Die Küste
Eine Festung, dies Gestade!
Lang gestreckt und weiß und grade
Liegt es da, ein fester Wall,
Und die Wogen, die Schwadronen,
Brechen sich in tiefem Fall
Jählings an den Mauerkronen,
Wälzen sich umsonst heran,
Stürmen stets von neuem an,
Um die Brüstung zu erreichen.
Vorwärts jetzt mit frischer Kraft,
Die Besatzung kommt ins Weichen,
Vorwärts jetzt, die Bresche klafft!
Drauf und dran, ihr wilden Koppeln,
Müßt die Kräfte jetzt verdoppeln,
Horch, wie toll die Trommel schlägt!
Hört ihr nicht den Sturmwind pfeifen?
Schnell die Böschung blank gefegt,
Wagt nur mutig anzugreifen.
Stücke Erde, groß und klein,
Stürzen ab und Felsgestein,
So, jetzt wanken schon die Zinnen!
Trümmer liegen überall,
Häufen draußen sich und drinnen,
Abgebröckelt ist der Wall.
Dringt durch die gesprengte Mauer!
Wütend flutet kalter Schauer,
Immer größer wird die Not.
Heulend nahen neue Gäste,
Reiche Ernte hält der Tod
In der fast erlegenen Veste.
Leichen häufen sich zum Turm,
Dämmen jetzt den wilden Sturm,
Decken rings die feuchte Erde.
Von Verstümmelten ein Hauf
Packt die abgehetzten Pferde,
Hemmt der müden Rosse Lauf.
Eine Festung, dies Gestade,
Lang gestreckt und weiß und grade!
Ohne Zagen wirft und baut
Diese Festung ohne Gleichen,
Daß es allen Feinden graut,
Barrikaden auf von Leichen.
Trockne Kiesel
Ach, ihr enttäuscht mich, meine Lieder,
Ihr gebt die Farbenpracht nicht wieder!
Sind auch die Worte noch so reich,
Sie scheinen unecht und erlogen,
Vergleiche ich sie mit den Wogen,
Wie sind doch meine Farben bleich!
Was aus dem Herzen mir geflossen,
Das hab ich treu hinein gegossen
In eines Mannes redlich Werk.
Wie fröhlich regte ich die Hände!
Jetzt da die Arbeit ging zu Ende
Erscheine ich mir wie ein Zwerg.
Du kannst nur leere Reime schmieden,
Dir ist ja doch kein Sieg beschieden,
Das freie Meer bezwingst Du nie.
Der Vers, den mühsam Du erdachtest,
Den zu Papier mit Fleiß Du brachtest,
Hat eine andere Melodie.
Sobald die Flut zurückgetreten,
Dann leuchtet, wie aus Blumenbeeten,
In aller Farben frohem Schein,
In weißem, rotem, grünem Schimmer,
In tausendfältig buntem Flimmer
Aus nassem Sand der Kieselstein.
Umrahmt von feuchter Tropfen Kranze
Erstrahlt der Stein im hellsten Glanze,
Er funkelt, wie in Gold gefaßt.
Die Sonne und die Winde kommen,
Schnell ist die Glut verlöscht, verglommen,
Schnell ist der Diamant verblaßt.
So leuchten mir auch die Gedanken,
Wenn meine Träume sie umranken,
Wie Kiesel auf dem feuchten Strand;
Doch ach, die Träume, sie verfliegen,
Seh auf dem Tisch Papier ich liegen,
Das nüchtern allen Glanz verbannt.
Was prächtig eben noch gefunkelt,
Das ist verblichen und verdunkelt,
Die bunten Farben halten nicht;
Die Phantasien, die mich locken,
Entschwinden, grau erscheint und trocken
Der Kieselstein und mein Gedicht.