II.

Es war fast ein Uhr nachmittags, als Melissa im alten roten Pung mit Parkers kräftigem Grauen von Blechkessel aufbrach. Es war beißend kalt, aber klar und ruhig, und obwohl man gewarnt hatte, sie würde auf den verwehten Straßen stecken bleiben, hatte sie keine Angst.

Der Mond mußte bald nach Sonnenuntergang erscheinen, so daß Dunkelheit ihre Reise nicht störte. Um welche Zeit sie ankam, war ihr gleichgültig, denn ihr einziger Gedanke war eben der: anzukommen! Ein paar heiße Ziegelsteine auf dem Boden des Schlittens, zwei Paar wollene Strümpfe und biegsame Mokassins aus Renntiermoos hielten sie warm. In ihrem Koffer und ihren Paketen steckten viel interessante Dinge für Vater, Mutter und Meg, das kranke Schwesterchen, das bald ein Jahr im Bett zubrachte. Melissa sehnte sich nach Megs müden, grauen Augen und dem sehnsüchtigen Lächeln auf ihrem blassen, kleinen Gesicht.

Unter so lieben Heimaterwartungen vergingen Melissa die ersten fünf Meilen ihrer Reise wie ein Gedanke, obwohl der Weg wirklich so schwierig war, daß diese fünf Meilen anderthalb Stunden des kurzen Winternachmittags gekostet hatten. Eigentlich war die Straße gar nicht zu erkennen, hätten nicht da und dort ein Schlitten, ein Pung oder eine Lastfuhre mit Holz Spuren gezogen.

Aber wo die Straße sich, fünf Meilen vor dem Dorf, mit einem andern Weg kreuzte, verschwanden die Spuren ganz. Melissa mußte sich aus ihren Träumen reißen. Sie kutschierte sorgfältig und wachsam, gab manchmal dem frommen Gaul den Kopf frei, nahm ihn dann wieder fest in die Zügel, wenn es durch eine Schneewehe ging, die nicht zu umfahren war. Trotzdem kam sie so langsam vom Fleck und hatte sich so sehr anzustrengen, daß sie bald hungrig wurde und sich auf ein Paket Butterbrote freute, das man ihr in den Schlitten gelegt hatte. Es würde tiefe Nacht werden, ehe sie County-Line erreichte. Melissa verstand gut, wie man ein Pferd lenkt und bei Kraft erhält. Von Zeit zu Zeit hielt sie an und machte eine Atempause. Einmal, als der Gaul in Schweiß geraten war, sprang sie aus dem Schlitten, frottierte ihn und ließ ihn zehn Minuten lang ruhen. All die unerwartete Mühe jedoch steigerte nur ihren herzlichen Eifer.

Als der Winterabend in kaltem Lavendelrot, in Bernsteingelb und Lila über den leblosen Einsamkeiten hinschwand, entdeckte Melissa die Gestalt eines Menschen, die vor ihr her durch den Schnee humpelte. Es war ein Mann; ein Mann, der nicht mehr weiterkonnte. Erschöpfung sprach aus den schwer niederhängenden Schultern und der Mühsal seiner kämpfenden Schritte. Melissas Mitleid ließ sie alles andere vergessen. Der Mann gab kein Zeichen, daß er ihr Näherkommen bemerkte, bis sie ihn eingeholt hatte. Dann rief sie ihm zu:

»Steigen Sie ein und kommen Sie mit! Sie sind müde, das sieht man.«

Beim Klang ihrer Stimme drehte der Mann den Kopf; als sie sein Gesicht sah, zuckte durch Melissas Herz eine plötzliche Angst. Irgend etwas Schreckliches, das sie nicht verstand, lag in seinem Blick. Aber sie wollte tapfer sein und so zwang sie sich, nur das eine zu sehen: daß sein Gesicht hager und elend war, die Augen vor Müdigkeit in ihre Höhlen gesunken. Der Mann gab keine Antwort, faßte nur mit verzweifeltem Griff den Rand des Pungs und zog sich halb hinein, halb plumpste er auf die Planken. So lag er plötzlich zu Melissas Füßen. Melissa warf ihm ein paar ihrer Decken über, dann kutschierte sie los, beklommen, aber in dem Bewußtsein, daß sie das einzig Richtige getan hatte.

