Zehntes Kapitel

Das war ein trauriger Auszug aus der Heimat. Am Vorabend des Rosenkranzfestes war es, das in die zweite Hälfte des Oktobers fällt.

In aller Herrgottsfrühe zogen sie aus. Der Tag begann sich kaum zu lichten, und dicht und schwer hingen noch die weißen Nebel ins Tal herab. Naßkalt und unlustig war der Morgen. Einer jener Herbstmorgen, an dem es noch unentschieden ist, ob er sich zum schönen oder schlechten Tag auswächst.

Weiß glitzerte der Reif, und die langen Fäden des Grases, die von den glatten Felswänden herabfielen, hingen welk und müde und zeugten davon, daß die Natur im Sterben begriffen war.

Die Vef hatte ihr bestes Feiertagsgewand angelegt und trug ihr jüngstes Kind im Arm, während der Älteste in langen und unförmigen Höschen und mit einem Hut am Kopf, der das Gesichtchen fast ganz verdeckte, tapfer neben seiner Mutter einherlief und sich an ihrem hochgesteckten Rocke festhielt.

Voran ging der Wastl und hatte die wenigen Habseligkeiten auf seine Kraxe geladen. Obenauf steckte ein blondes Büblein sein Köpfchen heraus und guckte mit ängstlichen Augen umher, während der Vater den Zweitjüngsten auf dem Arme trug.

Er hatte gleichfalls sein bestes Gewand angelegt, der Wastl, weil es ihn die Vef so hieß. Die Vef hatte in diesen letzten Tagen, die sie noch in der Gungl hausten, mehr denn je das Regiment geführt. Mit dem Wastl war nicht viel anzufangen. Wie einer, der im Traume wandelt, war er gewesen. Hatte geduldig alles getan, was ihm die Vef gebot, ohne Widerspruch und ohne zu murren. Aber sein müdes, trostlos trauriges Gesicht reizte die Vef mehr, als wenn er sich ihr widersetzt hätte ... und mehr denn je schrie sie in dieser Zeit im Hause herum.

Vielleicht wollte sie durch ihr zornig herrisches Gehaben den inneren Vorwurf niederkämpfen, der leise mahnend an ihr Gewissen klopfte. Sie wollte nicht gemahnt werden, die Vef, wollte nicht daran denken, daß ihre Kinder nun obdachlos sein würden, und sie betäubte ihr Gewissen damit, indem sie sich einredete, nur eben diesen Kindern zuliebe geschehe alles, was sie vorhatte.

Ihr Bruder Jakob, derselbe, der früher droben am Alpl als Senner tätig war, hatte sich mit dem Schwager geeinigt und das kleine Gütl in der Gungl in Pacht genommen. Ein Glücksfall war das für den Jackl, genau so wie damals für den Wastl. Denn nun konnte er seinen längst gehegten Wunsch erfüllen und heiraten.

Der Vater Perlmoser war noch rüstig beim Zeug und dachte ... trotzdem er sich noch immer recht hart mit der Wirtschaft tat ... gar nicht daran, seinen Hof dem Sohn zu übergeben. Leicht hätte der Jackl alt und grau werden können, bis es dem Perlmoser einmal eingefallen wäre, seine Herrschaft abzutreten.

So war denn der Jackl voll Dankbarkeit und versprach dem Wastl gern alles, was dieser haben wollte. Der Wastl hatte aber nur eine Bedingung gemacht, und diese war, daß der Jackl den Martl zu sich nehmen sollte, sobald er verheiratet war.

Der Martl, das war der älteste Sohn des Wastl und der Vef, das kleine blonde Bübl, das heute, trotzdem es noch nicht einmal fünf Jahre zählte, so tapfer wie ein Erwachsener in dem kalten Oktobermorgen neben der Mutter herlief. Gerne hatte der Jackl diese Verpflichtung übernommen und es dem Schwager in die Hand hinein versprochen, das Kind wie ein eigenes zu halten.

