Weisheit

I.

Lauscht jetzt des Friedens stillem Sange!

Ein Hauch ist er, zart und verschwiegen,

Ein Grashalm, den die Winde wiegen,

Er weint, doch deshalb seid nicht bange.

Die Stimme war euch einmal teuer,

Seit langer Zeit hat sie gefeiert;

Wie eine Witwe dicht verschleiert

Verrät sie doch noch Stolz und Feuer.

Was vordem heilig ihr gewesen

Verbirgt sich keusch. Den Schleier heben

Die Lüfte, die vorüber schweben,

Die klare Wahrheit könnt ihr lesen.

Und solches wird euch dann verkündet:

Das Gute nur wird ewig bleiben,

Von allem eurem wilden Treiben

Bleibt nichts, denn Haß und Neid entschwindet.

Ein einziger Ruhm nur ist erquicklich,

Zu kämpfen und nichts zu erstreben,

Nehmt dankbar hin, was euch gegeben,

Nur Frieden ohne Sieg macht glücklich.

Ihr dürft Gehör der Stimme gönnen,

Sie will nicht locken noch berücken;

Ach, eine Seele zu beglücken

Ist ja das beste, was wir können.

Doch eilt, die Stunde währt nicht lange,

Wir müssen leiden und nicht klagen,

Nicht zürnen, wenn wir Schmerz ertragen,

Lauscht jetzt der Weisheit stillem Sange.

II.
Kaspar Hauser singt:

In Städte voller Lug und Trug,

Zu Menschen kam ich, eine Waise

Mit stillen Augen, scheu und leise,

Die Männer fanden mich nicht klug.

Im Frühling ließ der warme Föhn

Des Herzens kalte Decke tauen,

Schön fand mit einmal ich die Frauen,

Die Frauen fanden mich nicht schön.

Kein König zahlte je mir Sold,

Kein Vaterland hat meine Wiege

Geschirmt, trotzdem sucht ich im Kriege

Den Tod, er hat mich nicht gewollt.

Kam ich zu früh, kam ich zu spät?

Weshalb bin ich auf dieser Erde?

Wie drückt mich meines Seins Beschwerde ...

Sprecht für den Kaspar ein Gebet.

III.

Lang gestreckte Hecken wogen

Wie ein Meer in feuchter Luft,

Voll an schwerem Blütenduft

Hat der Nebel sich gesogen.

Mühlen stehen auf dem Plan,

Bäume, die sich aufwärts recken,

Fohlen tummeln sich und necken

Munter sich in freier Bahn.

Sonntag! frohe Lämmer grasen,

Schwankend wie ein zarter Hauch

Lösen sich im Morgenrauch

Weiße Vließe von dem Rasen.

Leise kräuselt sich ein Meer

Grüner Auen, grüner Wellen,

Durch die Nebelschleier schwellen

Glockenklänge ferneher.

Prolog

Vorwärts jetzt, verruchte Truppe!

Habt zu lange schon geweilt,

Was euch zukommt, ward euch, eilt,

Die Chimäre streckt die Kruppe.

Schwingt euch auf, sprengt durch den Raum,

Durch die Zeit, verlorne Kinder,

Dieser Renner fliegt geschwinder,

Als das kranke Hirn im Traum.

Endlich, endlich fand ein Ende

Meines Fiebers toller Wahn,

Tastend suchen heiße Hände

Einem Leben neue Bahn.

Doch sie segnen euch, ihr schrillen

Schreie wilder Angst, habt Acht,

Meiner schwarzen Sonne Grillen,

Grillen meiner weißen Nacht.

Geht jetzt! ich verstoß euch heute,

Was auch gestern noch geschah,

Denn mein Herz sucht andere Beute,

Packt euch, aegri somnia!

Pierrot

Das ist der Mondscheinschwärmer nicht, der frech und frank

Den Vätern durch die Tür gelacht in alten Tagen;

Wie seine Kerze starb sein Witz, mit blödem Zagen

Geht sein Gespenst nur schlotternd um, bleich, hager, krank.

Im rauhen Wind beim Schein des Blitzes flattert bang

Die weiße Jacke wie ein Leichentuch. Längst nagen

Die Würmer an dem Hirn. Der welke Mund will klagen,

Er grinst breit aufgesperrt, verzerrt von Schmerz und Zwang.

Die Ärmel winken links und rechts verrückte Zeichen

Gleich Fledermäusen, die durch’s Abenddunkel streichen,

Doch keiner nimmt Notiz von dem erfrornen Witz.

Aus leeren Augenhöhlen zucken Phosphorstrahlen,

Und gräßlich steht in dem Gesicht, dem blutlos fahlen,

Die mehlbestaubte Totennase, starr und spitz.