Vielleicht eine halbe Stunde später fing der Mond an, seine langen, schwarzen Schatten über den weißen Weg zu werfen. Da zog sich der Mann plötzlich empor, preßte sich auf den Sitz neben Melissa und strich sich die klebrigen Haarsträhnen aus Augen und Stirn. Dann spähte er um sich und vorwärts, als suche er einen Wegweiser und kümmerte sich zunächst um Melissa nicht mehr, als er sich um eine Holzpuppe gekümmert hätte. Dann aber wandte er sich mit einer Plötzlichkeit, vor der ihr Herz bebte, zu ihr und herrschte sie an:

»Hast Schnaps?«

Sie konnte zuerst nicht antworten, aus Angst, daß die Stimme ihr zitterte. Endlich sagte sie höflich:

»Ich hätte Ihnen längst etwas anbieten sollen, weil Sie so furchtbar erschöpft sind. Nein, Schnaps habe ich nicht! Ich bin doch ein Mädchen!«

Sie stellte sich lustig und lachte.

»Aber ich habe eine Flasche Kaffee, die einmal heiß war. Und ein paar schöne, große Butterbrote.«

Als sie den Frühstückskorb unter der Decke hervorzog, griff der Mann gierig nach der Flasche, stürzte den Inhalt bis zum letzten Tropfen hinunter und warf sie weg. Dann fiel er wie ein Wolf über die Butterbrote her.

Eine Art Zorn kam jetzt Melissa zu Hilfe.

»Ein bißchen hätten Sie mir schon lassen können,« sagte sie streng. »Wir haben noch einen langen Weg, und schließlich könnte ich doch auch Hunger bekommen. Nehmen Sie sich gefälligst zusammen und versuchen Sie, sich zu benehmen wie ein anständiger Mensch!«

Der Bursche hörte einen Augenblick auf zu essen und starrte sie an. Sie fühlte den Blick, aber sie tat, als sei sie ganz damit beschäftigt, ihr Pferd über eine gefährliche Stelle wegzubringen. Immer noch schweigend nahm der Fahrgast seine Mahlzeit wieder auf, aß langsam weiter, bis nur noch drei Brote übrig waren. Die wickelte er sorgfältig ein und steckte das Paket in seine Tasche.

Melissa sah das mit einem Seitenblick und war plötzlich heiß vor Wut. Sie wollte ihm ausgiebig die Meinung sagen, als der Bursche anhob:

»Rascher fahren!« und nach den Zügeln griff.

Instinktiv hielt sie fest, mit aller Kraft, die nicht so gering war. Aber mit einer Hand, einer schweren, knochigen Hand, die wie Eisen zugriff, drückte er ihr die Gelenke so unbarmherzig zusammen, daß ihre Finger sich von selbst lösten.

Melissa war nahe daran, zu schreien, aber im letzten Moment setzte ihr entschlossener Wille sich durch. Ohne ein Wort steckte sie die Hände unter die Bärendecke, rieb die Gelenke und kochte innerlich. Wie hatte dies Scheusal all ihr Mitleid in Haß verwandelt! Zugleich aber zitterte sie vor Angst. Etwas geheimnisvoll Schreckliches lag über der ganzen Begegnung und machte sie bis in die Schlagadern hinein frieren. Ein Gedanke nur hielt sie aufrecht und beherrschte ihre Nerven. Ihr ganzes Leben lang hatte sie viel mit Tieren zu tun gehabt und so kannte sie das Gesetz, daß man niemals Angst zeigen darf, da man sonst verloren ist.

