Hermann und Dorothea.

S. [5]. Das zitierte Urteil Schillers steht in seinem Briefe an Heinrich Meyer vom 21. Juli 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 296 Spemann).

S. [6]. Rosenkranz, Goethe und seine Werke S. 346.

Tag- und Jahreshefte von 1796: Goethes Werke Band 35, S. 65 Weimarische Ausgabe; vgl. auch S. 57. »Mit Rührung erinnere ich mich, wie uns Goethe in tiefer Herzensbewegung unter hervorquellenden Thränen den Gesang, der das Gespräch Hermanns mit der Mutter am Birnbaume enthält, gleich nach der Entstehung vorlas. So schmilzt man bei seinen eigenen Kohlen, sagte er, indem er sich die Augen trocknete,« berichtet Karoline von Wolzogen in ihrem Leben Schillers S. 225 Cotta, wiederabgedruckt in Goethes Gesprächen Band 1, S. 186.

Jean Pauls Charakteristik wird auch S. 45 erwähnt.

S. [11]. Im neuen literarischen Anzeiger von 1807 bemerkt Jakob Grimm: »es ist ungereimt ein Epos erfinden zu wollen, denn jedes Epos muss sich selbst dichten, von keinem Dichter geschrieben werden«; die Stelle ist wiederabgedruckt in seinen kleinen Schriften Band 4, S. 10, Anm. 4;, vgl. auch S. 14. Wie wir heutzutage über dieses Grundprinzip Grimms zu denken haben, zeigt Scherer in seinem Jakob Grimm S. 145 und in seiner Poetik S. 133.

S. [12]. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 332; vgl. auch S. 13. 45. 109. Bei Hegels Auftreten »öffnete sich ein unermesslicher Reichtum vor den trunkenen Blicken, die wiedergewonnene Heimat des Geistes, und vor der Wärme dieses neuaufgegangenen Frühlings schmolzen die starren hartnäckigen Trennungen des abstrahierenden Verstandes und der dualistischen Moral« Gedanken über Goethe S. 15. Hehns philosophische Ansichten sind durchgehends von Hegel beeinflusst (vgl. Dehio in Hehns Italien S. VI); auch seine in unsrem Werke ausgesprochenen allgemeinen Ansichten von Poesie und ihrer Entwicklung fussen überall auf dem Lebensboden der Hegelschen Aesthetik, dem greifbarsten und bleibendsten Werke des Philosophen; doch drängt sich nirgends der Anschluß an den verehrten Meister übermässig oder störend hervor; der genauer Vergleichende findet oft Aehnlichkeiten bis in den Ausdruck hinein. Vor unstatthafter Einmischung Hegelscher Dialektik bewahrte Hehn sein feines poetisches und menschliches Gefühl für die Gestalten und Formen Goethescher Dichtung.

Herodot sagt im 2. Buche § 53 von Hesiod und Homer: οὗτοι δέ εἰσι οἱ ποιήσαντες θεογονίην Ἕλλησι, καὶ τοῖσι θεοῖσι τὰς ἐπωνυμίας δόντες καὶ τιμάς τε καὶ τέχνας διελόντες καὶ εἔδεα αὐτῶν σημήναντες.

S. [13]. Hegel, Vorlesungen über Aesthetik Band 3, S. 388.

S. [20]. Die homerischen Beispiele finden sich Odyssee Buch 19, Vers 392 und Ilias Buch 21, Vers 34.

S. [23]. Gemeint ist Herders Aufsatz im 5. Bande der Adrastea »Vom Langweiligen, das die Epopöe oft begleitet« sämtliche Werke Band 24, S. 284 Suphan. Ich verdanke den Nachweis der Freundlichkeit Bernhard Suphans.

Mit der Natur der epischen Poesie beschäftigen sich noch einige Blätter aus Hehns Nachlaß, aus denen ich hier folgendes mitteilen möchte:

»Das Epos hat mit der Plastik und deren Objektivität im Sinne sowohl des substanziellen Gehalts als auch der Darstellung in Form realer Erscheinung die meiste innere Verwandtschaft. Darum blühte beides in Griechenland. Die Welt der homerischen Gedichte ist in der schönen Schwebe zwischen den allgemeinen Lebensgrundlagen der Sittlichkeit in Familie, Staat, religiösem Glauben, Recht, und der individuellen Besonderheit des Charakters, in dem schönen Gleichgewicht zwischen Geist und Natur, zweckvoller Handlung und äußerem Vorgang, nationaler Basis der Unternehmungen und einzelnen Absichten und Thaten; die freie Bewegung einzelner Helden erscheint gemäßigt durch den Ernst des Schicksals und die Bestimmtheit der Zwecke. Daher auch die Naivetät der erscheinenden Göttergebilde, die ganz menschlich und es doch nicht ironisch sind.

