6.
Als Hellwig das Bewußtsein wieder erlangte, war bereits die Nacht hereingebrochen. Er lag ausgestreckt auf einer der Bänke. Reinholt kniete neben ihm und legte nasse Tücher auf seine Stirn. Ein Häuflein verstörter und weinender Menschen stand im Kreis herum. Unstet leuchtete von der Fabrik herüber noch der Feuerschein. Vor dem zerbrochenen Gittertor aber hielten ein paar kastenartige Wagen, gelb angestrichen, das rote Kreuz im weißen Felde. Soldaten kamen und gingen mit brennenden Fackeln und mit Tragbahren, auf denen dunkle Menschenleiber lagen und stöhnten und zuckten. Ein Regimentsarzt eilte vorbei. Der Leinenkittel über der Uniform starrte von eingetrocknetem Blute, und auf der Höhe seiner fetten roten Wangen standen große Schweißtropfen. Er beugte sich über Hellwig und fragte, wie er sich fühle, und untersuchte ihn.
Der richtete sich jählings auf. „Wie viele sind verwundet? Wie viele tot?“ fragte er hastig, und im Grunde seiner Augen stand das Grauen. Der Arzt zog gleichmütig die Schultern hoch. „Weiß die Zahl noch nicht!“ sagte er. „War ein heißer Tag, hat viel Arbeit gegeben. Das waren, Gott sei Dank, die letzten.“ Mit einer Kopfbewegung deutete er auf die Bahre, die eben in den Krankenwagen gehoben wurde. „Ruhe brauchen Sie! Schlafen Sie sich ordentlich aus, Ihre Nerven haben’s verdammt nötig! Sonst fehlt Ihnen nichts!“ Nachlässig salutierte er und eilte zu den Fahrzeugen. Die Pferde zogen an, im Galopp ging es fort.
Dann kam der Hauptmann und bat den Besitzer der Fabrik um eine Unterredung. Und während Reinholt mit ihm sprach, trat Hellwig auf den Fahrweg hinaus, ging wie ein Schlafwandelnder weiter und weiter, zwischen rauschenden Feldern ging er und durch blühende Wiesen, und als Reinholt laut seinen Namen durch die Stille rief, da schritt er nur desto rascher vorwärts, mehrfach abbiegend, kreuz und quer, auf schmalen Rasenbändern, weiter und weiter, und er wußte nicht, wohin er ging und was ihn vorwärts stieß.
Hoch oben in der Luft trieben noch immer schnell und lautlos die silbrigen Wolken vor dem Mond, der halbrund am Himmel hing und es war, als ständen die Wolken still und jagte die weiße Luna in hastiger Flucht zwischen den ruhenden Silberflocken durch den glanzerfüllten Raum. Von den brennenden Speichern und Dächern der Fabrik kam ein roter Schein und wehte unruhig über die Fluren, und der Himmel war dort purpurn glühend und die dunklen Büsche standen davor mit allen ihren schlanken Zweigen und gerundeten Blättern scharf aus dem lohenden Glanz herausgehoben, schwarze Schattenbilder auf goldig flammendem Grund. Schön und seltsam und geheimnisvoll war die Landschaft mit ihren sanften und grellen, ruhigen und beweglich huschenden Lichtern und Farben und Schatten, und unermeßlich dehnte sie sich in einem milden Leuchten blau verdämmernd, weit, weit, bis sie mit dem Rand der hohen Himmelsglocke zusammenschmolz. Lautloses Ineinanderspielen der Farben unten, lautloses Wolkenziehen hoch darüber, glanzgesättigte Stille dazwischen: das war wie ein Prunksaal der Einsamkeit, die hier demütigstolz die Königskrone aus den Händen der Unendlichkeit entgegennahm.
Trostbringende Königin Einsamkeit.
Für den, der hier ihren Krönungssaal durchwanderte, weiter und immer weiter wanderte, mit gesenkter Stirn und schlaffen Armen, für ihn hatte sie keinen Trost, und er suchte ihn auch nicht. Er wollte nur ... Was wollte er denn eigentlich noch?
Da war ihm alles niedergebrochen. Ihm, dem Sieger, — „Wir sind durch!“ hatte er oft und oft den Freunden gesagt, — war alles niedergebrochen. So gründlich, daß kein Stein auf dem andern geblieben. Und die ihm vertraut hatten, saßen jetzt zwischen ausgebrannten Mauern, viele brave, arbeitsame Leute, — und konnten betteln gehen. Sein Lebenswerk. — Und Blut war vergossen worden. Durch seine Schuld war Blut vergossen worden, rotes, warmes Menschenblut. Sein Lebenswerk. Und alles war ihm niedergebrochen. Was wollte er also noch?