Bitter warf sie sich vor, daß sie Jimmy Wright nicht erlaubt hatte mit ihr zu kommen. Nur Jimmy Wright wäre dieser Lage gewachsen gewesen, neben ihm hätte sie sich sicher gefühlt! Kaltblütig zurückgelehnt, studierte sie des Fremden Gesicht und plötzlich verstand sie, daß das vielleicht gar kein Verrückter war. Ein verzweifeltes, wildes Gesicht, zweifellos ein brutales, aber keineswegs ausdruckslos. In den blutunterlaufenen, tiefliegenden Augen der Blick eines Gehetzten.

»Was mag er getan haben?« fragte sie sich.

Dann bekam sie wieder die große Wut, als er anfing, auf das Pferd einzupeitschen, das brave Tier so wütend vorwärts trieb, daß es in der nächsten Schneewehe zusammenbrechen mußte.

»Sie sind so blöd, wie Sie gemein sind,« sagte sie kalt. »Gerade wenn Sie's eilig haben, schonen Sie das Pferd! Wenn es an der nächsten Meile kaputt ist, sind Sie genau so weit, wie vor einer halben Stunde, als ich Sie aufnahm!«

Der Vagabund machte den Mund zu einem Fluch auf und zeigte seine langen, verfärbten, brüchigen Zähne. Sie hielt dem Blick stand, die Wut wurde größer als ihre Angst.

»Kesses Frauenzimmer! Aber Maul halten! Hab' anderes zu denken!« kommandierte er.

Dann sah er ein, wie recht sie hatte, und hetzte den Gaul nicht mehr. Ja, als seine Erregung sich allmählich legte, kutschierte er mit soviel Verständnis, wie Melissa selbst. Aus der Tatsache, daß er das Tier schonte, erkannte Melissa, daß er noch weit zu fahren habe.

»Gut,« sagte sie zu sich, »wenn wir nur so weit kommen, daß mein Vater mich hört. Dann halten wir ihn!«

Während der nächsten zwei Meilen wurde kein Wort gesprochen. Der Mond stand jetzt hoch über den sturmverwehten Fichten, stahlblau und tötlich kalt schien er auf die unberührte Schneefläche.

Sie erreichten einen Punkt, von dem eine andere Straße nach links abwich und etwa zwanzig Meilen weit zur amerikanischen Grenze führte. Der Fremde drehte den Pferdekopf nach links.

»Halt!« schrie Melissa, »ich will nach County-Line!«

Der Bursche lachte. Dieses eiskalte, unbarmherzige Lachen drückte Melissas Mut tiefer als das ganze scheußliche Abenteuer.

»Hab' dich ganz vergessen,« sagte er. »Natürlich willst nach County-Line. Ich gehe 'rüber nach Maine, dann weiter, so weit ich komme. Unterröcke kann ich nicht brauchen. Scher dich 'raus! Rasch! Hab' keine Zeit zu verlieren!«

Damit warf er ihr Gepäck in den Schnee. Melissas Mut versank jetzt ganz.

»Das können Sie nicht tun!« bettelte sie und rang die Hände.

»Ich war doch so gut zu Ihnen! Ich komme um! Ich frier' mich hier zu Tod!«

»Nur noch sechs oder sieben Meilen bis County-Line,« sagte der Vagabund und wälzte Melissas Koffer über Bord.

»Kannst du bis morgen früh machen! Warst anständig, deshalb laß' ich dir deinen Kram!«

Als Melissa noch immer verzweifelt neben ihm saß, drehte er sich wild zu ihr und drückte das Gesicht fast an ihres.

»Muß dich 'rausschmeißen,« zischte er. »Machst sonst Lärm und bringst mir die Bande auf die Fersen! Weißt gar nicht, was für Glück du hast. Flink, eh ich's mir überlege! Dumm genug von mir, daß ich dich nicht stumm mache! Stumm wär's am besten für mich!«

Krank vor Angst legte Melissa eine Hand vor die Augen, um dies gräßliche Gesicht nicht mehr zu sehen und wankte aus dem Pung. Der Vagabund warf ihr die Bärendecke nach und sauste ab.

