Der Abend des Sämanns

Nun will der müde Tag entweichen,

Still liegt vor mir das weite Tal;

Die Sonne sendet im Erbleichen

Hernieder einen letzten Strahl.

Dem armen Alten dort, der schweigend

Sich durch die graue Flur bewegt

Und in die Furchen, tief sich neigend,

Der Zukunft frohe Ernten legt.

Und wie der lange schwarze Schatten

Des alten Mannes Werk durchmißt,

Weiß der, dies Werk ging gut von statten

Am Tage, der gesegnet ist.

So geht er säend auf und nieder,

Er schreitet durch die weite Flur,

Er kommt und geht und streuet wieder,

Stumm folgt mein Sinnen seiner Spur.

Verschleiert ruhen alle Fernen,

Der Schatten wächst, er rauscht und schwillt,

Er reckt empor bis zu den Sternen

Des Sämanns königliches Bild.

Abend auf dem Meere

Komm, das Segel füllt sich wieder,

Dieser Abend ist so schön,

Steig mit mir zum Ufer nieder,

Laß dem Fischer seine Lieder,

Laß der Welle ihr Gestöhn.

Wollen hier im Schatten sitzen,

Hinterm Segel, das sich bauscht;

Wenn die Wogen uns bespritzen,

Seh ich deine Augen blitzen,

Höre, wie die Brandung rauscht.

Komm, wir wollen stumm verehren

Dieser Schöpfung hehre Pracht.

Sprich, mein Lieb, kannst du erklären,

Daß mein Auge stets voll Zähren,

Daß das deine immer lacht?

Sprich, wie kommt es, daß mein Denken

Gallenbitter in mir haust,

Daß mich selbst die Augen kränken,

Die sich stets zur Erde senken,

Während du den Himmel schaust?

Wo ich mich im finstern quäle,

Strahlt dir silbern jeder Stern,

Während ich die Schatten zähle,

Leuchten deiner frommen Seele

Tausend Welten nah und fern.

Bis zum Ende unsres Lebens

Brüllt um uns die Flut und dräut;

Keiner lebt, der seines Strebens

Frucht stets pflückt, der nicht vergebens

Saaten in den Boden streut.

Unbekannt mit unserm Ziele

Rudern durch die Flut wir keck,

Ach, in frevelhaftem Spiele!

Bald flieht aus dem leichten Kiele

Mut und Hoffnung, wir sind leck.

Weh, die Ruder, sie zerschellen,

Sturmwind fegt die Segel fort,

Laute Hilferufe gellen,

Haushoch türmen sich die Wellen,

Wälzen wild sich über Bord.

Gott hat Mühsal uns als Lehen

Überreichlich zugeteilt,

Wohin wir uns immer drehen,

Einen werden stets wir sehen,

Der in Hast vorübereilt.

Welchen Weg? Stets den der Ehren!

Wohin du? In meine Schmach!

Du? Dem Zweifel will ich wehren!

Du? Nach Ruhm steht mein Begehren!

Du? Der Liebe lauf ich nach!

Hastet nicht auf allen Wegen,

Hastet nicht zu jeder Frist,

Mögt Euch plagen, mühen, regen —

Eilt ja nur dem Land entgegen,

Daraus keine Rückkehr ist.

Jenem Land, wo alles endet,

Ob Ihr weinet, ob Ihr lacht,

Keinen Duft die Blume spendet,

Wo kein Sonnenstrahl Euch blendet,

Jenem Lande ewiger Nacht.

Weshalb alle diese Mühen,

Dieser Neid und diese Pein?

Trinkt Euch satt, die Wasser sprühen,

Seht im Laub die Früchte glühen,

Lebt und liebt und dann schlaft ein.

Ob Ihr emsig wie die Bienen

Nur der Arbeit wart gewohnt,

Ob Euch je ein Glück erschienen,

Ob Ihr mit zufriednen Mienen

Tag und Nacht habt schwer gefrohnt,

Allem ist ein Maß gemessen,

Alle Blüten fallen ab,

Ihr verliert, was Ihr besessen,

Aller Dinge harrt Vergessen,

Aller Menschen harrt das Grab.

Gott wird einst zurück uns fodern,

Fällt den Baum mit einem Streich,

Heißt der Flamme Glut verlodern,

Schiffe auf dem Grund vermodern,

Spricht zur Blume: Werde bleich!