Diese Gedanken, und immer nur dieselben Gedanken waren es, die ihn begleiteten, während er so durch die endlose Ebene hinschritt, stundenlang weiter und weiter schritt, bis ihn die Müdigkeit überwältigte. Seine Beine begannen zu zittern, er taumelte und mußte sich niedersetzen.
Ganz schüchtern leuchtete das Frührot auf. In klaren Kugeln hing der Tau an den Gewächsen, und faul versuchte ein Frosch seine knarrende Stimme. Ein Vogel fing zu zirpen an, zaghaft und leis, als fürchtete er sich noch vor der Dämmerung und der Stille — dann lauter, kecker — ein zweiter gab Antwort — und als der junge Tag goldhell in das freudig aufschauernde Land hineinsprang, da jubilierten im vollen Chor, dem Zwang der Nacht entronnen und grüßten ihn viel hundert gefiederte Sänger.
Mit dem Gesicht nach abwärts hatte sich Fritz ins tauige Gras geworfen. Vielgestaltig regte sich das Leben unter ihm. Winzige weiße Würmchen krochen umher, schwerfällig schüttelten die Fliegen den Tau von den surrenden Flügeln, ein hungriger Käfer lief hastig durch das Labyrinth der grünen Stengelchen, eine Spinne kletterte über das feine Wurzelwerk und über die kleinen Steinchen, mühselig, als stieg sie über hohe Berge. Und unter der beweglichen Mannigfaltigkeit ruhte das braune schwere Erdreich gelassen und still wie die Brüste einer Mutter unter den ratlos tastenden Fingerlein des trinkenden Kindes.
Aber diese Ruhe strömte nicht auf ihn über, und sein Herz ging nicht in stillerem Gang. Schnell und schwer pochte es gegen den Boden im harten Rhythmus der Verzweiflung. Und während er so in die Erde starrte und den herben Duft ihrer Fruchtbarkeit trank, erwachten und zogen vorüber wie Bilder einer Zauberlaterne alle die hingeschwundenen achtunddreißig Jahre seines Lebens mit ihren Hoffnungen und Irrtümern, ihren Kämpfen, Niederlagen und bittersten Enttäuschungen. Was immer er bisher versucht hatte, alles war ihm mißlungen. Viele Wege war er gegangen, mit beschwingtem Fuß, in ernster und froher Begeisterung vermeinend, daß er dem Ziele näher komme. Aber jeder war ein Irrweg gewesen, hatte zum Ausgangspunkt zurückgeführt. Und da hielt er nun, wo er angefangen — vor dem Nichts. Und alle Kraft war verzettelt, alle Arbeit vergeudet, verpulvert, vertan. Und jedesmal hatte er geglüht und geflammt, gleich heiß und hell geflammt für ein Leben ohne Götter und ohne Lüge, für die Herrschaft des deutschen Volkes und für die brüderliche Gleichheit aller Völker, für den Sieg der Sozialisten und für ihre Niederlage durch seine Ideen. Und alles war Lüge gewesen und Götzendienst. Sich selbst hatte er belogen und ein utopisches Ziel war sein Gott und Götze und selig machender Glaube. Wie die Spinne vor seinen Augen mühsam über die Grashalme, war er auf ebenem Boden keuchend gekrochen und hatte vermeint, er stürmte steile Berge empor zum Ziel. Nutzlos verschwendete Mühe — Irrsal — Verzweiflung — das war alles, was ihm geblieben. Und eine Ehe, die keine Ehe war, ein Weib, für das der Gatte, ein Kind, für das der Vater wie ein Gestorbener war.
Aber leise, in den quälenden, schweren Rhythmus der Verzweiflung hinein, nur kaum wie ein schwaches Vogelzwitschern im Gewittersturm verhallend, schwebte fernher, ganz leise, eine Melodie des Trostes und ein schüchterner Hoffnungsklang. Und eine scheue Sehnsucht stand auf und pochte zag an und pochte lauter und mahnte: „Kehr’ heim!“
Und pochte lauter und mahnte inniger: „Kehr’ heim! Zu Eva und Hansl, dorthin gehörst du — sie warten auf dich. — Nicht um deinetwillen — ihretwegen mußt du hin, daß sie aufrecht bleiben und sich weiter freuen — wenn auch du — zerbrochen bist ...“
Und ohne noch einmal in die Fabrik zurückzukehren, wie er ging und stand, im Hausanzug und mit der Gartenmütze, reiste er von der nächsten Bahnstation ab.