Neuntes Kapitel
Der Florian Siegwein und seine Frau Regina waren aufgezogen mit ihrem ganzen Staat in das große Gasthaus, das der Kramer Veit hoch überm Dörfl droben mit dem Ausblick auf die drei Hochtäler erbaut hatte.
Seit der Florl auf eigene Faust auf Reisen gegangen war, duldete er es nicht mehr, daß man das Regele für ein lediges Fräulein hielt. Vor aller Welt galt sie nun als seine Gattin, und der Florl hielt strenge auf Sitte und Zucht bei seinen Leuten.
Man mußte es dem Florian Siegwein lassen. Er war ein anderer, besserer geworden in diesen letzten beiden Jahren. Der leichtsinnige Zug von einst war aus seinem Gesicht vollständig verschwunden und hatte einem berechnenden Ernst Platz gemacht.
Der Florian hatte, gleich dem Kramer Veit, jetzt die Gefahren erkannt, die ihn und seinesgleichen in der Welt draußen bedrohten. Und er war mit sich strenge ins Gericht gegangen. Hatte überlegt, daß er nur durch eiserne Selbstzucht und großen sittlichen Ernst sein Unternehmen vor moralischem Untergang würde bewahren können.
Er hatte erkannt, daß diese jungen Menschen, die sich seiner Führung anvertrauten, mit fester, straffer Hand geleitet werden mußten. Er war sich der großen Verantwortung, die er übernommen hatte, bewußt geworden und wurde ein strenger, aber umsichtiger Führer seiner kleinen Truppe.
Der Florian Siegwein hatte das Versprechen, das er damals dem Kramer Veit gab, getreulich eingehalten. So wie er die jungen Leute übernommen hatte, so brachte er sie wieder in die Heimat zurück. Und trotzdem hatte der Kramer Veit doch auch recht behalten. Sie waren doch, eines wie das andere, von Grund aus verändert. Unverdorben in Sitte und Moral, das waren sie zwar alle geblieben, und das war einzig und allein dem starken, ernsten Willen des Florian Siegwein zu verdanken.
Sie wußten es nicht und erkannten es auch nicht. Waren wie Kinder, die sich willenlos einem Lehrer fügen mußten. Und murrten wie Kinder und lehnten sich oftmals auf gegen seine Anordnungen. Und doch folgten und gehorchten sie.
Der Florian Siegwein war in diesen Jahren innerlich zu einer Persönlichkeit herangereift. Er überragte sie alle weitaus an Verstand und Willen und leitete sie klug und weise und führte sie von Erfolg zu Erfolg.
Was für ein schwaches, hilfsbedürftiges Kind war dagegen seine Frau geblieben! Die Regina war ihrem Manne keine Gefährtin, kein guter Kamerad, der Freud' und Sorge mit ihm teilte. Sie war eine zierliche Puppe, eitel und gefallsüchtig und mit dem Verstand eines lieben kleinen Vögelchens.
Dem Florl war sie aber recht, gerade so wie sie war. Er hätte sie gar nicht anders haben mögen. In ihrer naiv kindlichen Art, so harmlos und unbefangen, war sie für ihn noch immer dasselbe Regele vom Alpl droben, das Regele seiner Jugend und seiner erwachenden Sinne; und in ihr liebte er nicht allein das Weib, sondern sein ganzes Jugendidyll und seine engere Bergheimat.
Mit rührender, fast ritterlicher Aufmerksamkeit sorgte er dafür, daß sie die Stellung voll einnahm, die ihr als seiner Gattin gebührte. Das vertrauliche »Du«, das unter den Landsleuten üblich war, hatte der Florian beibehalten. Nur war jetzt aus dem Florl der Florian und aus dem Regele die Regina geworden.
Dieser feine Unterschied, so unbedeutend er an sich war, brachte es doch mit sich, daß eine gewisse Distanz zwischen ihm und seinen Mitgliedern gewahrt wurde. Der Florian und die Regina waren eben doch andere wie der Florl und das Regele, die ihnen von Jugend auf so vertraut waren.
Der Florian Siegwein verstand sein Geschäft, das mußte man ihm lassen. In diesem Unternehmen war er sicher dem Kramer Veit überlegen. Einen wahren Siegeszug durch deutsche Länder hatte er mit seiner kleinen Truppe unternommen und redlich mit ihnen den Gewinn geteilt. Und das war es wohl auch, was ihm so viel Achtung und Autorität unter seinen Mitgliedern eintrug. Seine unbedingte Ehrlichkeit und sein großer Gerechtigkeitssinn. Er duldete auch nicht die geringste Ungerechtigkeit. Und wenn ein Streit oder eine Verstimmung unter seinen Leuten herrschte, so war stets er das versöhnende und ausgleichende Element.
