Elftes Kapitel

Ein leuchtender Stern war mit Genovefa Perlmoser, verehelichter Hagspiel aufgegangen. Fast über ganz Europa leuchtete dieser Stern, und sieghaft erklang ihre herrliche weiche Frauenstimme nicht nur in den feinen Sälen der großen Städte, sondern auch vor Fürsten und Königen und Königinnen.

Florian Siegwein hatte, als er die Vef für seine kleine Gesellschaft gewann, wirklich einen Haupttreffer gemacht. Sie wurde der glänzende Stern seiner Sängerschar und verdunkelte alle, die um sie waren.

Fünf Jahre waren vergangen seit jenem traurigen Auszug aus der Gungl. Fünf Jahre! Dem Wastl erschienen sie endlos lange, und er erlebte sie wie einer, der in Verbannung schmachten mußte. Der Vef aber war es nur wie ein kurzer, rauschender Traum.

Es war staunenswert, wie diese Jahre die Vef gewandelt hatten. Ein üppig schönes Weib war sie geworden, voll Reife und hungriger Lebenslust. Ihr sonniges Wesen, ihr strahlendes Lachen und ihr urwüchsiger Humor bewirkten, daß ihr wie im Sturme alle Herzen zuflogen.

Es verehrten sie nicht nur die feinen Herren der Stadt, sondern auch hochgeborene Damen von Rang und Stand liebten und schätzten sie und nahmen sie gleich einer ebenbürtigen Freundin gastlich in ihrem Hause auf.

Und staunenswert war es, wie rasch die Vef sich diesem neuen Leben anzupassen verstand. Wohl blieb sie ihrem Wesen nach die bäuerliche Frau aus den Tiroler Bergen, aber gerade das bildete einen ihrer Hauptreize, der sie so schätzenswert und anmutig zugleich machte.

Während ihre beiden Schwestern und ganz besonders die Regina die feinen Damen der Stadt krampfhaft nachzuäffen suchten, gab sich die Vef nicht die geringste Mühe, eine andere zu scheinen, als die sie war. Unverändert blieb sie ihrer Sprache treu, und wenn man ihre Ausdrücke nicht verstand, dann erklärte sie dieselben in ihrer lustigen, ungekünstelten Weise. Und hatte dann immer die Lacher auf ihrer Seite.

Es war ein bewußtes Bauerntum, das die Vef zur Schau trug. Sie schämte sich nicht darob, daß sie ungebildet und unwissend war, daß ihre Art, sich zu geben, auffiel ... im Gegenteil betonte sie immer wieder ihre Abstammung und war stolz darauf. Und gerade das war es, was sie frei und ungezwungen machte und ihr jene selbstverständliche Leichtigkeit im Benehmen verlieh, die sonst nur den Gebildeten von guter Abkunft auszeichnet.

Als die Vef zum erstenmal aus ihren Bergen kam und vor die große Öffentlichkeit trat, da fühlte sie wohl ein leises Unbehagen. Eine Schüchternheit und Angst vor dem Ungewohnten, die ihr das Blut zu Kopfe trieb und den Schmelz ihrer Stimme beeinträchtigte.

Die Vef erkannte mit der ihr angeborenen Intelligenz, daß ihre Schüchternheit ihr zum Verhängnis werden konnte, und kämpfte mit aller Macht dagegen an. Niemand, der sie jetzt sah und hörte, hätte geahnt, daß dieses sieghaft stolze Weib, das da auf der Bühne stand und die Lieder ihrer Heimat mit einer süßen Innigkeit und Hingabe sang, trotz allem noch immer mit einer inneren Scheu zu kämpfen hatte.

Wie keine der andern verstand sie es gar bald, sich eine ungezwungene Haltung zu geben, und wie keine der andern trug sie voll Anmut und Würde die Tracht ihres Landes.

Freilich ... diese Tracht, die der Florian Siegwein für die Damen seiner Truppe ersonnen hatte, besaß nur mehr geringe Ähnlichkeit mit den schlichten Gewändern der Heimat. Aber sie war geschickt gewählt und wirkte in dem strahlenden Licht der großen Säle. Auch die Männer hatten auf Geheiß des Florian Siegwein ihr Gewand ändern müssen. Aber sie waren weitaus echter und waren im Vergleich zu den Damen auch ungezwungener und echter in ihrem ganzen Gebaren.

