Das Megatherium

von

Joseph Viktor von Scheffel.

Was hangt denn dort bewegungslos

zum Knaul zusamm’geballt,

so riesenfaul und riesengroß

im Ururururwald?

Dreifach so wuchtig als ein Stier,

dreifach so schwer und dumm —

ein Klettertier, ein Krallentier:

das Megatherium!

Träg glotzt es in die Welt hinein

und gähnt als wie im Traum,

und krallt die scharfen Krallen ein

am Embahubabaum.

Die Früchte und das saftige Blatt

verzehrt es und sagt: „Ai!“

Und wenn’s ihn leergefressen hat,

sagt’s auch zuweilen: „Wai!“

Dann aber steigt es nicht herab,

es kennt den kürzern Weg:

gleich einem Kürbis fällt es ab

und rührt sich nicht vom Fleck.

Mit rundem Eulenangesicht

nickt’s sanft und lächelt brav:

denn nach gelungener Fütterung kommt

als Hauptarbeit der Schlaf.

... O Mensch, dem solch ein Riesentier

nicht glaublich scheinen will,

geh nach Madrid! dort zeigt man dir

sein ganz’ Skelett fossil.

Doch bist du staunend ihm genaht,

verliere nicht den Mut:

so ungeheure Faulheit tat

nur vor der Sintflut gut.

Du bist kein Megatherium,

dein Geist kennt höhere Pflicht,

drum schwänze kein Kollegium

und überfriß dich nicht.

Nütz’ deine Zeit, sie gilt statt Gelds,

sei fleißig bis zum Grab,

und steckst du doch im faulen Pelz,

so fall mit Vorsicht ab!