Spricht zum kühnen Schlachtensieger:

Mensch, das letzte Wort ist mein!

Wate nur im Blute, Tiger,

Steige höher, stolzer Krieger,

Tiefer wird dein Fall nur sein.

Spricht zum Weib von Evas Stamme:

Schmücke dich, nutz deine Zeit,

Staub vom Staube, Schlamm vom Schlamme,

Einen Augenblick sei Flamme,

Asche dann in Ewigkeit!

Dulden mußt du’s und ertragen,

Ausgelöscht bist du im Nu;

Willst den Herren du verklagen,

Dich zu überheben wagen?

Groß ist er und klein bist du.

Jedem ist der Kampf beschieden,

Ob er zweifelt, ob er glaubt;

Not und Elend sind hinieden,

Doch der Herr im ewigen Frieden

Schüttelt lächelnd nur das Haupt.

Alles was wir hier erstreben,

Alles schwindet und zerstiebt.

Ach, die Schatten, sie entschweben,

Und es bleibt von deinem Leben

Nichts, wenn niemals du geliebt.

Will das Haupt in Demut neigen,

Leise, leise, stör mich nicht!

Blicke nach der Sterne Reigen,

Während ich in tiefem Schweigen

Höre, was die Woge spricht.

Bangend und mit bleichem Munde

Frag ich, mit gespanntem Ohr

Horch ich .... wehe, aus dem Schlunde,

Von des Meeres tiefem Grunde

Quillt nur trüber Schlamm empor.

Nimmer folge meinen Blicken,

Sie versenken sich in Nacht,

Sollst das Auge aufwärts schicken,

An dem Sterne dich erquicken,

Der dir froh entgegenlacht.

Sieh ihn hoch am Himmel stehen,

Wie er glänzt und strahlt und scheint,

Gottes Lächeln wirst du sehen,

Mich laß nach dem Menschen spähen,

Der in seinen Qualen weint.

Aus den Orientalen

I.

Eine Bucht und grüne Hügel,

Die sich spiegeln in der Flut,

Reiter steigen in den Bügel,

Frohe Lieder, froher Mut!

Hier die Zelte, dort die Rosse;

Schlanke Männer bei dem Trosse

Schärfen Schwerter und Geschosse

In des Feuers roter Glut.

Überall freut den Nomaden

Seiner Sonne helles Licht,

Und die Maid, zum Tanz geladen,

Weigert sich dem Krieger nicht.

Winde spielen mit dem Sande;

Solch ein Reigen auf dem Strande

Zeigt das Weib im Festgewande

Schöner als ein Traumgesicht.

Spiegeln sich, dem Ebenholze

Gleich, im Wasser diese Fraun,

Lacht das Angesicht, das stolze,

Jauchzen sie, wenn sie sich schaun.

Melkt jetzt das Kamel, das schnelle!

Weiße Milch spritzt aus dem Quelle,

Seltsam rinnt der Strahl, der helle,

Durch der Hände tiefes Braun.

Munter plätschern sie im klaren

Wasser, das von Salze schwer;

Sagt, wo kamen diese Scharen,

Diese fremden, gestern her?

Plötzlich kreischen schrille Becken,

Rosse wiehern, Kinder schrecken,

Wellen, die das Ufer lecken,

Stürzen sich zurück ins Meer.

II.

Die Wüste .... Furcht und Schrecken,

Nur Sand und nichts als Sand,

Wie weit mag sie sich strecken,

Versengt, verdorrt, verbrannt!

Nichts Lebendes will weilen,

Die Hügel selbst zerteilen

Im Winde sich, enteilen

Wie Flugsand auf dem Strand.

Es ziehen Karawanen

Nach Mamre und Ophir,

Frech kreuzen ihre Bahnen

Das heilige Revier.

Schwer schleppt durch heiße Dünen,

Wo keine Halme grünen,

Verwegenheit zu sühnen,

Sich keuchend Mensch und Tier.

Der Wüste tiefes Schweigen

Hört Gott der Herr allein,

Ihm ist sie erb und eigen,

Er markt sie ohne Stein,

Läßt Dünste sich erheben,

Die dieses Meer umschweben,

Sie zittern und sie beben

Und hüllen alles ein.