Der Wastl ganz besonders hatte sich gar nicht verändert. Er blieb der gleiche ungeschlachte Bauersmann in Rede und Gebärde, der er drinnen in der Gungl war, etwas schwerfällig von Begriff und langsam und sehr bedächtig in seinen Äußerungen.

Sich auf ebener Erde zu bewegen fiel ihm schwer. Die Glieder, die von Jugend an nur das Steigen gewohnt waren, wollten sich nicht mehr gelenkig abbiegen lassen, und er fühlte sich auf dem glatten Boden der Straßen so unbeholfen wie ein Kind, das erst das Gehen lernen mußte.

Und rührend unbeholfen war er in den glänzenden, hellerleuchteten Festsälen, wo die Spiegel an den Wänden glitzerten und die Kleider und der Schmuck der Damen ihn blendeten. Da wurde es ihm so wirbelig im Kopf, daß er, der nie in seinem Leben selbst auf den höchsten Bergspitzen einen Schwindel gekannt hatte, umzufallen vermeinte. Denn alles drehte sich mit ihm im Kreise, und die Luft und der Lichterglanz beklemmten ihn, und er fühlte sich tief unglücklich. Er machte gar keine gute Figur, der arme Wastl, und manchmal sang er in seiner Verwirrung so falsch und schlecht, daß es den Florian fast gereute, ihn mitgenommen zu haben.

Aber die Vef brachte ihn dann schon wieder zurecht. Die schimpfte und greinte mit ihm nach einer jeden solchen Entgleisung so energisch und zornig, wie sie es in der Gungl drinnen getan hatte.

Völlig wohl tat es dem Wastl, dieses Schimpfen. Das war doch wieder seine alte Vef, sein Weib, nicht die gewandte, schöne Frau, welche all die fremden Leute so verehrten.

Daß diese strahlend schöne Frau ausgerechnet einen solchen Bauer zum Manne haben mußte, konnten sie alle nicht begreifen. Und wie eine Klette klammerte sich der Wastl an die Vef, wich nie und für keinen Augenblick von der Seite seiner Frau, und hatte doch weder Eifersucht noch Mißtrauen gegen sie. Er vertraute seinem Weibe unbedingt und war von ihrer großen, unwandelbaren Liebe zu ihm felsenfest überzeugt.

Die Vef hatte einen andern Ton in die kleine Sängertruppe gebracht. Der Florian Siegwein war jetzt nicht mehr wie ehedem unumschränkter Herr und Gebieter; denn die Vef widersetzte sich ihm in allen Dingen, die ihr nicht unbedingt einleuchteten. Ihr starker, ausgeprägter Wille wollte sich einer Bevormundung, und wenn dieselbe auch in der besten Absicht geschah, nicht unterordnen. So kam es, daß es jetzt oft Uneinigkeiten gab ... wo sonst nur Harmonie und Disziplin geherrscht hatten.

Der Florian Siegwein hatte oft einen harten Stand mit der Vef und recht viel Arger. Ihr hochmütiger Sinn vertrug es absolut nicht, daß der Florian der Regina eine Sonderstellung einräumte. Daß die kleine, unbedeutende Regina Herrin sein sollte, das vertrug die Vef nun einmal gar nicht.

Es kam oft zum Streit zwischen den beiden Frauen, und die Lage wurde so unerquicklich, daß es die Regina vorzog, überhaupt nicht mehr mit auf Reisen zu gehen, solange die Vef dabei war.

Auf die Vef aber konnte der Florian nicht mehr verzichten. Und als ihm die Vef im dritten Winter ihres Beisammenseins nach einem heftigen Wortkampf mit der Regina die Alternative stellte, entweder sie oder die Regina müsse weichen, da entschied sich der Florian im Interesse seines Unternehmens zugunsten der Vef.

Zum Glücke fügte er seiner Frau keinen sonderlichen Schmerz dadurch zu. Der Regina gefiel das Wirtin spielen so ungemein gut, daß sie auch in den Wintermonaten recht gerne daheim blieb.

Der Florian und die Regina hatten nach einer kinderlosen Ehe jetzt die Aussicht auf Familienzuwachs. Und seit das Kleine da war, blieb die Regina doppelt gerne zu Hause. Es war ihr doch mit der Zeit etwas unbequem geworden, so unstet von Ort zu Ort zu wandern und immer, ob man wollte oder nicht, zu singen. Jetzt, da sie ihr eigenes Heim hatten und da sie geachtet waren in der Heimat, gefiel es ihr wieder so gut in den Bergen wie in ihrer Jugend.

