Zweiter Teil
V.
Anna: Herr Meister! Herr Meister!
Bella: O, ich bin so froh, daß Sie kommen, Herr Meister!
Louis: Können Sie wieder gut sprechen, Herr Meister?
Otto: Wie geht es Ihnen heute, Herr Meister?
Herr Meister: Danke, meine Freunde, gut (= es geht mir gut). Ich bin sehr glücklich (= sehr froh), Sie wieder zu sehen. Ja, ich bin wieder wohl und kann wieder gut sprechen. Wollen Sie mich hören?
Alle: Bitte, Herr Meister, bitte.
Herr Meister: Eine Mutter hatte zwei Töchter. Die eine war schön wie die Rose, und die andere war häßlich (= nicht schön) wie die Nacht. Die Mutter war gut mit der einen Tochter, die häßlich war, und war böse mit der andern, die schön war. Die Schöne mußte arbeiten im Hause und im Garten vom Morgen bis zum Abend; sie hatte nie Rast. Die Häßliche arbeitete (ich arbeite, ich arbeitete, ich habe gearbeitet) nicht; sie konnte nicht, sie war so dumm (= nicht weise, klug). Da war ein kleiner Garten vor dem Hause, und in dem Garten waren viele Bäume und unter dem größten (= Baume) war ein Brunnen. Hier saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) die schöne Tochter oft beim Spinnrade und spann (ich spinne, ich spann, ich habe gesponnen) Flachs.
»Ach, warum ist meine Mutter so böse mit mir? Ich thue alles, was ich kann, aber ich höre kein gutes Wort. Ach, lieber Gott, hilf mir!« So sprach sie und hatte nicht auf die Spindel gesehen und stach (ich steche, ich stach, ich habe gestochen) sich in den Finger, und das Blut rann auf die Spindel.
Und an dem Brunnen wollte sie die Spindel abwaschen, da fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) die Spindel in das Wasser.
Sie kam zu ihrer Mutter und sagte: »O Mutter, meine Spindel ist in das Wasser gefallen! Was soll ich thun?« »Was thun?« sagte die Mutter, »springe in den Brunnen und hole (= bringe) die Spindel. Komm nicht wieder in mein Haus, bevor du die Spindel hast.«
Und das Mädchen ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) an den Brunnen und sah auf den Grund. Da war es so klar, aber die Spindel sah sie nicht (ich sehe, ich sah, ich habe gesehen). Sie sah tiefer und tiefer, da fiel sie in den Brunnen (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen). Die Mutter kam, ihre Tochter war nicht mehr da.
Aber unter dem Brunnen war eine große Wiese, und dahin war sie gekommen. Da war es schön. Die Sonne stand am Himmel, und der Himmel war klar, und viele Bäume standen auf der Wiese mit roten Äpfeln. Und ein Baum rief (= sagte laut): »Meine Äpfel (1 Apfel, 2 Äpfel) sind reif! Meine Äpfel sind reif!« Und das Mädchen schüttelte (ich schüttele, ich schüttelte, ich habe geschüttelt) den Baum, daß alle Äpfel in das Gras fielen. Dann kam sie an einen Backofen, in dem Backofen war Brot und das Brot rief (ich rufe, ich rief, ich habe gerufen): »Ich bin gut gebacken! gut gebacken!« Und das Mädchen nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Brot aus dem Backofen.
Dann kam sie an ein kleines Haus. Davor stand das alte Weib, Frau Holle. »Schönes Mädchen,« sagte sie, »komm in mein Haus. Bleib' bei mir, hilf mir (ich helfe, du hilfst) und du sollst es hier gut haben.« Da sagte das Mädchen: »Ich will dir helfen, so gut ich kann.« »Das ist brav,« sagte die Alte.
Und das Mädchen kam in das Haus und half der alten Frau. Sie mußte jeden Tag das Bett (von) der alten Frau machen und die Federn gut schütteln. Alles that (ich thue, ich that, ich habe gethan) sie gut, aber sie war doch traurig. Das sah die Frau eine Weile, dann fragte sie: »Warum so traurig, meine Tochter?« »Ach,« sagte sie, »hier ist es schön, und du bist gut und lieb, und ich habe alles, was ich will; nur eines nicht — ich habe keine Freundinnen, ich bin allein.« »Wohl,« sagte Frau Holle, »so komm mit mir.«
Sie gingen in einen großen Garten und gingen bis an das Ende. Hier sagte Frau Holle: »Meine Tochter, ich war mit dir zufrieden, und so sollst du auch mit mir zufrieden sein!« Sie winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Regen von Wasser, es war ein Regen von Gold. »Lebewohl,« rief die Alte und war aus dem Garten. Das schöne Mädchen aber stand wieder am Brunnen, im kleinen Garten vor dem Hause. Sie ging hinein (= in das Haus), und da war ihre Mutter und ihre häßliche Schwester. Sie wunderten sich über das Gold und hörten alles.
»Ich muß auch Gold haben, Mutter,« rief die häßliche Tochter. »Ja, du mußt auch Gold haben,« sagte die Mutter. »Geh' auch in den Brunnen und auf die Wiese.« Und sie (= die häßliche Tochter) that so und kam auf die Wiese.
Da waren die Bäume mit den Äpfeln. Der eine Baum rief »Schüttele mich! Schüttele mich!« Das Mädchen aber sagte: »O nein; ich kam nicht hierher, Bäume zu schütteln.« Und sie kam an den Backofen. Da rief das Brot: »Ich bin gut gebacken! gut gebacken! Nimm mich (ich nehme, du nimmst) heraus (= aus dem Backofen).« »Das thue ich nicht,« sagte das Mädchen, »ich werde voll Asche.[«][V-1] Dann kam sie an das kleine Haus. Die alte Frau fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt): »Was willst du hier?« und das Mädchen sagte: »Ich will bei dir sein.« »Bei mir mußt du arbeiten.« »Arbeiten?« »Ja, du mußt gut arbeiten und viel, und jeden Morgen mußt du mein Bett machen und die Federn gut schütteln.«
Und am ersten Morgen war das Mädchen gut, am nächsten Morgen auch; am dritten Morgen nicht so gut, und am vierten Morgen hatte sie geschlafen, da die Sonne längst am Himmel stand. Da sagte die alte Frau: »Komm mit mir.« »Ha, nun kommt das Gold,« dachte (ich denke, ich dachte, ich habe gedacht) das Mädchen. Die Alte sagte: »Ich will dich nicht länger (lang, länger, längst) in meinem Hause haben. Geh'!« »Ja, ich will gehen,« sagte das Mädchen, »aber ich will mein Gold.« »Dein Gold?« Und die Alte winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Goldregen, das war ein böser Stoff; davon wurde sie noch häßlicher, als zuvor. »Geh',« rief die Alte, »geh'!« und im Augenblick (= Moment) war sie wieder oben im alten Garten, bei dem Brunnen vor ihrem Hause.
Anna: Bitte, Herr Meister, erzählen (= sprechen) Sie noch mehr.
Herr Meister: Die Erzählung (ich erzähle, die Erzählung) ist zu Ende. Mehr weiß ich nicht.
Otto: Die Erzählung ist sehr schön. Ich habe sie (= die Erzählung) oft und gern in Grimms »Märchenbuch« gelesen.
Anna: Was für ein Buch ist das?
Herr Meister: Ein Märchenbuch ist ein Buch mit Märchen; und ein Märchen ist eine Erzählung, wie diese von Frau Holle.
Anna: Sind viele Märchen in diesem Buche von Grimm?
Herr Meister: Ja, sehr viele, und die meisten (viel, mehr, am meisten) sind schön. Die beiden Brüder, Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, haben uns die meisten Märchen und die schönsten Märchen gegeben.
Louis: Leben die Brüder Grimm noch?
Herr Meister: Nein, beide sind tot. Jakob Ludwig Grimm wurde am 4. Januar 1785 geboren und starb am 20. September 1863. Er war nicht verheiratet. Sein Bruder Wilhelm Karl Grimm wurde am 24. Februar 1786 geboren und starb am 16. Dezember 1859. Sie waren sehr gelehrt, das ist, sie hatten sehr viel gelernt. Ich spreche gern von den Brüdern Grimm. Beide waren gute Menschen, große gelehrte, brave Charaktere und liebten (ich liebe, ich liebte, ich habe geliebt) sich so sehr, wie Sie es thun, Louis und Otto. Sie wissen (ich weiß, Sie wissen) es ist nicht oft, daß Brüder und Schwestern sich lieben. Sie haben das auch in unserem Märchen gesehen. Wilhelm war der jüngere Bruder, und Jakob der ältere. Jakob war Professor an der Universität in Göttingen, und der jüngere half ihm bei seinen Werken.
Louis: »Half«? Das verstehe ich nicht.
Otto: Darf ich es meinem Bruder erklären (= klar machen), Herr Meister?
Herr Meister: Gewiß.
Otto: Wenn du in deinem Garten arbeitest, so komme ich oft und arbeite mit dir, — ich helfe dir; denn du bist mein guter Bruder, verstehst du? — und Brüder und Schwestern müssen einander helfen. Die reichen Leute sollten den Armen in der Not helfen, und die guten Menschen thun es auch, und Gott hilft allen guten Menschen, den reichen und den armen. Ich will dir ein gutes Wort geben:
Wenn die Not am höchsten,
Dann ist Gottes Hilfe am nächsten.
Bella: Hat Wilhelm Grimm seinem Bruder Jakob auch geholfen beim Schreiben von diesen Märchen?
Herr Meister: Es ist besser zu sagen: »Beim Schreiben dieser Märchen.« Ja, er hat ihm (= seinem Bruder Jakob) geholfen beim Schreiben dieser Märchen und auch beim Schreiben anderer Bücher. Die Brüder Grimm haben viele kostbare Werke geschrieben (ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben) über die deutsche Sprache. Einer von ihnen hätte das nicht allein thun können.
Bella: Herr Meister, ich habe mich schon oft gewundert (ich wundere mich, ich wunderte mich, ich habe mich gewundert), daß so viele deutsche Wörter wie englische Wörter lauten. Arm ist arm, Finger ist finger, Hand ist hand, grün ist green, braun ist brown, weiß ist white, sechs ist six, zehn ist ten, und .....
Louis: Und nose ist Nase, und Kuh ist cow, und horse ist Pferd, und .....
Otto: Nicht mehr, Louis; bitte, bitte.
Herr Meister: Ja, sehr viele Wörter sind im Englischen, wie im Deutschen. Ich will Ihnen erklären, wie das kommt. Sie wissen, meine Freunde, viele Deutsche kommen aus Deutschland hierher nach Amerika. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Millionen hier sind. Viele Deutsche wandern auch aus ihrer Heimat (= ihrem Hause in Deutschland) nach Australien, denn Deutschland ist zu klein für die vielen Menschen. So ist es heute, und so war es immer. Im Jahre 449 wanderten (ich wandere, ich wanderte, ich bin gewandert) die Sachsen, — das waren Deutsche, — vom Norden Deutschlands nach Britannien und nahmen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Land. Britannien war nun in den Händen der Deutschen, und man sprach angelsächsisch, das ist: deutsch. Da kam im Jahre 1066 Wilhelm von der Normandie mit den Normannen (= Männern von der Normandie), nahm das Land und auch den Thron und war König von Britannien. Die Sprache des Königshauses war nun nicht mehr angelsächsisch, sie war französisch. So war es bis zum dreizehnten Jahrhundert, da sprach man auch wieder im Königshause angelsächsisch. Aber das Angelsächsische war nicht mehr die alte angelsächsische Sprache. Viele französische und viele lateinische Wörter waren in die Sprache gekommen. Angelsächsisch, Französisch und Lateinisch, — aus diesen drei Sprachen besteht die englische Sprache von heute. Fünf achtel (= 5⁄8) von allen Wörtern der englischen Sprache kommen aus dem Angelsächsischen, so sagt man. Darum, meine Freunde, ist die deutsche Sprache so leicht (= gut) und so schnell zu lernen von allen Personen, die Englisch sprechen; und die englische Sprache von allen, die Deutsch verstehen.
Anna: O, ich wünsche, die deutsche Sprache gut zu sprechen. Kann ich es lernen, Herr Meister?
Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Die Amerikaner lernen besonders gut Deutsch. Oft habe ich amerikanische Damen und Herren gehört, die so gut Deutsch sprachen, wie Deutsche.
Otto: Ich hörte einmal Bayard Taylor Deutsch sprechen. Er spricht sehr gut.
Herr Meister: Es ist nicht lange her, da war ich mit meinen beiden Töchtern auf einem Balle. Ich saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) neben einem Herrn, und dieser sprach Deutsch mit mir. Ich antwortete (ich antworte, ich antwortete, ich habe geantwortet) ihm in deutscher Sprache. Zuletzt (= am Ende) fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt) ich ihn: »Aus welcher Stadt Deutschlands kommen Sie?« »Ich war nie in Deutschland, ich bin in Brooklyn geboren, ich bin ein Amerikaner; auch meine Eltern sind Amerikaner und verstehen kein Wort Deutsch. Deutsch habe ich hier gelernt.« So antwortete der Herr. Ich war voll Verwunderung. Auch Sie, meine Freunde, werden es so gut lernen. Sie haben schon viel gelernt und sprechen heute schon sehr gut.
Bella: Dafür müssen wir Ihnen danken, Herr Meister, und Ihnen, Otto.
Herr Meister: Und auch ich muß Ihnen meinen besten Dank hier sagen, Otto, und Ihnen auch mein bestes Kompliment machen. Für heute nicht mehr, ich sehe Sie morgen um zwölf Uhr wieder. Adieu!
Bella und Anna: Wir müssen auch nach Hause gehen.
Louis: Bitte, noch fünf Minuten! Ich habe hier ein deutsches ..... was ist das, Otto?
Otto: Das? Das ist ein deutsches Lied von Mozart, »An den Mai.«
Louis: Bitte, Fräulein, singen Sie das Lied »An den Mai.« Hier ist ein Piano. Hier sind die Noten. So!
Bella: Ein Lied von Mozart? Ja, das will ich singen:
Louis: O, das ist schön, das ist sehr schön! Ich danke Ihnen, Fräulein Bella.
Otto: Mein Fräulein, Sie haben das Lied wundervoll gesungen.
Anna: Das Lied will ich auch lernen.
Bella: Nun müssen wir nach Hause gehen. Adieu!
Louis: Adieu, meine Damen.
Otto: Auf Wiedersehen!
VI.
Herr Meister: Denken Sie noch an die Anekdote von »oben« und »unten,« Louis?
Louis: O ja.
Herr Meister: Wie gefällt Ihnen diese Anekdote?
Louis: Ich verstehe nicht »wie gefällt Ihnen.«
Herr Meister: Otto, wollen Sie das Ihrem Bruder erklären?
Otto: Ist die Rose schön, Louis?
Louis: Ja, die Rose ist schön.
Otto: Nimmst (ich nehme, du nimmst) du die Rose gern?
Louis: Ja, ich nehme die Rose gern.
Otto: Nun wohl, Louis. Die Rose ist schön, und du nimmst sie gern, denn die Rose gefällt dir. Das gute Wetter ist schön und du sagst: »Das Wetter gefällt mir.« Das schlechte (= nicht gute) Wetter gefällt dir nicht. Alles, was gut und schön ist, gefällt mir; alles, was schlecht ist und häßlich (= nicht schön), gefällt mir nicht. Viele Dichter gefallen mir, denn sie sind gut; viele gefallen mir nicht, weil sie nicht schön sind. Verstehst du mich, Louis?
Louis: Ja wohl. Ich danke dir, Otto.
Otto: Verstehen Sie auch alles, Bella und Anna?
Bella: Ich verstehe alles.
Anna: Und ich auch.
Herr Meister: Anstatt »dieser Dichter gefällt mir nicht,« sagen wir auch: »dieser Dichter mißfällt mir.«
Bella: Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Meister, so sagen Sie: »miß« ist hier so viel wie »nicht.« Das ist im Englischen auch so. Darf (= kann) ich ein paar englische Wörter sagen?
Herr Meister: O ja, hier dürfen Sie (ich darf, sie dürfen) es thun.
Bella: He misunderstands me, das ist: Er versteht mich nicht.
Otto: Ist das nicht auch im Deutschen: »Er mißversteht mich«?
Herr Meister: Ganz gewiß (= ja, so ist es).
Bella: Und I mistrust him ist auch so.
Anna: Was ist das im Deutschen?
Otto: »Ich mißtraue ihm.«
Bella: Wie so wissen Sie, Herr Meister, daß wir die Anekdote von »oben« und »unten« gehabt haben? — Sie waren doch nicht hier.
Herr Meister: Wundern Sie sich? Ja, Fräulein Bella, ich weiß alles. Ich weiß, was Sie in der ersten Stunde, in der zweiten und in allen anderen Stunden gesprochen (ich spreche, ich sprach, ich habe gesprochen) haben. Auch die Anekdoten, die Sie erzählt haben, weiß ich und den bösen Traum. Ich weiß alles.
Bella: Gewiß, Otto hat Ihnen alles erzählt, Herr Meister.
Herr Meister: Ja, und ich danke ihm viel, vielmal dafür. Was er mir von Ihnen erzählt hat, hat mir so viel Freude gemacht, und ich [war][VI-1] sehr glücklich (= sehr froh).
Anna: Sie sind immer so gütig (= so gut), Herr Meister, und so ..... so .....
Louis: Und so ..... Was meinen Sie, Anna?
Anna: Ich kann das deutsche Wort nicht finden. So ..... Wie war Sokrates?
Otto: Sokrates war weise.
Anna: Ja, Herr Meister ist auch weise. Aber »weise« ist nicht das Wort, das ich sagen will. Ich will sagen: »Herr Meister hört uns immer, erklärt uns alles, so oft wir fragen, und ist nie böse.«
Herr Meister: Ah, Sie meinen das Wort »geduldig.«
Anna: Ja, geduldig. Das ist es! Das ist es!
Herr Meister: Ja, meine lieben Freunde, ein Lehrer .....
Louis: »Ein Lehrer«? Bitte, Herr Meister, sagen Sie mir, was bedeutet dieses Wort?
Herr Meister: Sie lernen, Louis, nicht wahr? Sie lernen die deutsche Sprache bei mir; ich [bin][VI-2] heute Ihr Lehrer. Als ich unwohl war und nicht kommen konnte, war Otto Ihr Lehrer.
Louis: Herr Meister, ich danke Ihnen.
Herr Meister: Ja, ich will sagen: Ein Lehrer muß geduldig sein, und ein guter Lehrer hat viel, viel Geduld, wie der große Sokrates.
Bella: Hatte Sokrates viel Geduld?
Herr Meister: So sagt man. Sokrates hatte eine böse Frau, sie hieß (= ihr Name war) Xantippe.
Bella: Ach, das Wort Xantippe habe ich oft gehört.
Herr Meister: Sie zankte immer, das ist: Sie sprach immer laut und böse mit ihrem Manne, dem Philosophen. Einmal zankte sie wieder. Der Philosoph sagte kein Wort. Sie zankte immer mehr, — der Philosoph blieb (ich bleibe, ich blieb, ich bin geblieben) still. Das Zanken wurde schlimmer (böse, schlimmer, schlimmst). Da stand der Philosoph auf und ging aus dem Hause. Dieses machte Xantippe sehr böse. Sie nahm eine Kanne mit Wasser und schüttete es auf ihren Mann. »Das ist recht,« sprach der Philosoph, »das ist recht; nach einem Donnerwetter muß ein Regen kommen,« und ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) seinen Weg.
Herr Meister: Mit Geduld, meine Freunde, und mit guten Worten kann man oft alles thun. Mit Ungeduld (= nicht Geduld) und mit heftigen (= bösen) Worten erreicht (= thut) man nichts. »Ein gutes Wort findet einen guten Ort.« Das gute Wort ist wie der milde Sonnenschein im Frühling.
Bella: Aber nicht alle Menschen denken so wie Sie, Herr Meister.
Herr Meister: Nein, weil der eine Mensch mit dem andern keine Geduld hat, weil der eine Mensch in dem andern das Gute nicht sieht (ich sehe, er sieht), weil der eine Mensch den andern nicht versteht. So ist es mit einzelnen (= 1, 2, 3) Menschen und so ist es mit ganzen Nationen. Da sind in Europa zwei Nationen so groß, so nobel. Sie sollten die besten Freunde sein und sind — Feinde, weil sie sich nicht verstehen, — die Deutschen und die Franzosen. O, wie gut wäre es, wie gut für die Menschheit (= alle Menschen), wenn Deutsche und Franzosen wären wie Brüder! Aber Deutschland mißtraut Frankreich, und Frankreich mißtraut Deutschland. So war es in alten Zeiten, schon vor Julius Cäsar, und so ist es noch heute. Darum hat Frankreich die großen Armeeen, und darum hat Deutschland seine vielen Soldaten.
Louis: Mein Onkel war vor zwei Jahren in Deutschland, und er spricht (ich spreche, er spricht) noch oft von Deutschland und von Berlin. »Auf allen Straßen Berlins,« sagt er, »sieht man Soldaten und Offiziere; jeden Morgen sieht man die Soldaten marschieren, hört man die Trommeln und die schönste Militärmusik. Berlin ist eine Stadt der Soldaten und Kasernen (die Kaserne = das Soldatenhaus).[«][VI-3]
Bella: Meine Freundin Fanny Bryant in Dresden schreibt mir dasselbe, und sie meint (= denkt, ich meine, sie meint), die deutschen Offiziere sind sehr schön und galant.
Herr Meister: So? Denkt Ihre Freundin so? Ja, Deutschland ist das Land der Armeeen. Es hat eine halbe Million Soldaten.
Otto: Eine halbe Million? Das ist viel, sehr viel.
Herr Meister: Nicht wahr?
Bella: Wie kommt es, daß Deutschland so viele Soldaten hat?
Herr Meister: In Deutschland müssen alle Männer Soldaten werden mit dem zwanzigsten Jahre.
Louis: Alle Männer?
