I.
Mit Stöhnen und Knirschen kam der wacklige Zug an der frostigen Hinterwaldstation »Blechkessel« zum Stehen, rechts und links von Schneewällen eingepfercht.
Außer Melissa Elliot war kein Fahrgast für Blechkessel im Zug. Sie war ein großes, blondes Mädel mit blauen Augen, Pelzmütze auf dem Kopf, das energische Kinn in einer grauen Luchsboa vergraben und beide Hände voll von Paketen und Bündeln. So stand sie auf den vereisten Stufen, bis zwei junge Männer, die am andern Ende des Wagens ängstlich gewartet, angerannt kamen und ihr ans Licht halfen. Jeder versuchte, dem andern zuvorzukommen, das Mädchen für sich in Beschlag zu nehmen, aber Melissa benahm sich so taktvoll, daß jeder nur einen Ellbogen zu stützen bekam, gleichzeitig aber zur Entschädigung seinen gerechten Anteil ihres Handgepäcks. Der Schaffner warf ihren braunen Koffer mit lautem Knall auf die Plattform. Der Zugführer rief: »Alles einsteigen!« obwohl er der Einzige war, der dieser Einladung folgen konnte. Und langsam, mit Gestöhn und mächtigen Rauchwolken (denn der Nordwind stand gerade auf Blechkessel) zog der schmierige Zug wieder an.
Station und Stationsvorstand schienen ihm sehnsüchtig nachzublicken; Blechkessel wurde in jeder Richtung nur von einem Zuge täglich berührt! Und von der Station selbst sah man nichts als ein paar senkrecht eingerammte Stämme, die sich hier und da aus dem Schnee erhoben, dahinter einen ragenden Wall von Fichtenbäumen und die schmale, doppellinige Metallspur, die aus dieser Wildnis in die geschäftige Welt führte. Das Dorf »Blechkessel«, ein dürftiges, kleines Sägemühlennest, lag im Flußtal, hinter dem Wald verborgen, wohl zwanzig Meilen von der Station ab.
Obwohl nur ein Fahrgast gekommen, warteten zwei Gefährte vor dem Bahnhofsgebäude. Walter Bird hatte seine glänzende braune Stute flott in den leichten Promenadenschlitten gespannt, Jimmy Wright aber einen seiner großen grauen Lastgäule und den schweren »Pung« mitgebracht, einen niedrigen Lastschlitten, wie man sie im Hinterwald braucht. Die jungen Männer lauerten schon seit einer Woche auf jeden einwärts brausenden Zug, denn daß Melissa zu Weihnachten nach Hause kommen wollte, wußten sie und keiner gönnte dem andern auch nur den leisesten Vorzug. Bubenhaft stolz auf die größere Eleganz seines Fahrzeugs, schwang Walter seine Pakete wie eine Trophäe in die Luft und versuchte Melissa geradenwegs zu seinem Schlitten zu ziehen.
»Schau dir meine neue Yacht an, Melissa!« rief er in naiver Pfiffigkeit, »seit einem Monat hab' ich sie und noch hat kein Mädel drin gesessen! Für dich hab' ich das Möbel frisch gehalten!«
Jimmy Wrights scharfe, tiefgelagerten Augen hatten indes beim Anblick des schweren braunen Koffers geleuchtet. Denn neben der Verlockung des kleinen, flotten Schlittens hatte er sich vor Mißtrauen krank gefühlt, jetzt aber hatte das Auge des Praktikers festgestellt, daß der Schlitten zu klein war, diesen Koffer zu tragen. Indes er Melissas Arm ließ, stürzte er sich über den Koffer und schwenkte ihn wie eine Handtasche in seinen Pung. Er war überzeugt, daß eine Dame und ihr Gepäck sich nicht voneinander trennten.