Die Vef verstand diese Forderung ihres Mannes nicht so ganz. Erst, als sich der Wastl näher erklärte, begriff sie.

»Woaßt ...« sagte der Wastl in seiner schwerfälligen Weise zu dem Schwager ... »'s kam' mi halt so viel hart an, wann i mir fürstellen müaßet ... fremde Leut', und wann's aa der Bruder von mein' eigenen Weib ist ... hauseten in mein' Hoamatl. Wann i aber woaß, daß a meiniger Bua no herinnen ist ... aft ist's mir völlig a bissl leichter. Aft stell' i mir für, daß du und dei' Weib 's Güatl ... mei' Güatl ... für mein' Buab'n halten tatet's. Woaßt, Jackl, aft ist's do no alleweil unser Hoamatl, und sell ist leichter zu tragen, wenn man dran denkt, als wia's war, wenn koaner mehr von uns da herin hauset.«

So traurig und gedrückt sagte das der Wastl, daß der Vef die hellichten Tränen in die Augen schossen. Sie überwand aber diese Schwäche und suchte rasch nach einer Ausflucht, um wieder zornig schreien zu können.

Dem Wastl war es recht schwer geworden, seine Kinder unterzubringen. Völlig darum betteln hatte er müssen. Zuerst war er zu den Schwiegereltern in das kleine Hochtal hinaufgegangen. Da war er aber schlecht angekommen, als er sein Anliegen vorbrachte.

Der Perlmoser schrie und tobte, als er von dem Entschluß des Wastl hörte. Was? Jetzt wollte auch noch seine dritte Tochter diesen Narrenturm mitmachen und auf Reisen gehen? Wollte gar ihre Kinder im Stich lassen und sie den Großeltern aufhalsen?

»Recht kommod ... so eppas!« rief der Perlmoser zornig. »Aber da wird nix draus ... daß d' es woaßt. Wann schon du koa Ehr' und G'wissen mehr hast ... i hab' oans. Und für so eppas gib i mi nit her! Ös habt's dahoam zu bleiben! Verstanden?« schrie der alte Mann erbost.

Er war ein harter Bauernschädel, der Perlmoser, und nur schwer von einer einmal vorgefaßten Meinung abzubringen. Der Perlmoser war wohl fast der einzige Bauer im ganzen Umkreis, der seine Ansicht über den Florl und die Regina auch jetzt noch beibehalten hatte. Und so erzürnt war er noch immer über diese beiden, daß er sie, wenn er zufällig einmal mit ihnen zusammentraf, hartnäckig übersah und ohne Gruß an ihnen vorüberging.

Und unversöhnlich war der Bauer auch mit seinen Töchtern, der Rosina und der Julie. Als die Rosina im Frühling heimgekommen war und auf den Perlmoserhof zu den Eltern kam, da war der Alte genau so grob mit der Tochter wie damals mit dem Florl und der Regina. Sie habe nichts verloren auf seinem Hof, sagte er ihr klipp und klar, und es sei ihm lieber, wenn sie ihm überhaupt nicht mehr unter das Gesicht käme.

Die Rosina war schwer beleidigt, um so mehr, da sie viel Geld mitgebracht hatte, das sie der Mutter heimlich zustecken wollte. Aber keinen Knopf durfte die Bäurin von der Rosina annehmen. Bei Heller und Pfennig mußte sie's der Tochter zurückbringen, als der Bauer hinter die Sache kam.

»Und ehnder verreck' i ... als daß i mir von so oaner eppas schenken lasset!« rief der Perlmoser zornig. »Soll arbeiten ... das Mensch ... wia amerst ... aft war' uns g'holfen. Aber so a Lottergeld brauch' i nit!« erklärte er energisch und ohne einen Widerspruch zu dulden.

Der Perlmoser war in jeder Hinsicht unversöhnlich geblieben. Um keinen Groschen durfte dem Florian Siegwein für seinen Gasthof etwas geliefert werden. Er wußte es wohl, der Bauer, daß der Florian hohe Preise für Butter, Milch und Rahm bot, und für den Perlmoser wäre es recht bequem gewesen, wenn er seine Produkte gleich hätte herabliefern können, statt sie den zeitraubenden Weg ins Tal hinaus zum Verkauf tragen zu lassen.