Herr Meister: Alle Männer. So sagt die Verfassung (= Konstitution). Nun ja, der Lahme, der Blinde, der Kranke (= der nicht wohl ist) kann nicht Soldat sein, aber alle Gesunden (= nicht Kranken) müssen: der Reiche und der Arme (= nicht Reiche), der Baron und der Bürger (= nicht Baron), alle, alle. In der Armee ist Deutschland republikanisch. Ein jeder muß drei Jahre in der Armee sein.
Otto: Drei Jahre! Das ist eine lange Zeit.
Herr Meister: Ich habe einen Neffen (= der Sohn meines Bruders), der ist nur ein Jahr in der Armee. Aber er mußte zuvor ein Examen machen in der [lateinischen][VI-4] Sprache, in der griechischen, in der französischen und in der englischen, in der Mathematik und in vielen anderen Dingen; und alle jungen Männer haben dasselbe Vorrecht (= Privilegium), wie mein Neffe, welche in der Sekunda eines Gymnasiums sind. Sekunda ist die zweite Klasse eines deutschen Collegs. Diese Soldaten haben den Namen: »Einjährig–Freiwillige.« Diese »Einjährig–Freiwilligen« wohnen nicht in Kasernen, und sie müssen alles selbst geben: Helm und Mantel, Bajonett und Gewehr und Säbel.
Louis: Was ist Gewehr, Herr Meister?
Otto: Ich will es dir sagen, Louis. Das Bajonett ist oben an dem Gewehr. Mit dem Gewehr schießt (ich schieße, man schießt) man. Es ist kleiner, als die Kanone und größer, als die Pistole. Der Soldat trägt (ich trage, ich trug, ich habe getragen) das Gewehr auf der Schulter, wenn der Lieutenant kommandiert: »Schultert das Gewehr!«
Herr Meister: Das ist recht. Sie sehen, nur der Mann kann Einjährig–Freiwilliger sein, der reich ist und intelligent und eine gute Schule hatte. Die Einjährig–Freiwilligen sind sehr geachtet (= respektiert).
Bella: Herr Meister, haben Sie auch den Großen Moltke gesehen, den großen General?
Herr Meister: O, sehr oft; unter den Linden in Berlin.
Otto: Wie sieht er aus?
Herr Meister: Feldmarschall Graf Moltke ist groß und mager (= nicht dick). Er ist sehr ernst, aber freundlich und gut mit allen Menschen. Er spricht wenig, ist schweigsam (= still).
Louis: So ist auch General Grant.
Otto: Ja, das ist wahr.
Herr Meister: Wenn die Leute den Grafen Moltke auf der Straße sehen, so sagen sie mit der größten Achtung (= Respekt): »Da geht der große Schweiger« (schweigen, still).
Anna: Ich dachte, ein General, wie Moltke, sei (= ist) nie freundlich und mit keinem Menschen gut.
Herr Meister: Nein, man sagt, Graf von Moltke sei ein sehr guter, freundlicher Mensch.
Louis: O, ich möchte ihn gerne sehen!
Bella: Ich will ihn um sein »Autograph« bitten.
Herr Meister: Haben Sie schon von Berthold Schwarz gehört, meine Freunde? Nicht? Nun, ich werde ein wenig über ihn sprechen. Berthold Schwarz war ein Mönch.
Louis: Ich verstehe das Wort »Mönch« nicht. Kannst du es mir erklären, Otto?
Otto: Ein Mönch ist ein Priester, der im Kloster lebt. Du hast das Wort »Nonne« schon gehört. Nonnen leben auch im Kloster. Nonnen sind Frauen.
Louis: Ist »Kloster« dasselbe, wie das englische "cloister"?
Otto: Ja. Viele sagen auch das Wort "convent." Ein Kloster ist ein Haus für Mönche und Nonnen, wie eine Kaserne ein Haus ist für Soldaten.
Herr Meister: Sie wundern sich, daß ich von einem Priester spreche, nachdem ich von Soldaten gesprochen habe? Ein Priester war es, ein Mönch, es war dieser Mönch Berthold Schwarz, der den Soldaten das Schießpulver gegeben hat.
Otto: »Das Schießpulver«? Dieses Wort verstehe ich auch nicht.
Herr Meister: Haben Sie schon eine Kanone gesehen?
Otto: O, ja.
Herr Meister: Was thut man in die Kanone?
Otto: Einen Ball.
Herr Meister: Einen Ball? Nein, mein Freund, man thut keinen Ball in die Kanone. Sie, Ihr Bruder Louis und Ihre Freunde spielen Samstag im Park mit einem Balle. Aber in die Kanone thut der Soldat keinen Ball, sondern eine Kugel. Spielen Sie mit einem Balle von Metall, Louis?
Louis: O, nein, Herr Meister.
Herr Meister: Nun, die Kugel in der Kanone, in dem Gewehr, in der Pistole ist von Metall.
Anna: Aber die Kugel ist rund, wie ein Ball, nicht wahr?
Herr Meister: Das wohl. Was treibt (= bringt) die Kugel aus der Kanone, aus der Flinte, aus der Pistole?
Otto: O, nun weiß ich es. Das P..... P..... Ich kann das Wort nicht finden.
Herr Meister: Das Pulver. Ich meine nicht das Pulver, das der Apotheker giebt. Wenn Sie Fieber haben, so verschreibt der Doktor ein Pulver und sagt: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Ich meine das Schießpulver.
Otto: Herr Meister, sagten Sie: Berthold Schwarz habe das Schießpulver zuerst gemacht?
Herr Meister: Ja, ich sagte: Berthold Schwarz hat das Pulver erfunden (ich erfinde, ich erfand, ich habe erfunden—er–finden = erst finden).
Anna: Berthold Schwarz war klug (= weise).
Herr Meister: Ja, er war klug. Noch heute sagen wir von einem Menschen, der nicht sehr klug ist: »Der hat das Pulver nicht erfunden.«
Otto: Das habe ich auch schon gehört. Aber, Herr Meister, ich habe in einem Buche gelesen: Die Chinesen hatten Pulver, und die Griechen vor langer, langer Zeit.
Herr Meister: Sehr wohl. Chinesen und Griechen hatten eine andere Sorte von Pulver. Ihr Pulver war fein, wie das Pulver in der Apotheke. Mit dem feinen Pulver konnte man aber nicht schießen. Sie wissen (ich weiß, sie wissen), unser Schießpulver ist rund, kugelförmig (= wie die Form einer Kugel).
Bella: Wie erfand Berthold Schwarz das Pulver, wollen Sie es uns nicht sagen?
Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Berthold Schwarz war eines Tages in der Zelle (= das kleine Zimmer) seines Klosters und mischte Salpeter, Kohle und Schwefel.
Louis: Schwefel? Den Stoff kenne ich nicht.
Herr Meister: O ja, Sie alle kennen Schwefel. Sehen Sie hier: Ich nehme aus meiner Tasche ein dünnes Holz; damit mache ich Feuer für meine Cigarre oder am Abend für das Gas. Dieses Holz ist ein Schwefelholz. Hier an dem einen Ende ist Phosphor und unter dem Phosphor ist ein gelber Stoff; das ist Schwefel. Wissen Sie nun, was Schwefel ist?
Louis: Ja wohl, Herr Meister. »Und Berthold Schwarz,« sagten Sie, »mischte Saltpeter, Kohle und Schwefel.«
Herr Meister: Ja, und die Mischung (ich mische, die Mischung) wurde warm und explodierte mit einem großen Knall (= Ton). Die anderen Mönche alle kamen in die Zelle und sahen ihren Bruder Berthold auf der Erde liegen. Da meinten Sie, der Teufel (= Satan) wäre (= war) in Bertholds Zelle gewesen.
Bella: Und so war es auch.
Louis: O, Fräulein Bella! Ha, ha!
Bella: Ja, Louis, ist der Teufel nicht im Pulver? Kommt von dem Pulver nicht so viel Böses?
Otto: Wann ist das Schießpulver erfunden worden?
Herr Meister: Man sagt, im Jahre 1259 in Freiburg.
Anna: Ist Freiburg auch in Deutschland?
Herr Meister: Ja wohl, Fräulein Anna, und wenn Sie nach Deutschland kommen, dann gehen Sie auch nach Freiburg und sehen die Statue von Berthold Schwarz, dem Erfinder des Schießpulvers.
Anna: Herr Meister!
Herr Meister: Fräulein Anna, was wünschen Sie?
Anna: Waren die Menschen in alten Zeiten nicht besser, als sie heute sind?
Herr Meister: Warum fragen Sie das, mein Fräulein?
Anna: Ich höre so oft alte Leute sagen: »Ja, ja, als wir noch jung waren, war alles anders, alles besser.«
Herr Meister: Ich glaube sehr gern, daß alles anders war; aber daß alles besser war, das, mein Fräulein, kann ich nicht glauben. Ja, ich glaube, daß vieles heute besser ist, als es früher war.
Bella: Aber die Leute hatten in alten Zeiten kein Schießpulver, keine Kanonen, keine Gewehre und keine Pistolen, und gestern Abend habe ich gelesen, daß in den Jahren 1870 und 1871 mehr als 100,000 Deutsche und Franzosen, im Jahre 1865 mehr als 100,000 Amerikaner, im Jahre 1877 mehr als 100,000 Russen und Türken sterben mußten.
Anna: So? Was war in den Jahren 1870 und 1871, 1865 und 1877, war eine Pest in Europa?
Louis: Nein, Anna. Keine Pest. Im Jahre 1865 zankten sich die Leute im Norden der Vereinigten Staaten mit den Leuten im Süden.
Herr Meister: Man sagt nicht von Nationen: »Sie zankten sich.[«][VI-5] Sie können das wohl sagen von einzelnen (= 1, 2, 3) Personen. Xantippe zankte oft mit ihrem Manne, dem Philosophen Sokrates. Aber wenn die Soldaten von der einen Nation auf die Soldaten (von) der andern Nation schießen, dann sagt man: »Die eine Nation hat mit der andern Nation Krieg.« Im Jahre 1865 waren die nördlichen Staaten von Amerika im Kriege mit den südlichen Staaten; in den Jahren 1870 und 1871 war Frankreich im Kriege mit Deutschland und im Jahre 1877 Rußland mit der Türkei. Die Türken schossen (ich schieße, ich schoß, ich habe geschossen) auf die Russen, und die Russen auf die Türken. Dafür können Sie auch sagen: »Die Russen kämpften mit den Türken.« Louis, wissen Sie auch, wer stärker war (stark, stärker, stärkst)?
Louis: O ja, das weiß ich, die Russen waren stärker. Die Russen haben den Türken viel Land abgenommen (ich nehme ab, ich nahm ab, ich habe abgenommen).
Herr Meister: Das ist recht, Louis. Die Russen haben gesiegt über die Türken.
Otto: Herr Meister, kann ich nicht auch sagen: »Die Türken wurden besiegt von den Russen?«
Herr Meister: Gewiß, Otto, das ist auch recht. Sie können auch sagen: »Die Russen waren die Sieger und die Türken die Besiegten.«
Bella: O, nun verstehe ich auch die Worte, die ich vor wenigen Tagen gelesen habe: »Ich kam, sah, siegte.«
Otto: Von Julius Cäsar sind diese drei Worte, und Lateinisch ist es: Veni, vidi, vici.
Herr Meister: Veni, vidi, vici, diese drei Worte schrieb Cäsar an den Senat in Rom nach einem großen Siege.
Louis: Jedes Wort beginnt mit einem "V."
Herr Meister: Kennen Sie Moltkes »Vier Worte«?
Alle: Nein.
Herr Meister: Moltke sagt: »Um den Sieg zu gewinnen im Kriege, muß man vier Dinge haben, beginnend mit »G«, — Geld, Geduld, Genie, Glück.«
Otto: O, das ist schön! Das habe ich noch nicht gehört.
Louis: Ich verstehe nur drei Worte: Geld, das sind Dollars, nicht wahr? Geduld verstehe ich auch, Sokrates hatte viel Geduld. Genie, das Wort haben wir auch im Englischen: Genius, — Genie. Glück, das kann ich nicht verstehen.
Otto: Louis, wie heißt das Wort Glück ohne »G«?
Louis: ..... lück.
Otto: Weißt du was "luck" im Englischen ist?
Louis: O, ja.
Otto: Nun wohl. Das ist das deutsche Wort »Glück.«
Bella: Von Julius Cäsar habe ich viel gelesen. Seine Soldaten haben immer gesiegt (ich siege, ich siegte, ich habe gesiegt), nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl. Cäsars Soldaten waren tapfer, und sie gingen mit Freuden in den Krieg, sie waren mutig.
Louis: Haben sie auch geschossen? Sie hatten ja keine Kanonen und keine Gewehre, keine Kugeln und kein Pulver.
Herr Meister: Und sie haben doch geschossen, Louis. Anstatt eines Gewehres hatten sie einen Bogen.
Louis: Einen Bogen? Was ist das?
Otto: Das kann ich dir sagen. Im Englischen ist es fast dasselbe. Bo.....gen. Verstehst du, was ich meine?
Louis: Nein, Otto, ich verstehe dich noch nicht.
Otto: Nein? Als du ein kleiner [Junge][VI-6] warst, fünf Jahre alt, da hast du einen Bogen gehabt. Einmal warst du auf der Straße, und da hast du durch das Fensterglas in das Zimmer geschossen.
Louis: O, ja, nun weiß ich es. Der Bogen ist von Holz, und an dem Bogen ist ein Str .....?
Otto: Ein Strang.
Louis: Und von dem Bogen schieße ich .....?
Otto: Einen Pfeil.
Louis: Und den Pfeil schieße ich in .....?
Otto: In das Centrum; das ist das Schwarze.
Louis: Aber ich schieße nicht oft in das Schwarze; ich schieße oft zehn Ringe oder elf.
Bella: Ich habe »Wilhelm Tell« von Schiller gelesen. Sie wundern sich, Herr Meister? O, ich habe es nicht im Deutschen gelesen, nein, im Englischen. Wilhelm Tell konnte gut schießen, nicht wahr?
Herr Meister: Ja, Wilhelm Tell war ein guter Schütze.
Bella: Er hat einen Apfel von dem Kopfe seines Sohnes geschossen.
Anna: Von dem Kopfe seines Sohnes? O, das ist nicht schön.
Bella: Tell hat es nicht gern gethan; er mußte es thun.
Herr Meister: Meine guten Freunde, Sie können das nicht verstehen, nicht wahr? Ich werde Ihnen das alles erzählen, aber nicht heute, — später, später.
Bella: Das Drama »Wilhelm Tell« ist wunderschön; ich möchte es im Deutschen lesen.
Herr Meister: Das werden wir auch thun, aber später, meine Freunde, später.
Otto: Wissen Sie auch, Herr Meister, daß mein Bruder Louis diesen Sommer einen Preis gewonnen (ich gewinne, ich gewann, ich habe gewonnen) hat im Bogenschießen?
Herr Meister: So?
Otto: Ja, Louis hat einen ..... einen ..... o, was für einen Namen hat das Ding? Es hat die Form eines Glases, aber es ist kein Glas, es ist Gold. Man trinkt Wein daraus (= aus das = da—aus = dar aus).
Herr Meister: Ein Becher?
Otto: Ja, ein Becher. Das ist das Wort. Ja, Louis hat diesen Sommer einen goldnen Becher, als Preis, gewonnen. Und an dem Becher steht: »Dem besten Schützen. 24. August 1878.«
Herr Meister: Es freut mich, das zu hören. Ich gratuliere Ihnen, Louis.
Louis: Ich danke Ihnen, Herr Meister.
Anna: Wie kam das, Louis? Erzählen Sie mir.
Bella: Bitte, bitte, Louis.
Louis: Meine Eltern, mein Bruder Otto und ich waren diesen Sommer in den Neu–England–Staaten in einer kleinen Stadt. Der Name der Stadt ist A.....t. Die Scenerie um A.....t ist wundervoll. Wir gingen (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) oft mit vielen Damen und Herren hinaus in das Feld, oft sind wir in einem Boote gefahren, oft haben wir gefischt, und oft gingen die Herren in den Wald, um zu schießen. Da sagte eines Tages eine reizende (= schöne) junge Dame: »Ich möchte auch schießen.« »Aber Sie können nicht mit einem Gewehre schießen, mein Fräulein,« sagte ein Herr. »So schieße ich mit einem Bogen,« antwortete das Fräulein. »Und ich auch!« »Und ich auch!« »Und ich auch!« sagten da alle Damen. »Wissen Sie was?« sagte da ein anderer Herr, »wir wollen einen Schießklub eröffnen (= machen).« »Das ist eine gute Idee,« riefen (ich rufe, ich rief, ich habe gerufen) alle — und wir eröffneten einen Schießklub. Wir sandten (ich sende, ich sandte, ich habe gesendet) nach Boston, und in wenigen Tagen hatten wir zwanzig Bogen mit Pfeilen. Wir schossen jeden Tag, und am Ende von zwei Monaten hatten wir ein Preisschießen. O, das war ein schöner Tag! Nicht wahr, Otto?
Otto: Das war ein Fest! Da hörte ich auch von einer Dame das wundervolle Lied aus »Wilhelm Tell«:
»Mit dem Pfeil, dem Bogen
Durch Gebirg und Thal
Kommt der Schütz gezogen
Früh im Morgenstrahl.«
Herr Meister: In Deutschland haben wir sehr viele Schützenvereine.
Otto: Schützenvereine? Ist das der Name für die Schießklubs?
Herr Meister: Ja, das ist der Name, und jeden Sommer haben sie ein Preisschießen. Dieses Preisschießen dauert (= ist) drei Tage. O, das sind schöne Tage! Es ist ein Fest für das Volk (= die Leute). Am Morgen ziehen (= gehen) die Schützen aus der Stadt auf eine große Wiese (= Weide, Grasplatz). Da sind oft zweihundert oder dreihundert Schützen. Ja, ich habe schon fünfhundert und auch tausend gesehen. Auf der Schulter haben sie ein Gewehr. Alle sind in Grün. Auf dem Kopfe haben sie einen grünen Hut mit einer grünen Feder. Sie haben eine grüne Weste, einen grünen Frackrock und grüne Beinkleider.
Louis: Auch grüne Schuhe?
Herr Meister: Nein, mein Freund Louis.
Bella: Das muß sehr schön aussehen (= sein).
Herr Meister: Ja, es sieht schön aus, und ich wünsche, meine Freunde, Sie könnten einmal bei einem solchen Schützenfeste sein. O, welche Freude! Auf der Wiese sind viele Zelte.
Anna: »Zelte«? Das verstehe ich nicht.
Otto: Ich will es Ihnen sagen, Anna. Ein Zelt ist ein kleines Haus von Linnen. In den Campmeetings wohnen die Leute in Zelten.
Anna: Jetzt verstehe ich es. Herr Meister, hat man in Deutschland auch Campmeetings?
Herr Meister: Nein, mein Fräulein. Ich will nun wieder von dem Schützenfeste sprechen. In den Zelten ist Tanz und Konzert und vieles andere, was den Leuten Freude macht. Ah, ich sehe, es ist ein Uhr. Ich muß gehen, meine Freunde.
Bella: Wie schnell die Zeit vergeht!
Louis: Herr Meister, wovon wollen Sie morgen mit uns sprechen?
Herr Meister: Von den Rittern.
Louis: »Rittern«? Das Wort verstehe ich nicht.
Herr Meister: Morgen, meine Freunde, morgen. Heute empfehle ich mich Ihnen.
[Herr Meister geht.]
Anna: Haben Sie die Worte verstanden, die Herr Meister zuletzt (= am Ende) gesprochen hat?
Otto: Ja, ich habe die Worte verstanden (ich verstehe, ich verstand, ich habe verstanden). »Ich empfehle mich Ihnen,« sagte Herr Meister, aber ich weiß nicht, was sie (= die Worte) bedeuten.
Bella: Ich vermute (= denke), es ist dasselbe, wie: »Adieu.«
Otto: Ja wohl, Fräulein Bella. Sie haben das Rechte getroffen (= gefunden, ich treffe, ich traf, ich habe getroffen). Ich glaube, »ich empfehle mich Ihnen« ist feiner, als das Wort »Adieu.«
Bella: Warum meinen (= denken) Sie das?
Otto: Weil ich sehr feine Damen und Herren gesehen habe, die es sagten. Ein deutscher Freund meines Vaters sagt es auch. Oft sagt (ich sage, er sagt) er auch: »Ihr Diener, Herr Parks!«
Bella: Und was antwortet Ihr Vater?
Otto: »Ihr Diener.«
Louis: Nun wollen wir auch gehen. Ich habe Hunger. »Ihr Diener, Fräulein Anna, Ihr Diener, Fräulein Bella!«
Bella: Sie sind sehr komisch, Louis. Adieu, Adieu, Otto.
Anna: Adieu, Louis! Adieu, Otto!
Otto: Ich empfehle mich Ihnen, meine Damen!
Louis: Guten Tag, Herr Meister! Ich weiß heute, was ein Ritter ist. Soll ich es sagen?
Herr Meister: Bitte, Louis.
Louis: »Ritter« war in alten Zeiten der Name für einen Nobelmann. Ein Nobelmann oder Edelmann, das ist dasselbe. Nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ganz gewiß, Louis.
Louis: Ein Edelmann heißt heute nicht mehr »Ritter,« er heißt: »Baron,« »Graf« oder »Fürst.« Alle haben das kleine Wort »von« vor ihrem Namen, wie: von Bismarck, von Moltke. Aber die Väter dieser Edelleute hießen (ich heiße, ich hieß, ich habe geheißen) vor alten, alten Zeiten »Ritter.«
Otto: Ich bin erstaunt über dich (= ich wundere mich über dich). Wie hast du alles dieses gelernt?
Louis: Ich wollte gerne wissen, was ein »Ritter« wäre (= war), und so nahm ich (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) ein Diktionär.
Herr Meister: Sagen Sie lieber (gern, lieber, am liebsten) »Wörterbuch« für »Diktionär.«
Louis: Sehr wohl. So nahm ich ein Wörterbuch, in dem Englisch und Deutsch stand (= war), und da fand ich (ich finde, ich fand, ich habe gefunden) für jedes englische Wort ein deutsches.