Sie verlangte sich gar nicht mehr fort und freute sich innig an dem Kinde, das ihnen nun doch noch beschert worden war. Alle Zärtlichkeit, die in ihrem weichen Gemüte vorhanden war, verschwendete sie an ihr Töchterchen. Spielte mit ihm wie mit einer Puppe und freute sich in den langen Wintermonaten auf den Frühling, der den Florian brachte und die Menge fremder Gäste.

Für die Heimat war die Regina also doch wieder zurückgewonnen worden. Der Kramer Veit sah dies und freute sich von ganzem Herzen darüber und besprach es auch mit der Notburg. Und er und die Notburg und der kleine Anderl kamen oft zu der Regina hinauf und plauderten mit ihr.

Ein ehrliches, freundschaftliches Verhältnis war es, das den Kramer Veit und seine Frau mit der Regina verband, und die Notburg sorgte und kümmerte sich um die Regina wie eine Mutter um ihre Tochter. Nur der Anderl, der konnte sich für seine junge Mutter immer noch nicht recht erwärmen. Die Mutter Notburg sei ihm lieber, erklärte er lachend, aber mit Bestimmtheit, und es tat der Regina nun auch gar nicht wehe, und sie warb auch nicht mehr um seine Liebe, da sie einsah, daß sie diese ja doch nie würde erreichen können.

Die Zenz, die Schwester der Regina, regierte im Haus und tat alle Arbeit. Sie hatte sich in diesen fünf Jahren zur eigentlichen Leiterin des Alpengasthofes herangebildet und war unermüdlich tätig von frühmorgens bis in die späte Nacht hinein.

Die Regina war für eine richtige Arbeit wohl für immer verloren. Von Jahr zu Jahr wurde sie bequemer und rührte sich nur noch wenig aus der geräumigen Gasthausküche. Hier schien es ihr ganz besonders gut zu gefallen, und sie saß am Küchentisch und schälte Kartoffeln. Hatte eine große färbige Schürze vorgebunden, die ihr feines städtisches Gewand verdeckte, und schälte unermüdlich ihre Kartoffeln. Eine nach der andern. Das war die leichteste Arbeit und befriedigte sie vollkommen.

Sie trug jetzt nur mehr die Kleider der feinen Damen und wählte sich solche in möglichst bunten Farben aus. Je bunter und greller sie waren, desto größere Freude hatte sie daran. Der Florian brachte ihr, so oft er heimkam, gleich eine ganze Auswahl von Kleidern und Stoffen mit, und er kannte den Geschmack seiner Frau und richtete sich danach.

Mit der Zeit büßte die Regina ihre zierliche, schlanke Figur ein, und das Fett setzte sich, da sie nur wenig Bewegung machte, aber gut und viel aß, reichlich bei ihr an. Sie wurde rund und schwerfällig, blieb aber das gutmütige, etwas beschränkte Ding, das sie immer gewesen war. Sie keifte nicht und zankte nicht und plagte ihren Mann auch nicht durch ihre Eifersucht.

Nur einen wunden Punkt hatte die Regina, und der war die Sucht nach Geld. Diese Gier artete beinahe in Geiz aus und überfiel sie oft heftig wie eine Krankheit. Bei solchen Geizanfällen konnte die Regina höchst ungemütlich werden, und wenn die Zenz nicht gewesen wäre, die immer wieder vermittelnd eingegriffen hätte, dann hätte es wohl geschehen können, daß der Regina oft mitten in der Hauptsaison alle Dienstboten auf und davon gelaufen wären.

Nichts vergönnte sie dann den Dienstboten und zählte ihnen buchstäblich jede Kartoffel und jedes Stück Brot in den Mund. Aber die Zenz war der versöhnende Ausgleich, und da sie und nicht die Regina die eigentliche Regentin des Hauses war, wachte sie darüber, daß jedes zu seinem Rechte kam.

Das Alpengasthaus, das der Kramer Veit dem Florl erbaut hatte, war jetzt schon viel zu klein geworden, um alle die fremden Gäste fassen zu können, die nun jeden Sommer wiederkehrten. Der Florian hatte schon einen großen Teil seiner Schuld an den Kramer Veit abgezahlt, und Veit Galler sann nach neuen Mitteln, um seine noch immer rege Schaffenskraft zu betätigen.

Er fühlte, es war an der Zeit, das Unternehmen, das er gemeinsam mit dem Florian Siegwein ins Leben gerufen hatte, zu vergrößern. So erbaute er denn eine schöne Villa, in der Nähe des Dorfes. Ein feines, gemauertes Haus, das weiß leuchtete wie die Häuser draußen in dem stattlichen Dorf. Und hier sollten jene Fremden wohnen, denen es droben im Gasthof zu lärmend war.