Sein harter Bauernschädel ließ das aber nicht zu. Nie und nimmer, so hatte er geschworen, würde er der »Bande« da drüben etwas liefern, und hatte sich deswegen sogar mit den Nachbarsleuten verfeindet. Der Söllerbauer hatte gleich den übrigen Bauern seine Meinung über den Florian geändert und war stolz auf seinen Schwiegersohn geworden. Gleich den andern umschmeichelte er jetzt den Mann, der neues Leben und viel Geld ins Land hereinbrachte ...

Der Wastl dachte daran, wie er jetzt mit seiner Last am Rücken und dem Knaben im Arm gebückt durchs Tal herausschritt, wie hart das damals gewesen war, für seine Kinder ein Unterkommen zu finden. Die Perlmoserin hatte sich endlich ins Zeug gelegt und für die Enkelkinder ein gutes Wörtl bei dem Großvater geredet.

Die Perlmoserin war eine robuste, etwas vierschrötige Person, anfangs der Fünfzig. Ein Arbeitstier und von unermüdlichem Fleiß, wie es selten zu finden war. Von dieser Mutter hatten die drei Perlmosermädeln wohl die Lust an der Arbeit gelernt, die für sie früher nur ein frohes Spiel gewesen war. Sie war mittelgroß, die Perlmoserin, und hatte ein gutmütiges, beschränkt dummes Gesicht. Es war stark gerötet und mochte in der Jugend wohl einmal so zart und rosig gewesen sein wie das ihrer beiden blonden Töchter. Jetzt aber war es schwammig und etwas aufgedunsen, und die hellen Augen hatten ihren Glanz eingebüßt. Das blonde Haar war dünn und farblos geworden, und die Zöpfe reichten kaum mehr aus, sie um den breiten Kopf zu legen. Nur mühsam konnten sie noch zum Kranz geordnet werden; aber das schmale schwarze Samtband, das die Perlmoserin gleich den übrigen Bäurinnen als Abschluß am Haarscheitel trug, verdeckte zum Teil den spärlichen Wuchs und erhöhte zugleich den Eindruck der Sauberkeit und Ordnung, den die Bäurin stets zu machen pflegte.

Von jeher war der Perlmoser unumschränkter Herr und Gebieter im Hause gewesen, und sein Weib hatte nie auch nur den leisesten Versuch gewagt, sich gegen ihn aufzulehnen. Und als die Bäurin jetzt auf einmal sich auf die Seite des Schwiegersohnes stellte und gegen ihren Mann auftrat, war dieser zuerst so erstaunt über diese Kühnheit, daß es ihm einfach die Rede verschlug.

Lange hatte es die Bäurin mit angehört, wie der Vater auf den Wastl einschrie, zornig und ohne Gerechtigkeit, und hatte wie immer kein Wort darein geredet. Bis ihr Mitleid für die Kinder die Oberhand gewann und sie sich gegen ihren Mann auflehnte.