Das Epos, seines poetischen Gewands entkleidet, gibt dasjenige, was Geschichte in geistvoller Behandlung und Naturbeschreibung in ihrer größten Allgemeinheit gewährt, einen vollkommenen Ueberblick über die Menschheit und die Natur in ihrer Verbindung. Nur daß der Dichter nicht die Vollständigkeit der Objekte braucht, sondern mittelst eines einzelnen Objekts noch mehr leistet, da er das Gemüt in eine unendliche Stimmung versetzt. Der epische Dichter genießt die weiteste Aussicht; seine Dichtung ist am meisten fähig den Menschen mit dem Leben zu versöhnen.

Das Epos gibt der Musik Gestalt, der Skulptur Bewegung und Sprache.

Idyll heißt nicht bloß eine Dichtungsart, sondern eine Empfindungsweise. Die Idylle beschreibt einen Zustand, das Epos erzählt eine Handlung.

Der Kampf individueller Charaktere, Zwecke und Leidenschaften mit den objektiven Mächten führt zur dramatischen Poesie. Das Epos fordert aber noch jene unmittelbare Einheit von Empfindung und Handlung, von inneren konsequent sich durchführenden Zwecken und äußeren Begebenheiten, eine Einheit, welche nur in den ersten Perioden des nationalen Lebens vorhanden ist. Indes ist die epische Kunst selbst später als jener naive unmittelbare Volkszustand, der unbefangen sich in seinem poetischen Dasein heimisch fühlt. Homer und Ossian folgen der von ihnen geschilderten Zeit.

Dennoch muß der epische Dichter ganz in den geschilderten Verhältnissen und diesem Glauben stehen und er bringt nur die Kunst der Darstellung, das poetische Bewußtsein hinzu. Fehlt diese Verwandtschaft im Leben und Vorstellen, so wird das Gedicht disparat. Die Scheidung zwischen dem künstlerischen Geist und der geschilderten nationalen Wirklichkeit ist unangemessen und störend z. B. in Goethes Achilleis. Auf der einen Seite stehen die Szenen des vergangenen Weltzustandes, auf der andern Formen und Gesinnungen einer davon verschiedenen Gegenwart. Dadurch wird der frühere Glaube zu einer kalten Sache, einem Aberglauben, einem leeren Schmuck, einer bloßen sogenannten poetischen Maschinerie, der alle Lebendigkeit, aller Pulsschlag wahren Lebens, alle Seele abgeht.

Der Weltzustand, in welchem das Epos entsteht, ist ein solcher, daß das allgemeine Leben zwar schon eine vorhandene Wirklichkeit ist, aber noch im engsten ursprünglichen Zusammenhang mit den Individuen, die dies allgemeine Leben bewußtlos als ihr eigenes Leben fühlen. Im Epos sollen nicht die Helden einen Gesamtzustand erst gründen, denn er fiele dann in das Gemüt und den Willen des Subjekts und erschiene nicht als objektiv vorhanden.

Jedes Epos muß ein bestimmtes Volk schildern. Das Prinzip griechischen Geistes lernt man in lauterer Quelle aus Homer kennen. Zweierlei Art nationaler Wirklichkeit: positive spezielle Gebräuche und Substanz des Volksgeistes, die im Lauf der Zeit unverändert bleibt. Hermann und Thusnelda sind uns nicht mehr national, auch die Nibelungen können nicht mehr gefühlt werden. Die besondre Nationalität muß allgemein-menschliche Geltung haben. So haben Homers Gedichte ewige Gegenwart. Das indische Epos ist zu überwiegend spezifisch: das Menschliche kann nicht durchbrechen.

Das Nibelungenlied hat inneres Mark. Auch in ihm ist substanzieller Gehalt in Bezug auf Familie, Gattenliebe, Vasallentum, Diensttreue, Heldenschaft; dennoch ist die ganze Kollision eher dramatisch und tragisch als episch. Die Darstellung hat keinen individuellen Reichtum, keine lebendige Anschaulichkeit; sie verliert sich ins Harte, Wilde, Grausame; die Charaktere gleichen in ihrer abstrakten Schroffheit mehr rohen Holzbildern, als daß sie der menschlich ausgearbeiteten geistvollen Individualität homerischer Personen vergleichbar wären.