Viel Ruhe fanden ja die Gäste nicht da oben während der Hauptsaison; denn fast jede Nacht dauerten die Gesänge mit Lautenspiel und die Tänze bis in den frühen Morgen hinein.

Die Notburg machte Hauswirtin in der Villa, und das Moidele, das Kind der toten Mena, half ihr bei dieser Arbeit. So unruhig es droben im Gasthof war, so friedlich und still war es hier unten in der Villa. Und hatte auch einen wundervollen Ausblick, das Haus des Kramer Veit.

Außerhalb des Dorfes, dort, wo der Weg hinunterführte zu dem Teufelssteg, stand es. Man hörte das Rauschen und Brodeln des wilden Gebirgsbaches, und die Luft hier war besonders frisch, und abends pfiff es eisig von den Fernern herüber.

Es war seltsam, wie gut sich die Notburg in all den Jahren erhalten hatte. Wohl war ihr Haar jetzt schlohweiß geworden, aber ihr ernstes Gesicht war noch immer schön, und die hellen Augen hatten einen warmen, mütterlichen Ausdruck. Der herbe, festgeschlossene Mund war milder und weicher geworden, und ein zufriedenes, stilles Glück ging von dieser Frau aus.

Veit Galler, der Krämer, hatte recht getan, als er damals das fremde Kindl seinem Weibe heimgetragen hatte. Es hatte ihnen beiden das Glück gebracht und jene Wärme, die der Mann so sehr hatte entbehren müssen. Man fühlte sich jetzt wohl in der Nähe dieser Frau, und ihre mütterliche Sorge umgab alle, die um sie waren.

Einen großen Schatz von Liebe und Fürsorge barg dieses Frauenherz und hatte nur einmal verkümmern müssen, so daß es erstorben schien. Jetzt aber, da das Schicksal ihr ein spätes Glück beschieden hatte, da sie für den Mann und auch für ein Kind sorgen durfte, jetzt erst erschloß sich der ganze Reichtum dieses Herzens und wuchs von Jahr zu Jahr.

Auch das Moidele hatte in dem Haus des Kramer Veit eine Heimat gefunden und in der Notburg eine Mutter, die sie belehrte und für sie sorgte.

In der Villa des Kramer Veit wohnten auch der Wastl und seine Frau. Es war merkwürdig, wie wenig die Notburg mit der Vef anzufangen wußte. Fast war's wie Mißtrauen und schlecht verhehlte Abneigung, welche die Notburg gegen diese Frau empfand.

Sie konnte es nun einmal nicht fassen, daß eine Mutter ihre Kinder im Stiche ließ, um Gold und Ehren nachzujagen. Am liebsten hätte sie der Vef das Obdach verweigert, aber das konnte sie nicht wegen der Freundschaft mit dem Florian Siegwein. Die Vef hatte sich mit der Zeit zu einer Machtstellung emporgearbeitet und war für den Florian jetzt völlig zu einer Tyrannin geworden. Sie war sich ihres Wertes für ihn vollkommen bewußt und handelte auch danach.

Der Wastl ging in der Heimat geduckt und gequält einher. Er war wohl der einzige der kleinen Sängerschar, der das Arbeiten nicht nur nicht verlernt hatte, sondern dem die Arbeit auch noch ein Bedürfnis geblieben war. All die Zeit, die sie in der Heimat weilten, fühlte sich der Wastl doch wieder wie von einem schweren Alpdruck befreit. In dieser Luft konnte er wieder leichter atmen und fast so gut und traumlos schlafen wie vor Jahren.

Er half dem Kramer Veit, wo er nur immer konnte, griff ungeheißen bei jeder Arbeit zu und scheute vor nichts zurück. Wie ein Knecht schuftete der Wastl von früh bis spät für den Kramer, bis es dann wieder mit einem Male über ihn kam. Jenes alte Elend, unter dem er immerwährend litt ... die Sehnsucht nach dem eigenen Herd und die Sehnsucht nach seinen Kindern.

Das überfiel den Mann so jäh und heftig wie eine Krankheit, so daß er an allem die Lust verlor und tagelang nur vor sich hinbrütete ... mit keinem Menschen sprach und auch nichts arbeitete.