»Jatz bist aber amal stad ... du ...« fuhr sie den Bauer an ... »und laßt mi aa amal a Wörtl reden.« Die Bäurin stand in der Mitte der Stube, stemmte den einen Arm in die breit ausladende Hüfte und gestikulierte, während sie sprach, aufgeregt mit der rechten Hand. »Und i moanet amal so!« sagte sie resolut. »Grad gar a so unrecht hat ja die Vef nit mit dem, was der Wastl verzählt. Siegst es wohl selber, wie wir zu fretten haben mit unserer Kutt' Kinder. Und 's Geld soll man nia nit verachten, kimmt's von woher derwill. Und gar a so g'fahlt kann dös ja weiter aa nit sein ... wenn der Mann mit sein' Weib in die Welt ziacht ... weil draußen a Geld zu holen ist. Und wenn dös wahr ist, was du sagst ...« jetzt wandte sich die Frau mit Energie an den Schwiegersohn und sah ihn herausfordernd und fast böse an ... »und ös nachher, bald's ös das Geld beinander habt's, a rechtschaffen's Güatl kauft's und wieder christliche Bauersleut' werden wollt's ... aft nimm i enk meintswegen oans oder zwoa Kinder!« erklärte sie mit Bestimmtheit. »Mehr wia zwoa kann i nit haben. Muaßt halt schaug'n, wo du sie unterbringst, die andern zwoa. Und 's allerkloanste nimm i aa nit!« sagte sie und wandte sich wieder gleichgültig ihrer Arbeit zu. »Will mein' Fried' haben bei der Nacht. Hab' g'nug Kinderg'schrei g'habt in mein' Leben ...« setzte sie bissig hinzu und schaute den Wastl dabei so böse und vorwurfsvoll an, als ob ihn eine Schuld an dieser Tatsache träfe.

Ein echtes, warmfühlendes Frauenherz war dieses derbe Bauernweib trotz ihrer scheinbaren Rauheit und ihrer groben Worte. Der Wastl war heilsfroh und vom Herzen dankbar, daß er nun wenigstens zwei seiner Kinder gut untergebracht wußte. Der Perlmoser zankte wohl noch eine Weile mit seinem Weib und schimpfte noch tüchtig über den Wastl und die Vef, schließlich aber war er doch damit einverstanden, und der Wastl machte sich daran, ein gutes Platzl für seine andern beiden Kinder zu finden.

Niemand wollte sie nehmen im Dörfl, die Kleinen, bis sich der Wastl schließlich an die zwei alten Jungfern erinnerte, die das Kind der toten Mena aufgezogen hatten. Das Moidele diente, seitdem sie ausgeschult war, bei der Notburg. Das hatte der Kramer Veit so haben wollen, und so waren die beiden alten Weibsleute wieder allein.

Zwei eingetrocknete kleine, verhutzelte Weiblein waren die beiden alten Jungfern, und man hieß sie allgemein die Kirchenmäuseln. Sie hatten nicht viel zu tun in ihrem armseligen Hüttl, und diese wenige Arbeit kam ihnen oft recht hart an. Da sie aber vom Herzen fromm und gottesfürchtig waren und nicht allein zur Kirche liefen und mit den Lippen beteten, sondern auch nach Christi Gebot zu leben strebten, handelten sie nach dem Worte des Herrn: »Und wer eines dieser Kleinen in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf.«

So ungelegen ihnen die kleine Einquartierung auch kam, so sagten sie doch nicht nein. Der Martl und die kleine Toni sollten also der Obhut der alten Weiblein übergeben werden ... der Martl nur so lange, bis ihn der Onkel wieder mit in die Gungl hinein nahm.

Und heute sollten die vier Kinder zu ihren Pflegeeltern geliefert werden. Ein Glück nur, daß sie so klein waren und noch nicht begriffen, um was es sich handelte. Auch der Martl verstand es nicht, daß es ein Abschied werden sollte. Er war nur freudig erregt, daß er heute mit den Eltern fortgehen durfte, hinaus ins Tal und zu den Großeltern, die er nicht kannte. Noch nie war er aus der Gungl herausgekommen, und auch bei der Vef war es lange her, seitdem sie zum letztenmal im Kirchdorf gewesen war.

Es war ein eigenes Gefühl, das die Vef beherrschte. Jetzt, da ihr Wille erfüllt war, da sie vor dem ersehnten Ziele stand, schien es fast, als hätte sie die Freude an der Sache verloren. Ohne Schmerz und ohne Traurigkeit war sie, aber sie fühlte auch keine Erlösung und keine Hoffnungsfreudigkeit in sich.

Als sie ihrem Bruder Jackl, der schon ein paar Tage zuvor das Gütl übernommen hatte, die Hand zum Abschied reichte und mit ihren Kindern in den grauen Oktobermorgen hinaustrat, als ein scharfer Wind ihr rauh und kalt ins Gesicht pfiff, da durchlief es den Körper des jungen Weibes wie Eisesschauer.