Anna: Das müssen Sie nicht thun, Louis. Sie wissen, Herr Meister hat uns gesagt, kein englisch–deutsches Wörterbuch zu brauchen. Sie können ja das deutsche Synonyme–Wörterbuch nehmen.
Louis: Aber ich wollte das Wort wissen, und Herr Meister hatte gestern keine Zeit, es (= das Wort) zu erklären (= klar zu machen). Aber ich werde es nicht wieder thun.
Herr Meister: Das ist recht, Louis.
Bella: Herr Meister, das ist etwas (= ein Ding), das ich nicht verstehen kann. Sie sagen, Herr Meister: »Meine Freunde, nehmen Sie kein Wörterbuch, ich erkläre Ihnen alle Wörter.« Aber, Herr Meister, Sie können uns nicht alle Wörter in der deutschen Sprache erklären; so lange können wir nicht bei Ihnen sein. Ist das nicht so?
Herr Meister: Mein Fräulein, Sie sind sehr klug (= weise), und ich freue mich, daß Sie mich hierüber (= über dieses) fragen. Sie haben ganz recht, ich kann Ihnen nicht alle Wörter der deutschen Sprache erklären. Das ist unmöglich (= das kann nicht sein). Und doch lernen Sie alle Wörter verstehen nach und nach (= mit der Zeit). Sie werden mich besser verstehen, wenn ich Ihnen erzähle, wie ich Englisch gelernt habe. Wohl hatte ich schon in Deutschland Englisch gelernt im Gymnasium. Sie wissen, ein Gymnasium ist in Deutschland eine Schule, wie hier das Colleg. Das wenige Englisch, das ich gelernt hatte, war bald (= in kurzer Zeit) vergessen. Ich nahm hier wieder meine englisch–deutsche Grammatik, studierte sie vom Beginne bis zum Ende, und dann wollte ich lesen. Ich nahm »Nicholas Nickleby« von Charles Dickens.
Otto: Das war hart für den Anfang (= Beginn), Herr Meister.
Herr Meister: Sagen Sie nicht »hart,« — man sagt im Deutschen: »Das war schwer.« Ja, es war schwer. Aber ich wollte etwas lesen, was interessant war, und so nahm ich »Nicholas Nickleby,« ein englisch–deutsches Wörterbuch und begann zu lesen. Aber wissen Sie, wie lange Zeit ich brauchte (ich brauche, ich brauchte, ich habe gebraucht), die ersten zwei Seiten zu lesen? Drei Stunden. — ja, drei Stunden. Ich hatte keine Geduld mehr und sagte: »Nun will ich lesen — aber ohne (= nicht mit) Wörterbuch.« Und ich las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) ohne Wörterbuch. Es ist wahr, sehr vieles habe ich in der ersten Hälfte (halb, die Hälfte) des Buches nicht verstanden, aber je mehr ich las, desto besser verstand ich das Buch, und als ich an das Ende kam, hatte ich viel Englisch gelernt. Nach »Nicholas Nickleby« las ich die »Pickwick Papers« von Charles Dickens und englische Novellen, — aber alle ohne Wörterbuch.
Bella: Aber wie haben Sie die Wörter gelernt, Herr Meister?
Herr Meister: Ich weiß es nicht. Die Wörter kamen von selbst. Ich verstehe heute alles, was ich im Englischen lese; ich verstehe das Englische so gut, wie das Deutsche. Ich lese Shakespeare und habe nie ein deutsch–englisches Wörterbuch gebraucht. Wo habe ich die Wörter, die Shakespeare braucht, gelernt? Habe ich sie aus meinem deutsch–englischen Wörterbuche? Nein. Habe ich die Wörter von meinem Lehrer? Nein. Habe ich sie auf der Straße, in der Gesellschaft gehört? Nein. Wie weiß ich die Wörter? Sie (= die Wörter) kommen von selbst. Wie? Das weiß ich nicht. Und wie es mir im Englischen ging, so wird es Ihnen im Deutschen gehen. So wie die Blätter an dem Baume wachsen (= kommen), so wachsen auch die Wörter in Ihnen. Hören Sie! sprechen Sie! und lesen Sie!
Bella: Aber wir haben noch sehr wenig gelesen, Herr Meister.
Herr Meister: Geduld, meine Freunde, Geduld. Wir haben ein deutsches Sprichwort; das heißt: »Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden.«
Anna: Das haben wir auch im Englischen.
Louis: Was bedeutet »gebaut«?
Otto: Louis, ich will das Sprichwort so sagen: »Rom ist nicht an einem Tage gemacht worden,« — so verstehst du es, nicht wahr?
Louis: Ja.
Herr Meister: Aber man sagt nicht: »Man macht eine Stadt, man macht ein Haus,« sondern man sagt: »Man baut ein Haus, einen Palast oder eine Stadt,« und der Mann, der den Plan des Hauses macht oder den Plan des Palastes oder den Plan der Stadt, das ist der Baumeister. Ich will Ihnen dieses sagen: Geduld, meine Freunde, wir werden lesen, und wir lernen, die Sprache vollkommen (= perfekt) verstehen, sprechen und schreiben.
Louis: Ah, wie ich mich freue, wenn ich einen guten deutschen Brief an meinen Bruder Albert nach Berlin schreiben kann. Er wird sich wundern. O, Herr Meister, wann, wann kann ich einen guten deutschen Brief schreiben?
Herr Meister: Geduld, mein Freund Louis; sehr bald. Noch nicht heute; nein, auch morgen nicht, wir müssen Zeit haben, Louis, Tage, Wochen, Monate. Hat der liebe Gott nicht auch sechs Tage genommen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen), um die Welt zu schaffen? Aber dann sah er sein Werk, und es war gut, und wenn wir etwas gut thun wollen, so müssen wir auch Zeit haben, viel Zeit, nicht wahr, Otto?
Otto: Sie haben recht, Herr Meister. »Mit der Zeit bricht man Rosen,« — das ist ein gutes Sprichwort.
Anna: »Sprichwort«? Was ist das?
Otto: "The early bird catches the worm," das ist ein englisches Sprichwort.
Herr Meister: Dieses Sprichwort haben wir auch im Deutschen, aber wir sagen es so: »Morgenstund hat Gold im Mund.«
Bella: Ich weiß auch ein deutsches Sprichwort. Wollen Sie es hören?
Otto: Bitte, Bella, bitte!
Bella: »Glück und Glas, wie leicht bricht das.«
Otto: Das ist sehr schön, Fräulein.
Herr Meister: Und sehr wahr.
Louis: Herr Meister, sagen Sie uns noch eins.
Herr Meister: »Nach dem Regen scheint die Sonne.«
Louis: Noch eins. Bitte, bitte!
Herr Meister:
»Morgen, morgen, nur nicht heute,
Sagen alle faulen Leute.«
Louis: O, das ist auch im Englischen: "Never put off till to–morrow, what you can do to–day." Wissen Sie noch mehrere, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl, mein Freund, hier:
»Mit dem Hute in der Hand,
Kommt man durch das ganze Land.«
Louis: Dieses Sprichwort verstehe ich nicht. Kann man ohne Hut (= nicht mit Hut) durch ein Land gehen?
Herr Meister: Ich glaube, die Idee ist diese: Nimm deinen Hut vom Kopfe, sei freundlich gegen alle, sei höflich, und überall wird es gut für dich sein.
Bella: Das ist eine schöne Idee!
Herr Meister: Ein anderes Sprichwort:
»Was du nicht willst, das man dir thu',
Das füg' auch keinem andern zu.«
Nun noch eins, und dann das letzte:
»Was man aus Liebe thut,
Geht noch einmal so gut.«
und:
»Lust und Liebe zu einem Ding
Macht dir alle Müh gering.«
Otto: Wie im Englischen:
"Where there is a will there is a way."
Anna: Die deutschen Sprichwörter sind so schön, sie haben alle einen Reim.
Herr Meister: Wir haben noch viele andere, und Sie werden sie finden, wenn Sie viel lesen, Fräulein Anna.
Anna: Werden wir bald Deutsch lesen?
Herr Meister: Ja wohl, Fräulein, vielleicht heute; und wenn nicht heute, dann morgen.
Otto: Herr Meister, bedeutet Reiter und Ritter nicht dasselbe?
Herr Meister: Nein, Otto, es bedeutet nicht dasselbe. Ritter und Reiter haben Pferde .....
Anna: »Pferde«? Das Wort kenne ich noch nicht.
Otto: Ich will es Ihnen erklären. Gestern haben Sie Ihr Pferd genommen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen), und ich habe meines (= mein Pferd) genommen, und wir sind in den Park geritten (ich reite, ich ritt, ich bin geritten). Ich habe auf meinem Sattel gesessen (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen). Mein Sattel ist aber nicht so gemacht, wie Ihr Sattel. Beide (Sättel) sind von Leder. Sie hatten einen Damensattel und ich einen Herrensattel. Ihr Pferd, mein Fräulein, hat einen schönen Kopf und eine lange, braune Mähne; mein Pferd ist weiß und hat eine weiße Mähne. Sie wissen, meines Bruders Pony hat eine schwarze Mähne.
Anna: O, ich glaube, ich verstehe Sie. Ihr Vater hat zwei braune Pferde vor seiner Equipage, nicht wahr?
Otto: Ganz recht. Ich sage nicht »Equipage,« ich sage »Kutsche.« Ist das nicht dasselbe, Herr Meister?
Herr Meister: O ja. Und der Mann, der vorn auf der Kutsche sitzt (ich sitze, er sitzt), ist der Kutscher.
Louis: Und die Lokomotive geht ohne Pferde (= hat keine Pferde).
Bella: Das war ein weises Wort, Herr Louis.
Louis: Und Sie sind sehr sarkastisch, Fräulein Bella.
Herr Meister: Ich wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt) sagen, meine Freunde: Sowohl der Reiter als der Ritter haben Pferde. Reiter ist ein jeder Mann, der auf dem Pferde sitzt und reiten kann, aber er ist noch kein Ritter. Ritter haben wir heute nicht mehr, aber wir haben Reiter. Die Soldaten in der Kavallerie sind Reiter, aber keine Ritter. Ein Ritter in alten Zeiten hatte ein Pferd und ein Schwert, eine Lanze und einen Schild; so kämpfte er im Kriege gegen die Feinde.
Bella: Ach, von diesen Rittern habe ich so viel Schönes und Gutes gelesen (ich lese, ich las, ich habe gelesen).
Anna: Ja, ich auch. Es ist schade (= nicht gut), daß wir keine Ritter mehr haben. Sie waren so gut, so galant.
Otto: Ich habe in einem Museum den Helm eines Ritters gesehen. Dieser Helm war von Metall. Ich konnte ihn nicht mit einer Hand halten, ich mußte zwei Hände nehmen, so schwer war er. In diesem Museum habe ich noch mehrere andere Dinge eines Ritters gesehen. Wie nennt (ich nenne, ich nannte, ich habe genannt) man das, was der Ritter über Arme, Brust, Kniee und Beine hatte, so daß der Feind ihn nicht verwunden konnte?
Herr Meister: Ist es von Metall?
Otto: Ja wohl.
Herr Meister: Das ist der Harnisch. Ein anderes Wort dafür ist die Rüstung.
Otto: Und eine Rüstung habe ich gesehen, die war von Silber; sie war wunderschön.
Bella: Otto, haben Sie »Ivanhoe« von Scott gelesen?
Otto: Ja wohl, Fräulein Bella.
Bella: In dem Roman »Ivanhoe« lesen Sie auch von "Richard Lionheart." Das war ein guter Ritter, nicht wahr?
Herr Meister: Für "Richard Lionheart" sagen wir im Deutschen: Richard Löwenherz. Richard Löwenherz war ein tapferer (= guter, braver) Ritter. In seiner Zeit war in Deutschland Friedrich Barbarossa Kaiser. Friedrich Barbarossa, das ist der große deutsche Kaiser. Mit vielen, vielen Rittern ging er nach Palästina, aber niemals kam er wieder in seine schöne Heimat (= Haus), in sein schönes, schönes Deutschland.
Otto: Ich kenne ein Gedicht über Friedrich Barbarossa. Es beginnt so: »Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich.«
Herr Meister: Das ist von Friedrich Rückert.
Louis: Von diesem Dichter kenne ich ja auch ein Gedicht: »Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald,« u.s.w. (= und so weiter).
Herr Meister: Auch Emanuel Geibel hat unter seinen vielen und schönen Gedichten eines über diesen Kaiser. Alles dieses und noch vieles andere wollen wir später lesen. Heute will ich noch mit Ihnen sprechen, und ich will Ihnen einen Namen nennen, den ich immer mit großer Freude ausspreche. Es ist der Name: Wolfram von Eschenbach. Den Namen haben Sie wohl noch nie gehört (ich höre, ich hörte, ich habe gehört), ich kann es an Ihren Augen sehen.
Otto: Nein, Herr Meister, ich habe nie von ihm gehört. Wer ist Wolfram von Eschenbach, und was hat dieser Mann Gutes gethan, daß Sie mit so vielem Vergnügen (= Freude) an ihn denken und von ihm reden (= sprechen)?
Herr Meister: Wolfram von Eschenbach ist einer von den größten Poeten, die wir in der deutschen Litteratur haben. Ja, Friedrich Schlegel meint, Wolfram von Eschenbach sei der größte unter allen deutschen Dichtern.
Otto: Denken Sie auch so, Herr Meister?
Herr Meister: Nein. Er ist nicht größer, als Goethe. Das beste Werk von Eschenbach ist nicht besser, als das beste Werk von Goethe.
Bella: Welches sind ihre besten Werke?
Herr Meister: Goethes größtes Werk ist »Faust,« Eschenbachs größtes ist »Parzival.«
Otto: Welches von beiden Werken halten Sie für das größte und schönste?
Herr Meister: Diese Frage, mein Freund, kann ich nicht beantworten. Ich lese »Parzival« und finde darin so vieles Schöne, daß ich voll Bewunderung ausrufe: »Ach, es ist nichts Besseres in der Welt, als ,Parzival.'« Und lese ich dann Goethes »Faust,« so rufe ich: »O, was für ein großes Werk! Wie schön! Wie herrlich (= wunderschön)! Wo ist ein zweites Gedicht, wie ,Faust'!« Sie sehen, ich kann Ihre Frage nicht beantworten. So werde ich auch oft gefragt: »Herr Meister, wer ist der größere Dichter, Goethe oder Schiller?[«][VI-7] Dann antworte ich immer, was Goethe einst zu Eckermann sagte: »Warum fragen wir, wer der größte sei? Sie selber sollen froh sein, daß sie zwei solcher Männer haben.« Ja, wir wollen froh sein mit beiden, mit Schiller und mit Goethe; wir wollen beide (= Schiller und Goethe) lesen und an beiden unsere Freude haben.
Bella: Herr Meister, wollen Sie nicht ein wenig von Eschenbach und von seinem »Parzival« sprechen?
Herr Meister: Mit Vergnügen (will ich es thun), aber — ich habe nicht viel Zeit mehr. Also: Wolfram von Eschenbach war ein Ritter und lebte gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts. Sie sehen, er lebte in einer Zeit mit Friedrich Barbarossa und Richard Löwenherz. Die Kreuzzüge nach Palästina machte er nicht mit.
Louis: Ich verstehe das Wort »Kreuzzüge« nicht, Herr Meister.
Herr Meister: Sie haben heute schon gehört, Friedrich Barbarossa war mit vielen Rittern nach Palästina gezogen. Nicht wahr?
Louis: O ja.
Herr Meister: »Gezogen« ist hier so viel wie »gegangen« (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen; ich ziehe, ich zog, ich bin gezogen). Viele Ritter waren nach Palästina gezogen, dafür kann ich auch sagen: »Ein langer Zug von Rittern ging nach Palästina.« Das Wort »Zug« kommt von ziehen, zog, gezogen.
Louis: Das verstehe ich nun. Aber Sie sagten: »Kreuzzug.«
Herr Meister: Wir sagen Kreuzzüge, weil alle, die nach Palästina pilgerten, ein rotes Kreuz auf der linken Schulter hatten. Sehen Sie, dieses ist ein Kreuz
Herr Meister: »Parzival,« das ist der Name des Ritters. Sein Vater, Gamuret, war ein König, seine Mutter hieß Herzeloide. Der Vater war ein guter, starker Ritter, der beste in der Zeit, aber er starb jung. Da sagte Herzeloide: »Mein Sohn soll kein Ritter werden, soll keinen Ritter sehen. Er soll nicht sterben, so jung wie sein Vater.« Und sie ging aus der Burg (Palast) und ging in einen Wald. Hier lebte sie mit ihrem Sohne, und den (= den Sohn) liebte sie mehr, als alles in der Welt. Nur wenige Personen waren bei ihr im Hause, und nie sollten sie sprechen von den Rittern, nie von einem Schwerte, nie von einer Lanze.
Einmal hörte er seine Mutter sagen: »O, guter Gott.« Da fragte er: »Mutter, wer ist Gott?« Und die Mutter sagte da: »Gott ist der gute Vater von allem, und er ist auch dein Vater, mein Sohn, und meiner. Er ist klarer, als die Sonne, und klarer, als der Tag.«
Einmal war der junge Prinz im Walde. Er selbst hatte sich einen kleinen Bogen gemacht und schoß. Da sah er etwas, das hatte er noch nicht gesehen. Drei Ritter mit silbernen Rüstungen und silbernen Helmen zu Pferde kamen im vollen Sonnenschein des Tages durch den Wald. Herzeloidens Sohn fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) auf die Kniee und rief: »O, hilf mir, guter Gott!« — denn er glaubte (= dachte), die Ritter wären Gott. Die Ritter aber lachten und sagten: »Wir sind nicht Gott, o, nein, nein, — wir sind Menschen; ja Menschen, wie du ein Mensch bist. Wir sind Ritter. Das sind unsere Schwerter, dieses unsere Lanzen, und hier, sieh, sind unsere Rüstungen.« Sie sagten ihm noch vieles, vieles von allem dem, was ein guter Ritter thun muß, und dann ritten sie weiter in den Wald. Da rannte (ich renne, ich rannte, ich bin gerannt) der Sohn zur Mutter und sagte: »Mutter, ich gehe vom Hause und werde ein Ritter. Gieb (geben) mir ein Pferd, liebe Mutter! Gieb mir ein Schwert!« Aber die Mutter sagte: »O, gehe nicht von mir, mein Sohn, ich habe nur dich allein, mein Kind (= Sohn), o, bleibe bei mir!« »Mutter, ich kann nicht, ich muß in die Welt, ich muß ein Ritter werden.« Und er ging — und kam in die Welt. Er sah vieles und lernte vieles und that viel Gutes und half den guten Frauen und allen Schwachen (schwach = nicht stark); kam auch zu König Arthur und seinen Rittern. Und er wurde (ich werde, ich wurde, ich bin geworden) ein König und ein Ritter, gut und brav.
Bella: Herr Meister, ist es schon ein Uhr?
Herr Meister: Ich kann es Ihnen nicht sagen. Meine Uhr ist beim Uhrmacher. Wie viel Uhr haben Sie, Louis?
Louis: Es ist zehn Minuten vor zwei.
Herr Meister: So spät? Zehn Minuten vor zwei? Ah, ich vergesse die Zeit, wenn ich von Eschenbachs »Parzival« sprechen will. Und ich habe Ihnen noch so viel zu sagen! Adieu, meine Freunde!
Alle: Adieu, Herr Meister!
VII.
Bella: Gestern Abend habe ich viel schönes gehört. Freunde meines Vaters waren in unserm Hause, Damen und Herren, und auch ein Herr aus Deutschland: Dr. Stellen mit seiner Frau — ein junges Paar. Meine Mutter sagte ihm, daß ich Deutsch studiere, und da sprach er den ganzen Abend Deutsch mit mir. Und ich konnte (ich kann, ich konnte, ich habe gekonnt) ihn so gut verstehen und alle seine Fragen so gut beantworten. O, Herr Meister, wie muß ich Ihnen danken! Dr. Stellen ist hier mit seiner Frau, um Amerika zu sehen. Und sie haben vieles gesehen, — sie waren in den Prärieen, in Californien, in den größten Städten der Union. Alles gefällt ihnen (= ihm und seiner Frau) sehr gut. »Ja, dieses Land,« sagte er, »ist ein schönes Land, alles ist frei, alles ist so groß! Ich möchte immer hier sein!« »Aber das geht nicht« (= das kann nicht sein), sagte Frau Dr. Stellen, »unser Haus ist in Köln, und das können wir doch nicht hierher bringen, nicht wahr?«
Herr Meister: Ich wundere mich nicht, daß die großen Städte der Union den Europäern gut gefallen. Die Städte der Union sind neu, die Straßen breit (= weit). Die Städte Europas sind alt, besonders aber Köln.
Bella: Köln ist über (= mehr als) tausend Jahre alt, sagte mir Frau Dr. Stellen.
Otto: Ja, so ist es.
Bella: Frau Dr. Stellen ist so gut! Sie sagte mir: »Meine junge Freundin, kommen Sie mit mir nach Deutschland. Deutschland ist so schön, und da wohnen Sie bei mir in Köln. Köln ist eine alte Stadt, aber eine gute, gute Stadt. Da gehen wir zum Karneval, da sehen wir den Dom, da fahren wir auf dem Rhein, und am Rhein haben wir unsere Villa.
»Im Häuschen am Rhein,
Am Tische von Stein,
Da ist der Wein
So wunderbar fein.«
Kommen Sie mit mir, kommen Sie. Ja? Soll ich Ihre Mama fragen?« Und sie ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) zu meiner Mama.
Otto: Und was sagte Ihre Mama?
Bella: Meine Mama sagte: »Ja.« Ist das nicht schön?
Otto: Bella, wollen Sie nach Deutschland?
Bella: Ja, noch nicht morgen und noch nicht in einem Monat; aber wenn der Mai kommt, der wunderschöne Monat Mai.
Louis: Ich hörte das Wort »Dom.« Was ist das »Dom«?
Bella: Der Kölner Dom ist ein großes, großes Haus, in dem die Leute zu Gott beten.
Louis: O, der Dom ist eine Kirche, ein Gotteshaus!
Herr Meister: Ja, und was für eine Kirche, o, wundervoll!