»Hab' mir ja gedacht, daß du einen Koffer mit dir führtest, Lissy,« brummte er. »Hab' deshalb den Pung mitgebracht und nicht den Spazierschlitten. Hoffentlich macht es dir nichts, in einem Pung zu fahren, jetzt wo du so lange in Frederikton warst.«
Melissa sah zögernd von einem zum andern. Ihre blauen Augen zeigten nur Freundlichkeit und ein gewisses kindliches Behagen an der schmeichelhaften Lage.
»Es war lieb von euch Beiden, nach mir zu sehen!« rief sie plötzlich, »und am liebsten würde ich mit beiden zugleich fahren. Wär' ich nur im Zirkus aufgewachsen, vielleicht könnt' ich's dann!« Sie lachte und rang in drolliger Verzweiflung die Hände.
»Jimmy hat deinen Koffer erwischt,« behauptete Bird.
»Der hat seinen Teil weg, du kommst mit mir!«
Jimmy Wright sah grimmig aus, als Mann von schweren Worten fand er keine Antwort. Der brennende Wunsch, diese verlockende schlanke Gestalt zu packen und mit sich zu nehmen, machte ihn fast noch schweigsamer, als er gewöhnlich war. Seine Ruhe aber war ihm vielleicht nützlicher als Schlagfertigkeit, denn im Augenblick machte sie Melissa zu seiner Verbündeten.
»Walter,« widersprach sie, »wenn du glaubst, das ist eine anständige Verteilung, dann wird Jimmy wahrscheinlich mich nehmen und dir den Koffer lassen! Ein netter Einfall, daß ein alter, brauner Koffer, gleichgültig was drin steckt, als Entschädigung für mich gelten soll!«
Jetzt sah Bird niedergeschlagen aus, und, seinen Kummer zu steigern, fand Jimmy diesmal Worte, gerade die rechten, die eigentlich er hätte finden müssen.
»Es ist nicht irgend ein Koffer, Lissy,« sagte er. »Es ist deiner, und das macht den größten Unterschied von der Welt.«
Melissa dankte ihm mit einem lustigen Blick, erschrak aber über die jähe Betrübnis in Walter Birds sonst so frischem und selbstbewußtem Gesicht.
»Es läßt sich nur auf eine Weise machen,« sagte sie fest, »und wenn einer von euch nicht einwilligt, dann geh' ich gerade mit dem andern. Wenn ihr aber beide einverstanden seid, dann fahr' ich den halben Weg mit dem einen und die zweite Hälfte mit dem andern. Und zwar die erste Hälfte mit dir, Walter,« setzte sie hastig hinzu, denn sie sah, daß Bird aussah, als wollte er widersprechen. Ohne es selbst zu wissen, hatte sie ein besonderes Vertrauen zu Jimmys Gleichmut, und gerade deshalb neigte sie dazu, ihm die schwerere Probe aufzuerlegen.
»Sehr anständig, Lissy, bist immer für gleiches Spiel,« stimmte Jimmy herzlich zu. »Fahre euch bis zur Ecke von Boilsweg nach, dann steigst du zu mir in den Pung. Boilsweg ist gerade die Mitte zwischen Station und Postamt.« Bird vergrub in diesem Augenblick Melissas Füße in die Decken seines wohleingerichteten Schlittens.
»Die Braune ist manchmal ein bißchen hartmäulig,« warf er über die Schulter hin. »Wenn's nach Hause geht, ist es nicht gerade leicht, sie am Boilsweg zum Halten zu bringen, Jimmy.«
Melissa hatte plötzlich einen roten Kopf. Jimmy Wright behauptete mit Recht, daß sie für ehrliches Spiel war.
»Ich steige am Boilsweg um,« sagte sie bestimmt, und Bird merkte, daß sie es sicher tun würde, ob die Stute hielt oder nicht. So gab er den Kampf auf.