Melissa stand bis an die Knie im Schnee. Neben ihr lag die Bärendecke, mit zitternden Beinen ließ sie sich darauf fallen. Um sie herum lagen jetzt zerstreut, halb im Schnee vergraben, ihr Koffer, ihre Bündel und Päckchen. Der Schlitten schwenkte an der nächsten Wegbiegung und verschwand. Ein paar Sekunden später verklangen die Glöckchen und jetzt war kein Laut mehr ringsum als manchmal das Knarren von Holz in den frosterstarrten Bäumen.

Nur ein paar Minuten lang blieb Melissa ohne Ueberlegung. Dann fand sie sich wieder und dachte nach: Konnte sie die paar Meilen zu Fuß machen, ehe Hunger und Frost sie überwältigten? Natürlich konnte sie es. Sie wollte doch! Ganz rasch wollte sie gehn und Lärm schlagen und Polizisten auf die Spur bringen. Vielleicht war es sogar besser hier allein zu sein als mit dem Verbrecher im Schlitten. Ein Mörder war er doch zweifellos. Die Empörung gab ihr neue Kraft und belebte sie. Sie raffte die Röcke bis zum Knie, griff nach der Bärendecke, warf einen Abschiedsblick auf den Koffer, die kostbaren Bündel und stapfte tapfer die weiße Straße hinab nach County-Line.

Der frische Entschluß trieb sie vorwärts, ließ sie bis zu den Hüften durch Schneetriften stampfen. So hatte sie gut eine halbe Meile zurückgelegt, ehe sie ihre Not ganz erkannte. Oefter und öfter mußte sie jetzt Atempausen machen. Ihr Kampf mit den endlosen Schneemassen wurde weniger und weniger zum Triumph. Sie dachte daran, den schweren Bärenpelz aufzugeben. Aber dann fiel ihr ein, daß dieser Pelz ihre einzige Zuflucht war, wenn sie Halt machen und gründlich ausruhen mußte. So schleppte sie ihn verzweifelt mit sich, hüllte sich hinein und setzte sich darauf, so oft sie rastete. Vor Anstrengung blieb sie anfangs warm. Dann kam die Erschöpfung, und sofort empfand sie die Schärfe der Kälte. Der Mondschein sogar schien vor Kälte zu zittern, und plötzlich fiel ihr ein, daß sie County-Line vielleicht niemals erreichen würde. Sie zwang sich, diese Möglichkeit zu vergessen, aber sie drängte sich durch die Maschen ihres Willens und schwächte sie.

Dann schickte sie einen Gedanken zu Jim, der ihr neuen Mut gab und ihr Herz wieder wärmte. Vielleicht folgte er ihr, trotz ihres Verbotes. Walter war nur ein lieber Junge, den sie lenken mußte. Aber Jim, der war durch und durch ein Mann!

Bisher war kein Wind zu spüren, die dicken Bäume hatten ihn vollständig aufgefangen. Aber an der nächsten Straßenbiegung schlug er ihr voll ins Gesicht, fing den Atem von ihrem Munde und verdoppelte den bissigen Frost.

Noch ein Kampf von zehn oder fünfzehn Minuten, dann mußte sie gründlich ausruhen. Zugleich kam die große Sehnsucht nach Schlaf über sie und erfüllte ihr Herz mit neuer Angst. Denn sie wußte, wenn sie jetzt nachgab, war alles zu Ende. Wenn sie jetzt einschlief, wachte sie nicht wieder auf.