Bella: Und meine deutsche Freundin sagte mir: »Der Kölner Dom ist vor sechshundert Jahren begonnen worden und ist nun erst beendet.« O, Louis, ich wünsche, ich könnte Ihnen alles wiedersagen, was ich gestern Schönes gehört habe.
Herr Meister: Hat Ihre Freundin nicht von der neuen Glocke im Dome erzählt? Ah, ich sehe, Fräulein Anna versteht mich nicht. Fräulein Anna, Sie hören jeden Sonntag läuten: Bim, bam! Bim, bam! Das ist die Glocke, die da macht: Bim, bam! Und Sie nehmen dann Ihr Gebetbuch und gehen in die Kirche und beten zu Gott. Sie wissen nun, was eine Glocke ist, nicht wahr? Die Kirchenglocke ist groß ..... Sie haben auch eine Glocke in Ihrem Hause, das ist die Hausglocke. Wenn ich zu Ihnen komme, dann läute ich die Hausglocke, und Ihr Diener öffnet die Thür. Sie, Freund Otto, haben gewiß Schillers »Glocke« gelesen?
Otto: Schillers »Glocke,« ja, das ist ein großes Gedicht und ein schönes Gedicht.
Herr Meister: Das ist es.
Herr Meister: Fräulein Bella, hat Ihre Freundin nicht von der neuen Glocke in dem Dome erzählt, die so groß ist und so schwer? Sie wiegt fünfzigtausend Pfund. Sie wissen, hier und in England hat ein Pfund sechzehn Unzen (ounces). Diese große Glocke hat den Namen »Kaiserglocke.« Kaiser Wilhelm hat das Metall dazu gegeben (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben).
Bella: Davon (= von der Kaiserglocke) hat Frau Dr. Stellen nicht gesprochen; sie konnte auch nicht, denn ihr Herr Gemahl (= Mann) setzte (ich setze mich, ich setzte mich, ich habe mich gesetzt) sich an das Klavier (= Piano) und spielte eine Sonate von Beethoven. Und als er zu Ende war, sang seine Gemahlin (= Frau) ein deutsches Lied, das war wundervoll. Ich habe es mitgebracht, weil ich einige (= 1 oder 2 oder 3) Worte nicht verstehen kann. Wollen Sie mir die Worte erklären, Herr Meister?
Herr Meister: Sehr gerne, mein Fräulein. Wollen Sie lesen?
Bella: »Das Heideröslein.«
Otto: Das ist ein Gedicht von Goethe. Das »Heideröslein« ist so schön.
Bella: Warum nennt er (= giebt er den Namen) es Heideröslein?
Herr Meister: Weil es in der Heide steht.
Otto: »Weil es in der Heide steht,« das verstehe ich nicht, Herr Meister. Ist »der Heide« nicht ein Mann, der keine Religion hat?
Herr Meister: So ist es, Otto, aber ich meine nicht das Wort »der Heide,« ich meine das Wort »die Heide.« Sehen Sie den Unterschied? Die Heide ist ein Grasplatz, wie die Wiese, aber nicht so schön. Da sehen wir hier einen Rosenbusch und dort einen, hier einen Dornbusch und dort einen. Haben Sie noch nie eine Heide gesehen, Louis?
Louis: Nein, Herr Meister. Aber ich denke, »Heide« ist dasselbe, wie »Prärie.«
Herr Meister: So ist es, nur ist eine Heide nicht so groß.
Bella: Ich möchte Sie noch ein Wort fragen. Ich lese hier: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn.« Was ist ein »Knab'«?
Louis: Fräulein Bella, das weiß ich, das kann ich Ihnen sagen. Ich bin jetzt ein Knabe, aber in wenigen Jahren habe ich einen langen Bart; dann bin ich kein Knabe mehr, dann bin ich ein Mann, dann bin ich größer, als heute, und rauche Cigarren, dann werden Sie auch mehr Respekt vor mir haben, Fräulein Bella, ja?
Herr Meister: Mein guter Freund Louis, wir haben schon heute große Achtung (= Respekt) vor Ihnen.
Bella: Ja, das ist wahr, Louis, und ich besonders, denn Sie haben mir das Wort »Knabe« so schön erklärt. Sie verstehen mehr Deutsch als ich, obgleich Sie jünger sind, als ich.
Louis: Keine Komplimente, Fräulein! Keine Komplimente!
Bella:
»Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön« .....
»Morgenschön.« — Meint der Dichter, »das Röslein war so schön, wie die Rosen am Morgen sind«?
Herr Meister: Ich glaube (es).
Anna: O, ich wünsche, ich könnte jeden Tag junge, frische Rosen haben! Ich habe die Rosen, ach, so gern!
Herr Meister: Auch Goethe liebte die Rosen (ich liebe, ich liebte, ich habe geliebt).
Otto: Sie ist die Königin unter den Blumen.
Bella: »Lief er schnell, es nah zu sehn« .....
Anna: Das Wort »lief« verstehe ich nicht.
Bella: Ich laufe, ich lief, ich bin gelaufen. Ich laufe, das ist: »Ich renne,« »ich gehe schnell.« Der Knabe lief, weil das Röslein weit von ihm war, und er wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt) das schöne Röslein besser sehen.
»Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Das ist das Ende des ersten Verses, und nun lese ich den zweiten:
»Knabe sprach: 'Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.'
Röslein sprach: 'Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich'« .....
Herr Meister, ist »ewig« hier nicht ein Synonym von »immer«?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein.
Bella: »Und ich will's nicht leiden!« ..... Zwei Wörter in dieser letzten Linie sind mir nicht klar, »will's« und »leiden.«
Herr Meister: Will's ist dasselbe wie, »ich will es.« Nach dem »l« kommt ein Apostroph (= '), so, nicht wahr?
Bella: Ja wohl, Herr Meister.
Herr Meister: Dieser Apostroph steht, weil das »e« von »es« ausgefallen ist. »Will es,« ein Wort = will's. »Leiden« — und ich will's nicht leiden. Dafür kann ich auch sagen: »Und ich will nicht, daß du mich brichst.«
Bella: Jetzt verstehe ich auch den zweiten Vers
»Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Bella: (dritter Vers)
»Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach« .....
Hier muß ich Sie drei Dinge fragen. Erstens: Was bedeutet (= ist) das »'s« in »'s Röslein«? Zweitens: Was bedeutet: »wehrte«? Und drittens: Was bedeutet »stach«?
Otto: Herr Meister, wollen Sie mir gütigst erlauben, diese drei Punkte zu erklären?
Herr Meister: Ich bitte!
Otto: »'s Röslein« steht für »das Röslein.« Das Röslein wehrte sich und stach. »Stach« kommt von dem Worte »stechen« (ich steche, ich stach, ich habe gestochen). Das Röslein wollte am Busche sein und auf der Heide bleiben, es wollte nicht von dem Knaben gebrochen sein, es wollte nicht in die Stadt wandern; darum hat es den Knaben gestochen mit dem Dorn. Das ist: Das Röslein »wehrte« sich mit dem Dorne.
Louis: Ich verstehe. Der Ochse wehrt sich mit dem Horne. Das arme Lamm kann sich nicht wehren gegen den bösen Wolf. Ich, Fräulein Anna, ich wehre mich mit meiner Pistole; der Soldat wehrt sich mit einer Flinte.
Otto: Das ist recht, Louis. Ein Synonym für »Flinte« ist auch »Gewehr.« Das ist das Instrument, mit dem der Soldat sich wehrt. Das Wehren half (ich half, es half) dem Röslein nichts. Da sagte das Röslein: »Ach, laß mich stehen,« und das half auch nicht; und da sagte das Röslein: »O, weh!« »O, weh« und »Ach« ist dasselbe. Aber das Wehren mit Worten hilft nichts. Der Knabe brach das Röslein.
Anna: Das arme Röslein!
Bella:
»Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Jetzt will ich das ganze Gedicht einmal vorlesen, von Anfang (= Beginn) bis zu Ende:
»Sah' ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: 'Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.'
Röslein sprach: 'Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden.'
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden.
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt' es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Anna: Von welchem Dichter ist dieses wunderschöne Gedicht? Ich habe es vergessen (ich vergesse, ich vergaß, ich habe vergessen).
Herr Meister: Von Goethe. Er schrieb (ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben) es, als er in Straßburg war und studierte (ich studiere, ich studierte, ich habe studiert).
Bella: Hat Goethe in Straßburg studiert? Dann hat er ja auch das Straßburger Münster gesehen.
Louis: »Münster«?
Bella: »Münster« ist auch eine große Kirche, ein Dom, eine Kathedrale. Hier sind die Noten, hier:
Bella: Ich hörte gestern Abend auch eine sehr schöne Anekdote von Mozart und Haydn.
Louis: Bitte, erzählen Sie! Ich höre Anekdoten so gerne.
Anna: Ich auch, Louis.
Bella: Haydn und Mozart waren eines Tages zusammen, und sie sprachen über Musik. Da sagte Mozart: »Herr Haydn, ich werde Ihnen Noten schreiben, die Sie nicht spielen können.« »So?« sagte Haydn und lachte. »Ja,« sagte Mozart, »und ich gebe eine Flasche Wein, wenn Sie alles spielen; können Sie aber nicht alles spielen, so geben Sie mir eine Flasche Wein.« »Gut,« sagte Haydn. Mozart schrieb nun einige Noten auf einen Streifen Papier. Haydn nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) ihn, setzte sich an das Klavier und begann zu spielen. Die linke Hand mußte tiefe Baßnoten spielen, und die rechte Hand die hohen Noten im Diskant. Aber da war eine Note in der Mitte. »Oho,« rief Haydn, »ich habe keine drei Hände, diese Note in der Mitte kann ich nicht spielen.« »Aber ich kann es,« sagte Mozart, setzte sich an das Klavier, spielte oben mit der rechten, unten mit der linken Hand und die Note in der Mitte mit — der Nase. Haydn gab den Wein.
Louis: Diese Anekdote gefällt mir. Ich werde sie [meiner] Mutter erzählen. Bitte, Bella, eine andere.
Bella: Ich weiß keine mehr, Louis.
Louis: Das ist schade. Herr Meister, Sie wissen viele Anekdoten. Bitte, erzählen Sie eine.
Anna: Ach, ja, Herr Meister, ich bitte auch.
Herr Meister: Mit Vergnügen (= Freude). Ich werde eine Anekdote erzählen von dem größten unter allen Komponisten, von Beethoven.
Ludwig van Beethoven, der Komponist, hatte einen Bruder, Johann van Beethoven. Johann dachte viel mehr von sich selbst, als von seinem Bruder Ludwig. Der (= der Bruder) war ja nur ein Musiker, nichts mehr; er selbst aber (= Johann) war ein reicher Gutsbesitzer.
Louis: »Gutsbesitzer«? Ich kenne das Wort nicht.
Herr Meister: Johann hatte viel Land, Pferde, Wagen, Kühe und ein schönes, großes Haus und .....
Louis: Mein Vater hat eine große Farm in Ohio. Ist mein Vater auch Gutsbesitzer?
Otto: Gewiß. Unser Vater ist auch ein Gutsbesitzer.
Herr Meister: Ludwig hatte nicht viel Geld (= Dollars, Cents), er war arm. Aber er war klüger (klug, klüger, klügst) als Johann, er hatte mehr Hirn. Wir sagen oft von einem Mann: »Er hat Hirn,« wenn er klug ist.
Otto: Das Hirn ist im Kopfe, nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl.
Bella: Daniel Webster hatte ein großes Hirn, nicht wahr?
Herr Meister: Ja. Und Napoleon I. hatte ebenfalls (= auch) ein großes Gehirn.
Anna: Ist Hirn und Gehirn dasselbe?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. An einem Neujahrstage (= den 1. Januar) schickte (= sandte) Johann van Beethoven eine Karte an seinen Bruder Ludwig:
Johann van Beethoven, Gutsbesitzer,
gratuliert!
Über dieses Ceremoniell seines Bruders war unser Komponist ein wenig böse, und schnell schrieb er auf die andere Seite der Karte:
Ludwig van Beethoven, »Hirnbesitzer,«
dito!
und schickte sie (= die Karte) mit demselben Manne wieder zurück (= an Johann).
Louis: Eine schöne Gratulation zwischen zwei Brüdern, nicht wahr, Otto?
Herr Meister: Wollen Sie noch eine Anekdote hören von Beethoven?
Anna: O ja, Herr Meister. Bitte, bitte!
Herr Meister: Beethoven hatte eine sehr hohe, schöne Stirn.
Anna: Was meinen Sie mit dem Worte »Stirn«?
Herr Meister: Die Vorderseite des Kopfes. Die Stirn ist über der Nase und über den Augen.
Eines Abends hatte Beethoven, wie oft zuvor, wundervoll gespielt (ich spiele, ich spielte, ich habe gespielt) in einer Gesellschaft von Damen und Herren. Alle hatten applaudiert, und eine von den schönsten Damen bewunderte laut Beethovens schöne Stirn. Beethoven hörte es, lächelte (= lachte ein wenig) und sagte schnell: »Sprechen Sie im Ernst, gnädige Gräfin?« »Ganz gewiß, Herr van Beethoven!« »Sehr wohl, meine Gnädige, so küssen Sie sie (= die Stirn).« Die Gräfin that es.
Otto: Das war ein Triumph für Beethoven.
Bella: Und auch ein Triumph für die Gräfin.
Louis: Herr Meister, ich habe heute viel (= viele Dinge) zu thun, und es ist schon wieder so spät.
Herr Meister: Sie haben recht, Louis, es ist spät. Auf Wiedersehen!
Alle: Auf Wiedersehen, Herr Meister!
Anna: Heute habe ich einen guten, guten Tag!
Herr Meister: Ich freue mich, das zu hören.
Louis: Warum denn, Fräulein Anna?
Anna: Heute morgen kam ich in unser Speisezimmer, um meinen Kaffee zu trinken, und auf dem Tische bei meiner Tasse fand ich (ich finde, ich fand, ich habe gefunden) einen wunderschönen Strauß (= Bouquet) von Rosen, und dabei war ein kleiner Brief; darin stand (= war):
»Möge Dir jeder neue Tag neue Rosen, neue Freuden bringen!
Ein Freund.«
Ist das nicht schön, Herr Meister?
Herr Meister: Ich kann wohl begreifen (= verstehen), warum Sie heute so glücklich sind; Sie wissen, Sie haben einen guten Freund.
Anna: Haben denn nicht alle Menschen gute Freunde?
Herr Meister: Nein, meine gute Anna, nicht alle; die schlechten (= bösen) Menschen nicht. Sie sind nicht mit den Menschen gut, und die Menschen sind nicht gut mit ihnen; sie sind keinem Menschen Freund, und kein Mensch ist ihr Freund; sie fühlen für niemanden (= keine Person), und niemand fühlt für sie. Da stehen sie allein — allein.
Anna: Allein, Herr Meister, allein? Allein ohne einen Freund, ohne einen Menschen, der an sie denkt, der für sie fühlt; ohne jemanden (= eine Person), der sich mit ihnen freut, — o, das möchte ich nicht sein! Nein, nein, nein! O, ich bin glücklich! Nur eins fehlt mir heute an meinem Glücke; ich möchte wissen, wer der gute Freund war, der mir die schönen Rosen geschickt (= gesandt) hat. Waren Sie es, Herr Meister?
Herr Meister: Ich, mein Fräulein? Nein.
Anna: Warst du es, Bella?
Bella: Ich nicht.
Anna: Sie, Otto?
Otto: Nein, ich auch nicht, Fräulein Anna.
Anna: Waren Sie es, Louis? Sehen Sie mich an! Sehen Sie in meine Augen — so, gerade (= direkt). Sie können nicht. Sie lächeln. Ah, Sie sind der gute Freund! Sagen Sie nicht: »Nein,« Louis. Sagen Sie: »Ja,« bitte, sagen Sie mir die Wahrheit; denn, Louis, Sie wissen:
»Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht,
Und wenn er auch die Wahrheit spricht.«
Haben Sie mir die Rosen geschickt, Louis?
Louis: Ich ..... ich .....
Anna: Ja, Sie waren es. Ich sehe es an dem Briefe; das ist Ihre Schrift (= Schreiben). Ich danke Ihnen viel, vielmal, Louis. Ich freue mich sehr. Sie sind ein guter, aufmerksamer Freund.
Louis: Anna, ich glaube, Sie studieren sehr viel Deutsch zu Hause.
Anna: Warum meinen Sie das, Louis?
Louis: Erstens: Weil Sie so schnell und so gut sprechen, und zweitens: Weil Sie Wörter gebrauchen (= sprechen), die ich nie gehört habe.
Anna: Das will ich Ihnen erklären. Erstens: Kann ich schnell sprechen, weil ich mich freue (ich freue mich, ich freute mich, ich habe mich gefreut); zweitens: Spreche ich Wörter, die Sie nie gehört haben, — das kann sein. Ich habe diese Wörter vielleicht von meiner deutschen Freundin gehört.
Otto: Haben Sie auch eine deutsche Freundin, Anna?
Anna: Es ist dieselbe Freundin, welche Bella hat. Ich bin gestern mit Bella gegangen, und so wurde ich der Frau Dr. Stellen vorgestellt.
Louis: Sehen Sie, da ist wieder ein Wort, das ich nicht verstehen kann.
Anna: Wenn ich kann, werde ich Ihnen alle Wörter erklären, die Sie nicht verstehen. Was verstehen Sie nicht?
Louis: »Vorgestellt.«
Anna: Fräulein Bella sagte: »Frau Dr., erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meine Freundin Anna vorstelle?« und Frau Dr. Stellen sagte: »Mit Vergnügen, Fräulein;« und dann sagte Bella:
»Fräulein Anna, meine Freundin.«
»Frau Dr. Stellen.«
Louis: Ah, das verstehe ich. Nun sagen Sie mir auch: Was meinten Sie, als Sie sagten, ich sei (= bin) ein aufmerksamer Freund?
Anna: Gestern sagte ich: »Ach, ich wünsche mir jeden Tag Rosen.« Das haben Sie sich gemerkt; das heißt (= das ist): Sie haben es gehört und haben daran gedacht. Sie sind aufmerksam, Louis, und Sie haben Aufmerksamkeit.
Otto: Ich wundere mich auch über Sie, Fräulein Anna. Sie können alles dieses nicht gestern bei Ihrer Freundin gelernt haben. Woher haben Sie alle diese Wörter und Erklärungen?
Anna: Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Es ist in mir, und ich sage es. Sagte Herr Meister nicht, daß die Wörter von selbst kommen, daß sie in uns wachsen, wie die Blätter an den Bäumen? Es ist so, wie Herr Meister sagt, ich fühle es.
Herr Meister: Ich freue mich, daß Sie es so finden. Sie machen auch mir dadurch heute einen glücklichen Tag.
Bella: Ist das nicht wunderbar? Eine glückliche Person macht oft viele Glückliche. Freude und Sonnenschein bringt sie überall.
Louis: Fräulein Anna, haben Sie gestern viel Deutsch gesprochen?
Anna: O ja, ich habe auch ein wunderschönes Märchen gehört von unserer Freundin, und sie will uns noch viele andere erzählen, sagt sie. Weil Sie mein guter Freund sind, Louis, so will ich Ihnen ein Märchen erzählen. Aber es ist lang.
Louis: O, das ist gut, Anna, das ist ja gut. Dann kann ich Sie lange hören. Bitte, beginnen Sie.
Anna: Soll ich, Herr Meister?
Herr Meister: Bitte, Fräulein, bitte!
Anna: Gut, ich werde beginnen. Aber setzen Sie sich näher hierher, Otto. — So.
Vor langen, langen Jahren war ein König und eine Königin. Der König hatte ein großes Land, und die Königin war sehr schön, und sie hatten alles, was sie wollten. Nur eins hatten sie nicht: sie hatten keine Tochter. Und nach einer langen Zeit bekamen (ich bekomme, ich bekam, ich habe bekommen) sie eine Tochter. O, da war die Königin so froh! Und der König machte ein großes Fest. Und alle die Ritter kamen, und die Edelfrauen. Und in der großen Halle des Palastes waren viele Tische mit weißem Linnen, und das Linnen war so weiß, wie Schnee. Darauf stand der beste Wein zum Trinken, und die Becher waren von Gold, und alles auf dem Tische war von gutem Gold: die Löffel und die Messer, und die Gabeln und die Teller. Alles war so schön! Und an den Tischen saßen die edlen Herrn und die schönen Damen. Da war auch der Tisch für die zwölf Frauen. Diese Frauen waren nicht jung, und es waren auch keine Edelfrauen. Es waren die weisen Frauen im Lande. In dem Lande aber waren dreizehn weise Frauen. Aber die Königin sagte: »Ich will keine dreizehn Personen am Tische; dreizehn Personen an einem Tische ist nicht gut; die dreizehnte Frau soll (= muß) nicht kommen.« Alle in der Halle waren froh. Da brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) man die kleine Prinzessin in der Wiege (= ein kleines Bett). O, wie schön sie war! Nun kamen die zwölf weisen Frauen an die Wiege. Die erste von den Frauen sprach: »Prinzessin, ich wünsche, daß du weise werdest!« Die zweite Frau sagte: »Ich wünsche, daß du gut werdest!« Die dritte sagte: »Ich wünsche, daß du schön werdest!« Und auch die vierte sagte einen guten Wunsch (ich wünsche, der Wunsch), und die fünfte, und die sechste, und auch die siebente, die achte, die neunte, zehnte und elfte. Da kam auf einmal in die Halle ein altes Weib. Ihr Haar war wild und los am Kopfe, und sie rief laut: »Und ich wünsche, daß diese Prinzessin am fünfzehnten Geburtstage sich stechen soll mit einer Spindel und tot hinfalle zur Erde!« So sprach die böse Frau und rannte (ich renne, ich rannte, ich bin gerannt) aus der Halle. Und in der Halle war keine Freude mehr. Die zwölfte Frau kam nun an die Wiege und sprach: »O, das ist sehr schlimm (= böse), denn was diese böse Frau gesagt hat, muß kommen. Doch eins kann ich thun, und das will ich thun. Ich sage: Die Prinzessin soll nicht für immer tot sein. Nein, schlafen soll sie; hundert Jahre soll sie schlafen, wie ein Toter, und dann erwachen.« So sprach die zwölfte Frau, die gute, dann ging sie. Und alle gingen; das Fest war zu Ende.