»Werd' sie schon zum Halten bringen,« rief er zuversichtlich, »ob der Hafer sie sticht oder nicht! Habe das nur gesagt, um Jimmy aufzukratzen.«
»Wußte ich ja, Walter,« stimmte Melissa bei und bestätigte ihm, sie sei das einzige Mädchen, das ihn verstand. Triumphierend hob er die Zügel, und die Braune ging in einem Tempo los, das zunächst rechtfertigte, was er ihr nachgesagt. Dann fiel ihm ein, wie kurz die Strecke nach Boilsweg war, und plötzlich hielt er sie zurück. Jimmy Wrights schwerer Grauer holte im Humpelgalopp auf. Anfangs war Walter vergnügt, daß er Melissa als erster bei sich hatte. Dann fiel ihm plötzlich ein, sein Rivale würde die Schöne im Dorf einfahren, während er im leeren Schlitten hinterhertrotten mußte, als hätte er den Kampf aufgegeben. Melissa bemerkte seine veränderte Miene und machte ihm so schöne Augen, daß jetzt auch Jimmys Gesicht hinten im Pung sich verfinsterte. Die Frage war tatsächlich so schwierig, daß selbst ein gewandteres Mädchen als Melissa sie kaum gelöst hätte. Ihre eigene frohe Laune verging langsam in diesem Kampf der Gefühle um sie. Darüber wurde ihr bewußt, daß sie kalte Füße hatte und der scharfe Frost ihre Finger steif machte, und als die Ecke von Boilsweg erreicht war, hatte sie Lust, mit beiden Rittern zu grollen. Hatte sie nicht für alle Beide das Beste gewollt. Hatten die Beiden ein Recht, sie zu quälen?
Bird hatte seine Stute allmählich fast Schritt gehen lassen, aber trotzdem kam endlich die kritische Ecke.
»Hier sind wir,« sagte Melissa etwas spitz, und Bird hielt gehorsam, wenngleich wütend. Jimmy trieb seinen großen Gaul schleunigst durch die tiefen Schneewehen am Straßenrand und brachte seinen Pung so nahe an den Schlitten, daß Melissa einfach hinüberspringen konnte.
»Wohin jetzt?« fragte Bird. »Wirst doch im Hotel absteigen, die Postkutsche fährt erst morgen Nacht.«
»Ich ins Hotel?« rief Melissa, »nein, fahr mich geradenwegs zu Parkers, Jimmy, von denen bekomm ich, was ich brauche. Ich kenne seine drei Pferde, sie kennen mich, und sein alter roter Pung kann jeden Weg machen. Glaubt ihr, ich bleibe eine Nacht und einen Tag in Blechkessel, wenn ich nur zwanzig Meilen von daheim bin, am Abend vor Weihnachten? Sobald ich gegessen habe, geht's nach County-Line! Der Weg wird schwierig sein, aber ich darf keine Zeit verlieren.«
Jimmy Wright hatte gerade seinen Gaul antreiben wollen. Als Melissa ihre Absicht auseinandersetzte, ließ er die Zügel wieder fallen und sah hilflos zu Bird hin. Ein verständnisvoller Blick machte die jungen Leute im Augenblick zu Bundesgenossen.
»Tausend Wetter!« rief Bird, da fiel ihm ein, daß Melissa das Fluchen haßte. Um aber seine Worte nachdrücklicher zu machen, setzte er gerade noch einmal an.
»Zehntausend Wetter, Lissy, kannst einfach nicht daran denken, bis nach County-Line durchzufahren. Kommt gar nicht in Betracht! Mußt auf die Kutsche warten!«
»Walter hat recht,« erklärte Jimmy nachdrücklich. »Seit dem letzten Schneefall ist kein Schlitten bis County-Line runtergefahren, und seither hat es gehörig geweht. Die Kutsche sogar wird morgen zu tun haben, um durchzukommen. Für ein Mädel wie dich – noch dazu allein – ganz unmöglich!«
»Jetzt werdet ihr beide langweilig,« sagte Melissa scharf. »Als hätt' ich's nicht schon hundertmal gemacht!«
Im Zorn auf beide schüttelte sie die Hände und kam sich zugleich sehr lächerlich vor. – Seite an Seite standen zwei Schlitten im tiefen Schnee, und statt zu reisen, diskutierte man.