Daß der Florian Siegwein aber auch die sittlichen Gefahren, welche die schlichten Bauersleute in den großen Städten bedrohten, erkannte und mit starker Hand zu verhüten wußte, das war wohl sein allergrößtes Verdienst und zeugte von seiner außergewöhnlichen Intelligenz.
Die hübschen Tirolerinnen in der schmucken Tracht ihrer Heimat erregten nicht nur Aufsehen, sondern auch das ganz besondere Wohlgefallen junger, reicher Herren. Und wenn der Florl damals, als er noch mit dem Kramer Veit gereist war, leichtsinnig darüber hinwegkam, daß man sein Regele so umschwärmte, so erkannte er jetzt die Gefahr und stemmte sich mit der ganzen Kraft seiner Bauernnatur dagegen.
Er hatte sich eine eigene, fast ritterliche Art im Verkehr mit seiner Frau angewöhnt. Er wußte: nur wenn Mann und Frau einig waren ... wenn die Frau dem Manne heilig blieb und er ihre Reinheit schützend hütete, konnten sie bei ihrer Truppe vorbildlich wirken.
Und der Florian Siegwein wünschte es vom ganzen Herzen, vorbildlich zu wirken. Es war richtig. Er wollte Geschäfte machen und viel Geld verdienen. Aber nichts Unreines und Unehrenhaftes durfte an diesem Gelde kleben. Das mußte rein erworben werden; denn der Florian Siegwein wollte in der Heimat als ein ganzer Kerl und ein ehrlicher Mann dastehen.
Niemals duldete er es, daß eines seiner Mitglieder allein zu Gast geladen wurde. Wenn junge Kavaliere sich an die Mädchen heranmachten und sie zu Gastmählern einladen wollten, dann winkte der Florian in seiner jovialen, gemütlichen Art, der man nichts übelnehmen konnte, ab.
»Ah naa!« sagte er dann wohl. »Dös geht nit. Die Rosina kann da nit alloan hingehn. Da gehn wir glei' alle mit. Sein oa Familie ... wir Tiroler und haben halt Zeitlang ohne einander!« Und dann lachte er laut und übermütig, so daß die andern unwillkürlich mitlachen mußten. Gegen diese Art war nicht aufzukommen, und der Florian war schlau und pfiffig genug und auch jeder List gewachsen.
So kamen denn die Tiroler immer wie eine Herde zu den Einladungen, mit denen man sie überhäufte. In die feinsten Kreise wurden sie geladen, auf Schlösser und Burgen, und ganz besonders war es die Rosina, die manchen Träger von uraltem Adel zu ihren Verehrern zählte.
Sie ließ sich umschwärmen, wie das früher das Regele getan hatte, mit einer kindlichen Freude darüber und mit der Gefallsucht eines Kanarienweibchens.
Vor der eigenartigen dunklen Schönheit der Perlmoser Rosina hatte die kleine zierliche Regina in den Hintergrund treten müssen. Und das war dem Florian sehr recht; denn jetzt hätte er es nicht mehr ertragen, so wie einstens seine Frau von einem Schwarm von Verehrern umgeben zu sehen.
Noch eines hatte der Florian in dieser Zeit verstehen gelernt. Das war jene Erkenntnis, die der Kramer Veit besaß, vom echten Bauerntum, das in fremdes Erdreich versetzt verderben mußte. An das Verderben glaubte er zwar nicht, aber er sah es an sich selbst und sah es an den andern und erkannte es auch, daß sie alle andere Menschen geworden waren. Menschen mit der Sprache und mit dem Gehaben von Bauern, die sich aber doch besser dünkten wie diese und die Arbeit ihrer Jugend gering schätzten oder gar verachteten.
Und der Florian Siegwein sagte sich: wenn ein Unglück über einen dieser Menschen hereinbräche, daß er seine Stimme oder sein gutes Aussehen einbüßte, so würde er lieber betteln gehen als arbeiten wie ehedem. Und der Florian wußte: darin lag die schwere Schuld, die er auf sich geladen hatte. Ein müßiges, faules Leben hatte er sie gelehrt, ein Leben des Scheinglanzes und der Üppigkeit. Und wenn er jetzt an die bösen Worte vom Perlmoser und vom Söllerbauer dachte, dann mußte er ... wollte er gerecht bleiben ... ihnen beistimmen. Diese Schuld konnte er nur dadurch mildern, indem er trachtete, daß sie Geld ... viel Geld einnahmen.