Und der König nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) alle Spindeln im Lande, machte ein großes Feuer und verbrannte alle. Da war nicht eine Spindel mehr im Lande, und der König sagte: »Nun kann meine Tochter sich nicht stechen mit einer Spindel.« Und die Prinzessin wurde groß und so schön, daß die Sonne sich wunderte, und so klug (= weise), daß alle Menschen sie lieben mußten.
Da kam ihr fünfzehnter Geburtstag. Es war ein schöner Sommertag; Sonnenschein und blauer, klarer Himmel. Und der König und die Königin fuhren (ich fahre, ich fuhr, ich habe gefahren, ich bin gefahren) im goldenen Wagen in den Park. Und die Prinzessin? Die Prinzessin war in dem Garten, und sie fand hier eine Rose und da eine Lilie, und da ein Vergißmeinnicht, und hier eine andere Rose, schöner als die erste, und hier noch eine, und da noch eine. So kam sie weiter und weiter in den Garten und an das Ende. Da war ein Turm. »Den alten Turm habe ich noch nicht gesehen,« sagte die Prinzessin. »Was ist darin (= in dem Turm)?« Und sie öffnete (ich öffne, ich öffnete, ich habe geöffnet) die alte Thür, da war eine alte Treppe von Stein. Sie ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) die alte Treppe hinauf, und da war eine andere Thür. Sie öffnete auch diese Thür und sah ein Zimmer, rund und klein, und in dem Zimmer war eine Frau, alt, alt. Sie saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) vor einem [Spinnrad][VII-3] und spann (ich spinne, ich spann, ich habe gesponnen). Die Prinzessin sagte: »Gute Frau, was thust du da?« »Ich spinne.« »Was für ein Ding ist das, mit dem du spinnst?« »Ein Spinnrad. Willst du spinnen?« »Ja, gute Frau, laß mich spinnen! Laß mich spinnen!« Und die Alte stand auf (ich stehe auf, ich stand auf, ich bin aufgestanden), und die Prinzessin setzte sich (ich setze mich, sie setzte sich) an das Spinnrad. Sie nahm den Flachs in die Hand, setzte den Fuß auf das Spinnrad. »O, wie schön, wie schön geht das!« rief die Prinzessin. »Hm, hm,« machte die Alte. Die Prinzessin sah auf die Alte und stach sich (ich steche mich, ich stach mich, [sie stach sich,] ich habe mich gestochen) mit der Spindel in den Finger. Das Blut kam und die Prinzessin fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) zur Erde. Die böse Alte lachte: »Hi, hi, hi ..... Da liegt sie, die schöne Prinzessin! Hi, hi, hi .....«
Der König und die Königin waren wieder in dem Palaste und saßen (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) an dem Tische. Die Königin sagte: »Wo ist meine Tochter, die Prinzes.....« Sie konnte das Wort nicht beenden. In diesem Momente war die Prinzessin im Turme zur Erde gefallen, und in demselben Momente schlief auch die Königin ein und auch der König. Der Diener stand mitten in der Halle mit der goldenen Schüssel voll Suppe in der Hand — und schlief. Auch der Koch schlief in der Küche, und der Küchenjunge beim Feuer; die Pferde im Stalle schliefen, die Hunde in der Hütte und die Fliegen an der Wand. Alles, alles im Schlosse — schlief. Kein Mensch konnte in das Schloß (= Palast) kommen, denn rund um Schloß und Garten waren Dornen.
Ein Ritter hatte gehört von der schönen, schlafenden Prinzessin und wollte sie aus dem Schlafe wecken und kam an die Dornhecke. Sie öffnete sich eine Sekunde und klappte schnell zusammen. Der arme Ritter war mitten in den Dornen und mußte sterben. Viele Ritter kamen nach ihm, und alle mußten so sterben.
Als hundert Jahre vorbei waren, kam ein schöner Ritter auf einem schönen Pferde. Des Ritters Helm war von Silber und auch die Rüstung. Er selbst war stark und schön und hatte ein gutes Schwert. »Ich will die schöne Prinzessin sehen. Und muß ich sterben in den Dornen, wie die anderen Ritter, so sterbe ich,« sagte der Ritter und ritt (ich reite, ich ritt, ich bin geritten) an die Dornen; die Dornen öffneten sich und — blieben offen; und Rosen waren überall, — Rosen. Und der Ritter kam in den Garten, und auch der Garten war voll von Rosen. Er kam an das Ende des Gartens an den Turm. Er sah die alte Thür, er öffnete sie, ging die Treppe hinauf, öffnete die zweite Thür — da, o Wunder! — vor ihm lag die Schönste unter allen Frauen, die Prinzessin. Er küßte (ich küsse, ich küßte, ich habe geküßt) ihre Stirn und ihre Augen, und da — wachte sie auf (ich wache auf, ich wachte auf, ich bin aufgewacht). »Wo bin ich?« rief sie, und sah verwundert den schönen Ritter. Der Ritter nahm ihre Hand. Und der Ritter und die Prinzessin gingen aus dem bösen Turme durch den schönen Garten in das Schloß (= Palast). Und in derselben Minute wachte auch der König auf und die Königin; der Diener stellte (ich stelle, ich stellte, ich habe gestellt) die Suppe auf den Tisch; der Koch in der Küche kochte wieder, und der Küchenjunge machte das Feuer. Die Pferde im Stalle stampften wieder, und der Hund in der Hütte bellte, und die Fliegen an der Wand summten. Alles wachte, wie zuvor, und alles war wieder gut.
Am andern Tage war große Freude im Schlosse. Der Ritter und die Prinzessin »Dornröschen« waren ein Paar, und da war kein Paar schöner im Lande.
Louis: Ah, das ist schön, Fräulein Anna!
Herr Meister: Hier wollen wir enden. Adieu, meine Freunde!
Alle: Adieu, Herr Meister!
VIII.
Bella: Hu! wie ist es heute kalt!
Anna: O, das ist gut, ich freue mich, nun haben wir bald Eis und Schnee. Glauben Sie, Herr Meister, daß wir morgen Eis und Schnee haben werden?
Herr Meister: Das kann ich Ihnen nicht sagen, mein Fräulein, wollen Sie so gerne Schneeball werfen?
Anna: O, nicht das, Herr Meister, aber ich möchte gerne im Schnee fahren. Wie heißt der Wagen ohne Räder, in dem man so schnell durch den Schnee fahren kann?
Herr Meister: Der Schlitten.
Bella: Mit Freunden in kalter, klarer Nacht, wenn die Sterne glitzern, beim Mondenlicht dahin zu gleiten auf dem weißen Grunde und nichts, nichts hören, als das Kling, Kling der Glocken, — das ist eine Freude, das ist schön, das ist herrlich (= sehr schön)!
Herr Meister: Finden Sie auch so große Freude am Schlittenfahren, Fräulein Anna?
Anna: Ja, Herr Meister! Das ..... wie nennen (= heißen) Sie das Ding von Stahl, das Sie unter die Füße binden, und womit Sie so schnell über das Eis gleiten?
Herr Meister: Das sind Schlittschuhe. Können Sie Schlittschuhe laufen?
Bella: Anna? Ja, Anna kann sehr gut Schlittschuhe laufen.
Anna: Schlittschuhe laufen und Schlittenfahren, das ist mein größtes Vergnügen (= Freude).
Otto: Nun begreife (= verstehe) ich, warum Sie den Winter so gerne haben, Fräulein Anna. Ich habe gestern an Sie gedacht.
Anna: Sie sind sehr gütig, Otto.
Otto: Sagten Sie nicht einmal, der Winter sei die schönste Jahreszeit?
Anna: So sagte ich, und heute muß ich dasselbe sagen.
Otto: Sehr wohl. Als ich gestern von Ihnen ging, dachte ich: Ich will noch ein wenig in den Park reiten. Mein Pferd wurde gesattelt, und bald war ich aus der Stadt, war allein mitten im Walde. Welche Luft (= Wind)! so frisch, ah — so rein; und mein Pferd trabte vorwärts, — vorwärts. Alles um mich war still, ruhig. Aber die Sonnenstrahlen fielen (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) auf die Erde, welche hier und da noch grünte, und das Blau des Himmels war heute klar und ruhig; keine Wolke stand am Himmel. Ich sah ihn (= den Himmel) über mir und sah ihn durch die Zweige der Bäume. Die Bäume, — da standen sie und hatten keine Blätter mehr; von dem starken Stamme gehen Äste nach allen Seiten, und die Äste gehen wieder in so viele, viele kleine Zweige, aber alles endet in Pyramidenform. Welche Symmetrie; ich bewundere die Schönheit des Baumes im Winter, wie ich sie bewundert hatte im Sommer. Ich war so glücklich! Mein braves Pferd trabte langsam weiter und ging nach meinem Willen; ich glaube, es verstand mich und meine Freude. Und ich sprach zu mir selbst: Die Natur ruhet (= rastet). Wie eine schöne junge Dame nach dem Balle, so hat die Natur nach dem Sommer ihr kostbares, grünes Gewand abgelegt und ruht; der frische Wind kühlt sie nun, bald wird sie schlafen im weißen Schneebette, — o, welche Schönheit!
Sie wird sich ausruhen, bis sie wieder stark ist, und schöner als zuvor wird sie dann erwachen zum neuen Frühling.
Wir hoffen, hoffen. Still, still, laßt sie schlafen. Kein Vogel singt, und das Reh eilt (= geht schnell) leise (= nicht laut) vorüber, still, laßt sie (= die Natur) schlafen, laßt sie schlafen.
Louis: Mein Bruder Otto spricht wie ein Poet. Nicht wahr, Fräulein Bella?
Bella: Ja wohl, und hat Illusionen wie ein Poet.
Herr Meister: »Illusionen wie ein Poet.« Wie soll ich das verstehen, Fräulein?
Bella: Ich bin oft durch Feld und Wald gegangen, habe weder im Sommer noch im Winter (= nicht im Sommer und nicht im Winter) dieses Wunderbare gesehen, von dem Freund Otto und die andern Herren Poeten so viel singen.
Otto: Aber, Fräulein Bella, Sie sind so ironisch!
Herr Meister: So sarkastisch, mein Fräulein? und Illusionen sagten Sie? Sehen Sie hier, mein Fräulein, sehen Sie unseres Freundes Ottos Augen, hören Sie seine Stimme; wie glücklich, wie glücklich er noch heute ist, wenn er an die frohe Stunde von gestern denkt. Wenn Illusionen so glücklich machen, so wünsche ich oft solche Illusionen zu haben. Aber, mein liebes Fräulein, waren es Illusionen? Sehen Sie hier. Da steht eine Statue der Venus von Medici, ich stehe davor und bewundere die Schönheit der Menschenfigur, und ich kann Stunden, Stunden da stehen und sie bewundern. Andere Personen gehen an dieser Statue vorbei — sie haben nichts gesehen, als den Marmor, und wollte ich mit ihnen von der Schönheit, von der wunderbaren Schönheit sprechen, sie würden mich ansehen, sie würden sich über mich wundern, aber verstehen würden sie mich nicht, sie würden vielleicht lächeln und sagen: »Illusionen, mein Herr, — Illusionen!« Aber es sind keine Illusionen! nein! Mein Auge ist offen und sieht und versteht das Schöne und erfreut sich am Schönen. Und die Poeten? Ihr Auge und ihr Ohr ist offen für das Schöne in der Natur. Mit ihrer feinern Organisation sehen und hören sie oft mehr, als wir, und verstehen besser die Harmonie in der Natur und den Willen des lieben Gottes, der alles, alles so geschaffen hat. In solchen Momenten ist der Mensch seinem Schöpfer (= Gott) näher (nah [= nicht weit], nah, näher, nächst), und in solchen Momenten ist der Mensch auch am glücklichsten; ist es nicht so, Otto?
Otto: Ganz gewiß, Herr Meister, so ist es, und ich danke Ihnen mit ganzem (= all) Herzen, daß Sie so warm für mich gesprochen haben gegen meine Feindin.
Bella: O, Otto, wie können Sie das sagen? Sie wissen, ich bin nicht Ihre Feindin, Otto!
Louis: Ich habe gestern auch viel Vergnügen gehabt. Ich war im Cirkus. Da habe ich Bären und Wölfe und Tiger und Elefanten und Löwen gesehen.
Anna: Löwen? Was sind das für Tiere?
Louis: Der Löwe ist größer als der Bär und größer als der Wolf und auch schöner. Der Löwe hat eine Mähne, große Augen und ist sehr stark, er ist der König von allen Tieren und kommt von Afrika.
Anna: Ich verstehe. Ich möchte auch in den Cirkus gehen.
Herr Meister: Aber Sie können nicht, mein Fräulein.
Anna: Warum nicht, Herr Meister?
Herr Meister: Ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, daß .....
Louis: »In der Zeitung,« was heißt das?
Otto: "The Evening Post" ist eine Zeitung. "The Tribune" ist auch eine Zeitung, und "The Herald" auch.
Herr Meister: Aber ich las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) keine von diesen Zeitungen, sondern die "Times."
Anna: Ich hörte meinen Vater sagen, daß "The London Times" die größte Zeitung in der Welt sei.
Herr Meister: So ist es auch. Die größte und vielleicht auch die beste Zeitung Deutschlands ist, »Die Neue Freie Presse« in Wien.
Bella: Ich habe geglaubt, daß "The New York Herald" die größte Zeitung der Welt sei.
Herr Meister: Vielleicht ist es so, ich weiß es nicht. Also, ich sagte, Fräulein Anna, Sie können nicht in den Cirkus gehen, denn ich habe in der Zeitung gelesen, daß gestern Nacht ein großes Feuer in dem Cirkus war.
Louis: Und die schönen Pferde? Und der Löwe? Und der Elefant?
Herr Meister: Die Pferde wurden aus dem Feuer gebracht und leben, auch der Elefant lebt und der Löwe, die andern Tiere aber sind alle, alle verbrannt.
Bella: O, das ist schrecklich!
Anna: O, die armen Tiere!
Herr Meister: Der Elefant hatte mit seinem langen Rüssel die Thüre geöffnet, und ruhig ging er auf die Straße und marschierte da auf und ab.
Louis: Der Elefant ist ein kluges Tier!
Herr Meister: Einer von den Löwen war aus dem Käfig gebrochen (ich breche, ich brach, ich bin gebrochen).
Anna: Käfig? Was ist das?
Herr Meister: Käfig ist das kleine Haus, in dem der Löwe ist. Ein Tiger war ebenfalls (= auch) los. Man fürchtete den Tiger am meisten und erschoß ihn, als er wild durch die Straßen rannte. Dasselbe wollte man mit dem Löwen thun, aber ein Wunder erhielt (ich erhalte, ich erhielt, ich habe erhalten) ihn am Leben.
Louis: Herr Meister, bitte, erzählen Sie uns alles, was Sie wissen.
Herr Meister: »Der Löwe ist los, der Löwe ist los,« so riefen viele Personen, und Männer rannten daher mit Pistolen und Flinten, den Löwen zu schießen. Da auf einmal kam eine junge, schöne Frau und rief laut: »Schießt nicht meinen Löwen, erhaltet mir meinen Löwen.« Sie war die Frau des Wärters.
Louis: Wärter?
Herr Meister: Wärter ist der Mann, der dem Löwen Fleisch bringt und Wasser und alles, was er braucht. Die Frau hatte den Löwen sehr lieb, denn sie hatte den Löwen gekannt, als er noch klein war und in ihres Vaters Haus gebracht wurde. Sie hatte mit ihm gespielt, wie mit einem kleinen Hund, und er war ihr treu, wie ein Hund; und nun wollten die Männer ihn schießen.
»Er thut euch nichts Böses, mein Löwe ist gut,« rief sie. »Bringt mir einen Käfig,« und man brachte einen (= Käfig). Die Frau kam dann mit ihrem Sohne, der neun Jahre alt war, und sie sagte zu ihm: »Nun spiele, mein Sohn, spiele deine Flöte!«
Anna: Was ist eine Flöte, Herr Meister?
Herr Meister: Eine Flöte ist ein Instrument. Im Orchester hat man Trompeten und Flöten, und die Schäfer in alten Zeiten hatten auch Flöten.
Anna: Ich danke Ihnen, Herr Meister, bitte, erzählen Sie nur weiter.
Herr Meister: Der Knabe begann seine Flöte zu spielen und ging langsam zum Löwen. Jetzt kam er zu ihm, die Männer hatten ihre Pistolen und Flinten bereit, aber der Knabe zog einen Dorn aus dem Fuße des Löwen und spielte dann seine Flöte weiter. Dann folgte der Löwe dem Knaben bis an den Käfig. Der Knabe ging in den Käfig, der Löwe folgte auch dahin. Schnell kam der Knabe aus einer kleinen Thüre an der andern Seite des Käfigs. Der Löwe aber war im Käfig.
Louis: O, das war gut.
Bella: Ich bin froh, daß ich es nicht gesehen habe.
Anna: Hier, Bella, fühle, wie mein Herz klopft. Hören Sie es (= mein Herz) nicht klopfen, Herr Meister?
Louis: Ich will antworten für Herrn Meister und sagen, das er nichts hört, nicht wahr? Ich sitze hier an Ihrer linken Seite, so nahe an Ihrem Herzen, und höre nichts, nichts.
Bella: In einem englischen Buche habe ich gelesen, daß in alten Zeiten oft Männer mit wilden Tieren in einer Arena gekämpft haben, und das Männer und Frauen daran ihre größte Freude hatten.
Herr Meister: Heute haben wir diese blutigen Spiele nicht mehr, wir gehen lieber in das Theater, in die Oper und in das Konzert.
Otto: Aber in Spanien und Mexico hat man noch heute Stierkämpfe, und Damen und Herren haben daran großes Vergnügen.
Herr Meister: Haben Sie das Gedicht von Schiller »Der Handschuh« gelesen? Nicht? Ich will Ihnen davon erzählen.
König Franz saß in seinem Löwengarten, um den Kampf zwischen Löwen und Tigern und Leoparden anzusehen. Die besten Ritter standen bei ihm, und die schönsten Damen saßen auf dem Balkone. Da winkte der König mit dem Finger, und aus einem Käfig kam ein großer Löwe. Der ist verwundert über alles, was er sieht, — ist still und legt sich nieder in der Mitte der Arena. Der König winkt wieder, und aus einem zweiten Käfig springt ein Tiger. Wie er den Löwen sieht, beginnt er zu murren und in weitem Kreise (= Zirkel) geht er um den Löwen, er fürchtet sich und legt sich zur Seite nieder. Auf den dritten Wink des Königs kamen zwei Leoparden. Sie erschauen (= sehen) den Tiger, springen wild auf ihn zu, und Tiger und Leoparden wollen kämpfen, da steht der Löwe auf und brüllt laut. Die Bestien gehen zurück, sie fürchten ihren König, den Löwen.
Da fällt von dem Balkone ein Handschuh von der schönen Hand einer Dame. Alle sehen es. Und zu Ritter Delorges spricht Fräulein Kunigunde mit feinem Lächeln: »Herr Ritter, wenn Ihr mich liebet, so wie Ihr mir saget, ei, so bringt mir den Handschuh.«
Und der Ritter bringt aus der Mitte der Bestien den Handschuh. Alle erstaunen und rufen: »Das ist ein braver, tapferer Ritter!« Und Fräulein Kunigunde? Sie sieht auf den Ritter mit Bewunderung und Liebe. Sie will ihm danken. Aber er sagt: »Den Dank, Dame, begehr (= will) ich nicht,« und verläßt sie zur selben Stunde.
Anna: »Und verläßt sie.« Was ist das?
Herr Meister: Der Ritter ging von ihr und kam nie zurück.
Anna: Da war Fräulein Kunigunde aber traurig, nicht wahr?
Louis: Ja, ich glaube sehr.
Bella: Nein, Louis, das glaube ich nicht, denn sie hatte kein Herz, und ein Ritter wie Delorges war zu gut für sie.
Anna: Louis, glauben Sie, daß ein Ritter unter Löwen und Tiger geht? Fürchtet er die Bestien nicht?
Louis: Fürchten? Nein, Anna. Ein guter Ritter fürchtet nichts, das glaube ich; — und ich weiß, ich würde für Sie auch unter Löwen und Panther gehen, o ja, Anna, ganz gewiß.
Anna: O, Louis! Aber ich will nicht, daß Sie es thun.
Herr Meister: Sie haben ein gutes, fühlendes Herz, mein liebes Fräulein! Soll ich Ihnen den Namen einer deutschen Frau nennen, die ein großes, edles (= nobles) Herz hatte, die ein edles, treues Weib war, eine gute, treue Mutter?
Anna: Bitte, Herr Meister!
Herr Meister: Luise, Königin von Preußen.
Bella: Den Namen will ich mir aufschreiben.
Herr Meister: Thun Sie das. Königin Luise — o, was für ein Weib war sie! In ihrer Zeit war Napoleon Herr in Europa, und Europa fühlte seine Hand, besonders aber Preußen und Preußens König. Da war diese Königin Luise, ein schwaches Weib, stärker als alle, weiser als alle. Sie war, wie ein strahlender (= scheinender) Stern in der Nacht. Ein helfender Engel war sie allen; ihrem Gemahl war sie stets zur Seite, im Kabinet und in der Schlacht (= Kampf). Wundern Sie sich, daß sie geliebt wurde vom deutschen Volke, daß das deutsche Volk noch heute sie verehrt, liebt und achtet? Wundern Sie sich, daß die Söhne von einer solchen Mutter gut und groß werden, wie Kaiser Wilhelm es ist?
Bella: Ist Kaiser Wilhelm ihr Sohn?