Dann strich er einsam über die Wiesen und starrte stundenlang in die Richtung, wo in der Ferne die Berge aus der Gungl herübergrüßten. Und dann wieder wanderte der Wastl und legte weite Wege zurück. Und kein Mensch wußte, wohin er ging.

Kein Mensch ... außer dem Kramer Veit. Der ahnte, daß der Wastl Ausschau hielt nach einem neuen Heim ... aber er wußte genau, daß alle Mühe, je wieder einen eigenen Herd zu gründen, vergebens sein würde. Er wußte: die Vef hatte die Lust an der Bauernschaft für immer verloren ... und er wußte: sie hatte auch die Liebe zu ihren Kindern eingebüßt.

Wie wenig sich diese Frau überhaupt um ihre Kinder kümmerte! Mit Ingrimm sah es die Notburg und besprach es auch mit ihrem Manne.

Die Vef schämte sich ihrer Kinder vor den vornehmen Fremden, schämte sich, daß sie so derb und unwissend waren, und bestand mit der ihr eigenen Energie darauf, daß der Wastl die beiden Buben von den Großeltern fortnahm und sie in ein Institut brachte. Dort sollten sie Bildung lernen und Städter werden. Und als der Wastl, gehorsam wie immer, ihr auch diesen Willen tat, da nahm sich die Vef fest vor, ihrem Manne einmal klipp und klar zu erklären, wie sie sich ihre Zukunft von nun ab vorstellte.

Das war, als der Wastl wieder einmal seinen trübsinnigen Anfall hatte und sich tagelang nicht sehen ließ. Er ging der Vef absolut nicht ab, der Mann, und sie machte sich auch keine Sorgen um ihn. War froh, daß sie ihn ein bissl los hatte und sie sich droben im Gasthaus ungestört mit ihren Freunden unterhalten konnte.

Daß sich ihr Mann gar so getreulich an ihre Fersen heftete, das paßte der Vef schon längst nicht mehr. Er hinderte sie in ihrer Freiheit, und seine traurige, stille Art reizte sie. Sie fühlte seinen stummen Vorwurf und wußte, an welcher Sehnsucht er krankte.

In diesen letzten Jahren waren sich Mann und Frau innerlich immer fremder geworden. Denn auch die Vef machte den Mann für ein verfehltes Leben verantwortlich. Sie fühlte sich durch ihn gebunden und lechzte förmlich nach ihrer Freiheit. Was bedeutete ihr, der gefeierten Frau, noch dieser einfältige Bauer, dem das Leben, das sie führten, eine fortgesetzte Pein war? Was waren ihr die Kinder, die sie ihm geboren hatte? Einmal ... ja, da hatte sie diese Kinder liebgehabt. Von ganzem Herzen.

Und um dieser Kinder willen ... so redete sie sich ein ... war sie in die Welt gezogen. Jetzt aber waren ihr die Kinder fremd geworden, und sie fühlte wenig mehr, als einzig nur die Last, sie versorgen zu müssen. Die Liebe, die sie einstmals mit dem Wastl verbunden hatte, war erkaltet. Und mit dieser erstorbenen Liebe war auch die Zuneigung zu ihren Kindern verschwunden.

Dem Kramer Veit machte das verstörte Wesen des Wastl ernste Sorge. Er teilte auch der Vef seine Besorgnisse mit, und das war's, was die Vef dazu brachte, einmal offen mit ihm über ihren Mann zu reden.

Es ging schon wieder gegen die Neige des Sommers, und droben im Gasthaus traf der Florian Anordnungen für die neue Winterreise. In der Villa des Kramer Veit, die er zum Teil selbst bewohnte, saßen sie im Abenddämmer in der gut eingerichteten Wohnstube und warteten auf den Wastl. Die Notburg und der Anderl und der Veit und die Vef.

Es war Zufall, daß die Vef sich einmal in der Wohnstube der Notburg aufhielt. Für gewöhnlich mied sie den Umgang mit dieser Frau genau so, wie ihr die andere auswich. Sie hatten sich herzlich wenig zu sagen, diese beiden Frauen; und wenn sie jetzt scheinbar in voller Harmonie nebeneinander saßen, so war das lediglich dem Umstand zu verdanken, daß das Moidele, von der Notburg geschickt, die Vef vom Alpengasthof heruntergeholt hatte.

Die kleine Toni, die bei den Kirchenmäuseln untergebracht war, lag krank und hatte ein hitziges Fieber. Eines der beiden alten verhutzelten Weiblein war noch am späten Nachmittag gekommen und hatte der Notburg die Botschaft gebracht. Und diese hatte dann das Moidele sofort zu der Vef geschickt, da der Wastl wieder einmal tagelang fortgeblieben war.

