Sechstes Kapitel.

Ob der Aussatz mit der Kakomonade einerlei Ding gewesen?

Leute, welche in der Geschichte der Kreuzzüge sehr bewandert sind, weil sie sahen, mit welcher Hitze diese ungestümmen Krieger auf dem Schutte von Jerusalem die Töchter der Sarazenen geschändet haben, und über dieß ungehalten über den Anblick, daß das Reich der Kakomonade so beschränkt seyn sollte, kamen auf den Gedanken, ihr zum Wohnplatze Palestinen anzuweisen. Sie wollten sie mit dem Aussatze vermengen, der, wie man weis, der ganze Nutzen war, den man aus den auferbäulichen, aber grausamen Feldzügen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts davon trug.

Der Aussatz war eine kleine Unpäßlichkeit, die sich über die Haut verbreitete. Er veränderte ihre Farbe, ohne doch Narben nachzulassen. Er übersäete die Außenseite des Leibes mit grossen Blasen, die in der That so weiß waren, wie der schönste Alabaster, die aber nur ein heftiges Jücken, und eine starke Begierde verursachten sich zu kratzen.

Er war weder unter den Griechen, noch unter den Römern, weder bei den Galliern, noch Deutschen, weder bei den Asiaten, Persern, Siriern &c. bekannt; sondern er scheint eine ausschließlich eigene Krankheit in Palestina gewesen zu seyn. Die Einwohner dieses Landes allein sind es, welche die Natur selbst mit diesem Vorzuge ausgestattet hatte, wobei sie ihnen zugleich das Vermögen ließ, ihn den vorwitzigen Proseliten, so, wie die Beschneidung, mitzutheilen.

Die Juden hatten schon die Gewohnheit, unter beständigem Kratzen, in die verschiedenen Gegenden der Welt herum handeln zu gehen; allein sie scheinen nichts außer ihren Waaren unterlassen zu haben. Sie waren schon damal eben so säuisch, eben solche Wucherer, eben so verachtet, wie sie es heutiges Tages sind. Sie waren die einzigen, denen die Religion aus der Reinlichkeit eine Pflicht machte. Sie waren die einzigen, die sie vernachläßigten; und nur bey ihnen allein auch fand man Menschen, welche mit weissen Flecken, die den Kützel reizten, überdecket waren.

Entgegengesetzte Sitten sicherten die Fremden vor den Folgen, welche ein ordentlicher Umgang mit dieser Nation haben könnte; Die Römer verbrannten den Tempel, erwürgten die Priester, schleiften Jerusalem, und hatten dennoch keinen Theil an diesem Jucken: der häufige Gebrauch des Bades,

und die Reinlichkeit, auf welche sie grosse Stücken hielten, verwahrte sie davor.

Sie giengen nach Europa damal über, als unsere Vorfahren sich im Jordan zu waschen giengen. Sie giengen bei dem Oelberge sich die Brust zu schlagen. Sie blieben kurze Zeit, aber doch lange genug, um so gut, als die Kinder Israel, sich kratzen zu lernen. Sie kamen nach Frankreich zurück ganz bedeckt mit Palmen und Aussatz.

Da sie viel schwitzten, sich selten badeten, und ihre Oekonomie ihnen nicht erlaubte, öfters ihre grobtüchenen Kleider zu waschen, so übermachten sie auf lange Zeit ihrer Nachkommenschaft die Gewohnheit, einen milchfärbigen Grind an der Haut zu tragen, und ihn fein manierlich mit den Fingerspitzen zu kratzen. Dieß war damal der Wohlstand der Leute von feinerer Welt, wie heut zu Tage einen Taback zu präsentiren, oder mit den Stockquästchen zu spielen.

Der allgemein gewordene Gebrauch der Leinwand machte, daß diese kostbare Gewohnheit verschwand. Sie erneuert sich nur noch an gewissen vorübergehenden Ungemächlichkeiten, wie zum Beispiel in der P — — — der grössern Gattung. Man könnte sie sehr billig für einen Abkömmling, oder wenigstens für eine sehr nahe Verwandte des Aussatzes halten. Und hiermit ists alles, was uns die Geschichte von dieser Krankheit, welche die Kreuzzüge in Europa so empor gebracht haben, berichtet.