Herr Meister: Ja, Kaiser Wilhelm ist ihr Sohn. Kaiser Wilhelm ist heute mehr als achtzig Jahre alt, und noch denkt er, wie ein Kind mit liebevollem Herzen, an seine Mutter, und sagt, daß das Andenken (ich denke an) an seine große Mutter ihm Mut und Stärke gegeben in den schwersten Tagen seines Lebens. O, meine Freunde, in den Händen von guten Frauen liegt (= ist) oft das Wohl und Wehe von vielen, vielen Menschen. Unser größter Poet in der alten deutschen Litteratur sagt: »Die Frauen bringen den Menschen von der Hölle zum Himmel,« und Goethe endet sein großes Poem »Faust« mit den Worten:
»Das ewig Weibliche zieht uns hinan.«
»Das ewig Weibliche,« das ist: was ewig gut ist in dem Weibe, — und das ist es, was uns zum Guten bringt, zum Himmel, zu Gott.
Bella: Herr Meister, ich will »Faust« auch lesen, ich habe schon so viel davon (= von »Faust«) gehört.
Otto: Ich habe »Faust« gelesen.
Herr Meister: Im Deutschen, Otto?
Otto: Nein, Herr Meister, im Englischen von Bayard Taylor.
Louis: Bayard Taylor? Das ist ja unser Minister in Deutschland.
Herr Meister: »Minister.« Wir brauchen das Wort »Gesandter« dafür. Präsident Hayes hat ihn nach Deutschland gesandt (ich sende, ich sandte, ich habe gesendet). Bayard Taylor war der amerikanische Gesandte in Deutschland.
Otto: Wissen Sie, Herr Meister, daß Bayard Taylor auch groß geworden ist durch die Frauen?
Herr Meister: Das weiß ich nicht, Otto. Ich habe großes Interesse für Bayard Taylor, und ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir von ihm erzählen wollten.
Otto: Ich glaube, Bayard Taylor war nicht älter als zwanzig Jahre, da liebte er eine junge Dame mit seinem ganzen Herzen (ganz = all), und sie wurde sein Weib, aber wenige Minuten vor ihrem Tode.
Bella: Ach!
Louis: Das ist aber sehr traurig.
Otto: Bayard Taylors Schmerz (= Leid) war groß, sein Herz war krank, er suchte Heilung und wanderte durch viele Länder und schrieb seine ersten Bücher.
Anna: Hat Bayard Taylor nicht wieder (= mehr) geheiratet?
Otto: O ja. Seine zweite Frau ist eine Deutsche, die Tochter eines Professors der Astronomie in Jena. Bayard Taylor sagte einmal von ihr (= von seiner Frau) vor vielen Leuten: »Das Gute, das ich geschrieben habe, danke ich meiner Frau.«
Herr Meister: Wissen Sie, was Richard Wagner einst gethan (hat)? (ich thue, ich that, ich habe gethan.)
Otto: Was, Herr Meister?
Herr Meister: Als im Jahre 1876 das große Singspiel »die Nibelungen« zum ersten Male gespielt wurde, im neuen Theater in Baireuth, da saßen die größten Musiker, Sänger, Schriftsteller (= Autoren), bei einem Bankett. [Abbé][VIII-1] Liszt stand auf (ich stehe auf, ich stand auf, ich bin aufgestanden), in seiner Hand hielt (ich halte, ich hielt, ich habe gehalten) er einen goldnen Kranz und sprach lange zum Dichter-Komponisten Wagner und endete dann so: »Diesen Kranz sendet Ihnen Italien,« und Liszt setzte den Kranz auf den Kopf des glücklichen Mannes. Dieser aber nahm den goldnen Kranz und setzte ihn auf den Kopf seiner Gemahlin mit den Worten: »Was ich Gutes geschrieben, das danke ich ihr. Sie habe den Kranz!«
Aber nun wollen wir nach Hause gehen. Adieu, meine Freunde!
Alle: Adieu, Herr Meister!
IX.
Bella: Als wir gestern Abend nach Hause kamen, fanden wir Ihre Visitenkarten, Otto und Louis. Wir bedauerten sehr, Ihren angenehmen (= lieben) Besuch verfehlt zu haben.
Otto: Ja, meine Damen, wir waren gestern Nachmittag bei Ihnen, um Sie einzuladen, mit uns in den Park zum Schlittschuhlaufen zu gehen.
Louis: Ach, das Eis ist wunderschön, nicht wahr, Otto? Wir trafen (= ich finde, ich treffe, ich traf, ich habe getroffen) auch Ihre beiden Töchter dort, Herr Meister, und wir hatten viel Vergnügen.
Herr Meister: Ja, so erzählten mir meine Töchter; ich hörte sie auch zu ihrer Mutter sprechen: »Mama, die jungen Herrn Parks und ihre Freundinnen müssen auch zu unserm Balle kommen, nicht wahr, Mama? Die jungen Herren sind allerliebst.« Nun, meine Freunde und Freundinnen, müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie bald eine Einladung erhalten. Aber Sie dürfen (= müssen) meinen Töchtern nicht sagen, daß ich Ihnen alles zuvor verraten habe.
Louis: O, gewiß nicht, Herr Meister, aber ich verstand nicht alles, was Sie gesagt haben. Sie sagten: »Sie werden eine Einladung erhalten.« Was ist das?
Herr Meister: Sie werden bald ein kleines Billet erhalten, mit den Worten:
»Herr und Frau Meister senden ihre besten Empfehlungen und bitten Herrn Louis Parks, ihnen das Vergnügen zu machen, Mittwoch, den 10ten Dezember zu ihrer Abendgesellschaft zu erscheinen (= kommen).
New York, den 3ten Dezember 1878.
U. A. w. g.«
Sie werden nun verstehen, daß wir uns freuen werden, Sie in unserem Hause zu sehen.
Louis: Ich danke Ihnen, Herr Meister, das verstehe ich sehr gut, aber was bedeutet das Wort »allerliebst«?
Herr Meister: »Allerliebst,« das ist ein Wort, das junge Damen sehr oft brauchen, wenn sie sagen wollen: »Das ist schön.«
Otto: Und was bedeuten die letzten Buchstaben: »U. A. w. g.«?
Herr Meister: (»U.«) Um (»A.«) Antwort (»w.«) wird (»g.«) gebeten.
Anna: Das heißt: Sie wünschen Antwort?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Aber junge Damen lesen es nicht so, sie sagen dafür:
»Und« »abends« »wird« »getanzt.«
Anna: Ah, das ist sehr schön!
Bella: Aber das ist nicht die rechte Bedeutung.
Herr Meister: Nein, und ältere Herren sagen: »Und« »abends« »wird« »getrunken« (ich trinke Wein).
Bella: Und was sagen die älteren Damen?
Herr Meister: »U. A. w. g.« Und abends wird geplaudert (= gesprochen).
Bella: Das sind sehr feine Erklärungen, Herr Meister, aber ich wollte Sie noch fragen: Wird auch der Kotillon bei Ihnen getanzt werden?
Herr Meister: Ich [glaube][IX-1] es, mein Fräulein.
Louis: Ist »Kotillon« ein Tanz?
Anna: O, Louis! Das wissen Sie nicht? Der Kotillon ist ein sehr schöner Tanz, nicht wahr, Bella?
Bella: Gewiß, Louis. Der Kotillon ist mein liebster Tanz, und ich weiß, er wird auch Ihnen gut gefallen.
Louis: Wo waren Sie gestern Nachmittag, Fräulein Anna?
Anna: Ah, Louis ist neugierig!
Louis: Neugierig, ich bin neugierig, was meinen Sie damit?
Anna: Ich meine: Sie wollen gerne alles Neue wissen, aber ich sage es Ihnen nicht, mein geehrter Herr, erraten Sie, erraten Sie!
Louis: O, Fräulein Anna! Ich kann Sie ja nicht mehr verstehen, wo lernen Sie denn alle diese neuen Wörter, die ich nie gehört habe, »erraten Sie,« ich weiß nicht, was Sie meinen.
Anna: »Erraten Sie,« das ist: »denken Sie,« »finden Sie,« und sagen Sie mir, wo ich gestern Nachmittag war, und wenn Sie das erraten haben, so werden Sie auch wissen, warum ich so viele neue Wörter weiß.
Louis: Sie waren im Park?
Anna: Nein, mein Herr!
Louis: Sie waren in Herrn Meisters Haus?
Anna: Nein, mein Herr!
Louis: Dann waren Sie bei Bellas Freundin, bei Frau Dr. Stellen im Hotel.
Anna: Das ist es, das ist es! geraten!
Otto: Da haben Sie gewiß viel Schönes gehört.
Bella: Wir erzählten der Frau Doktor alles, was wir bei Ihnen gehört hatten, Herr Meister, über die Königin Luise, und unsere Freundin sagte: »Sie war so gut, diese Königin Luise, so gut, wie ein Engel;« und dann sprach sie von ihrem (= Luisens) Marmorbilde im Mausoleum in Charlottenburg. Haben Sie es auch gesehen, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Es sind nun viele Jahre, da ging ich an einem Nachmittag im Sommer von Berlin durch den Tiergarten und kam bald nach Charlottenburg in den königlichen Park. Ganz am Ende im Schatten der hohen Bäume stand eine Kapelle. Ich trat ein (ich trete ein, ich trat ein, ich bin eingetreten), ein mildes blaues Licht fiel auf eine Figur, die schlief so ruhig, so sanft auf ihrem Bette. Mir wurde selbst so wohl, so ruhig im Herzen, ich mußte die Hände falten und beten. Ich stand vor dem Marmorbild der Königin Luise. An ihrer linken Seite ist das Marmorbild ihres Gemahls, des Königs Friedrich Wilhelm III., ebenfalls (= auch) schlafend auf dem Bette. Beide Bilder sind von dem großen Künstler Rauch gemacht.
Louis: Anna, was hat Ihnen Ihre Freundin noch mehr gesagt?
Anna: Ah, Louis, Sie sind heute sehr neugierig.
Herr Meister: Entschuldigen Sie, mein Fräulein. Hier muß ich für meinen Freund Louis sprechen. Dieses Mal können Sie nicht sagen, daß Louis neugierig ist, er ist nicht neugierig, sondern wißbegierig. Louis möchte gern viel wissen, viel lernen; darum fragte er dieses Mal. Neugierde ist nicht gut, aber Wißbegierde ist gut.
Anna: Entschuldigen Sie mich, Louis. Bitte.
Louis: Wohl, ich will Sie entschuldigen, und ich will nicht böse mit Ihnen sein, wenn Sie alles erzählen wollen, was Sie gestern von Ihrer Freundin gehört haben.
Bella: Thue es, Anna.
Anna: Sehr gern. Unsere Freundin erzählte uns eine Geschichte, die mir sehr gut gefallen hat. Es ist die folgende Geschichte:
»Wer von den Rittern und Knappen will mir meinen goldenen Becher wieder bringen? Ich werfe ihn in dieses Meer.« So rief der König und warf den Becher in den wilden Ocean. Aber Ritter und Knappen waren still, und der König fragte wieder: »Ist keiner unter euch so mutig?« Die Ritter blieben still. Da kam einer von den Knappen; es war ein schöner Jüngling, er warf den Mantel ab und sprang in die Tiefe. Und alle, der König und die Ritter und die Edelfrauen sahen nach dem Wasser, und alle hofften, ihn wieder zu sehen. Und er kam wieder, und in der Hand hielt (ich halte, ich hielt, ich habe gehalten) er den Becher und gab ihn (= den Becher) dem Könige. Der füllte (ich fülle, ich füllte, ich habe gefüllt) ihn mit Wein. Der Knappe trank und rief: »Lange lebe der König! O, freut euch alle, daß ihr seid in dem wundervollen Lichte der Sonne, denn da unten in der Tiefe ist es fürchterlich! Ich sprang in das Meer und sank (ich sinke, ich sank, ich bin gesunken) tiefer und tiefer. Da sah ich Korallen; die erfaßte (ich erfasse, ich erfaßte, ich habe erfaßt) ich, und da hing ich. Da war auch der Becher, und um mich schwammen des Meeres Bewohner, die kleinen Fische und die großen. Da kam ein großer, schrecklicher Fisch auf mich zu; ich rief zu meinem Gotte um Hilfe, ließ die Koralle los, ein Wirbel erfaßte mich und brachte mich nach oben. So bin ich hier.«
Und der König sprach: »Der Becher ist dein, und diesen Ring gebe ich dir auch, wenn du wieder hinabspringst in das Meer, und mir sagst, was du sahest auf dem Grunde.« Aber des Königs Tochter, die schöne Prinzessin, sprach zum Vater: »O mein Vater! Laß nicht ihn hinabspringen! Hier, hier sind so viele tapfere Ritter; mag einer von diesen es thun.« Der König aber sagte: »Sieh, edler Jüngling! meine Tochter, die hier für dich bittet, soll heute noch dein Weib werden, wenn du wieder hinabspringst und mir sagst, was du sahst auf dem Grunde des Meeres.« Der Knappe sah das wilde Meer, dachte an die schreckliche Tiefe, aber er sah auch die schöne Prinzessin und sprang in die Tiefe. Wieder warteten alle, und warteten lange, lange; konnten nicht länger warten und gingen. Eine allein stand noch am Meere und wartete. Welle auf Welle kam. Zwei schöne Augen sahen auf alle und hofften; der Jüngling kam nicht mehr.
Louis: Diese Erzählung ist wunderschön; ich danke Ihnen vielmal, Fräulein Anna.
Otto: Ist diese Erzählung nicht aus Schillers Gedicht: »Der Taucher«?
Herr Meister: So ist es. Wir müssen bald beginnen, Gedichte von Schiller zu lesen.
Bella: Können wir das bald, Herr Meister?
Herr Meister: Gewiß, meine Freundin.
Bella: O, wie ich mich freue! Aber, Herr Meister, wollen Sie uns entschuldigen, wenn wir heute eine Viertelstunde (= 15 Minuten) früher gehen? Unsere Freundin, meine Schwester und ich wollen heute vieles einkaufen.
Herr Meister: Ah, wir haben bald Weihnachten.
Anna: Wir wollen heute eine Schlittenpartie machen.
Herr Meister: Gewiß, meine Damen, gehen Sie. Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden. Halt! Ich habe hier eine Idee. Wenn Sie heute Abend zu Hause sind, meine Freunde, dann denken Sie nach über diesen Satz: »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und sagen Sie mir morgen, wie viele Sätze Sie aus diesem einen Satze machen können.
Otto: Das ist ein guter Gedanke (= Idee). Meine Damen, ich wünsche Ihnen viel Vergnügen.
Anna und Bella: Ich danke. Adieu, meine Herren!
Louis: Auf morgen, meine Damen, auf morgen.
X.
Alle: Guten Tag, Herr Meister.
Louis: Wie geht es Ihnen?
Herr Meister: Danke, sehr gut; und wie geht es Ihnen, meine Freunde?
Bella: Danke, wir sind sehr wohl. Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?
Herr Meister: Danke, sie befindet sich ebenfalls sehr wohl.
Otto: Und Ihre Fräulein Töchter?
Herr Meister: Danke, danke, alle sind wohl. Sie haben jetzt alle Hände voll zu thun. Sie wissen ja, die Gesellschaft und dann die Weihnachten.
Louis: Es ist gut, daß Sie mir gestern erklärt haben, was eine Einladung ist. Ich habe eine Einladung erhalten, zu Ihrer Gesellschaft zu kommen, und mein Bruder Otto ebenfalls.
Anna: Und ich und Bella auch. Ach, wie ich mich freue!
Otto: Meine Damen, hatten Sie gestern eine vergnügte Schlittenfahrt?
Bella: Es war sehr kalt, aber recht schön.
Louis: Ich sah Sie an mir vorüberfahren; ich nahm meinen Hut ab und grüßte (= ich sagte: Guten Tag), aber Sie sahen mich nicht.
Anna: O, das thut mir leid.
Louis: Ja, es that mir auch leid.
Anna: Wie kam das doch, daß ich Sie nicht bemerkt (= gesehen) habe?
Louis: Sie sprachen mit einer Dame.
Anna: Das war unsere Freundin.
Louis: Was Sie sprachen, muß sehr interessant gewesen sein. Ich sah es an Ihrem Gesicht.
Bella: Sie beobachten (= sehen) aber sehr scharf (= gut), Freund Louis.
Anna: Worüber sprachen wir doch, Bella?
Bella: Über die Weihnachten und über den Weihnachtsbaum.
Anna: O ja, das war sehr interessant.
Herr Meister: Das glaube ich.
Louis: »Weihnachtsbaum,« was für ein Baum ist das?
Herr Meister: Das ist der Baum, der alle Herzen mit Freude erfüllt, die Alten jung macht und den Jungen das größte Glück bringt. Er giebt Licht und Gold und die süßesten Früchte und alles, was Menschen nur wünschen.
Louis: Das ist ja ein wunderbarer Baum.
Herr Meister: Aber er ist nur an einem Tage im Jahre, an Weihnachten; am nächsten Morgen ist er wieder leer.
Louis: O, nun verstehe ich. Sie sprechen von dem »Bäumlein,« das andere Blätter gewollt.
Herr Meister: Nun wohl, das ist der Baum. Aber der Baum steht nicht im Walde, im kalten Wetter, sondern in der warmen Stube. Ich will deutlich (= klar) mit Ihnen sprechen. Sie wissen, wann Weihnachten ist, Louis. Nicht wahr?
Louis: Ja, am fünfundzwanzigsten Dezember.
Herr Meister: Sehr wohl. Wochen vorher (= bevor) denken Mutter und Kinder an diesen Tag. Die Töchter sitzen in ihrem Zimmer und arbeiten etwas für den Vater und für die Mutter und studieren mit dem kleinen Bruder und mit der kleinen Schwester ein kleines Gedicht. Und die Mutter! Ach, die Mutter hat viel, viel zu thun, sie muß von einem Laden zum andern gehen.
Louis: Was ist das »Laden«?
Otto: Ein Laden ist ein Haus, in dem man Ware kaufen kann. In einem Schuhladen kauft man Schuhe, in einem Papierladen Papier und in einem Buchladen Bücher.
Louis: Danke, ich verstehe.
Herr Meister: Sie muß von einem Laden in den andern gehen und muß so vieles kaufen für die großen Töchter und Söhne und so vieles für die kleinen. Da hat sie Sorgen, aber es sind liebe Sorgen. Und dann kommen die Pakete nach Hause, und die Kleinen sind neugierig und möchten wissen (= ich weiß), was darin ist. Aber die Mutter sagt freundlich: »Nichts für euch, meine Lieben. Nichts für euch.« Und dann fragen die neugierigen Kleinen lachend: »Wann ist Weihnachten, liebe Mama? Haben wir dieses Jahr einen Weihnachtsbaum?« Und dann sagt die Mutter: »Ich weiß nicht, meine lieben Kinder, ob der Weihnachtsmann, das ist Sankt Klaus, dieses Jahr kommen wird.« »O Mama,« rufen die Kleinen, »wird der Weihnachtsmann kommen, o gute, liebe Mama, laß ihn kommen, laß ihn kommen.« »Ich glaube,« sagt die Mutter, »der Weihnachtsmann wird kommen und wird auch viel Schönes mitbringen, — wenn ihr immer gut seid und brav.« Alle Tage nun sagen die Kleinen:
»O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Komm doch zu uns herein!
Wir bitten dich so lange schon,
Wir Kinder groß und klein.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Vergiß nicht unser Haus.
Und schütte deinen Weihnachtssack
Auf unser Tischchen aus.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Vergiß den Baum auch nicht
Mit Äpfeln, Nüssen, Zuckerwerk
Und manchem hellen Licht!
Wir wollen auch recht artig
Und folgsam immer sein.
O lieber, guter Weihnachtsmann,
Komm doch zu uns herein!«
Und der Weihnachtsabend kommt. Und die kleinen und großen Kinder sitzen alle zusammen in ihrer Stube und warten, bis die Mutter sie ruft. »Jetzt kommt Mama!« sagt der eine. Aber es war nicht die Mama, es war der Diener. »Jetzt aber kommt sie!« ruft ein anderer Ungeduldiger wieder. Aber es war eine andere Person. Da, — jetzt wird die Thür zur besten Stube geöffnet, und ein »Ah« kommt von den Lippen der Kinder. Sie sehen den Weihnachtsbaum in vollem Lichte.
»Das hat der Weihnachtsmann gebracht für meine guten Kinder,« sagt die Mutter, und die guten Kinder küssen Vater und Mutter, Großvater und Großmutter vor Freude. »O wie schön! wie schön!« rufen alle. »Sieh, sieh, was ich habe!« ruft der eine, und »O, sieh, was ich habe!« ruft der andere.
Draußen fällt der Schnee, und es ist bitterkalt, und der Wind bläst. Hier aber im warmen Zimmer scheint der Weihnachtsbaum in vielen, vielen kleinen Flammen und bringt Freude und Harmonie. Die große Schwester geht zum Piano und spielt, und alle singen:
Das Lied ist nun zu Ende. Der Jüngste sitzt (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) auf Großpapas Schoß, und die Großmama erzählt von Jesus Christ, der das Heil in die Welt gebracht (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht). Alle hören, sind froh und glücklich. Hier ist ein Paradies auf Erden.
Bella: O, nun begreife (= verstehe) ich die Begeisterung (= Enthusiasmus), mit welcher unsere Freundin vom Weihnachtsbaum sprach.
Anna: Bella, wir wollen in diesem Jahre auch einen Weihnachtsbaum haben, und wir laden alle unsere guten Freunde ein.
Bella: Ihr Bruder Albert wird in Berlin viele Weihnachtsbäume sehen können.
Herr Meister: Gewiß. Wenn Sie am Christabend (oder Weihnachtsabend, das ist dasselbe) durch die Straßen Berlins gehen, dann ist es so hell, wie bei einer Illumination. Das kommt von den Lichtern an den Weihnachtsbäumen. Sie haben mir lange nichts erzählt von Ihrem Bruder Albert.
Louis: Ich glaube, mein Bruder wird (= will) mir nicht schreiben, bevor ich seinen deutschen Brief mit einem andern deutschen Briefe beantwortet habe, und ich kann noch keinen guten deutschen Brief schreiben.
Herr Meister: Wohl, mein Freund, wohl können Sie nun einen guten deutschen Brief schreiben. Versuchen Sie es zu Hause.
Louis: »Versuchen Sie es.« Was meinen Sie mit dem Wort »versuchen«?