Ein wahrer Hunger nach Geld war in dem Florian, und diese Gier nach Geld teilte auch seine Frau, die Regina. In diesem Punkt verstanden und fanden sich die Eheleute ganz genau.
Die Regina verstand nicht viel von der inneren, seelischen Entwicklung, die ihr Mann in diesen Jahren genommen hatte. Sie bemerkte sie wohl kaum und kümmerte sich auch nicht darum. Sie sah nur, daß das Unternehmen auch ohne den Kramer Veit gedieh, und sie war stolz auf ihren Florl, der seine Sache so gut machte.
Sie begriff es auch nicht, weshalb der Florian so strenge mit den beiden Dirndeln war und ihnen so gar keine Freiheit gestatten wollte. Und der Florian gab sich auch keine Mühe, sie darüber aufzuklären. Er verlangte von ihr, wie von den übrigen, unbedingten Gehorsam, auch in solchen Sachen.
»Denn,« sagte er, »wo mehrere Leut' beinander sind, muß einer da sein, der leitet. Und das bin jetzt amal ich. Und wann i a Sach' vorwärts bringen soll, nacher heißt's parieren ... grad wie beim Kaiser. Da heißt's einfach: I schaff' an, und du folgst. Und so mach' i's aa!« erklärte der Florian mit einer Energie, die keinen Widerspruch erwartete und auch nicht geduldet hätte.
Die Regina freute sich schon seit vielen Monaten auf das neue Haus in der Heimat und brannte förmlich darauf, sich als Wirtin zeigen zu können. Der Florian hatte auch in diesem Unternehmen eine große Geschicklichkeit bewiesen, und wenn nicht alle Berechnungen trogen, dann würden die jungen Pächtersleute schon in diesem allerersten Sommer ihr Haus voll von Fremden haben.
Beinahe ein kleiner Hofstaat war es, den der Florian Siegwein und seine Ehefrau mit in die Heimat brachten. In drei zweispännigen Kutschen kamen sie draußen in dem stattlichen Dorf angefahren. In der ersten saß der Florian mit seiner Frau ganz allein, und nur mächtige Koffer waren rückwärts und auf den Kutschbock aufgeladen.
In dem zweiten Wagen fuhren die Perlmoser Rosina und die drei andern Mitglieder der kleinen Sängertruppe. In dem letzten Wagen aber saß das Personal des neuen Gasthofes, das der Florian draußen in deutschen Landen aufgenommen hatte.
Da war eine tüchtige Köchin, eine ältere Person, die schon viel Erfahrung auf ihrem Gebiete besaß, und ein jüngeres Stubenmädchen und ein Hausdiener. Mit diesen drei gewandten Gehilfen getraute sich der Florian seinen Gasthof zur Zufriedenheit der Gäste zu führen.
Vor allem hatte der Florian Siegwein großes Zutrauen in die Umsicht der Köchin, der er die Rechte einer Leiterin einräumte und die noch dazu die etwas schwierige Aufgabe übernahm, die junge Frau Siegwein mit den Obliegenheiten einer Wirtin bekannt zu machen.
Die Regina hatte sich ihre Pflichten nun allerdings ganz anders vorgestellt. Sie glaubte, daß es genügen würde, wenn sie mit einem zierlichen weißen Spitzenschürzchen von Zimmer zu Zimmer huschte und sich dann hauptsächlich in dem geräumigen Speisezimmer bei den Gästen aufhielte. Aber die Leiterin, die der Florian gemietet hatte, bestand darauf, daß die Frau Siegwein auch den Pflichten einer Wirtin allen Ernstes nachkam.
Ein stummer Kampf spielte sich nun täglich zwischen diesen beiden Frauen ab. Die Regina schraubte sich, wo sie nur konnte, von ihren Verpflichtungen, mußte aber doch allmählich dem starken Willen ihrer Köchin unterliegen ... und je mehr sich das Haus mit Gästen füllte, desto anstrengender wurde die Tätigkeit der jungen Wirtin.
Der Florian hatte gleich den richtigen großen Zug in die Sache gebracht. Die Gäste, die ins Tal kamen, waren ausschließlich reiche und vornehme Leute. Menschen, die es trieb, diese reisenden Bauern in ihrer eigenen Heimat zu sehen und dabei ein Land, das bisher dem Fremdenverkehr so gut wie verschlossen geblieben war, kennen zu lernen.