Die epische Begebenheit muß auf den Boden der sie umgebenden totalen Volksnatur gegründet sein, die individuelle That darf nicht mit dieser Natur in Gegensatz stehen. Das allgemeine Leben muß in so konkreten einzelnen Thaten aufgefaßt sein, daß daraus notwendig eine bestimmte Situation, bestimmte Zwecke und Handlungen, eine bestimmte Begebenheit hervorgeht. Die einzelne epische Handlung muß erstens individuell lebendig und bestimmt sein und zweitens epischen Charakter haben; drittens muß sie eine innere Notwendigkeit des Fortgangs haben, welche teils als Schicksal, teils als offenbare Leitung ewiger Göttermächte erscheint.

Das epische Geschehen muß in die äußere Realität der umgebenden Welt eintreten und nicht bloß innerlich vorgesetzter Zweck des Individuums sein, welchen dieses in sich zur Realität bringt. Daher ist die epische Begebenheit nicht bloß Durchführung von Zwecken, sondern es treten in sie Umstände, Naturereignisse, Zufälle u. s. w. ein. Sie ist keine That streng genommen, sondern ein Geschehen. Sie muß eine ganz individuelle sein, daher nicht bloß Staat, Vaterland, Menschheit das Subjekt sind, sondern ein besonderer Held; trotzdem keine Biographie.

Der epische Charakter muß eine Totalität von Zügen, ein ganzer Mensch sein; daher die Breite der Zeichnung nach allen Seiten hin, während im Drama das Pathos, die eine Richtung des Menschen beleuchtet ist und ihn ganz verschlingt. Als total und das Eigentümliche der Nation und Zeit in sich zusammenfassend haben diese Helden das Recht, an die Spitze gestellt zu sein. Die Nation konzentriert sich in ihnen zum Subjekt. Der epische Charakter geht nicht in seinem Zwecke auf; nicht seine Wirksamkeit, sondern was ihm begegnet, ist die Hauptsache.

Der dramatische Charakter macht sich sein Schicksal selber, dem epischen wird es durch die Macht der Umstände gemacht. Das Drama kehrt das innere Recht der Handlung objektiv heraus, das Epos aber stellt das totale Dasein dar und diesem substanziellen Zustande folgt das Individuum und leidet demgemäß. Das Schicksal bestimmt, was geschieht. Die epische Gerechtigkeit richtet nicht die Person, wie die dramatische, sondern die Sache; daher ein Grundzug der Trauer.

Die Notwendigkeit des Schicksals kann doppelt zur Darstellung gebracht werden. Der Dichter stellt entweder die Begebnisse hin und erklärt ihren Gang nicht durch das Mithandeln ewiger Göttermächte. Dennoch muß durch das Ganze sich die Empfindung durchdrängen, daß es sich nicht um das bloß Zufällige handelt, sondern die Geschicke in sich selbst begründet sind, ohne daß die dunkle Macht deshalb hervortritt, bestimmt individualisiert und in ihrer Thätigkeit poetisch vorgestellt wird. Hierher gehört das Nibelungenlied. Oder es erscheint eine vielgestaltige Götterwelt, welche eingreift. Zwischen Göttern und Menschen ist wechselseitige Selbständigkeit nötig. Die ersteren dürfen nicht leblose Abstraktionen, die Menschen nicht bloß willenlose Werkzeuge sein. Im Christentum haben die Engel und Genien zu wenig Körper. In Bezug auf die Götterwelt besonders ist der Unterschied künstlicher und ursprünglicher Epen wichtig: so bei Virgil und Homer. Die Anschauungsweise des Dichters und der dargestellten Welt bei Virgil ist nicht im Einklang: die Götter sind bloße Erdichtungen, künstliche Mittel, mit denen es nicht Ernst ist. Bei Homer schweben die Götter in dem magischen Licht zwischen Dichtung und Wahrheit: der Glaube an sie ist der Glaube an den substanziellen Gehalt, den sie repräsentieren. Gemacht sind auch Milton, Bodmer, Klopstock, Voltaire; überall Zwiespalt des Inhalts und der Reflexion des Dichters. Bei Klopstock spukt Wolffsche Metaphysik. Gottvater und die himmlischen Heerscharen sind gar nicht zur Individualisierung gemacht, wie die homerischen Götter. Klopstocks Welt ist bodenlos, seine Engel und Teufel leere Einbildung, Abbadonna, der bekehrte Teufel, eine absurde Inkonsequenz des Lasters, des personifizierten Lasters. Klopstock gefällt sich in unrealen Personen und Dingen, die nicht aus der wirklichen Welt und deren poetischem Gehalt herausgegriffen sind. Moralische Weltrichterschaft geht auf Allgemeines, während Dante bestimmte Personen verurteilt. Die Reden der Erzväter und biblischen Figuren stimmen schlecht mit der geschichtlichen Gestalt zusammen, in der wir sie kennen. Der historische Fond ist hier verflüchtigt, im ganzen Gedicht viel Hohles, Abstrakt-Verständiges und zum absichtlichen Gebrauch Herbeigeholtes.

