Zwölftes Kapitel

Sie blieben die ganze Nacht bei dem kranken Kinde und wachten bei ihm. Der Doktor kam zu später Stunde, untersuchte das Kind sorgfältig und sprach ihm das Leben ab.

Eine schwere Halsbräune hatte das Tonele befallen, und mühsam rang das Kind nach Atem. Die beiden alten Weiblein, die bisher das Tonele betreut hatten, machten verzagte Gesichter. Sie verstanden nicht viel von Krankenpflege und standen den Anordnungen des Arztes völlig verständnislos gegenüber.

Dumpf und schwer war die Luft in der länglich schmalen Kammer, in der das kranke Kind lag, und die Vef riß Türe und Fenster auf, um dem Kind Erleichterung zu verschaffen.

Etwas von dem Geiste der Vef, wie sie vordem gewesen, war in dieser Nacht wieder in der Frau wach geworden. Jetzt war sie mit einem Male wieder die umsichtig sorgende Mutter, die sie drinnen in der Gungl gewesen war. Sie hieß die beiden alten Weiblein, die ihr im Wege waren, aus der Kammer sich entfernen. Freundlich, aber sehr bestimmt sagte sie es ihnen. Sie sollten ausruhen, und wenn sie ihrer bedürfte, dann würde sie sie holen kommen. Und sie und ihr Mann würden bei dem Kinde bleiben bis zuletzt.

Wie hart das war, dieses Sterben des Kindes. Der Wastl saß in einem Winkel und verdeckte sich die Augen. Er konnte den Todeskampf nicht mit ansehen. Das Tonele bäumte sich und rang nach Luft, und dann wieder faltete es betend die kleinen rauhen Hände und konnte doch nicht sprechen. Und war blaurot im Gesichtchen und röchelte und wehrte sich verzweifelt gegen den Erstickungstod.

Und doch wieder mußte der Wastl aufschauen ... hinüber zu dem Bettchen des Kindes ... zu seinem Weibe ... das in dieser Stunde wieder zur Mutter geworden war. Als ob sie all die Jahre, in denen sie dieses Kind vernachlässigt hatte, einbringen müßte, so zärtlich und liebevoll umsorgte sie es.

Sie kniete an dem Bett des Kindes, bleich und ernst, und starrte unverwandt auf das zermarterte Gesichtchen. Und wenn die Not des Kindes sich steigerte und es sich bäumte und wand und die kleinen Hände sich hilflos in der Luft krampften ... dann nahm die Vef mit starkem Arm ihr Kind zu sich und barg es an ihrer Brust. Fand kein Trosteswort und kein Gebet ... und keine Träne. Aber die Hand, mit der sie die glühheiße Stirn des Kindes liebkoste, war lind und weich und beruhigte es. Die Todesqual in den Augen des Kindes linderte sich, und es schaute verwundert und beinahe froh. Zum ersten Male in ihrem jungen Leben fühlte das Tonele die Nähe einer Mutter ... fühlte ihre Liebe und ihre Sorge.

Und das machte ihr den Tod leichter ... denn als er kam ... lag sie im Arm der Mutter, und ihr zuckender, kleiner Körper krampfte sich Schutz suchend an ihrer Brust.

Und die Vef hielt die Leiche ihres Kindes ... solange, bis die Wärme aus ihm gewichen war ... wortlos und mit trockenen Augen. Und dann legte sie das Tonele auf sein armseliges Bettchen, kniete vor ihm hin und schluchzte laut auf, aber ohne Tränen.

Ein kleines Öllicht brannte auf der Kommode, die in der Nähe des Bettchens stand. Und eine geweihte Wachskerze ... die hatte der Wastl angezündet, als es zum Sterben kam. Und jetzt stand der Wastl neben seinem Weib am Bett des toten Kindes und versuchte sie zu trösten.

»Vef!« Mehr brachte er nicht heraus; denn es würgte und stieß ihn, und wie ein wundes Tier warf er sich über die Leiche des Kindes und weinte laut. Weinte seinen ganzen Schmerz sich von der Seele ... sein ganzes Leid und das Elend seines Lebens.