Herr Meister: Ich meine, daß Sie zu Hause Feder und Papier nehmen und beginnen sollen, einen Brief zu schreiben. Sie werden sehen, es wird gut gehen.
Louis: Wohl, Herr Meister. Ich will es versuchen. Ich habe auch gestern Abend versucht, Sätze zu bilden aus dem einen Satze, den Sie uns gegeben haben, und ich habe hier .....
Bella: O, Anna, das haben wir vergessen!
Anna: Entschuldigen Sie uns, Herr Meister. Sie wissen (ich weiß, Sie wissen), wir haben so viel zu thun für Weihnachten. Wir müssen an den Weihnachtsbaum denken, an die Einladung, an die Gesellschaft und noch viele andere Dinge.
Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein, ich begreife das sehr wohl. Nun, Louis, lassen Sie hören.
Louis: Sie sagten, Herr Meister: 1) »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden.« Ich habe so geschrieben:
2) Daß Sie schönes Wetter haben werden, hoffe ich;
dann habe ich:
3) Ich hoffe, Sie werden schönes Wetter haben.
4) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe so.
5) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe es.
6) Sie werden schönes Wetter haben; das hoffe ich.
7) Sie werden, ich hoffe, schönes Wetter haben.
8) Sie werden, so hoffe ich, schönes Wetter haben.
9) Sie werden, ich hoffe es, schönes Wetter haben.
Mehr Sätze, Herr Meister, konnte ich nicht finden.
Bella: Das haben Sie sehr gut gemacht, Louis. Nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ganz gewiß. Ich stimme mit Ihnen überein (= ich denke, so wie Sie). Haben Sie dieselben Sätze, Otto?
Otto: Ja wohl, Herr Meister, und noch einige mehr. Ich habe: 10) Sie werden hoffentlich schönes Wetter haben, und: 11) Hoffentlich werden Sie schönes Wetter haben.
Louis: Diese Sätze konnte ich nicht finden. Ich glaube, diese sind die besten von allen. Herr Meister, können Sie noch einige finden?
Herr Meister: Lassen Sie mich eine Minute denken. So: »Ich habe die Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und: »Ich bin der Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden.« Aber diese Sätze sind nicht so gut, wie Ottos.
Bella: Ich glaube, es wird sehr gut für uns sein, oft solche Sätze umzuschreiben.
Herr Meister: Das denke ich auch.
Louis: Herr Meister, wollen Sie schon gehen?
Herr Meister: Ich muß. Ich kann heute nicht länger das Vergnügen haben, mit Ihnen zu sprechen.
Louis: Haben Sie denn auch so viel zu thun, Herr Meister?
Herr Meister: Sehr viel, Louis, sehr viel. Darum sage ich Adieu bis auf morgen.
Alle: Auf Wiedersehn!
XI.
Bella: Herr Meister, ich möchte Sie etwas fragen.
Herr Meister: Bitte, mein Fräulein, ich werde Ihnen mit Vergnügen antworten.
Bella: Ich habe bei meiner deutschen Freundin dieses Zeichen
Herr Meister: Ich vermute (= ich denke), der Gemahl Ihrer deutschen Freundin ist ein Turner, und dieses Zeichen hier ist das Zeichen, das alle Turner haben und lieben; es ist ein vierfaches F; des Turners Motto hat viermal F, und es heißt: Frisch, Frei, Froh, Fromm.
Sei frisch in der That,
Sei frei im Denken,
Sei froh im Sinn und
Sei fromm. Bete zu Gott und thue seinen Willen.
Anna: Das ist ein schöner Spruch (sprechen, Spruch).
Herr Meister: Nicht wahr? Aber was haben Sie denn, Louis?
Bella: Warum lächeln Sie so, Louis?
Anna: Louis, Sie müssen nicht leise mit Ihrem Bruder sprechen, wenn wir hier sind. Sprechen Sie laut, bitte.
Otto: Ich werde Ihnen sagen, warum mein Bruder lachte und leise mit mir sprach. Er hat wieder einen deutschen Brief von unserm Bruder Albert in Berlin.
Louis: Ja, denken Sie, wie merkwürdig (= wunderbar), Fräulein Anna. Gestern noch sagte ich Ihnen: »Ich glaube, mein Bruder ist böse mit mir, weil ich seinen deutschen Brief noch nicht beantwortet habe,« und als ich nach Hause kam, sagte mir Mama: »Louis, ich habe hier einen Brief für dich von unserm Albert, ich kann ihn nicht lesen, er ist deutsch. Sieh, ob du ihn verstehen wirst.« »O, Mama,« sagte ich, »ich verstehe jetzt alles im Deutschen.« Ich nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) den Brief, las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) ihn und verstand ihn, und sagte alles meiner lieben, guten Mama im Englischen.
Herr Meister: Ich freue mich sehr, das zu hören.
Louis: Aber ist es nicht wunderbar, daß er in diesem Brief auch von den Turnern spricht?
Bella: Von Turnern?
Louis: Ja, darum habe ich ja so gelacht, als Sie mit Herrn Meister über »Turnen« sprachen.
Herr Meister: Hier würde ich nicht das Wort »wunderbar« gebrauchen, sondern »merkwürdig«; in der That ist es merkwürdig, daß Sie gestern von Ihrem Bruder sprachen und dann einen Brief von ihm vorfanden, als Sie nach Hause kamen; und ebenso merkwürdig ist es, daß er über Turnen spricht. Ich möchte wohl hören, was er schreibt.
Louis: Ich werde Ihnen den Brief vorlesen, wenn Sie es wünschen.
Alle: Bitte, bitte!
Louis (liest):
Teuerer Bruder Louis!
Ich habe Dir am sechsten September einen deutschen Brief geschrieben, und ich habe heute noch keine Antwort. Wie kommt das? Papa schreibt mir, Du studierst Deutsch. Kannst Du noch nicht Deutsch schreiben? Ich hoffe, Du bist so wohl, wie ich bin. Wir Studenten haben jetzt vier Wochen Ferien, das ist, wir sind vier Wochen frei und brauchen nicht zur Universität zu gehen. Professoren und Studenten wollen Weihnachten feiern.
Hier schicke ich Dir meine Photographie. Du wirst Dich wundern, mich im Winter in Kleidern von weißem Linnen zu sehen und fragen: »Ist es im Dezember in Berlin so warm, daß die Leute in weißem Linnen gehen?«
O, mein Freund, es ist hier sehr kalt, so kalt wie in New York. Der Wind bläst durch die Straßen, und der Schnee liegt zwei Fuß hoch. Nicht alle Leute gehen jetzt in Linnen. Auch ich gehe nicht immer so, nur einmal in der Woche, am Mittwoch Abend von acht Uhr bis zehn; — dann bin ich in der Turnhalle, denn ich muß Dir nur sagen, ich bin in einem Turnklub oder einem Turnvereine. Mittwoch Abend bin ich in der Turnhalle, und habe Gymnastik. O, wie ist das schön, mein lieber Louis, mit hundert, oft zwei hundert Männern nach der Musik zu marschieren oder springen. Wir laufen, schwingen, fechten, boxen und tanzen; kurz, wir thun alles, was uns stark und gesund macht. Ah, seitdem ich turne, befinde ich mich wohl. Du weißt ja, ich war früher in New York oft sehr nervös. Seitdem ich Turner bin, bin ich frisch und wohl, bin immer fröhlich und studiere mit Freude. Hier in Deutschland ist das Turnen an allen Schulen obligatorisch; das heißt: In allen Schulen muß geturnt werden, und alle Schüler müssen so gut turnen lernen, wie schreiben und lesen. Ist das nicht schön? Ich meine, gewiß Ludwig Jahn war ein weiser Mann. Du mußt nämlich wissen, Ludwig Jahn hat zuerst das Turnen begonnen mit wenigen Schülern hier in Berlin im Jahre 1811, und heute haben wir Turnhallen in ganz Deutschland, und viele tausend Studenten ehren (= respektieren) den »Turnvater« Jahn. Aber ist es nicht traurig, daß es so oft den Männern schlecht geht, die der Welt Gutes thun? So ging es Columbus, so ging es Galilei, so ging es Johann Gutenberg, dem Erfinder der Buchdruckerkunst, so ging es Schiller und auch dem Turnvater Jahn. Warum sind die Menschen (= Leute) so undankbar gegen die Männer, die ihnen Gutes thun? Nach dem Tode, ja nach dem Tode ehrt man die großen Männer, aber erst nach dem Tode! Da ich vom Traurigen spreche, so will ich Dir auch mitteilen (= schreiben), daß Bayard Taylor, der amerikanische Gesandte, der Schriftsteller (= Autor), Poet und Reisende, tot ist. Alle Amerikaner Berlins waren an seinem Sarge. Tausende von Menschen waren da, und auch die besten Schriftsteller Deutschlands, wie Berthold Auerbach, Paul Lindau, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen und Julius Rodenberg. Berthold Auerbach, ein persönlicher Freund von Bayard Taylor, sprach wunderschön an seinem Sarge. Ich sehe, Deutschland fühlt den Verlust des Mannes so tief wie Amerika und trauert.
Bei meiner Photographie in diesem Briefe ist noch eine andere, die Photographie einer alten Burg (= das Kastell), »die Wartburg.« Am elften August dieses Jahres war der hundertjährige Geburtstag unseres Turnvaters Jahn, und die Turnvereine Deutschlands machten eine Exkursion oder Turnfahrt nach der Wartburg. Warum die deutschen Turner gerade nach dieser alten Burg gehen, würdest Du wohl verstehen, wenn Du die Rede meines Freundes Heinrich gehört hättest. Ich schreibe Dir das, was ich heute noch weiß. Mein Freund begann so:
»Turnbrüder, Freunde! Aus allen Enden unseres schönen, deutschen Vaterlandes sind wir heute hierher gekommen, um ein Fest zu feiern: den hundertjährigen Geburtstag unseres Turnvaters Jahn. Warum, meine Brüder, kommen wir hier zusammen, in dieser alten, alten Burg? Weil dieser Ort (= der Platz) allen Deutschen so teuer ist, so teuer sein muß; und wie Gott einst zu Moses sprach, so will ich zu Ihnen sprechen: Nehmet eure Schuhe von euren Füßen, denn das Land, auf dem ihr steht, ist heilig. Dieses Thüringen, meine Brüder, dieses Thüringen ist heilig; der Boden, auf dem ihr steht, ist heilig, und die Steine, die ihr hier seht, sind heilig. In dieser Burg lebte die heilige Elisabeth; hier lebten und dichteten (= schrieben die Gedichte) die großen Poeten unserer alten deutschen Litteratur; hier schrieb [Walther][XI-1] von der Vogelweide seine schönen Lieder; hier lebte Wolfram von Eschenbach; hier kämpften die alten Ritter so manchen harten Kampf mit dem Schwerte, und hier kämpften auch die edlen Ritter des Gesanges und der Poesie den edlen Kampf in der Kunst, — den Sängerkrieg auf der Wartburg. Hier in diesen Mauern lebte auch Luther; hier schrieb er seine deutsche Bibel, und hier gab er uns die deutsche Sprache, die wir heute sprechen. Ist dieses nicht heilige Erde, meine Brüder?
Und sehen Sie dort, — nur wenige Meilen von hier, da lebten auch Herder und Wieland, und Schiller und Goethe. O Thüringen, mein Thüringen, du bist mir teuer! Du bist das Herz Deutschlands, und die Kultur, unser Leben kommt von dir und geht in alle, alle Teile. Darum lieben wir dich, mein Thüringen, mit unsrem ganzen Herzen.
Und nun, ihr Turnbrüder, alle, rufet: 'Thüringen, Thüringen, lebe hoch!'« So sprach mein Freund.
O, lieber Louis, Du hättest das »Hoch« hören sollen, das Hoch von tausend starken Männern gerufen. Du hättest den Enthusiasmus sehen sollen! Ich werde das niemals, niemals vergessen.
Aber hier will ich meinen Brief schließen (= enden), er ist lang, nicht wahr?
Grüße mir Deine Freundinnen Anna und Bella und auch Herrn Meister. Wunderst Du Dich, daß ich den Namen Deiner Freunde kenne? Ah, ein kleiner Vogel kam aus New York nach Berlin und sagte mir alles.
Schreibe bald
Deinem treuen Bruder
Albert.
Louis: Nun, wie gefällt Ihnen dieser Brief?
Herr Meister: Sehr gut, Louis.
Bella: Er ist sehr interessant.
Anna: Ich möchte Ihren Bruder als Turner sehen.
Otto: Wenn ich nach Deutschland komme, so muß ich auch nach Thüringen gehen und die Wartburg sehen. Aber eins möchte ich Sie fragen, Herr Meister; mein Bruder Albert schreibt von einem altdeutschen Dichter [Walther][XI-1] von ..... von ..... bitte, laß mich den Brief einen Augenblick (= Moment) sehen, Louis.
Louis: Hier, Otto.
Otto: Danke, [Walther][XI-1] von ..... wo ist es .....? so hier ..... ich habe es ..... [Walther][XI-1] von der Vogelweide. Ich habe nie von ihm gehört. War er ein guter Poet?
Herr Meister: O, gewiß, Otto. [Walther][XI-1] von der Vogelweide hat wundervolle Gedichte geschrieben. Er war ein großer Freund (von) der Natur, und vor allem liebte er die Vögel. Bevor er starb, machte er auch ein Testament für die Vögel; er schrieb: die Vögel sollen jeden Tag mit Brot und Wasser auf meinem Grabe gespeist werden.
Anna: Ist das nicht allerliebst?
Bella: Ja, das ist wundervoll, und unser Longfellow hat ein schönes Gedicht geschrieben: »[Walther][XI-1] von der Vogelweide«; ich will es gerne im Englischen sagen, wenn Sie mir erlauben wollen, Herr Meister?
Herr Meister: Bitte, Bella, ich möchte es hören.
Bella:
WALTER VON DER VOGELWEID.
Vogelweid the Minnesinger,
When he left this world of ours,
Laid his body in the cloister,
Under Würzburg's minster towers.
And he gave the monks his treasures,
Gave them all with this behest:
They should feed the birds at noontide
Daily on his place of rest;
Saying, "From these wandering minstrels
I have learned the art of song;
Let me now repay the lessons
They have taught so well and long."
Thus the bard of love departed;
And, fulfilling his desire,
On his tomb the birds were feasted
By the children of the choir.
Day by day, o'er tower and turret,
In foul weather and in fair,
Day by day, in vaster numbers,
Flocked the poets of the air.
On the tree whose heavy branches
Overshadowed all the place,
On the pavement, on the tombstone,
On the poet's sculptured face,
On the cross–bars of each window,
On the lintel of each door,
They renewed the War of Wartburg,
Which the bard had fought before.
There they sang their merry carols,
Sang their lauds on every side;
And the name their voices uttered
Was the name of Vogelweid.
Till at length the portly abbot
Murmured, "Why this waste of food?
Be it changed to loaves henceforward
For our fasting brotherhood."
Then in vain, o'er tower and turret[,][XI-2]
From the walls and woodland nests,
When the minster bells rang noontide,
Gathered the unwelcome guests.
Then in vain, with cries discordant,
Clamorous round the Gothic spire,
Screamed the feathered Minnesingers
For the children of the choir.
Time has long effaced the inscriptions
On the cloister's funeral stones,
And tradition only tells us
Where repose the poet's bones.
But around the vast cathedral,
By sweet echoes multiplied,
Still the birds repeat the legend
And the name of Vogelweid.
Herr Meister: Ich danke Ihnen, Bella. Das Gedicht ist schön.
Otto: Ich will versuchen, ein deutsches Gedicht davon zu machen.
Herr Meister: Thun Sie das, Otto.
Herr Meister: Ich möchte noch sagen: Wie die Turnvereine, so kommen auch die Gesangvereine oft nach Thüringen und auf die Wartburg.
Louis: Gesangvereine? Sind das nicht Klubs, die da singen?
Herr Meister: Gewiß, Louis.
Anna: Hat Deutschland viele Gesangvereine?
Herr Meister: Sehr viele, mein Fräulein, sehr viele; mehr Gesangvereine als Turn– und Schützenvereine; Sie wissen ja, Deutschland ist das Land der Musik.
Bella: Ja, das ist wahr, und darum habe ich Deutschland immer so bewundert.
Otto: Herr Meister, ich habe so oft gedacht: Wie kommt es doch, daß Deutschland die meisten und größten Musiker in der Welt hat: Beethoven, Mozart, Weber, Haydn, Schumann, Gluck, Schubert, Händel, Bach, Mendelssohn, Meyerbeer, Wagner und .....
Bella: Und Strauß; ah, vergessen Sie Strauß nicht, Otto, Strauß, der die schönen Walzer komponiert.
Otto: O, gewiß, Fräulein Bella, Strauß und noch viele, viele andere.
Louis: Herr Meister, Sie haben uns sehr schöne Anekdoten von Beethoven, Mozart und Haydn erzählt, aber nicht eine von den anderen Komponisten.
Herr Meister: Freund Louis, das will ich später einmal thun. Heute will ich nur noch bemerken (= sagen), der Freund Ihres Bruders, Herr Heinrich, könnte (ich kann, ich könnte) auch noch sagen, daß in diesem Thüringen die Brüder Grimm ihre schönsten Märchen gefunden haben. Und ferner (= auch), meine Freunde, will ich bemerken, daß wir auch bald Weihnachtsferien nehmen müssen, und [daß][XI-3] ich einige Monate nicht in der Stadt sein werde, ich werde verreisen.
Bella: Ach!
Anna: O, Herr Meister!
Louis: Das ist schade!
Otto: Das bedauere ich recht sehr, Herr Meister.
Herr Meister: Auch mir thut es sehr leid. Bevor wir aber heute scheiden (= gehen), will ich Ihnen noch ein Märchen von Grimm erzählen.
Anna: Das ist schön, Herr Meister!
Herr Meister: Ein Mann hatte eine Frau und eine Tochter. Die Frau war sehr krank, und als sie ihr Ende nahe fühlte, rief sie ihre Tochter an das Bett und sagte: »Mein Kind, ich kann nicht mehr bei dir sein, ich muß von dir gehen auf lange, lange Jahre; aber wenn ich nicht bei dir bin, so denke immer an den lieben Gott und thue das Gute, so wird der liebe Gott auch bei dir sein und dir helfen.« Bald darauf (= nicht lange) hatte das Kind keine Mutter mehr. Der liebe Gott hatte sie zu sich genommen.
Der Mann aber nahm eine andere Frau; die hatte kein gutes Herz, und ihre zwei Töchter auch nicht, und ihre Töchter waren nicht schön, und sie war böse mit ihrer Stieftochter, weil sie so schön war. Ihre Töchter hatten es gut und hatten das Beste und hatten alles, was sie wollten, und ihre Stieftochter hatte nichts. Sie durfte (ich darf, ich durfte) nicht in das Zimmer kommen, sie mußte arbeiten und immer in der Küche bleiben, und oft war sie voll mit Asche, und die Stiefmutter rief sie dann immer: »Aschenputtel! Aschenputtel!« und alle gaben ihr nun den Namen »Aschenputtel.« O, arme Aschenputtel! Ihr Vater sah alles, aber er mußte still sein, denn die zweite Frau war ja so böse!
Einmal ging der Vater auf lange Zeit von Hause, und er fragte die Töchter: »Was soll ich für euch nach Hause bringen?« Die eine sagte: »Ich will Perlen.« Die andere sagte: »Ich will Diamanten.« Aschenputtel aber sagte: »Bring' mir, lieber Vater, ein kleines Bäumchen, ich will es auf das Grab meiner Mutter pflanzen.«
Der Vater ging, und als er wieder nach Hause kam, brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) er für die eine Tochter Perlen, und für die andere Diamanten, aber für Aschenputtel hatte er ein schönes Bäumchen, und sie pflanzte das Bäumchen auf das Grab ihrer guten Mutter, und oft, wenn es so schlimm war im Hause für sie, ging sie auf das Grab, setzte sich unter das Bäumchen und dachte an ihre gute Mutter und betete: »O guter Gott, bring' mich zu meiner Mutter in den Himmel, denn hier auf Erden hab' ich keine Freuden, aber viel Leiden (= Böses).« Dann sangen die Vögel auf dem Bäumlein so schön; Thränen kamen aus Aschenputtels Augen, und im Herzen war sie wieder froh. Darum war sie gut mit den Vögeln und gab ihnen Körner und Brot, und die Vögel kannten (ich kenne, ich kannte, ich habe gekannt) sie und waren ihre Freunde.
In der Stadt aber war ein Prinz, jung und schön, und er wollte auch eine schöne Frau haben, und in seinem Palaste gab er darum einen Ball. Alle Mädchen konnten kommen, und die schönste von ihnen sollte seine Frau werden und Königin im Lande.
Aschenputtel wollte auch gern gehen, aber die Mutter nahm einen Sack voll mit Linsen und warf (ich werfe, ich warf, ich habe geworfen) sie in die Asche und sagte: »Nimm (= ich nehme) alle diese Linsen aus der Asche, und wenn du es gethan hast, magst du gehen.«
Da öffnete Aschenputtel die Thüre und rief: »Kommt ihr Vöglein all, denn ich will zum Ball.« Und alle kamen, alle ihre kleinen Freunde, und pickten die Linsen aus der Asche.
Die Stiefmutter aber hatte die Vöglein nicht gesehen, und da sie keine Linsen mehr in der Asche fand, war sie böse und nahm die Linsen und warf die Linsen noch einmal in die Asche und sagte: »So, nun thue es noch einmal.«
Und wieder öffnete Aschenputtel die Hausthüre, und wieder kamen ihre kleinen Freunde, die Vöglein, und pickten die Linsen aus der Asche.
Da fragte Aschenputtel die Mutter: »Kann ich nun zum Balle gehen?« Sie aber sagte: »Nein, du bleibst im Hause, denn ich will gehen mit meinen Töchtern.« Und sie ging mit ihren zwei Töchtern.
