Erste Szene.
Wenige Stunden später. Gegen 12 Uhr nachts.
Das Vorzimmer vor einem Saal. In der Mitte ein Vorhang, hinter diesem Vorhang, unsichtbar, ein Podium und die Perspektive eines dicht mit Stühlen und Tischen besetzten Saals. Im Vorzimmer stehn nur wenige Möbel, Klubsessel und ein kleiner Tisch mit Gläsern. An der Wand sind Haken, um die Kleider aufzuhängen. Rechts und links kleine Türen. Der Raum erweckt den Eindruck einer geschlossenen Gesellschaft vor einer Veranstaltung.
Cherubim, im Frack, mit dem Konzept einer Rede, im Zimmer wandernd. Von Tuchmeyer tritt ein, ebenfalls im Frack.
Cherubim:
Ist alles bereit?
von Tuchmeyer
(legt ab):
Alles. Wie wird deine Rede?
Cherubim:
Ich halte sie in der Hand. — Sind die Lichter an im Saal? Ist ein Glas Wasser auf meinem Tisch?
von Tuchmeyer
(hebt den Vorhang etwas):
Du kannst dich überzeugen: alles ist besorgt. In zwanzig Minuten, pünktlich um Mitternacht, werden sich die Bänke füllen. Ich höre, viele Studenten kommen. Die Stunde ist gut gewählt. Jene, an die wir uns wenden, werden zahlreich sein. Sie erwarten das Höchste von dir! Und wer, um die Mitte der Nacht, ist nicht feurig, Offenbarungen zu empfangen.
Cherubim:
Und wie steht es mit der Polizei?
von Tuchmeyer:
Wir sind unter uns. Ich habe angegeben, wir feiern den Jahrestag unseres Klubs »Zur Erhaltung der Freude«. Wenn Gäste kommen, so steht es ihnen frei: Diesen Bescheid erhielt ich. Sei also unbesorgt.
Cherubim:
Ich werde unerhört politisch werden und aufreizend im bürgerlichen Sinne. Freund, mir ist die Brust voll von neuen Gedanken, die ich zum ersten Male verkünden werde. Ich zweifle nicht am Erfolg! Wenn je, dann gründe ich heute mit euch meinen Bund zur Umgestaltung des Lebens. Ich sage dir, es wird ganz anarchistisch zugehn. Deshalb soll auch fortgesetzt, während ich rede, die Musik spielen; die Leute sollen Sekt trinken und wer tanzen will, soll tanzen. — Sind wir alle versammelt?
von Tuchmeyer
(zieht ein Telegramm aus der Tasche):
Eben telegraphiert mir der Freund: er ist in wenigen Minuten bei uns. Eine wichtige Sache führt ihn zurück ... Wir werden also noch vor Beginn des Festes von ihm hören.
Cherubim:
Seit wann hast du diese Nachricht?
von Tuchmeyer:
Seit zwei Stunden etwa. Sie ist aus seiner Heimatstadt. Gestern reiste er plötzlich ohne Abschied fort ... Vielleicht führt er uns neue Freunde zu.
Cherubim:
Von Tuchmeyer: unter uns — hast du nie etwas an ihm bemerkt?
von Tuchmeyer:
Wie meinst du das?
Cherubim:
Ich fürchte seinen unsteten Sinn. Er ist keiner von denen, die um einer Idee willen alles opfern.
von Tuchmeyer:
Ich habe nie einen Zweifel an ihm bemerkt. Im Gegenteil: er gehört uns mit Leib und Seele. Wie kommst du darauf?
Cherubim:
Seine plötzliche Abreise beunruhigt mich. Was bewog ihn? Wollte er an diesem Feste fehlen? Weiß er nicht selber, wie wichtig er ist?
von Tuchmeyer:
Er gehört zu den kritischen Temperamenten, die immer das Gegenteil von sich erstreben. Er ist sein eigner Widerspruch, aber gerade darin liegt die Bejahung seiner Natur. Ich schätze in ihm, wie auch du, etwas Geistiges, das verborgen wirkt. Deshalb auch stelle ich ihn bedingungslos unter dich, der du den Mut hast zur Exhibition. Du bist das repräsentative Ideal unsrer Idee; er ist ihr Kontrapunkt. Ihr bedingt euch gegenseitig, wenn etwas werden soll.
Cherubim:
Seine Abreise beschäftigt mich. Er weiß doch, was auf dem Spiel steht ...
von Tuchmeyer:
Du vergißt seine Hemmungen. Er muß sich auseinandersetzen, ehe er eine Sache tut. Du lebst der Eingebung; er verachtet sie. Und er liebt die lauten Feste nicht. Aber er ist uns unentbehrlich — wie wir das alle einander geworden sind. Vielleicht ist er der Stärkste; der Größte ist er jedenfalls nicht.
Cherubim:
Ich habe manchmal vor ihm, wie vor einem Rivalen, gezittert. Ich sag es offen! Heute abend aber, zum ersten Male, bin ich ihm ganz überlegen. Er mag kommen oder nicht — ich fühle keine Angst mehr. Mein Wille ist fest.
von Tuchmeyer:
Bald wirst du im Saal stehn!