Die Vef war zu ihrem Töchterchen geeilt und fand dieses glühheiß und im Fiebertraum. Das erzählte sie jetzt, und der Kramer Veit erbot sich, noch in dieser Stunde zu dem Arzt zu gehen, der draußen im Tal in dem großen Dorf wohnte.

Es regnete in Strömen, und die Nebel legten sich dicht und schwer von den Bergen herab. Die Notburg machte ein besorgtes Gesicht; denn sie sah es nicht gerne, daß ihr Mann stundenlang der Unbill der Witterung ausgesetzt war. Wenn er auch rüstig und noch ungebrochen war, der Veit, der allerjüngste war er ja trotzdem nicht mehr und auch nicht mehr so widerstandsfähig wie in früheren Jahren.

In der Vef regte sich das Gewissen, und sie war aufgeregt und sehr beunruhigt. Dieser Erregung machte sie Luft, indem sie heftig über den Wastl zu schimpfen anfing.

»A so a spinnet's Mannsbild!« brach die Vef über eine Weile die tiefe Stille, die sich fast beängstigend über die Stube gelegt hatte ... »Rennt grad' umadum und laßt nix sehen und nix hören von sich. Daß grad' i an söllen Tolm hab' derwischen müssen!« sagte sie unwirsch und voll Vorwurf.

Sie gaben ihr keine Erwiderung. Weder der Veit, noch die Notburg. Hielten sich zurück und schauten schweigend vor sich hin. Der Anderl aber, der ein halbwüchsiger Bursch war, schlank und schmächtig, konnte sich nicht enthalten und erwiderte der Vef resolut und frech nach Jungenart.

»Kümmerst di ja sischt aa blutswenig um ihn. Brauchst iatz aa nit grad' schimpfen anz'heben.«

»I schimpf' ja nit!« meinte die Vef ruhiger. »Aber hergehn soll er, bald man ihn braucht.«

»Braucht'n koa Mensch nit!« erklärte der Anderl. »Kann do nit helfen. Und an Doktor derholen wir aa no fürs Tonele.«

»Könnt' ja oaner von oben abi giahn ins Dorf!« meinte die Notburg über eine Weile. »Sein ja g'nuag sölle junge Löder oben. 's Kind kann man nit ohne Hilf' lassen über Nacht!« fügte sie bedenklich und voll Mitleid hinzu.

Der Anderl war schon bei der Tür draußen und lief so rasch er konnte in dem strömenden Regen hinauf zum Alpengasthof. Ein warmherziger Bub war der Anderl, voll Mitgefühl für das Leid der andern.

Die Vef war doch recht unruhig über ihr krankes Kind. Je dunkler es wurde, desto ungemütlicher wurde es ihr. Sie hielt das ruhige Sitzen und Herwarten nicht mehr aus. Stand auf und schaute durchs Fenster. Sah die schweren, dunklen Wolken, die sich beklemmend und drückend übers Tal senkten, und schwer legte sich ihr die Angst aufs Herz.

»Wird wohl nit g'fährlich krank sein ... 's Tonele?« frug die Vef über eine Weile. Heiser und stockend kam ihr die Frage über die Lippen. Sie erschrak über den Klang ihrer eigenen Stimme. So fremd und hohl und ungewöhnlich laut kam er ihr vor.

Und wieder erhielt sie keine Antwort. Weder vom Veit, noch von der Notburg. Die saßen am Tisch in der Wohnecke, und der Veit stützte seine Arme schwer auf die Platte. Es war unerträglich für die Vef, dieses Schweigen. Daß diese beiden alten Leute auch gar nicht reden wollten. Und daß der Wastl gar nicht herging, wenn sie einmal wirklich Verlangen nach ihm trug.

»Meinst, Notburg ... 's Tonele wird wieder?« wandte sich die Vef mit ihrer Frage direkt an die Frau, die reglos an der Seite ihres Mannes saß. Ihr schlohweißes Haar hob sich hell ab in dem Dämmer der Stube, so daß es beinahe leuchtete.

Die Notburg zuckte die Achseln. »Woaß nit!« sagte sie trocken und ohne Mitgefühl.

Sie empfand auch nur wenig Mitleid mit der Vef. Geschah ihr schon recht, wenn sie es auch einmal mit der Angst zu tun bekam und mit dem Gewissen. Ganz recht geschah ihr. Sollte nur leiden ... das Weib!