In großen vierspännigen Reisewagen kamen die Fremden ins Land. Durchfuhren zuerst die breiten Täler und zweigten dann von der gut gepflegten Heerstraße auf die steinige, holprige Straße des Tales ab.
In dem ansehnlichen Dorf mit seinen weißen, stattlichen Häusern und der grünen Kirchturmspitze mußten sie alle Halt machen. Denn bis hierher nur ging der fahrbare Weg. Von dort aus übernahm der Florian Siegwein den weiteren Transport zu seinem Alpengasthof. Und es war abermals der Kramer Veit, der dem Florl da helfend zur Seite gestanden hatte.
Ohne die Umsicht dieses Mannes wäre das Werk wohl niemals so gut gelungen. Bis in die kleinste Kleinigkeit hatte sich der Kramer Veit bekümmert, und auf alles war er bedacht gewesen. Er hatte junge Burschen gemietet, die mit Maultieren hinunter ins Tal zogen und das Gepäck der Fremden hinauf ins Dörfl lieferten.
Fünf bis sechs solcher Burschen trieben alltäglich ihre Maultiere in den Hauptort des Tales. Denn alles, Wein und Eßwaren und was es so gab, mußte auf den Rücken der Maulesel auf den Berg geliefert werden. Und wenn der Weg zum Dörfl den Fremden zu weit oder zu beschwerlich war, so standen Sattel zum Reiten zur Verfügung, und von der kundigen Hand ihrer Führer geleitet gingen die Maulesel dann ihren gleichmäßigen und ungemein sicheren Trott.
Eine ganz neue Industrie hatte sich da den Bewohnern des Tales eröffnet. Sie hatten jetzt alle zu arbeiten für die Fremden, die Bäcker, die Fleischer, die Schuster, der Wagner, der Schmied und der Sattler. Die Handwerker des stattlichen Dorfes hatten bis jetzt ein recht beschauliches Dasein geführt. Nun hatten sie mit einem Male alle Hände voll zu tun und nahmen unerwartet viel Geld ein. So viel Geld in wenigen Monaten wie sonst wohl kaum in Jahren.
Kein Wunder, daß der Florian Siegwein gar bald ein hochgeachteter Mann im ganzen Tale war, und daß man ihn grüßte wie einen feinen, gebietenden Herrn. Aber auch die Bauern im Dörfl bekamen nun eine andere Meinung von dem Florian und der Regina. Jetzt schalt man sie nicht mehr Tagediebe, die dem Herrgott den Tag wegstehlen, jetzt zollte man ihrem Unternehmen Achtung, und die Bauernweiber kamen vom Dörfl herauf zur Regina, um sie zu begrüßen, und brachten ihr als »Grüß Gott« Butter und Eier und Käse mit. Und die Regina fühlte sich als Gebieterin in ihrem Reich, war freundlich und herablassend, bestellte Milch und Butter und Eier und zahlte gut.
Sie hatten es bald heraußen, die schlauen Bäuerinnen, daß sie von der Regina jeden Preis für ihre Waren verlangen durften. Denn wenn das Haus voll von Leuten war, dann mußte die Regina eben bezahlen, was gefordert wurde.
Diese geschäftlichen Verhandlungen spielten sich dann meistens in aller Herrgottsfrühe und in der Küche des Gasthauses ab. Da saß die Regina am großen Küchentisch, hatte eine färbige Schürze vorgebunden und eine Schüssel voll Kartoffeln vor sich stehen, die sie putzen wollte. Sie tat so, als schälte sie die Kartoffeln, kam aber nie sonderlich vorwärts mit ihrer Arbeit. Die eigentliche Arbeit leistete die Zenz, ihre jüngere Schwester. Die hatte sich die Regina zur Hilfe genommen, und die schaffte und sorgte mit Lust und Ausdauer, wie sie es drüben im Elternhaus seit Jugend auf gewohnt gewesen war.
Die Regina aber saß jetzt am liebsten in der Küche und leitete von hier aus ihren Hausstand. Da sah und hörte sie alles, was vorging, und sie naschte von den guten Speisen und achtete doch scharf darauf, daß nichts vergeudet wurde. Diese Übersicht und ein gewisses Mißtrauen gegen alles, was etwa zu ihrem Nachteil geschehen könnte, hatte sie sich überraschend schnell angeeignet.
