Weihnachten im Landesmuseum
Eine Erinnerung und eine Zuversicht
Von R. Bürckner, Dresden.
Als ob im Landesmuseum an der Asterstraße in Dresden nicht immer Weihnachten wäre! Wenn draußen das Maiglöckchen blüht, wenn die Sommersonne brennt, wenn Äpfel und Weintrauben reifen: im Museum wird immer beschert. Nicht bloß oben in der Erzgebirgischen Stube, wo der Weihnachtstisch das ganze Jahr aufgebaut steht, wo die Pyramide eben aufgehört hat, sich zu drehen, wo die Weisen aus dem Morgenlande zum Stalle ziehen. Nein, wenn du beim Eingang vor die erste, die Dresdner Stube trittst, wenn du unter den Bergspinnen, die vom Gewölbe blinken, hingehst: Es ist wie Weihnachten. Friede auf Erden. Weihnachtsfreude.
Aber du mußt dich wirklich freuen können, freuen wie ein Kind. Warum freut es sich? Bloß, weil alles so schön ist. O du Kindereinfalt mit deiner ungelehrten Freude! Wer dich doch immer hätte!
Hast du sie nicht, dann komme zu Weihnachten ins Landesmuseum. Komm und sieh, bleibe und höre und freue dich!
Wochenlang vorher wird beraten, wie diesmal Weihnachten gefeiert, wie diese Stube, jener Raum weihnachtlich geschmückt werden soll. Briefe gehen hin und bitten um Mitarbeit, kommen her und bringen Zusagen viel, Absagen wenig. Alte Helfer bleiben treu. Neue schließen sich an. Hast du schon mitgetan? Warte nicht erst auf eine Einladung! Die von selber helfen, sind uns am liebsten.
Endlich ist alles fertig. Dieser Zulauf! Über viertausend Menschen sind letzte Weihnachten im Museum gewesen. Gerade, als ob z. B. ganz Dippoldiswalde mit allen Männern, Frauen und Kindern sich aufgemacht hätte. Gab das ein Gedränge! »Was fällt dir ein?« fragte der Vater unwirsch seinen kleinen Jungen, der zwischen den Leuten stak und hin- und herschob. Die Mutter beschwichtigte: »Er will den Hofrat sehen!« Da nahm ihn der Vater hoch – nun sah er den Hofrat, nun guckte und horchte er.
Ein Zweifaches zieht die Leute zu Weihnachten ins Museum: der Weihnachtsschmuck, die Weihnachtsfeier.
Der Schmuck beginnt mit einer Ranke draußen an der Tür. Schon im Vorraum stehen Bäume. Im Hintergrunde droht ein Riesen-Ruprecht. Aber er tut es ganz gutmütig.
Jetzt die Innenräume. Christbäume, Christbäume! Jeder anders angeputzt. Welcher ist der schönste? Der mit mattem Silberschmuck? Der mit bunten Sternen? Nein, dort der Pfefferkuchenbaum! Die Pfefferkuchen sind alle selbst entworfen, selbst aus Teig geformt. Der Herr Bäckermeister hat sie bloß gebacken, weil das im Ofen zu Hause nicht gut ging. Hier in der guten Bürgerstube: Wie das glitzert! Lauter Goldpapierketten und -büschel und -sterne. Sieh mal, dort auf dem kleinen Schreibpult, an dem früher der Naundorfer Gutsbesitzer seine Roggenrechnung machte: Zwei Wunderbäumchen! Vier goldene Nüsse als Füßchen, eine vergoldete Kartoffel als Mittelstück und fünf Gänsekiele darin als Träger von Rosinen und Mandeln. Ist das niedlich! Nicht bloß niedlich. Ganz echte rechte Volkskunst ist es, voller Liebe, voller Freude! Wer bringt uns mehr solche Sachen?
Unter dem großen grünen Baum ein ganzer Kranz erleuchteter Advents- und Weihnachtsbilder. Aber die müssen schwer auszuschneiden sein! Ja, dafür sind sie auch von Kunstgewerbe-Akademikern; gerade wie die Pfefferkuchen, die wir vorhin gesehen haben.
Bäume mit kräftigem, mit zartem Buntpapierschmuck, mit leuchtenden Glaskugeln, mit Sternen aller Art, mit bunten Bändern. Weihnachtsleuchter, durchscheinende Fensterbilder. Eine frei schwebende grün verdeckte Leiste als Laufbahn für ein Gewimmel ausgeschnittener bunter Figuren; alle rennen zum Christbaum, der sich in der Mitte erhebt. Oben in der Dresdner Bürgerstube mit dem herrlichen Blick auf die Frauenkirche ein in seinem altmodischen Papierschmuck fein abgestimmter Christbaum.
Kein Raum ist vergessen. Bei den kleinen Grabkreuzen steht ein grüner Baum im Schmucke seiner natürlichen Zapfen ernst und still in der Ecke. Dort und da die Treppe sollst du nicht hinaufgehen. Ein grüner Wächter sperrt den Weg.
Weihnachten überall!