Und als die Vef diesen elementaren Ausbruch tiefster Herzensnot vernahm, der so unbändig wild war und fast nichts Menschliches mehr an sich hatte, da trieb es das Weib fort. Sie floh ... wie von Furien gepeitscht von der Seite ihres Mannes ... hinaus ins Freie ... in den Regen und die Kälte eines frühen Herbstmorgens. Und lief hinüber zu der Notburg und warf sich zu Füßen der Frau und barg den Kopf in ihren Schoß.

»Notburg! Notburg!«

Das war alles.

Und die Frau erkannte die Not dieser Stunde und war gut zu der Vef. Beugte sich über die Verzweifelte und streichelte ihr weich wie einem Kinde über das blonde Haar. Sie sagte kein Wort, aber ihre innere Güte legte sich warm auf das Herz des hart ringenden Weibes ...

Sie hatten das Tonele schön aufgebahrt in der Stube der beiden alten Jungfern. In einem weißen Kleidchen, das die Notburg genäht hatte, lag das Kind da, und ein weißes Kränzlein schmückte das dunkle Haar. Und friedlich, wie schlafend sah das Tonele aus, hatte die Händchen gefaltet und einen glückseligen Zug in dem wachsbleichen Gesichtchen. Zwei Kerzen brannten zu ihren Häupten, und Blumen waren über die weiße Decke gelegt. Und die Nachbarn kamen, um an der Leiche des Kindes zu beten und sie zu ehren.

Die alten verhutzelten Jungfern gingen im Hause umher, so lautlos und still, als sie es nur vermochten. Hielten den Rosenkranz in den welken Händen, aber machten verzagte, hilflose Gesichter und hatten feuchte Augen. Und dankten allen, die gekommen waren, das tote Tonele zu ehren.

Armes Tonele! Wenn sie's doch erlebt hätte, diese Ehrung! Unbeachtet war sie herumgeschlichen ... überall und allen im Wege ... und überall und bei allen überflüssig.

Sie waren immer gut mit dem Kinde gewesen, die beiden Kirchenmäuseln, und hatten ihr nie ein böses Wort gegeben. Und doch fühlte es das kleine Mädele mit dem feinen Gefühl des verlassenen Kindes, daß sie nur eine überflüssige Last für alle bedeutete. Scheu drückte sie sich in den Winkeln des Hauses herum, spielte einsam in dem kleinen Garten und wich allen aus. Sah alle, die sie ansprachen, mit großen, furchtsamen Augen an und blieb meistens die Antwort auf die Fragen schuldig, die man an sie gerichtet hatte. Zu niemandem faßte das Kind Zutrauen, und für niemanden hatte sie eine herzliche Liebe.

Und nun, da sie gestorben war, da war sie zu Ehren gekommen. Ihr Vater weinte um sie, und ihre Mutter und die Großeltern vom Perlmoserhof. Und die Julie kam und die Rosina und brachten ihr Blumen, und hatten doch so selten ein gutes Wörtl übrig gehabt für das einsame Kind ...

Der Kramer Veit hatte sich des Wastl angenommen. Nachdem sie die Kleine begraben hatten, hatte Veit Galler, der Kramer, den Wastl am Arm genommen und war mit ihm hineingegangen in die Gungl. Er wußte gar wohl, was dem Mann jetzt not tat.

Ein paar Tage sollte der Wastl wieder drinnen leben in der alten Heimat und sich an seinem ältesten Buben freuen. Der Martl gedieh und blühte und wuchs, daß es eine Freude war. Und war so ganz das lebfrische Bauernbübl, wie es der Wastl und auch der Veit einmal selber gewesen waren.

Und drinnen in der Gungl, in dem Heim des alten Göd, da sprach der Kramer Veit mit dem Wastl. Redete ernst mit ihm, wie ein Mann zum andern.