»Wenn Tilly Smith zum Beispiel nach County-Line wollte, um ihre Eltern und ihre kleine Schwester zu sehen, würde der Unsinn nicht gesagt werden.«
Walter Bird lachte verächtlich. »Tilly Smith!« rief er. »Wer die anschaut, braucht gleich einen neuen Spiegel!«
»Ist das ein Grund, daß man ihr nicht hilft und sich nicht um sie kümmert?« fragte Melissa.
»Ach was, Tilly Smith kann sehr gut für sich selbst sorgen.«
»Ich auch!« rief Melissa und machte ein resolutes Gesicht.
»Ihr Beide wart sehr gut und lieb, daß ihr mir entgegengekommen seid, aber was ich tu und lasse, hat mir keiner von euch vorzuschreiben. Ich weiß es selbst. Jetzt bitte vorwärts, zu Parkers! Man friert ja an!«
»Schön,« antwortete Jimmy, »wenn du durchaus nicht auf die Kutsche warten willst, bring' ich dich hin, Lissy. Mein alter Grauer wird durch die Schneewehen durchkommen, Parkers Gäule bleiben stecken.«
»Und ich sage dir, daß ich allein fahre!« widersprach Melissa, der die Geschichte langsam auf die Nerven ging. Dann merkte sie selbst, wie unhöflich sie war.
»Verzeih, Jimmy, ich wollte nicht so grob werden. Natürlich ist es lieb von dir, daß du so weit mit mir fahren willst, und es wäre ja nett, wenn ich dich bei mir hätte. Aber es geht nicht, es würde so komisch aussehen. Papa und Mama wissen, daß ich im Winter und im Sommer den Weg oft genug allein gemacht habe. Sie würden glauben, ich wäre in der Stadt ein ganz anderes Mädel geworden, oder ich wäre überhaupt keine Hinterwäldlerin mehr. Und andererseits, wenn du so weit mit mir fährst, können sie dich nicht mehr nach Hause lassen. Dann müßtest du bei uns bleiben, Jimmy, und es ist Weihnachten,« setzte sie in einem fast bettelnden Ton hinzu, voll Angst, er könnte sich verletzt fühlen. »Sechs Monate bin ich weg gewesen.«
Jimmys robustes braunes Gesicht hatte sich während Melissas Rede verfinstert, aber die letzten Worte besänftigten ihn. Er verstand am besten, daß sie sich nach Hause sehnte, weil er so lange nach ihr gehungert hatte.
»Mir scheint, wir müssen dich gehen lassen, du warst immer groß darin, deinen eigenen Weg zu suchen.«
»Gut!« rief Bird, der gleichmäßig fürchtete, Melissa könnte den Weg allein machen, oder sie könnte ihn mit Jimmy Wright allein machen. »Kann nur sagen, wenn ich frei wäre, würd ich's nicht so leicht aufgeben, Jimmy. Allein kann sie nicht fahren. Ich habe Lust, den ganzen Weihnachtszauber aufzugeben und selbst mit ihr zu fahren.«
Melissa war dicht dran, ihm eine deutliche Antwort zu geben. Aber dann änderte sie ihren Sinn.
»Natürlich würdest du alles aufgeben, Walter,« sagte sie liebenswürdig, »wenn ich dich wirklich brauchte. Aber ich lasse nicht zu, daß deine Mutter Weihnachten allein ist. Jetzt ist genug Unsinn über all das gesprochen worden. Ihr seht, außer meinen Kleidern hab' ich in Frederikton nichts verändert. Bin dasselbe Hinterwaldmädel wie immer!«