Aschenputtel aber ging auf das Grab ihrer Mutter und sagte zum Bäumchen:
»Bäumlein, Bäumlein,
Schüttele dich,
Wirf Gold und Silber
Über mich.«
Und das Bäumlein schüttelte sich und warf über sie ein Kleid, ha! das glitzerte von Gold und Silber, und auf ihrem Haar hatte sie Perlen und Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe von Gold, die waren so klein. Und da war auch ein Wagen mit vier weißen Pferden. Aschenputtel setzte sich in den Wagen und fuhr vor des Prinzen Palast. Alle tanzten in der schönen Halle. Als aber Aschenputtel kam, standen alle still, wunderten sich und riefen: »O, wie schön! Wer ist sie?«
Und der Prinz kam zu ihr, tanzte mit ihr und fragte sie: »Was ist dein Name, schöne Prinzessin, wo ist deines Vaters Palast?« Aschenputtel aber sagte nichts, und die andern auch nicht, denn niemand (= keine Person) kannte sie, auch die Mutter und die Töchter nicht.
Nach Mitternacht ging die Mutter nach Hause. Aschenputtel war vor ihnen nach Hause gefahren und lag in der Küche, und die Mutter meinte, sie schliefe (ich schlafe).
Am nächsten Abend war wieder Ball. Die Mutter ging wieder mit den Töchtern in des Prinzen Palast, und Aschenputtel ging wieder auf das Grab der Mutter und sagte zum Bäumlein:
»Bäumlein, Bäumlein,
Schüttele dich,
Wirf Gold und Silber
Über mich.«
Und ein Kleid fiel vom Bäumchen, das war wie Gold und Silber und noch schöner als das erste, und in ihren Haaren hatte sie Perlen und Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe, die waren so klein, und bei dem Bäumlein stand ein Wagen mit vier schwarzen Pferden. In den Wagen setzte sich Aschenputtel, kam vor des Prinzen Palast und ging in den schönen Saal.
Da riefen alle und auch die Mutter mit den Töchtern: »Da ist die Prinzessin wieder, da — da — wie schön, wie reich sie ist!«
Und der Prinz ging zu Aschenputtel und tanzte mit ihr allein und mit niemand mehr den ganzen Abend. Und wieder fragte der Prinz: »Schöne Prinzessin, o sage mir, was ist dein Name, und aus welchem Lande kommst du?« Sie aber sagte wieder nichts. Mitternacht kam, und sie ging aus dem Saale, setzte sich in den Wagen, und so schnell rollte der Wagen dahin, daß der Prinz ihr nicht folgen konnte.
Als die Mutter nach Hause kam, lachte sie mit ihren zwei Töchtern, denn Aschenputtel lag in der Küche und schlief.
Nun kam der dritte Abend, da wollte der Prinz die Schönste zu seiner Gemahlin nehmen. Alle waren da und auch Aschenputtel; ihre Kleider waren noch reicher und noch schöner als zuvor, und sie selbst war auch die Schönste von allen. Der Prinz sprach mit ihr allein und tanzte nur mit ihr. Mitternacht ging sie wieder aus dem Saale, sie wollte schnell in ihren Wagen und verlor einen Schuh und brachte nur einen Schuh nach Hause. Als die Mutter nach Hause kam, rief sie: »Seht, meine Töchter, da liegt sie bei der Asche und schläft, o, seht doch da, seht den Aschenputtel da!«
Der Prinz aber hatte den einen goldenen Schuh gefunden. »Mit diesem Schuhe muß ich sie auch finden!« sagte er. Und der Prinz ging in alle Häuser der Stadt, aber der Schuh war für alle Mädchen zu klein. Er kam auch in Aschenputtels Haus. Die Stiefmutter war froh und dachte: »Ha, nun kann meine Tochter Prinzessin werden!« Aber der Schuh war zu klein für die eine und für die andere auch. Von Aschenputtel sagte die Mutter kein Wort. Der Prinz aber sprach: »Ihr habt noch eine Tochter, ich weiß es; ich will sie sehen.« »O,« sagte die Stiefmutter, »die ist nicht für Euch, mein Prinz, sie ist in der Küche und ist nicht schön.« Aber der Prinz wollte sie sehen, und Aschenputtel kam in das Zimmer. Und der Prinz rief: »Das ist sie, ja, das ist sie. Das ist dein Schuh! Ja, liebes Mädchen, du bist mein, mein!« Und der Prinz setzte Aschenputtel auf sein Pferd, und beide ritten vom Hause.
Aschenputtel aber ging noch einmal auf das Grab, und dachte an ihre gute Mutter und dankte dem lieben Gott, daß er so gut war mit ihr. Die Vöglein sangen so froh, so froh. Und Aschenputtel kam mit dem Prinzen in den Palast und war die Gemahlin des Prinzen, und sie waren glücklich ihr Lebenlang.
Anna: Und?
Herr Meister: Hier ist das Ende, mein Fräulein.
Anna: Das ist schade!
Herr Meister: Wir müssen nun nach Hause gehen[,][XI-4] Otto, es ist spät, nicht wahr? Meine Freunde, werde ich Sie heute Abend in meinem Hause sehen?
Alle: O gewiß, Herr Meister, wir kommen alle.
Louis: Und morgen bringe ich auch meinen [deutschen][XI-5] Brief.
Adieu! Adieu!
XII.
Otto: Meine Damen, wie befinden Sie sich (= wie sind Sie) heute nach der Gesellschaft?
Bella: Danke Ihnen, Otto, sehr wohl. Das war ein schöner Abend, nicht wahr, Louis?
Louis: Gewiß, mein Fräulein. Alles war wundervoll, und die Damen waren so reizend (= schön), besonders Sie, Fräulein Anna und Sie, Fräulein Bella, und Herrn Meisters Töchter Martha und Gretchen auch.
Otto: Mein Bruder Louis konnte lange, lange nicht einschlafen, und dann sprachst du noch im Traume vom Kotillon. Weißt du das, Louis?
Louis: So? Das kommt davon, weil ich noch gestern Abend nach dem Balle an meinen Bruder Albert geschrieben habe. Sehen Sie, meine Damen, hier ist der Brief.
Anna: Haben Sie Deutsch geschrieben?
Louis: O gewiß!
Bella: Wollen Sie Ihren Brief nicht vorlesen?
Louis: Mit Vergnügen. Bis Herr Meister kommt[,][XII-1] bin ich hoffentlich damit zu Ende.
Louis (liest):
»Teurer Albert!
Deine beiden deutschen Briefe habe ich erhalten, ich habe sie gelesen und verstanden. O, ich wünsche, ich könnte auch so gut Deutsch schreiben, wie Du. Ich studiere jeden Tag bei Herrn Meister und hoffe, die deutsche Sprache hier gut zu lernen; so gut, als wäre ich in Deutschland. Ich bedauere nur, daß Herr Meister morgen von uns geht und einen Monat oder auch zwei nicht in der Stadt sein wird. Ich liebe und bewundere ihn und glaube, er ist mir so gut, wie ich ihm bin. Vor einer halben Stunde kam ich aus seinem Hause. Da war große Gesellschaft. Viele interessante Personen habe ich gesehen, viele gelehrte Herren, Doktoren, Journalisten, Schriftsteller und Schriftstellerinnen, und von der Schönheit der Damen waren meine Augen fast geblendet. Ich möchte Dir über alles schreiben, aber wo soll ich beginnen? wo enden? Über einen Tanz muß ich Dir doch schreiben, einen Tanz, der mir sehr gut gefallen hat. Es ist der Kotillon.
Es war Mitternacht, genau zwölf Uhr, da brachten die Diener einen Tisch in die Mitte des Saales. Auf dem Tische sah ich Blumen, Blumensträuße (= Bouquets), Medaillons, Früchte und noch viele, viele andere Dinge; ich konnte nicht alles übersehen. Die Diener stellten dann Stühle in einem weiten Zirkel um den Tisch. Damen und Herren setzten sich. Bruder Otto saß neben Bella, und ich neben Anna. Die Musik begann einen Walzer zu spielen, und ein Herr Dr. Stellen aus Köln eröffnete mit Fräulein Martha Meister den Kotillon. Sie tanzten eine Runde. O, da hättest Du Fräulein Martha sehen sollen! Welche Grazie! Welche Schönheit! Alle bewunderten sie, und ich weiß, mein lieber Albert, sie hätte Dir auch gefallen. Als sie an den Tisch kamen, nahm Herr Dr. Stellen einen Lilienstrauß und gab ihn Fräulein Martha, dafür gab (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben) sie ihm ein Medaillon. Sie tanzten wieder eine Runde durch den Saal und setzten sich. Nun stand mein Bruder Otto auf und tanzte auch; tanzte bis an den Tisch und gab in die Hand seiner Freundin Bella einen Spiegel (= Glas). Otto brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) dann sechs Herren an den Tisch. Diese stellten sich hinter Fräulein Bella, so daß Fräulein Bella sie (= die sechs Herren) in dem Spiegel sah, und wenn Fräulein Bella mit der Hand nach der rechten Seite winkte, so setzte sich ein Herr auf einen Stuhl zur rechten Seite: und wenn Fräulein Bella nach der linken Seite winkte, so mußte sich ein Herr auf einen Stuhl zur Linken setzen. So, nun saßen alle Herren, und Fräulein Bella engagierte mich zu einem Tanze. Welche Ehre für mich! Die Herren auf der rechten Seite engagierten nun Damen und tanzten. Die Herren auf der linken Seite aber mußten auf ihrem Stuhle sitzen, bis wir zu Ende waren; o, die armen, armen Menschen! Fräulein Anna, meine Freundin, hat sehr viel getanzt; ich fürchte, zu viel; sie tanzt sehr gut und sehr schön. Der Kotillon dauerte zwei Stunden, aber immer war er interessant, immer kam etwas Neues, immer eine andere Form. Herr Meister hat alles sehr schön geordnet. Du mußt mich, mein lieber Albert, entschuldigen. Ich will schließen, denn ich bin müde. Ich schreibe Dir bald mehr, vielleicht morgen. Für heute sage ich Dir gute Nacht, schlafe wohl — und denke oft an Deinen Bruder
Louis.«
Bella: Aber, Louis, Sie schreiben ja einen sehr guten Brief.
Otto: Unser Bruder Albert hat gewiß schon oft den Kotillon gesehen; in Deutschland wird der Kotillon viel getanzt und .....
Anna: Da kommt Herr Meister.
Herr Meister: Guten Tag, meine Freunde. Wollen Sie gütigst entschuldigen, daß ich so spät komme?
Louis: Wir glaubten (= dachten), Sie wären nicht wohl und könnten nicht kommen.
Herr Meister: Nein, mein lieber Louis; ich bin wohl und bin glücklich, weil alle in meinem Hause gestern so glücklich waren.
Anna: Ja, glücklich waren wir alle, und es war bis heute der schönste Abend in meinem Leben, ich werde noch lange, lange an ihn denken.
Bella: Herr Meister, ich bin ein wenig neugierig, ich möchte sehr gern wissen, warum Sie heute so spät kommen. Es ist dieses die letzte Stunde für lange Zeit, und gewiß ..... Ah, Sie lächeln — gewiß, gewiß, Sie haben einen Grund.
Herr Meister: Wohl gesprochen, mein liebes Fräulein. Erraten Sie, erraten Sie: Warum komme ich spät?
Bella: Warum Sie spät kommen, ja, das weiß ich nicht, ich kann nicht raten, Herr Meister, heute nicht; gewiß, ich kann nicht.
Otto: Ich vermute (= denke), das kleine Paket in Ihrer Hand ist der Grund Ihres Spätkommens.
Herr Meister: Erraten! Sie haben es erraten, Otto.
Louis: Und was ist darin, Herr Meister?
Herr Meister: Nun, sind auch Sie neugierig, Louis?
Anna: Sagen Sie es, Herr Meister, bitte, bitte!
Herr Meister: O, nein, nein, noch nicht.
Bella: Ah, Herr Meister, Sie sind heute in sehr guter Laune.
Herr Meister: Ja, meine Lieben, das bin ich, und wie könnte ich anders sein! Monate lang komme ich zu Ihnen, oft zwei Mal an einem Tage, und spreche mit Ihnen in meiner Muttersprache, und .....
Louis: O, ich liebe Ihre Muttersprache, Herr Meister!
Herr Meister: ..... und wir sind die besten Freunde geworden.
Louis: Ja, Herr Meister, das sind wir geworden.
Herr Meister: Und wissen Sie auch, was das heißt (= ist): »Wir sind Freunde«? Wissen Sie, was es heißt: »Ich habe einen Freund. Ich habe einen Freund, der fühlt, wie ich, — einen Freund, der mir gehört«? Muß dieser Gedanke uns nicht glücklich machen? Und welche Wunder thut dieser Gedanke! Die Freude fühlen wir doppelt, das Leid nur halb. Ich bitte, lassen Sie mich zum Ende noch wenige Worte sprechen.
Bella: O, bitte, Herr Meister, sprechen Sie noch recht viel! Ich höre Sie so gerne Deutsch sprechen, es klingt so musikalisch.
Herr Meister: Sie haben recht, mein Fräulein. Deutsch, schön gesprochen, klingt musikalisch. Freundschaft! Die Freundschaft und die Liebe zu allem, was groß ist und gut und schön, macht uns selbst gut, groß, schön, und stark, das Größte zu thun. Freundschaft und Liebe ist überall in der Natur. Kommen Sie mit mir, meine teuren Freunde, in das Feld. Früh am Sommermorgen, wenn die Sonne den Tau von Gras und Blumen küßt, — o sehen Sie dann, sehen Sie wie diese Blumen alle lächeln; hören Sie nur, wie diese Bäume wispern in stiller Freude, und wie die Vögel singen, und die Insekten so fröhlich summen, so froh!
Sie alle freuen sich, sie alle sind glücklich, denn die Sonne sendet ihre Strahlen. Das ist Freundschaft zwischen Sonne und Erde, und in dieser Freundschaft zwischen Sonne und Erde wird alles groß und reif. In dem Wald! Wie kühl, wie frisch! Alles ist so still, ich höre nur das Murmeln des klaren Baches. Kommt, dieser Bach ist nicht sehr tief, wir wollen springen von einem Stein zum andern bis auf jenen großen dort in seiner Mitte. Da wollen wir ruhen. Wie schön, o wie schön ist es hier! Sehen Sie auf der einen Seite des Baches, auf jenem Busche da, das Nest? O, seht, die grünen Blätter bedecken es ein wenig. Konnte die Liebe einen schöneren Platz finden als diesen? Still, still, nun kommt die Mutter; o sehen Sie, die Kleinen öffnen den Mund; nun legt die Mutter ihnen Körner hinein. So, jetzt haben sie alle. Nun fliegt die Mutter wieder fort; — sie kommt wieder, o wie die Jungen sich freuen! O, die kleinen, kleinen lieben Vögel! Hier stehe ich, wundere mich und freue mich. Wie warm muß das kleine Herz der Mutter fühlen für ihre Kinder! Das, das ist Mutterliebe .....
Louis: Bitte, Herr Meister, vergessen Sie nicht, von dem Pakete in Ihrer Hand zu sprechen.
Bella: Louis! Sie sind sehr ungeduldig!
Herr Meister: Es war gut, Louis, daß Sie von dem Pakete sprachen, ich hätte es vergessen. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, Fräulein Bella, aber wir sehen uns ja wieder, nicht wahr? und ich hoffe, bald. Damit Sie aber oft an diese schönen Stunden denken, habe ich Ihnen dieses mitgebracht. Ich öffne nun das Paket hier.
Anna: O, wie schön!
Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, Fräulein Bella.
Bella: Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, Herr Meister. »Goethes Gedichte.« Wie schön! Und Sie haben auch etwas geschrieben: »Zum Andenken schöner Stunden.«
Herr Meister: Dieses Buch, Fräulein Anna, ist für Sie.
Anna: Ich danke Ihnen viel, vielmal, Herr Meister. »Schillers Gedichte«! — und hier steht: »Denken Sie oft an Ihren Freund W. Meister.« O, wie schön das ist, und wie glücklich ich bin!
Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, mein lieber Louis, lesen Sie?
Louis: »Märchen von Grimm.« O, Herr Meister! Darüber freue ich mich aber sehr! »Dornröschen,« — hier ist »Dornröschen,« Otto, und hier »Aschenputtel,« und hier ....., sieh, Otto, o sieh!
Bella: Louis' Freude ist so groß, das er vergißt (ich vergesse, er vergißt), Herrn Meister zu danken.
Louis: O, Herr Meister, ich danke Ihnen recht herzlich!
Herr Meister: Und für Sie, Freund Otto, habe ich einen Roman von Paul Heyse: »Die Kinder der Welt.«
Otto: Von Paul Heyse und von »Kinder der Welt« habe ich schon so viel gehört. Herr Meister, ich danke Ihnen für Ihre Güte!
Anna: Kann ich wohl die Gedichte von Schiller verstehen, Herr Meister?
Herr Meister: Nicht alle, mein Fräulein, aber viele. Sehen Sie, hier ist ein wundervolles Gedicht: »Die Bürgschaft.« Das müssen Sie lesen, ich will Ihnen ein wenig davon erzählen.
Alle: Ja, thun Sie das, Herr Meister.
Herr Meister: Syrakus war eine Republik, aber Dionys hatte sich zum König gemacht; darum wollte Damon ihn töten und ging mit einem Dolche in den Palast des Königs. Aber des Königs Männer sahen ihn und brachten ihn gebunden (binden, gebunden) vor den König. Der König sprach: »Du mußt sterben.« »So will ich sterben,« sagte Damon. »Ich mag nicht leben unter einem König, ich mag nicht leben in einer Monarchie. Frei will ich leben und frei sterben. Doch, — ich bitte dich, o König, gieb mir nur drei Tage Zeit zum Leben, daß ich erst für meine Schwester sorgen und ihr einen Gatten (= Mann) geben kann. Ich komme wieder nach drei Tagen. Mein Freund wird dir so lange bleiben.« Der König aber dachte eine Weile, lächelte und sprach: »Drei Tage will ich dir Freiheit geben und Leben, so du den Freund mir bringst. Doch kommst du nicht wieder zur Zeit, dann muß der Freund für dich sterben, — du aber gehst frei.«
Damon kam zum Freunde und sagte ihm alles und fragte ihn dann: »Willst du, o Freund, für mich zum König gehen und bleiben bis ich wieder komme?« Und der Freund sprach kein Wort, umarmte ihn und ging zum Könige. Damon aber ging zur Schwester und sorgte für sie.
Und am dritten Morgen, früh, ging Damon vom Hause der Schwester auf den Weg nach Syrakus. Aber es hatte lange geregnet (es regnet, es regnete, es hat geregnet), und es regnete noch immer, und der Regen wurde stärker und stärker (stark, stärker). So kam Damon an den Strom, aber das Wasser war wild und stark und hatte die Brücke hinweggerissen, und da war auch kein Schiffer, und da war kein Boot, ihn über das Wasser zu bringen. Und auf und ab ging er am Ufer und rief laut nach einem Schiffer. Aber kein Schiffer kam. Da sank (ich sinke, ich sank, ich bin gesunken) er auf die Kniee und rief zu seinem Gott: »O, sende mir Hilfe, sende mir Hilfe, mein Gott! Es ist ja schon Mittag, und wenn die Sonne niedergeht und ich bin nicht in der Stadt, so muß der teure, teure Freund für mich sterben.« Aber Hilfe kam nicht, der Strom ward wilder. Damon denkt an den Freund und springt in den Strom und schwimmt und kommt an das andere Ufer und eilt weiter und dankt Gott und kommt in einen dunklen Wald. Da kamen Räuber auf ihn zu. Er aber tötet (Tod, tötet) drei von ihnen mit einem Schlage. Das sehen die anderen, fürchten sich und rennen fort.
Damon aber kann nicht mehr stehen, er sinkt zur Erde vor Durst, denn die Sonne schien (scheinen, schien) heiß. Und wieder betete er zu Gott: »O, Gott! Du hast mich gerettet aus den Händen der Räuber, du hast mich gerettet aus dem wilden Strome! Soll ich hier nun sterben vor Durst?« Aber da hörte er nahe bei sich Wasser rinnen aus einer Quelle. Er trinkt, er wird frisch und eilt weiter.
Nun ist es spät am Tage. Zwei Männer sieht er. Die kommen von Syrakus, und er hörte sie sagen: »Jetzt schlagen sie ihn ans Kreuz.« Sie sprachen von seinem Freunde, und er eilte noch mehr, — weiter, weiter. Es ist Abend, und da ist er vor der Stadt. Da kommt sein Diener und ruft: »Zurück, Herr! du kommst zu spät. Soeben (= in dieser Minute) töten sie deinen Freund. Der König hatte den Freund verlacht, aber der Freund wußte, du würdest kommen.« Da rief Damon: »Und ist es zu spät, und kann ich den Freund nicht mehr retten, so will ich mit ihm sterben!«
So ruft er und eilt in die Stadt. Da will man eben den Freund ans Kreuz schlagen. Damon aber ruft: »Haltet! Haltet! Hier bin ich; ich, Damon, bin hier. Hier bin ich!«
Die beiden Freunde umarmen sich und weinen vor Freude und vor Schmerzen (= Leid); und die Tausende von Menschen, sie alle, die da stehen, sie weinen. Und der König hört das Wunderbare, und man führt (= bringt) die beiden Freunde vor ihn. Er sieht (ich sehe, er sieht) sie lange, lange an. Dann sagt er: »Ich sehe, — ja, ich sehe — es giebt (= es sind) Freunde in der Welt. Ich bitte euch, nehmet auch mich zu eurem Freunde!«
Louis: Ist das das Ende?
Bella: Herr Meister, das ist sehr, sehr schön.
Anna: Ja, das ist schön.
Louis: Damon war ein guter Mensch.
Otto: Und sein Freund auch.
Herr Meister: Ich freue mich, daß Ihnen »die Bürgschaft« gefällt. Sie werden noch viel, viel schönes in Ihren Büchern finden. Lesen Sie, meine Freunde, lesen Sie! So, nun muß ich Ihnen auf lange Zeit Adieu sagen. Leben Sie wohl, meine Freunde!
Otto: Leben Sie wohl, Herr Meister!
Louis: Leben Sie wohl!
Anna: Adieu, Herr Meister!
Bella: Reisen Sie mit Gott!