Cherubim:
Laß uns die Zeit bis dahin nützen. Ich meine, ich muß mit dir reden: denn du, der Sohn des Geheimen Kommerzienrats, hast dein Erbe für uns verschwendet. Mit dir steigen und fallen wir. Mein lieber von Tuchmeyer! Der Teufel hole deinen Vater, hätte er etwas erworben, was auf die Dauer seinem Sohne weniger Nutzen brächte als eine gute Fabrik oder ein Bergwerk. Deshalb unterrichte ich dich über alle Schwankungen, denen dein Kapital ausgesetzt ist, und ich glaube, ich bin heute Abend zu einer befriedigenden Bilanz gelangt.
von Tuchmeyer:
Lieber Cherubim! Solange mein Vater lebte, saß ich jeden Tag in seinem Bureau als armer Kommis, und der Tod war für mich eine heitre Sache. Erst, seitdem ich dich kenne, weiß ich, daß man trotz seines Geldes leben kann: Deshalb ist mein Glaube an dich ungeheuer.
Mein Vater hat mich für seine Rechnung arbeiten lassen und mich ebenso betrogen, wie jeden Koofmich in Russisch-Polen. Wäre er nicht zur rechten Zeit gestorben, als ich die hundsföttische Sklaverei erkannte, ich glaube, ich hätte ihn ... und so weiter. Noch heute denke ich mit Übelkeit an dies väterliche Instrument mit der doppelten Buchführung, an diesen jüdischen Jobber, der mir mit seiner Speckigkeit die schönsten Jahre verdorben hat. Deshalb bitte ich dich — sprich mir nicht von Bilanzen: ich werde sonst wahnsinnig!
Cherubim:
Ich fühle mich verantwortlich — mehr als du glaubst. Ich weiß, du bist nicht fähig, einen Wechsel zu lösen, und wenn du die Seligkeit mit einer Unterschrift beglaubigen müßtest, du würdest sie lieber verschlafen. Du bist herrlich, aber du hast von Werten keine Ahnung. Ich will nicht, daß du eines Tages arm bist. Dein Vermögen fundiert unsre Idee. Was wären wir ohne dich? Kleine Schlucker, die nicht einmal ein Lokal hätten, wo sie diskutierten. Ich habe dich zu einem Edelmut verlockt, den du eines Tages bereuen könntest. Nein, erröte nicht — es ist so! Übrigens werde ich ja gleich im Saale ganz anders reden. Es handelt sich doch hier um dich und um mich — deshalb unter vier Augen.
von Tuchmeyer:
Auf alles, was du mir sagst, werde ich immer erwidern: ich wäre tief unglücklich, könnte ich das blöde Geld, das mein Vater zusammengemistet, nicht irgendeinem gemeinsamen Gedanken unter Menschen zurückgeben. Es ist doch nur gerecht, wenn in Unfreude Erworbenes, an dem so viel Unglück klebt, wieder der Freude fruchtbar wird! Ich brenne förmlich auf ungeahnte Sensationen, daß man sie, allen Idioten zum Trotz, auf der Erde verwirklicht. Wie herrlich ist dieser Kampf gegen die Welt! Und wenn es schon die zehn Gebote gibt, eins davon sehe ich darin, meinen Vater aus der Erinnerung der Lebenden auszulöschen. Nebenbei bin ich durchaus ein Egoist und habe mein Vergnügen dran.
Cherubim:
Gut; so höre!
Vor heute genau einem Jahr trafen wir uns zufällig: du, der Freund, der Fürst und ich, in einer unscheinbaren Bar. Mit einigen Libertinen, die uns die Zwischenräume diskutierter Nächte durch angenehme Spiele vertrieben, taten wir uns zusammen zu einem Klub und nannten ihn »Zur Erhaltung der Freude.« Wir haben uns seitdem des öftern gesehen und einige Orgien gefeiert. Aber ich frage dich: Was ist geschehn? Kein Dogma wurde verkündet, dagegen schlossen etliche Jünglinge, deren Wechsel klein ist, und einige unbefriedigte Damen sich uns an. — Habe ich unrecht, so unterbrich mich!
Es ist nicht nötig, daß wir mit den Sternen in Konkurrenz treten, in China Revolution machen oder eine Entdeckung im Nervensystem des Frosches — all das können wir nicht. Wir haben den Ehrgeiz, es auch nicht zu tun. Aber es ist wichtig, daß man jene, die gleich dort im Saale sitzen, für etwas begeistert. Man muß ihnen klarmachen, daß im Verlaufe dieser zwölf Monate keiner von uns gestorben ist. Und das ist viel! Bedenke, was das Leben heißt.
von Tuchmeyer:
Ist das ein Widerspruch zu diesem Jahr?
Cherubim:
Es ist ein Widerspruch. Hör mich zu Ende. Zwar haben wir in zwölf Monaten gelebt — aber wir wußten nicht wozu. Das Leben allein genügt nicht. Auf die Frage will ich heute Antwort geben: Wir leben für uns! Und ich werde diesen Passus meiner Rede zu ungeheurem Pathos steigern: wir wollen dem Tode, der uns verschont hat, ein Opfer bringen!
von Tuchmeyer:
Nicht aus Angst vor dem Publikum, sondern aus Neugierde: worin soll das Opfer bestehn?
Cherubim:
Darin, daß wir den Gott der Schwachen und Verlassenen von seinem Throne stürzen. An seine Stelle heben wir die Posaune der Freundschaft: unser Herz. Denn wir Vielfachen, wir Gestalten von heute, leben dem unermeßlich Neuen. Wir sind berufen für einander — so laßt uns die kleinen Gesetze der Schöpfungen korrigieren, Kampf, Entbehrung und die Grenze der unvollkommenen Natur — laßt uns den Mut haben zur Brutalisierung unsres Ichs in der Welt!