So schleppte sie sich in den Schutz einer riesigen zusammengebrochenen Kiefer, deren weißbeschneite Wurzeln hoch in die Luft standen. Für ein paar Minuten mußte sie ihr ermattetes Hirn und ihren halbgelähmten Willen aus der zerstörenden Kraft des Windes retten. Die aufgereckten Baumwurzeln boten guten Windschutz. Sie legte mühsam die zwanzig Schritte zurück und wollte ein paar Minuten lang ohne Qual einem neuen Entschluß nachhängen, um keinen Preis aber sich niederlegen. Eine Vision schwebte vor ihren Augen: das warme, sichere Heim ihrer Eltern und der kleinen Schwester, die jetzt vielleicht glücklich schlief …

So leid tat sie sich selbst, daß sie Schmerz fühlte. Aber obwohl noch immer entschlossen und noch immer tapfer, dabei fast erstarrt, bannte sie die lähmende Vision. Sie wußte, daß jede Faser ihres Willens zum Kampf geballt sein mußte.

Fest in die Bärendecke gehüllt, taumelte sie hinter die Wurzeln der Kiefer, preßte sich eng an ihre Rinde. Als sie das tat, erlebte sie es, daß der Schnee plötzlich unter ihr wich. Mit einem Entsetzensschrei versuchte sie sich zurückzuhalten, im selben Augenblicke war es, als verschwände die Erde unter ihren Füßen. Sich irgendwo anklammernd, hilflos um sich greifend, versank sie in einer blinden Schneewehe. – – – Der Fall dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde und ging kaum sechs oder sieben Fuß tief. Melissas entsetztem Hirn schien es eine lange Zeit, sie glaubte, daß sie, im Fall zerschmetternd, noch einmal zu sich kommen würde. Statt dessen fand sie sich plötzlich sanft und warm gebettet. Mit beiden Händen um sich tastend, griff sie in ein riesiges, warmes, pelziges Etwas, das sich bewegte und leise brummte. Ihr Herz stockte, ein Schreckensschrei erfror auf ihren Lippen. Sie wollte sich verkriechen, aber da war kein Raum. Sie wollte aufstehen, aber sie war glatt auf die Seite gefallen, und ihre Beine versagten den Dienst. Ganz ruhig lag sie, von Angst gelähmt, eng angepreßt an die Flanke des Bären, in dessen Winterlager sie gedrungen war. Die massige Gestalt bewegte sich leise, brummte und winselte, als beschwerte sie sich über die rauhe Unterbrechung im tiefen Winterschlaf. Melissa fühlte, wie eine große Tatze gegen sie drängte, als verlange sie mehr Raum. Eine riesige Schnauze schnüffelte durch ihre Beine und legte sich plötzlich darauf, als wäre da ein bequemes Polster gefunden. Es fiel Melissa ein, daß schon manchmal Menschen vor Angst gestorben sind, und sie glaubte, wenn so etwas geschehen konnte, mußte es ihr jetzt geschehen! Jeden Augenblick erwartete sie, die Zähne des Bären in ihrem Fleisch zu fühlen. Als aber lange Sekunden vorübergingen und nichts geschah, begriff sie, daß das Tier sie als Bettkameradin angenommen hatte und friedlich wieder eingeschlafen war. Mit aller Kraft erstickte sie ein wildes, hysterisches Gelächter, das sich empordrängte. Ihr Zittern machte den Bären abermals winseln und grunzen, als enttäuschte ihn jedesmal sein Schlafkamerad. Das brachte sie zu ruhigem Denken. Sie lag jetzt ganz still und zerbrach sich den Kopf darüber, wie man aus einer so unerhörten Lage entkommen könne. Ein alter Indianer hatte ihr einmal erzählt, daß der Bär während seines Winterschlafes, insbesondere im Anfang, wenn er noch rund und fett ist, so gutmütig sei, wie ein gutgefütterter Kater, daß man in sein Lager einbrechen und ihn aufwecken, kratzen und schinden könne, ohne Gefahr zu laufen. Diese längst vergessene Belehrung kam ihr in den Sinn und brachte Trost. Daß es Wahrheit sein konnte, erlebte sie ja selbst!