So dachte die Notburg und schaute hart und strenge auf das ruhelose junge Weib, das in ihrer Stube, von innerer Qual getrieben, unruhig umherging.

Und wieder herrschte Schweigen in der Stube. Und immer ruheloser ging die Vef in dem Zimmer herum und schaute dann wieder abwechselnd zum Fenster hinaus.

»Könnt's koa Licht nit machen?« frug sie über eine Weile in ihrer herrischen Art. »Man g'siecht ja nix mehr.«

Schweigend stand die Notburg auf und zündete eine schöne Lampe an, die über dem Tische hing. Es machte alles in der Stube den Eindruck von Behagen und bürgerlicher Wohlhabenheit. Ohne Prunk, schlicht und einfach hatte es der Kramer Veit eingerichtet, so wie es zu diesen Leuten und ihrer Umwelt paßte.

Die Vef trug nun für gewöhnlich nicht mehr die Tracht ihrer Heimat, sondern hatte städtische Gewänder angelegt. Im Gegensatz zur Regina aber wählte sie stets dunkle, unauffällige Farben und war ohne Schmuck und Zier. Auch heute trug die Vef ein einfaches, aber elegant geschnittenes Kleid, das ihre volle Figur zur besten Geltung brachte. Ihr Gesicht war bleich, und dunkel und aufgeregt flackerten die hellen, sonst so strahlenden Augen. Das blonde Haar trug sie wie immer zur Krone um den Kopf gelegt, und weich schmiegten sich vereinzelte Löckchen um ihre feine Stirn.

Der Kramer Veit war alt geworden in diesen Jahren. Alt und sorgenvoll, aber aufrecht und noch immer kraftstrotzend. Viele Furchen durchzogen die breite, etwas brutale Stirn, und das derbe, dröhnende Lachen kam jetzt nur selten mehr über seine Lippen. Er hatte eine nachdenkliche Art, der Veit, und war schweigsamer und viel zurückhaltender wie in früheren Zeiten.

Jetzt, nachdem das Licht entzündet war und sein heller Schein das geräumige Zimmer angenehm erleuchtete, saßen die drei Menschen wieder schweigend beisammen. Die Vef zwang sich dazu, ruhig zu scheinen, und doch pochte ihr das Herz fast hörbar und raubte ihr beinahe den Atem.

Immer wieder sah sie ihr krankes Kind, wie es fiebernd in seinem armseligen Bettchen lag, die Wangen hochgerötet und die großen dunklen Augen glänzend und angstvoll. Hatte wenig Liebe in seinem jungen Leben genossen, das Tonele ... und wußte nichts von Muttersorge und Zärtlichkeit. Wenn die Vef zu ihr kam, so wich ihr das kleine fünfjährige Mädele scheu aus wie einer Fremden; denn sie hatte Angst vor der Mutter, die so nobel war und ganz anders gebietend und anders in ihrem Wesen wie alle die Bäuerinnen, die sie kannte.

Der Kramer Veit schaute unverwandt und scharf beobachtend auf die Frau mit dem blassen Gesicht und den angstvollen Augen. Dann hub er auf einmal zu reden an. Ruhig und sachlich, wie es seine Art war.

»Vef!«

Das Wort schreckte die Frau aus ihrer quälenden Nachdenklichkeit auf.

»Kimmt dir nit für, Vef ... du g'hörest jetzt wo anders hin?« frug der Veit langsam und eindringlich, aber in dem gütigen Ton eines nachsichtigen Vaters.

Einen Augenblick war es, als senkte die Frau reuevoll ihren schönen, fein geformten Kopf. Nur einen kurzen Augenblick. Dann schaute sie gleich wieder herrisch wie immer auf den Mann, der diese vorwurfsvolle Frage an sie gewagt hatte.

»Wie meinst?« frug sie scharf und sah mit herausfordernden Blicken auf Veit Galler.

»I mein' ...« sagte der Kramer sehr gelassen ... »daß eine Mutter ... und wenn sie auch die vielbewunderte Vef ist ... zu ihrem kranken Kind g'hört. Und i mein' no mehr!« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Willst hören, Vef ... was i no mein'?«

Der Kramer hatte sich erhoben, breit und wuchtig, und pflanzte sich vor der Frau auf. Mit ruhigen, kalten Augen schaute die Vef zu ihm empor. Hatte die Hände lässig in den Schoß gelegt und die Lippen fest aufeinander gepreßt.