Allabendlich zog die Regina eines ihrer feinen städtischen Gewänder an, belud sich überreich mit goldenen Ketten, Ringen, Broschen und Armbändern und ging hinüber in das große Eßzimmer zu den Fremden. Dort ging sie von Tisch zu Tisch, lachte und plauderte und scherzte mit den Gästen und war wieder das liebe, sorglose Regele von einst.
Die Perlmoser Julie hatte als Kellnerin alle Hände voll zu tun. Ein Glück, daß sie zwei Helferinnen hatte; denn allein wäre sie ihrer Aufgabe wohl oft nicht gewachsen gewesen. Ihre Schwester, die Rosina, und die Zeißler Anna, die auch mit auf Reisen gegangen war, halfen ihr auf Geheiß des Florian Siegwein dabei.
»Müaßt's halt a bissl arbeiten helfen, ös zwei!« hatte der Florl schon während des Winters zu ihnen gesagt. »Nachher g'halt' i enk bei mir im Haus über'n Sommer, und ös braucht's nix zu bezahlen. Aber natürlich, faulenzen, dös gibt's nit. Das kann i nit derlauben.«
Sie überanstrengten sich zwar nicht, die beiden Dirndeln mit ihrer Arbeit. Sie spielten sich ein bissl zum Zeitvertreib und überließen der Julie ruhig und ohne Gewissensbisse den Löwenanteil. Sie schliefen, wie einst der Florl und das Regele, bis tief in den Morgen hinein und durchsangen und durchtanzten die halben Nächte.
Es ging oft hoch her da oben in dem Alpengasthof. Und oftmals kamen die Burschen vom Dörfl herauf, um zuzuschauen beim Tanz. Aber der Florl gestattete ihnen das Zuschauen nicht. In seiner jovialen Art lud er sie ein, mitzutun und ließ ihnen eine Maß Wein nach der andern vorstellen.
Das Wirt spielen, das verstand er großartig, der Florian Siegwein. Er wußte ganz genau, daß ihm der Wein, den er den Burschen spendete, zum Schluß etliche Flaschen Sekt eintragen würde. Denn erst dann, wenn auch die Burschen da waren, kam die Unterhaltung richtig in Schwung. Dann wurde nicht nur gesungen und getanzt, sondern auch tüchtig gezecht.
Auch der Stanis vom Alpl droben fand sich nun öfters hier ein und erfreute sich an dem freien Wein. Er war immer noch ein ausgezeichneter Schuhplattler, und wenn der kleine, haarige, schwarze Kerl mit seiner tollen, affenartigen Behendigkeit zu tanzen anfing und dazu seine frechen Witze riß, dann jubelten ihm die Fremden zu und freuten sich an dieser derben Urwüchsigkeit. Und wäre der Stanis jünger gewesen, so hätte er vielleicht noch manche Eroberung unter den feinen Stadtdamen machen können.
Da waren der Tobias Scholl und der Simeringer Franzl, die beiden Burschen, die mit dem Florian auf Reisen gegangen waren. Es war schwer für diese beiden jungen Leute, eine Beschäftigung über Sommer zu finden. Sie eigneten sich zu nichts mehr so recht, wollten nirgends anpacken und verursachten dem Florian viel Kopfzerbrechen.
Beschäftigen mußte er sie, das wußte der Florian ganz genau; denn so lange Zeit hindurch müßig im Haus herumzusitzen, das konnte bei diesen starken jungen Männern zu nichts Gutem führen. So wies er sie denn an, den Fremden als Führer in den Bergen zu dienen. Sie waren ja in den Bergen aufgewachsen, kannten alle Wege und Fährnisse und vermochten daher mit Leichtigkeit dieses Amt zu versehen.
Mit diesen Burschen gut auszukommen war für den Florian weit schwerer als wie mit den beiden Dirndeln. Ganz besonders schwierig war es hier in der Heimat, wo der Ton zwischen den Fremden und den Sängern ein viel mehr ungezwungener war wie draußen in den Städten. Und der Florian Siegwein hatte manchen harten Kampf mit den Burschen auszufechten.
Oft dehnten sich die Zechgelage bis in die ersten Morgenstunden, und es geschah, daß der Franzl und der Tobias wiederholt nicht mehr ganz nüchtern waren. Gerade das, was der Florl auf seinen Reisen so strenge zu verhüten gewußt hatte, passierte ihm in der Heimat und bereitete ihm schlimme Stunden der Sorge.