»Schau, Wastl ...« sagte er, als die beiden eines Abends allein vor der Hüttentür saßen ... »i mein' dir's gut. Lass' jetzt die Vef ... leicht wird's wieder alles gut zwischen enk zwoa. Bleib' du daheim. Geh' nimmer außi in die Welt. Du paßt nit dafür. Kimmt mir für ... sie hat no alleweil an guten Kern ein, die Vef. Hat's halt, wie i's selber amal g'habt hab', an Unruh' ... die sie forttreibt. Bin aa anders g'worden mit die Jahr' und wieder a ganz seßhafter Mensch. Überwind' di, Wastl, und bleib' bei uns da. I hab' Arbeit g'nug für di, und nachher ... in an Jahr a zwoa übernimmst a Gütl und nimmst deine Buben zu dir. Probier's halt, Wastl ... Bleib' daheim!«

Es war eine herrlich stille Nacht. Eine jener festlich hellen Septembernächte, in denen auf sammetdunklem Teppich die Milliarden Sterne unruhig fiebrig glitzern und funkeln, und der Mond sein kaltes und doch so prunkvolles Silberlicht über die Berge verschwenderisch ausgießt.

Man konnte alles deutlich unterscheiden, und alles schien in kalter Pracht verklärt in dem hellen Schein des Mondes. Die kleine Hütte mit ihrem windschiefen, steinbeschwerten Schindeldach ... die ragenden Felswände und nahen Felsblöcke, die steilen Mahden und der brausende, weißschäumende Bergbach. Sein Rauschen und Brodeln hatte in der heiligen Stille der Nacht etwas Feierliches, und doppelt friedlich und fast weihevoll lag ringsum die Natur.

Gar nichts hatte sich in der Gungl verändert, war alles ganz genau so, wie es der Wastl damals hinterlassen hatte. Das Holz war als Wintervorrat rings um die Hütte aufgeschichtet wie ehemals, nur waren die Leute jetzt andere, die in der Hütte hausten. Und führten genau dasselbe Leben, das der Wastl und die Vef auch geführt hatten. Etliche kleine Kinder schrien und kreischten und krabbelten in der Stube und Küche herum. Und das junge Weib des Jackl drinnen in der Hütte betreute ihre Kinder und hantierte in der Küche herum, und zankte dann und wann mit ihnen und dem Mann. Genau so wie damals des Wastls Weib, die Vef.

Wie in einem wachen Traum kam sich der Wastl vor, als er jetzt mit dem Kramer Veit vor der Hütte saß. Mußte sich Mühe geben, um daran zu glauben, daß es jetzt anders war, daß er hier als ein Fremder zu Besuch weilte, und daß die schreienden und zappelnden Kinderchen in der Hütte drinnen nicht die seinen waren.

Wie ausgelöscht erschienen ihm diese letzten fünf Jahre, ausgetilgt aus seinem Leben, und es war ihm, als sei es erst gestern gewesen, daß er als Bauer hier gearbeitet hatte. So innerlich ruhig und gefaßt war der Wastl lange ... lange nicht mehr gewesen wie in diesen letzten Tagen.

Und die gute Rede des Kramer Veit fiel heute auf einen fruchtbaren Boden. Wohl viel mehr, als es der Fall gewesen wäre, wenn die Vef ihre Absicht hätte zur Ausführung bringen können, mit dem Wastl über ihre Zukunft zu sprechen.

Der Wastl dachte tief und lange darüber nach. Vielleicht hatte der Kramer recht. Wenn er sich trennte von der Vef ... vielleicht rief er dann die Sehnsucht nach ihm in ihr wach. Denn trotz ihrer abweisenden Kälte, trotz der Gleichgültigkeit, die sie für ihre Kinder bis jetzt gehabt hatte ... alle Liebe zu ihnen war doch nicht erstorben. Das hatte der Wastl durch den Tod des kleinen Tonele erfahren.

Und der Wastl dachte und hoffte, daß vielleicht doch noch ein kleiner Rest von der alten Liebe zu ihm in dem Herzen seines Weibes vorhanden sein könnte. Fand sich nur schwer zurecht mit seinem Gedankengang, der Wastl, und war froh, daß der Kramer Veit so wortlos still an seiner Seite saß und ihn mit keinem Wort aus seiner Nachdenklichkeit störte.