»Gestatten, Herr ...! Mein Name ist Einert. Ich sehe hier so viele Christbäume, aber ich muß sagen, mir gefallen nur die im einheitlichen Schmuck, entweder lauter weiße Sterne, weiße Lichter oder lauter rote Körbchen, rote Ketten, rote Lichter, oder auch lauter Gold, lauter Silber. Wie denken Sie darüber?« »Kann wunderschön aussehen,« will ich antworten, da stellt sich Herr Frölich vor, der zugehört hat, und sagt: »Mein Christbaum muß sein wie eine Volksfestwiese, bunt und lustig, alles durcheinander: bunte Sterne, goldene Nüsse, Silberketten, Pfefferkuchen. Zwar hier, gestatten, daß ich vorstelle: Fräulein Fein, findet ausgerechnet die Pfefferkuchen geschmacklos, aber meine Kinder ...« Er kann nicht ausreden, denn Fräulein Fein bestätigt eilfertig seine Worte: »Außerdem hängen die Pfefferkuchenmänner aller menschlichen Bestimmung zuwider meist verkehrtherum im grünen Baum.« »Aber liebes Fräulein, der Pfefferkuchenmann hat nur die eine Bestimmung, lustig zu sein. Das Kopfnachunten macht ihm unendlichen Spaß und allen kleinen wie großen Kindern mit.«
Unsere Weihnachtsausstellung zeigt, daß es eine »Ästhetik des Christbaumes« glücklicherweise nicht gibt. Das fröhliche Herz findet den rechten Schmuck. Aber die Leute hat der Hofrat öffentlich bedauert, die sich um den Christbaum nur die eine Mühe machen, in den Laden zu laufen und – fünfundzwanzig Marzipanschweine einzukaufen.
Es ist am Spätnachmittag. Harter Ostwind durchfegt die Straßen, Glatteis macht das Gehen schwer. Aber das Museum steht voller Menschen. Worauf warten sie? – Wird denn heute gesungen? – Was wäre Weihnachten im Museum ohne Sang und Rede, ohne Feier! An jedem Tage mindestens eine, an manchen zwei, an einigen sogar drei. So kam es, daß wir letzte Weihnachten fünfundzwanzigmal Weihnachten gefeiert haben. Ja, hält denn das ein Mensch aus? Glänzend. Er muß bloß eine unauslöschliche Begeisterung und – treue Helfer haben. Die hatten wir wie beim Schmücken der Christbäume, so auch bei unseren Feiern. Schulkinder, Gesangvereine, höhere Schulen, Kirchenchöre, fröhliche Einzelsänger, liebenswürdige Einzelsängerinnen, alle, alle kamen, erfreuten die Besucher, erfreuten uns, erfreuten vor allem sich selber. Wie oft und doch nie genug haben wir »Stille Nacht, heilige Nacht« gehört! Wenn es so recht rein und fein durch die Bogenhallen klang, dann war’s, als ob man das alte liebe Lied in wunderschönem Druck auf kostbarem Papier vor sich sähe. Wir freuen uns dankbar jeder volkstümlichen Mitwirkung, und Abwechslung muß sein. Aber kein Weihnachtssingen kommt dem aus Kindermunde gleich. Wenn dann die Mädchen, die Knaben so mit aller Andacht zu ihrem Führer aufschauen: Luca della Robbia, deine Sängerbühnenkinder sind übertroffen. Geheimnisvoller Weihnachtszauber steigt empor, wenn die Engel, Maria und Joseph, die Hirten, die Weisen im langen Gange hergezogen kommen, Lichter in den Händen, Weihnachtslieder singend, begleitet von den Klängen der Lauten und Geigen. Sie kommen langsam heran zum großen Raume der Grabkreuze, sie treten vor die herrliche Madonna. Recht wie eine liebe Mutter sieht sie ihnen zu, wenn sie ihr Weihnachtsspiel beginnen, ohne Puder, ohne Maskengarderobe, schlicht wie im häuslichen Kreise.
Nicht jedesmal wird gespielt. Dann erzählt der Hofrat von dem Bergmann, der ihn gebeten hat, sich die Maria anzusehen, die er für seine Weihnachtskrippe schnitzt, oder von dem kleinen Mädel im Erzgebirge, das seine Puppe kranksagte, als sie noch heil und ganz war, und gesund, obgleich sie inzwischen ein Loch in den Kopf bekommen hatte. Kinderphantasie, deine Gedanken sind nicht unsere, du mußt den nüchternen Erwachsenen belehren. Du hast auch dem kleinen Jungen jenen Tag zum glücklichsten seines Lebens gemacht, an dem er Karnickel sein und ins Erdloch kriechen durfte. Dagegen wir Großen: wie oft sind wir Karnickel und wie selten sind wir glücklich, schließt nachdenklich die Rede lachender Lebensweisheit. Noch vieles von Volksbrauch, von Volks- und Kinderkunst bekommen die Leute erzählt, gern und lange hören sie zu. Aber mit dem Zuhören ist’s nicht getan; sie müssen tätig mitfeiern. Der Tannenbaum, der Vogelbeerbaum vereinigen alle, die da sind, zu fröhlichem Schlußklang. Wir kommen wieder!
Ja, sie werden wiederkommen. Schon glimmen in der Ferne leise die Weihnachtskerzen auf. Wer wird diesmal die Bäume schmücken? Wer wird singen? Sollen wir Dresdner alles besorgen im Landesmuseum für Sächsische Volkskunst? Wer hat einen volkstümlichen Christbaumgedanken? Das heißt, der Gedanke allein tut’s nicht, wir warten auf die Ausführung. Oder kann jemand einen Weihnachtsberg aufbauen? Keinen neun Meter langen, sondern einen, der auch in die enge Stadtwohnung, der ins Museum paßt. Wir möchten wieder vielen, vielen Menschen Freude, Weihnachtsfreude, neue Freude bringen. Und gestehen wir’s nur: Wir selber haben dabei die größte.
Wir sind voller Zuversicht.