Seine Interessen als Wirt verboten es ihm, mit jener unnachsichtigen Strenge dagegen vorzugehen, wie das in der Stadt der Fall gewesen war. Hier konnte er nur durch Güte und Zureden dagegen einwirken. Der Erfolg war, daß die Burschen immer wieder rückfällig wurden, so sehr sie dem Florian auch Besserung versprochen hatten ...
Eines Tages war der Wastl zu dem Florian gekommen und hatte ihm sein Anliegen vorgetragen. Gerade mitten im Hochsommer war's, wo ein Bauer nur schwer von seiner Arbeit fort konnte. Der Florian war daher nicht wenig verwundert, als er den Wastl in der Bauernstube seines Gasthauses sitzen sah. Im Feiertagsgewand war der Wastl und schaute ziemlich gedrückt und kleinlaut drein.
Als der Florian hörte, um was es sich handelte, hatte er zuerst das Gefühl, als müsse er den Wastl mit aller Macht von seinem Vorhaben abbringen. Er tat ihm leid, dieser Mann, der so mit allen Fasern seines Herzens in der Heimaterde wurzelte. Ein Unrecht war's, ihn fortzunehmen von hier. Das wußte und erkannte der Florian. Und deshalb zögerte er, auf den Vorschlag des Wastl einzugehen.
»Weißt was, Wastl ...« sagte der Florian und pflanzte sich breitspurig vor dem schlichten Bauersmann auf ... »i nahmet di und dei' Weib gern mit. Vom Herzen gern. Dös woaßt. Aber ... eigentlich ... i muß dir's döcht sagen, Mensch ... die Sach' paßt do nit für di! Sollst dir's do no gründlich überlegen. Schau ... a Hoamatl legt man nit weg wia an alt's G'wand. Überleg' dir's no ... Wastl!« riet ihm der Florian eindringlich.
Der Wastl saß schwerfällig und ungeschickt auf dem Holzsessel und fühlte sich äußerst unbehaglich in der ganzen Umgebung. Er zog den Kopf ein und starrte nachdenklich zu Boden.
»Hab's schon überlegt, Florl ...« sagte er dann traurig. »Die Vef will's a so haben. Kannst nix machen. Sagt, unser Güatl ist zu kloan für uns alle. Wir sollen Geld verdienen, damit wir a größeres Güatl kaufen können!« erklärte er dem Florl entschuldigend.
Da überkam den Florian Siegwein ein ehrliches Mitleid mit dem Jugendfreund. Er wußte es bestimmt: ein Bauerngut würden die beiden, waren sie erst draußen gewesen, niemals erwerben. Und der Florl sagte ihm das auch ehrlich ins Gesicht. Aber der Wastl glaubte es nicht. Er dachte, daß er für seinen Teil die Sehnsucht nach der Bauernschaft niemals im Leben würde verlieren können. Und so wie er es fühlte, glaubte er es auch von seinem Weibe.
Der Florian Siegwein sah, daß der Sinn des Jugendfreundes nicht zu wandeln war. Schließlich hatte er ja seine Pflicht erfüllt und den Wastl gewarnt. Wenn der es nicht anders haben wollte, weshalb sollte er, der Florian, seinem eigenen Glück hindernd im Wege stehen?
Denn der Florian wußte: es war ein Glück für ihn, wenn sich das Ehepaar Sebastian und Genovefa Hagspiel seiner kleinen Künstlertruppe anschloß. Solche Sänger, wie diese beiden, fand der Florian Siegwein so schnell nicht wieder. So sagte er denn, innerlich freudig erregt, dem Wastl zu und gab ihm den Handschlag. Der Handschlag aber bedeutet für den Bauer dieser Gegend sein Ehrenwort und gilt ihm heilig.
Und der Wastl leerte seinen Wein hastig und ging mit seinen ungeschlachten Beinen so schnell als er nur konnte von dem Hause fort. Der Florian stellte sich auf die Veranda seines Hauses und schaute ihm nach, wie er schwerfällig und doch rasch den Berg zum Dörfl hinuntersprang und dann plötzlich unschlüssig stehen blieb und die Richtung gegen das kleine Hochtal zu einschlug.
Er war in diesen Jahren, seit er in der Gungl hauste, ein richtiger Bergbauer geworden, der Wastl. Schon etwas steif in den Gliedern und ungelenkig beim Gehen. Die harte Arbeit bringt es mit sich, daß sie rasch altern, die Bauern. So dachte der Florian Siegwein. Und wünschte in seinem Herzen, daß der Wastl heute doch nicht zu ihm gekommen wäre.