Nach den Merkmalen, die sie karakterisiren, kann man sie durchaus mit der Kakomonade nicht vermengen. Die weissen Flecken, das Jucken begleiten diese nicht; und es scheint auch nicht, daß sie sie je begleitet haben. Wenn diese einiges Jucken verursacht, so ists innerlich, und ein wenig an den Lenden; zeigt sie sich von außen, und nimmt eine Farbe an, so weiß man zur Genüge, daß es nicht die ihrer

Wesenheit nach der Jungferschaft geheiligte Weiße ist.

Weiter, so griff der Aussatz nicht die Erzeugung an. Wenn er ihr nicht günstig war, so ist wenigstens gewiß, daß er ihr keinen Schaden that. Es scheint sogar, daß er die Zeugungsorgane stärkte. Es gab in dieser Zeit Frauen, die es nach jenen der Aussätzigen lüsterte, und man sah sich das Sprichwort bewähren, das Sprichwort: Unglück ist doch zu etwas gut.

Man liest in einem gereimten Gedichte des zwölften Jahrhunderts diese zween Verse:

Felix, atque ortu vere dicenda beato,

Vivere quæ potuit leproso juncta marito.

Indessen das Gesetz verordnete, diese armen Leute aus ihrem Hause zu jagen, bestrebte sich so die Natur, ihnen die Mittel zu bieten,

wie sie da mit Ehren bleiben konnten. Dieß ist nicht das einzigemal, wo die Gesetze und die Natur sich mit einander im Widerspruche fanden.

Ein sehr berühmter Arzt hat durch einen schönen Schluß erwiesen, daß von dem Aussatze diese Wirkung nothwendig erfolgen müsse. Die Kakomonade hat diesen Vortheil bei weitem nicht. Man kann also schließen, daß sie miteinander nichts gemein haben.

Die einzige Aehnlichkeit, die ich an ihnen sehe, ist, daß sie alle beide nach eben so ungerechten, als blutigen Feldzügen in Europa überpflanzet worden sind. Die Kreuzzüge, und die Verheerung der Insel Hispaniola sind die Epochen der zwoen größten Plagen, mit denen das Menschengeschlecht seit der Erbsünde her in Europa heimgesucht worden ist. Es scheint, ob hätte die Natur den Ländern, die wir usurpiren wollten, vorsetzlich

um uns zu strafen etwas mitgetheilet, womit sie das Blut ihrer unbarmherzigen Eroberer anpesten sollten.

Dennoch wird uns dieß Beispiel nicht bessern. Man spricht von unentdeckten Ländern, von neuen noch unbekannten Welten an der Süderseite. Der Geiz ist auf dieses ihm so schmeichelhafte Gerücht schon aufgewacht. Man hat sich gewagt, sie zu suchen. Die Nebel, und vielleicht das Mitleid der Vorsicht haben uns ihnen bisher entzogen. Man darf alles welten; wenn wir sie je entdecken, so führen wir dort unsere Habsucht, und unsere Grausamkeit ein, und sie beschenken uns zur Wiedervergeltung mit einer dritten Plage, womit wir sehr sorgfältiglich unser Klima zu bereichern suchen werden.

Dem sei, wie ihm wolle; aus dem Vorhergehenden sieht man übrigens, daß die Kakomonade in Rücksicht unser kein gar grosses

Alterthum hat. Wie sehr man sich auch bestrebt, die Ehre ihrer Geburt den frühern Jahrhunderten zuzueignen; so setzen sich Vernunft und Wahrheit dagegen. Alle Vernünfteleien, und alle Erzählungen in dieser Hinsicht sind falsch. Keine ist gegründet, außer derjenigen, welche die Rückkunft des Christophorus Kolumbus in Europa als den Zeitpunkt angiebt, in welchem die Vergnügungen der Liebe da gefährlich zu werden begannen.