Sie mußte gewaltsam an sich halten, um nicht das Klappern ihrer Zähne, das von ihrem inneren Frost kam, hören zu lassen. Um keinen Preis wollte sie ihre Schwäche den Wastl merken lassen. Sie mußte fest bleiben und froh erscheinen, damit sein schwacher Wille sich an ihrem starken stützen konnte. Eine innere Leere löste aber dann die Kälte ab und machte sie gefühllos für alles, was um sie war.

Sie hörte es nicht, daß der kleine Bub, der ihr zur Seite lief, plapperte und neugierige Fragen tat, und sie hörte auch nicht, daß er mit weinerlicher Stimme über die Kälte zu klagen anhub, und sah nicht die blaugefrorenen Händchen des Kindes.

Je länger sie gingen, desto höher stiegen die Nebel, wurden leichter und wurden weißer. Nur oben über den jäh abfallenden Felswänden zu beiden Seiten des schluchtartigen Tales ballten sich die Wolken noch im finsteren Grau.

Mit keinem Blick hatten sie auf das Gütl zurückgeschaut, weder der Wastl noch sein Weib. Gingen vorwärts ... immer vorwärts ...

Das Kind schlief in dem Arm seiner Mutter selig und sanft und lächelte im unbewußten Traum. Aber die Vef achtete auch nicht auf den schlafenden Säugling, so wenig wie auf das trippelnde Bübl an ihrer Seite, das immer verzagter wurde und sich hilflos an der Mutter Rock klammerte.

Das Weib schaute mit leeren, glanzlosen Blicken vorwärts ... dorthin, wo ihr Mann gebückt und schwer mit seinen Kindern schritt. Sie sah ihn aber nicht, den Wastl, und sah auch nicht das kleine blonde Kinderköpfchen, das ab und zu sich von seinem hohen Lager neugierig emporstreckte. Sie sah und hörte nichts, die Vef ... und fühlte auch nichts. Schritt nur immer gleichmäßig weiter, fest und entschlossen und mit ödem Herzen.

Fast erging es dem Wastl besser wie seinem Weib. Denn er erlebte in seinem Innern wenigstens die Schwere dieser Stunde. Er fühlte das unruhige Pochen seines Herzens, fühlte die Traurigkeit des Abschieds von Heim und Kindern, fühlte die beklemmende Angst vor einem ungewissen Schicksal und fürchtete sich vor dieser Zukunft. Und wenn es auch traurig war, so war es doch ein inneres Erleben, das so stark und überwältigend wurde, daß es sich dann in schweren Tränen löste.

Der Wastl weinte ... Warm rieselten ihm die dicken Tropfen über die Wangen ... und waren wie Frühlingsregen, wohltuend und erlösend.

Auf diesem langen, schweigsam traurigen Weg überdachte der Wastl noch einmal sein ganzes Leben. So einfach wie es war, rauh und hart und doch auch schön. Ein kleines Bergbauernbübl war er gewesen, einer von vielen Kindern, und konnte noch kaum richtig lesen und schreiben, als ihm die Mutter begraben wurde.

Und deutlich war ihm in dieser Stunde jener erste heiße Schmerz seines Lebens wieder gegenwärtig. Eine hitzige Krankheit hatte die Mutter jäh dahingerafft. Etliche Tage bloß, und sie war tot. Doch ehe sie starb, rief der Vater seine Kinder in die Kammer der Mutter, damit sie Abschied von ihr nehmen konnten.

Der Wastl sah alles wieder deutlich vor seinen Augen. Bleich und abgezehrt lag die Mutter in der düsteren kleinen Kammer, welche die Kinder und den Vater kaum fassen konnte. Dumpf und stickig war die Luft. Ein Wachsstock brannte in der Nähe des Bettes, und eine alte Dirn betete laut und mit klagender Stimme. Und der Vater kniete mit seinen Kindern an dem Lager der sterbenden Frau.

