Zweite Szene.

(Der Vorhang zerteilt sich. Fürst Scheitel, in Frack und Mantel, tritt ein.)

Der Fürst:

Guten Abend, meine Herren! Lassen Sie sich nicht stören.

(Er legt ab.)

Cherubim

(ihm entgegen):

Fürst Scheitel — Sie sind es! Sie kommen wie gerufen. Ich mache einen Staatsstreich heute Nacht!

von Tuchmeyer:

Fürst — wir bewundern Ihre Treue. Sie bringen uns das größte Opfer: das gefährlichste für Sie. Wie gelang es Ihnen, dem hohen Souverän, Ihrem Vater, diesen Abend zu entkommen? Wir haben Sie nicht mehr erwartet.

Fürst Scheitel:

Meine Herren! Wozu haben wir den Kintopp? Man lernt auch hier. Ich sah neulich ein Intrigantenstück, die verkappte Geschichte meines Vetters, des Herzogs. Sie wissen, er hatte eine Liaison mit seiner Soubrette, und man hat das für eine Pariser Firma bearbeitet. Ich machte es genau wie er: mischte meinem Adjutanten ein Schlafmittel ins Glas und entwischte hinter einer Gardine. Bemerken Sie, daß Adjutanten immer trinken müssen! Nun, ich fühle mich ganz im Zauber des schlechten Romans; schade, daß kein Weib hier ist. — Doch Sie sprachen von etwas anderm. Bitte fahren Sie fort.

Cherubim

(mit Herzlichkeit):

Lieber Fürst! Augenblicklich sind wir beschäftigt, unser aller Verdienste hier auf der Börse zu notieren. Da durften Sie nicht fehlen. Ich gestehe, daß ich manchmal bei Ihnen ein leises Mißtrauen hatte, vor Ihrer allzu soignierten Gestalt. Jetzt erkenne ich, wie recht Sie haben. Ihre stille Anmut stürzte uns oft in die Eleganz der Sphären. Von Ihnen empfingen wir den Ruhm des Monokels im Auge und die Krone des stummen Saluts, wenn Sie einst als regierender Fürst, unerkannt, im Trommelwirbel an uns vorüberfahren. Wirklich: Ihre Freundschaft ist die höchste, weil sie die schwerste war.

Der Fürst:

Aber meine Herren — Sie beschämen mich! Sie sind viel mehr und haben mehr Chancen als ich in meiner Stellung. Leider ist der Luxus auf unsern Thronen noch nicht bis zum Geiste gelangt, sonst wäre ich der erste für eine Republik. Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich mich auf diese Nacht freue — und weil ich in Ihrem Klub bin. »Klub zur Erhaltung der Freude«! Meine Herren, ich finde noch immer, daß dieser Klub gut ist. Im übrigen will ich an einem so wichtigen Feste, wenn auch hinter den Kulissen, nicht fehlen.

von Tuchmeyer:

Wie kamen Sie her?

Der Fürst:

Standesgemäß, doch zu Fuß. Als ich die Treppe hinaufstieg, fuhren gerade Automobile vor, und in der Garderobe legt man bereits ab. Zu nett ist dieses Volk — wir werden ein großes Publikum haben! Von Tuchmeyer, Sie müssen mir hinter dem Vorhang Gesellschaft leisten, und wir wollen den Erfolg sehn. Ich möchte die Nationalhymne singen: Gott erhalte meinen Vater am Leben, daß ich noch lange Ihr Freund sein kann. Wenn er tot ist, muß ich mich auf den Thron setzen, schon der Presse wegen. Ich kann es nicht ändern. Und ich werde mich prinzipiell an keinem Umsturz beteiligen, denn ich habe aufs Gehirn meiner Nachkommen Rücksicht zu nehmen. Außerdem finde ich es albern — für einen Fürsten. Sie, meine Herren, dürfen allzeit die Welt verändern. Ich muß sie, aus größerer Klugheit, beim Alten lassen.

Cherubim:

Und von diesem Rechte, Fürst, machen wir Gebrauch! Wenn schon mit dem Gedanken vertraut unsrer minderen Wichtigkeit auf der Erde, wollen wir uns wenigstens zu höchster Steigerung bringen. Ich habe das Mittel dafür gefunden, und ich werde es anwenden. Vertrauen Sie mir.

(Sie setzen sich, Zigaretten im Mund.)

Cherubim

(mit oratorischer Bewegung):

Ich werde unten im Saale jeden beim Namen nennen. Er nehme sein Champagnerglas und stelle sich neben mich, und ich werde rufen: Du lebst — empfinde, daß du glücklich bist!

Und dann werde ich auf meinem Pult, wie Apollo im Tale Edymion, von Frauen umringt, die Heiterkeit um mich versammeln. Sie kennen die Adrienne mit ihrem süßen Gesicht? Denken Sie sich dies Weib in ihren strahlenden Schultern! Ich will mich über sie beugen und verkünden, daß alle Menschen zum Glücke geboren sind. Und ich will sehn, ob Sie mir nicht zujubeln, trotz Angst und Verwirrung; ob unter uns ein Verräter ist.

Der Fürst:

Bravo! Zwar eine Farce gegen die Statistik, aber immerhin sehr amüsant. Sie werden neben Ihrem Pulte einen Korb Rosen finden. Ich ließ ihn hinstellen für Sie. Vielleicht werfen Sie bei dieser Stelle die Rosen ins Publikum!

Cherubim:

Ja, ich bin für die Wirkung! Sie hören es jetzt: einen Bund zur Propaganda des Lebens — deshalb muß ich die Freude predigen, skrupellos. Genießt den Duft der Rose ohne Dorn! Stellt Tische hin, an denen gespielt und nicht verloren wird! Zieht Frauen auf, die uns alle lieben! Es lebe unser herrlich weltliches Gefühl!!