Und endlich hub der Wastl zu reden an.

»Moanst ... Kramer ...« begann er langsam und schwerfällig ... »'s könnt' der Vef lieb sein ... wann i bei die Kinder bleiben tat'?«

»I moanet schon!« bestätigte der Kramer gleichfalls sehr ernst und nachdenklich. Und wieder versenkte sich der Wastl in seine eigenen Gedanken.

»Leicht war's ... weil sie sich g'schamt hat mit mir?« fing er dann neuerdings zu reden an, und mit bangen Blicken schaute er auf den Kramer, um in dessen Gesicht die Antwort abzulesen.

»Kann sein!« bestätigte der Kramer kurz und hüllte sich leicht fröstelnd in den dunklen städtischen Überrock, den er auch hier noch immer zu tragen pflegte. »Kann sein.«

Der Wastl stützte die Arme schwer aufs Knie und verdeckte sich die Augen mit seinen beiden Händen. Und sagte lange nichts mehr.

»Wann i's wisset ...« hub er dann neuerdings sehr langsam zu reden an ... »ganz bestimmt wisset ... daß sie wieder kommet zu mir ...« heiser und gepreßt kam jedes Wort aus der Kehle des Mannes, so daß es war, als müsse er den Laut gewaltsam hervorstoßen ... »i bringet dös Opfer ... i tat's, Veit. War' hart ... aber i tat's!« wiederholte er dann noch einmal.

Er konnte sich eine Trennung von der Vef noch immer nicht vorstellen. Konnte nicht begreifen, wie sein Leben sein würde ohne dieses Weib, das ihn nach wie vor in allen seinen Sinnen gefangen hielt. Je abweisender die Vef mit ihm gewesen war, desto treuer und unterwürfiger war er ihr. Und je heftiger und glühender seine Sehnsucht nach ihr war, desto widerwärtiger wurde er ihr.

Auch der Tod ihres Kindes hatte da keine Änderung in ihren Gefühlen bewirkt. Folternde Gewissensbisse hatten das Weib in jener Nacht zu Füßen der Notburg getrieben. Reue und ein übermächtiges Mitleid mit dem kleinen Wesen, dem sie nie eine Mutter war. Aber ihr Durst nach Erleben, ihre Sehnsucht, zu genießen ... ein freies, unabhängiges Weib zu sein, waren so gewaltig und stark in ihr, daß sie jede andere Regung niederrangen und ertöteten ...

Als der Wastl und der Kramer Veit wieder aus der Gungl ins Dörfl zurückkamen, da hörten sie, daß die Vef mit ihren beiden Schwestern abgereist war. Und die Notburg überbrachte dem Wastl die Botschaft seines Weibes: er möchte ihr nicht folgen und ihr auch nichts verargen. Aber hierher zurückkehren würde sie nie mehr wieder.

Trotz aller guten Vorsätze, die der Wastl in der Gungl drinnen gefaßt hatte, traf es ihn doch recht hart. Er duckte sich, als ihm die Notburg in ihrer ruhigen und guten Art die Worte der Vef sagte, wie unter Peitschenschlägen und schaute die Notburg verstört und aus todwunden Augen an.

Aber dann blieb er doch daheim und arbeitete und schuftete für den Veit wie ein Knecht und suchte Vergessen in seiner Arbeit ...

Und als der Frühling den Florian Siegwein mit seiner kleinen Sängerschar wieder in die Heimat brachte, da fehlte die Vef und mit ihr ihre Schwester, die Rosina.

Es hieß, daß die Rosina geheiratet habe. Irgend einen vornehmen Herrn, der in einem fernen Lande wohnte. Aber der Florian wich allen Fragen nach der Vef aus. Und auch die Julie und die andern wußten nichts zu berichten, als daß die Vef mit ihrer Schwester gezogen sei und nicht mehr in die Heimat zurück wollte.