Das Epos muß Einheit und Rundung haben. Dadurch ist es ein Werk der freien Kunst, während die Wirklichkeit sich zerstreut, in einem endlosen Verlauf von Ursachen, Wirkungen und Folgen sich fortzieht.

Das Epos blüht nur in Zeiten ruhigen Behagens, es stirbt in Zeiten drangvoller Arbeit, rapider Entwicklung. Mit der fortschreitenden Kultur ist zugleich Entzweiung gegeben, darum ist das Epos nicht die Kunstform zivilisierter Zeitalter.

Das Epos floß aus Volksgesängen zusammen. Sobald eine größere Menge derselben gegeben, aufgeschrieben und gesammelt war, so kam von selbst die Aufforderung sie untereinander zu verbinden. Eine Zusammensetzung dieser Art fließt aus dem bestimmten Gedanken, um den sich die Teile fest verbinden, den sie halb dem epischen Dichter an die Hand geben, den dieser zur andern Hälfte selbst ausbildet. Diese Einheit, die man lächerlicherweise als einen Beweis gegen die volksmäßige Entstehung der großen Epen hat geltend machen wollen, ist die Grundbedingung jedes größeren in ein Ganzes geschlossenen Volksepos.

Die epische Betrachtungsweise des Lebens ist gleich der antiken, der griechischen. Konzentration in allem Dichten und Treiben, Liebe des Ortes und Vaterlandes, Lebenslust, frohes Ergreifen der nahen Gegenwart, Einheitsliebe, Umfriedigung, Geschlossenheit, das Unendliche überall als eins und sich verwirklichend in dem Einzelnen und Endlichen und Individuellen. Bei den Neueren und den nordischen Völkern herrscht phantastische Ausschweifung, die Flucht in die Ferne, in das Endlose und in die jenseitige Zukunft. Die Tempel der Griechen sind in der schönsten Harmonie des Inneren und Aeußeren, mit einem Blick überschaubar; jeder gotische Dom ist mit riesenhafter Anlage begonnen, als ob er nie fertig werden sollte: theokratische Rundbogen, ritterliche Spitzbogen, industrielle Böden; ungeheure Türme, deren Einzelheiten dem Auge verschwinden, bei den Griechen Metopen und Skulpturen großartiger, um den Eindruck zu lassen, um alles einem Blick zu gewähren.

Das Epos ist weder komisch noch tragisch: es spaltete sich nicht in diese zwei Zweige wie das Drama. Denn indem das Epos erzählt, was war, indem es auf ein altertümliches Heroengeschlecht gerichtet ist, ist es vorherrschend ernst, ruhig, heiter; das Drama, die Gegenwart darstellend, ist teils tragisch teils komisch, wie die Begebenheiten der bürgerlichen Welt.

Das Epos und die naive Dichtung bleibt bei den geschilderten wirklichen Zuständen stehen, die sentimentale bezieht sich auf Ideen. Das Epos fällt in Zeiten, wo die Kraft der Phantasie lebendig ist, daß sie keiner Hilfe bedarf.«

Die feinsinnigsten Bemerkungen über epische Poesie, besonders über Homer und seine Zeit, die letzthin erschienen sind, finden sich in Hermann Grimms herrlichem Buche über die Ilias, dessen Fortsetzung jeder echte Freund der Poesie mit Sehnsucht erwartet.

Die Stelle Goethes an Schiller steht im Briefe vom 9. Dezember 1797 (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Band 1, S. 360 Spemann).

S. [24]. Ueber Goethes Nausikaa (Werke Band 10, S. 97. 406 Weimarische Ausgabe) vgl. Scherer, Aufsätze über Goethe S. 177.

S. [25]. Schiller urteilt über Goethe in seiner Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung: »Dieses gefährliche Extrem des sentimentalischen Charakters ist der Stoff eines Dichters geworden, in welchem die Natur getreuer und reiner als in irgend einem andern wirkt und der sich unter modernen Dichtern vielleicht am wenigsten von der sinnlichen Wahrheit der Dinge entfernt« (Sämtliche Schriften Band 10, S. 476 Goedeke).

Der Goethesche Spruch in den Werken Band 2, S. 216 Weimarische Ausgabe.

S. [26]. Goethes Ausspruch über seine künstlerische Befähigung steht in der italienischen Reise unter dem Datum des 23. Februar 1788 (Werke Band 24, S. 474 Hempel); ein Originalbrief, der diese Worte enthielte, ist nicht vorhanden.