Die Wärme des mächtigen Körpers, in dem sie fast versank, und der starke Geruch des Pelzes ließen Angst und Energie zugleich in ihr einschlafen. Sie war behaglich gebettet, beschützt vor der unerträglichen Kälte da oben – und schläfrig. Mein Gott, so unsäglich schläfrig! Nerven und Muskeln gaben gleichzeitig nach. Sie wußte nicht, was sie tat, als sie sich noch tiefer in die Flanke des riesigen Tieres eingrub – und einschlief …

Wundersam, durch Stunden und Meilen voll von Träumen, und wie aus weiter Ferne, kam der Klang einer Stimme zu ihr, die ihren Namen rief. Mit großer Anstrengung machte sie sich wach, schrie »Jim« und öffnete die Augen. Klar im Mondschein war über ihr das Gesicht Jim Wrights, der mit wütendem Eifer den Eingang zur Höhle freigrub.

»Lebst du, Mädel? Bist noch ganz? Ich komme, wenn ich nur erst sehen kann, wo du bist. Beinahe bin ich zu dir hinuntergefallen!«

Vor der rauhen Stimme wurde der Bär unruhig und wimmerte.

»Pscht!« machte Melissa sorglich. »Ja, ich bin noch ganz, aber furchtbar schläfrig. Komm nicht herunter Jim, er schläft! Reich mir nur die Hand und hilf mir hinaufklettern!«

»Heiliger Himmel!« fluchte Jim, als er die ungeheure Gestalt neben Melissa erkannte. Er hatte den Bären zuerst für ihren Pelzmantel gehalten. Nur die plötzliche Angst, daß er auf Melissas Körper stürzen könnte, hinderte ihn, sich zwischen sie und diese schreckliche Gestalt zu werfen.

Aber Jim war ein Holzfäller, ein Waldmensch, ein Flußmensch und an rasches Handeln gewöhnt. Indeß er sich glatt aufs Gesicht warf, griff er hinunter, packte Melissa unter die Arme und zog sie halb, halb schwang er sie glatt heraus in den mondbeleuchteten Schnee. Das war ein schwieriges Stück Arbeit, selbst für seine gewaltigen Arme.

»Lauf,« keuchte er, »lauf zum Schlitten! Ich hab' mein Gewehr mit!« Und dabei zog er ein paar schwere Pistolen aus dem Gürtel.

Mit beiden Händen klammerte Melissa sich an seine Arme.

»Wag' es nicht, ihn zu verletzen, Jim! Er hat mir das Leben gerettet! Ohne ihn wär' ich jetzt tot! Als ich hineinfiel, mit meinem ganzen Gewicht gerade auf ihn drauf, ist er aufgewacht. Und ich dachte, jetzt würde er mich fressen. Aber er hat nur ein bißchen geschnauft, hat seinen warmen Kopf auf mich gelegt und ist gleich wieder eingeschlafen. Ich glaube, er war froh, daß ich bei ihm war.«

Mit einem glücklichen Lachen und ganz entspanntem Gesicht steckte Jim Wright die Revolver wieder in seinen Gürtel.

»Weiß es ja, ein Bär gibt nicht jedermanns Narren ab«, bemerkte er in einem Ton, der wieder einen Schimmer von Rot in Melissas blasses Gesicht brachte.

»Und jetzt müssen wir ihn wieder warm zudecken,« rief Melissa, »und keinem Menschen darfst du erzählen, wie die Geschichte ausgegangen ist! Sonst kommen sie her und finden den armen Kerl und bringen ihn im Schlaf um.«

Rüstig schaufelte Jim den Schnee wieder auf seinen alten Platz zurück.

»Dieser Bär, Lissy, wenn den einer stört – den stör' ich! Solange ich lebe, will ich keinen Bären mehr umbringen, oder ihm sonst was zu leide tun. Zur Belohnung für das, was der alte Kerl getan hat!«

Gerade das war es, was Melissa gern hörte, und sie dankte mit einem langen Blick.

Jim half Melissa in den Pung und hüllte sie ein wie ein kostbares Bündel.