»Vef ...« fing der Kramer abermals zu reden an, und seine Stimme klang gut und weich. »Leicht nutzt's eppas ... wann i heut' zu dir red'. Kann sein, daß die Angst um dei' Kind dich zur Besinnung bringt. Kann sein aa nit. Aber siegst ... so wie du jetzt bist und lebst ... bringst euch ins Unglück. Hast kein Haus und kei' Dach und kein' Mann und kei' Kind mehr. Kennst nur mehr eins ... dich selber! Das ist's, Vef! Grad das allein! Die Lieb zu dir selber. Ist alles g'schwunden bei dir, kommt mir für ... alles ... nur nit die Eigenlieb. Und siegst, Vef ... wann eins aufhört, für andere Menschen zu leben und ein's nur alleweil sich selber zum Mittelpunkt im Leben macht ... aft ist's grob g'fahlt. Das ist koa Glück nit ... das ist a Rausch. 's Glück schaut anders aus, Vef. Frag' mei' Weib ... die Notburg ... was Glück ist. Die kann dir's sagen. Hat lang warten müssen drauf ... die Haut ... bis es kommen ist zu ihr. Aber es ist kommen. Weil sie gedient hat dafür. Und kommet aa zu dir, Vef ... wann du möchtest!«

Der Kramer Veit hielt eine Weile mit reden inne und fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als müsse er eine böse Erinnerung aus seinen Gedanken verscheuchen. Unverwandt und wie hypnotisiert schaute ihm die Vef in die Augen, preßte die blassen Lippen fest aufeinander, unterbrach ihn aber mit keinem Wort.

»'s war' no nit zu spat für enk ...« sagte der Kramer eindringlich und legte seine derbe Arbeitshand schwer auf die Schulter der Frau ... »wann du grad wollen tatest, Vef. Schau dein' Mann an, den Wastl! Kann sein, daß du koa Lieb mehr hast für ihn. Aber er ... er hat di gern, Vef! Kennt ... kimmt mir für ... koan Herrgott und koan Heiligen nit ... als grad sei' Weib.« Und jetzt erhob der Kramer Veit seine Stimme, und sie klang drohend und mahnend zugleich. »Vef! A söllene Liab wirft man nit fort. Weil's eppas Seltenes ist und fast heilig. Und oans sag' i dir! Schau ... daß es anders wird zwischen dir und dein' Mann. Besinn' dich, daß du sei' Weib bist und die Mutter von seine Kinder. Könnt' sein, daß er ein schlecht's End' nimmt ... der Wastl ... könnt' sein ... daß dir dann die Reu' kimmt ... bald's zu spat ist.«

Die Vef hatte, ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, zugehört. Reglos saß sie vor dem Mann und war noch blässer wie zuvor.

Und einen Augenblick lang schaute sie dann nachdenklich zu Boden. Und dann erhob sie sich, und stolz und aufrecht stand sie vor dem Kramer Veit und sah ihm ernst in die Augen.

»Soll wohl wieder Bäurin machen, meinst?« frug sie ruhig, aber ohne Schärfe.

»Braucht nit zu sein.« Der Veit hob die Schultern leicht. »Könnt' aa sein ...«

»Veit ...« Die Vef ließ ihn nicht ausreden. »Gib dir koa Müh' nit. Grad du solltest es besser verstehn, wie mir ist. Grad du! Glaubst wirklich, daß a Weib wie ich noch g'schaffen ist für an Bauersmann? Glaubst nit ... daß es besser wär' ... besser für mi ... und aa für ihn ... wenn er mich meine Weg' allein gehn ließ'? War' hart für ihn ... i gib's zu ... aber nur für a kurze Zeit. So hängt er sich an mich wie a Kletten und lebt a Leben, das ihn umbringt. Das Leben aber ist Leben für mich .. ich brauch's, und er verdirbt dabei. Veit ...« sagte die Vef entschlossen ... »wann du dem Wastl wirklich was Gut's tun willst ... dann bring' ihn dazu ... daß er wieder a Bauer wird. Soll mich lassen und die Kinder zu sich nehmen. 's war' aft nit viel anders ... als wenn i g'storben wär'. Und wenn er's tät', aft war's a wirkliche Liab ... kimmt mir für.« —

Noch in später Nacht kam der Wastl nach Hause. Müde und bis auf die Haut durchnäßt. Und ging noch in derselbigen Stunde mit seinem Weib ins Dörfl hinein, wo das Tonele zum Sterben lag.