... Wastl ... moanst nit aa ... 's war' besser, wir sperreten die Hütt'n zua und holen uns das Geld für a schianer's Hoamatl?«
So weich und innig und so voll Liebe konnte das Weib sprechen. Ganz Hingebung war sie jetzt und ganz demutsvoll. Fest umschlang ihr weicher Arm den Nacken ihres Mannes, und ihr Mund küßte den seinen so glühend und leidenschaftlich wie nur in der ersten Zeit ihrer jungen, genießenden Liebe.
Wie ein Rausch überkam es den Mann. In den Händen dieses Weibes war er Wachs, fügte sich nach ihrem Willen, welcher der weitaus stärkere war. Unter ihren schmeichelnden, glühenden Küssen schwanden ihm die Bedenken. Das Schwere, Beklemmende, das ihm auf der Seele lag, wich vor der Seligkeit ihrer hingebenden Leidenschaft. Wohl dachte er an die Trennung von seinen Kindern ... doch die Liebe zu seinem Weibe überwog die Liebe zu den Kindern. An eine Trennung von ihr hätte er niemals zu denken vermocht.
In dieser Stunde aber wurde der Wastl seiner Heimat untreu. Und treulos wurde das Weib, das einstmals nichts Schöneres, Herrlicheres und Heiligeres gekannt hatte wie ihre Kinder und das bescheidene Hüttl vom alten Göd in der Gungl.