Die Kinder schluchzten laut und herzzerbrechend. Und alle kamen sie, vom Größten bis zum Kleinsten, zur Mutter und baten um den Segen, den die schwache Hand kaum mehr zu geben vermochte.

Das war hart gewesen ... Viel schwerer eigentlich als das, was nachher folgte. Härter, als da man die Tote zu Grabe trug, und härter als jene Zeit, in der nach Jahresfrist die Stiefmutter ins Haus zog.

Eines nach dem andern hatten sie dann fortgemußt vom Vaterhaus. Als Kinder noch waren sie zu fremden Leuten in Dienst gekommen und hatten arbeiten müssen wie die Erwachsenen.

Wie schwer das ist für Kinder, dieser Frondienst ums tägliche Brot! Die schwachen jungen Glieder tagtäglich im Morgengrauen vom harten Strohlager erheben, wo es noch so schön gewesen wäre zu schlafen! Bei Wind und Regen und in der Kälte viele Stunden am Acker zu arbeiten, bloßfüßig und mit nackten Beinen und blaurot vor Frost; denn man war ja zu arm, um warmes Zeug zu besitzen, und auch zu arm, um sich ein zweites Paar Schuhe anzuschaffen. Und dieses eine, das man besaß, mußte man schonen für den Kirchgang am Sonntag.

Ein karger Lohn war's, der für die Leistung dieser Kinder bezahlt wurde. Kaum ausreichend im Jahr für ein neues Gewand. Und in all der Armut, all der harten Arbeit, die viel zu schwer für die weichen Muskeln der Kinder war, noch die große, brennende Sehnsucht in den jungen Herzen nach dem eigenen Heim. Diese heiße Sehnsucht, die den Wastl niemals verlassen hatte von jener Stunde an, da er aus dem Vaterhaus hatte fort müssen ... bis zu der Zeit, als er mit seiner Vef in das Gütl vom Göd eingezogen war.

Und jetzt ... Jetzt hatte er sein Heim abgebrochen, ohne Zwang und ohne innern Trieb ... nur weil sein Weib es so hatte haben wollen ...

Immer weiter entfernten sich die Wanderer von ihrer Heimat. Und immer lichter und heller wurde es um sie her, bis die Sonne siegreich und strahlend durch das Gebälke der Wolken brach und die weißen aufsteigenden Nebel im silbrigen Schimmer leuchteten.

Majestätisch war das ... dieses langsame Ansteigen der hellglänzenden Nebel ... und war wie ein Vorhang, der einen unendlich großen, herrlichen Raum zu verhüllen hatte.

Und in all der tiefen Traurigkeit seines Herzens erinnerte sich der Wastl an die Worte, die sein Weib damals zu ihm gesprochen hatte. Erinnerte sich an die Vorstellung, die ihr oft gekommen war, wenn durch die weißen aufsteigenden Wolken die Sonne sieghaft leuchtete. Wie die Vef sich in ihrem einfachen Sinn einbildete, daß hinter diesem Wolkengebälk ein schönes, glänzendes Weib sich verborgen hielte ... eine Königin ... voll Pracht und Glanz.

Eine Königin ... Und hieß Königin Heimat ... Königin Heimat ...

Leise kamen die Worte über die Lippen des Mannes.

Königin Heimat ...

Und noch einmal sprach er sie leise vor sich hin ... voll inniger Andacht ... wie ein Gebet ...

Und dann überquerte er mit schweren, aber sicheren Schritten die schmale Brücke, die über den Bach hinüberführte, und lenkte auf den Weg ein, der von der Gungl abbog und zu dem Teufelssteg hinaufging. Denn dieser Weg war kürzer. Und hinter dem Wastl folgte sein Weib mit ihren Kindern. Schweigend und mit leeren, geradeaus gerichteten Blicken und mit einem toten Herzen.

Denn alle Liebe, die sie einstmals zu der Heimat gehabt hatte, war in ihr erstorben.