»Kommst rasch ins Bett, Lissy, das ist die Hauptsache, ehe es Tag wird. Wenn ich dich sicher daheim weiß, hol' ich deinen Koffer und all deinen Kram. Meg soll ihr Christkindl pünktlich bekommen.«

Zufrieden und getröstet verkroch Melissa sich in ihre Decke und machte Jim die allerschönsten Augen.

»Wie du mich immer verstehst, Jimmy! Weißt du, ich hab's immer gewußt, daß du mir nachkommen würdest, obwohl ich dummes Zeug geredet habe.«

»Hast mich auch verstanden, Lissy,« gab er schwerfällig zur Antwort, »und wenn du nicht zu müde bist, dann sag mal, was bedeutet das alles, Mädel? Wie ich an die Straßenkreuzung komm' und seh', was geschehen ist – beinah' umgeworfen hat's mich. Deine sieben Sachen im Schnee und deine arme, kleine Fußspur so jämmerlich nach County-Line hin. Herrgott! War mir zumute!«

Als seine Stimme ins Zittern kam, fing Melissa rasch an, ihre Geschichte zu erzählen.

»Und schließlich,« sagte sie, »er hätte mich abmurksen sollen, für seine eigene Sicherheit, Jim, das muß man ihm doch anrechnen. Eigentlich wünsche ich, daß er davonkommt. Wie schrecklich, wenn es sein Unglück würde, daß er mir das Leben gelassen hat!«

Jim lachte.

»Das nenn' ich anständig gedacht, Lissy. Gut! Dann bist du eben zu schläfrig zum Erzählen, wenn du nach Hause kommst. Und ich verspreche dir, nicht zu plaudern, bis ich mit deinem Koffer wieder da bin. Gibt mehr Zeit, als der Kerl nötig hat. Na, und mehr kann er nicht verlangen!«

Jetzt war Lissy so glücklich, daß sie plötzlich wieder einschlief, während der Graue mächtig durch den Schnee pflügte. Jim nahm sie in seinen linken Arm, drückte sie an die Brust und fühlte nur, diese Fahrt konnte nicht lange genug dauern.

Erst in der Waldlichtung vor County-Line wachte Lissy auf. Sie erkannte, wie lang sie schon schlief, machte sich steif und drehte ihr Gesicht zur Seite, daß Jim nicht sah, wie rot sie wurde.

»Glaubst, ich bin der Bär?« begehrte Jim auf. »Oder hätte ich dich nicht festhalten sollen? Wärst wieder aus dem Pung gefallen, das durfte ich nicht leiden. Denn jetzt hab' ich für dich zu sorgen, Mädel! Jetzt – immer!«

»Morgen ist Weihnachten, Jim. Wenn die Eltern dich einladen, nach Weihnachten zu uns zu kommen …«

»Bin ich da, Lissy!« – Mit hellem Geläute fuhren sie durch die schlafenden Straßen.


Weitere Anmerkungen zur Transkription

Der Schmutztitel wurde entfernt.

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Die unterschiedlichen Schreibweisen tödlich und tötlich wurden beibehalten.

Korrekturen:

S. 25: zufälllig → zufällig
dessen Auge zufällig auf sie fiel

S. 63: krampfthaft → krampfhaft
und suchte krampfhaft nach einem Halt

S. 63: ausgestrekt → ausgestreckt
als die Beute so ausgestreckt und verteidigungslos hing

S. 67: schnurstraks → schnurstracks
und eilte dann schnurstracks zur Felsnase

S. 77: ausspüren → aufspüren
den unverschämten Wegelagerer aufspüren und erledigen!

S. 86: tankbestreuten → tangbestreuten
dem weiten Beben des tangbestreuten Meeresgrundes

S. 102: das → den
in den Bereich seiner Büchse zu kommen

S. 128: Anstrum → Ansturm
um dem Ansturm eines Walrosses auszuweichen

S. 138: Temparament → Temperament
Die Ueberlegenheit an Temperament und Jugend