Erste Szene.
Am nächsten Morgen.
Ein Hotelzimmer im Stil der Chambres garnies, jedoch ohne Bett.
Auf dem Tisch ist das Frühstück gedeckt.
Adrienne, vor einem Spiegel, frisiert sich.
Der Sohn, nachlässig im Frack.
Der Sohn:
Jetzt, wo du die Haare kämmst, fällt mir ein, daß du schon viele vor mir geliebt hast.
Adrienne:
Wieso?
Der Sohn:
Mich quält eine sonderbare Eitelkeit.
Adrienne
(kämmt weiter):
Ich liebe dich.
Der Sohn:
Du hast doch Geld von mir genommen!
Adrienne:
Und du? Lebst du von der Luft? Hast du nicht auch Geld genommen gestern für deine Rede? Wir müssen alle essen.
Der Sohn:
Das ist richtig. Ich nahm Geld. Ich habe dafür einen Akt aus meiner Jugend gespielt.
Adrienne:
Mit wem ich morgen schlafe, geht heute keinen an. Ich bin ein Weib und kann nicht mehr tun.
Der Sohn:
Man hat mich auf die Schultern gehoben. Ich muß nachdenken, dann wird es mir klar. Ich bin in einer andern Welt.
Adrienne:
Du hast doch Revolution gemacht gestern! Weißt du das nicht mehr? Vielleicht steht es schon in der Zeitung.
Der Sohn:
Was vor acht Stunden war, ist für mich schon historisch; gestern habe ich noch Geschichte gepaukt.
Adrienne
(nachdenklich):
Da sieht man, wie Revolutionen entstehn!
Der Sohn
(lächelnd):
Nein, du irrst! Ich bin gar nicht so raffiniert. Ich bin kein Schauspieler. Ich war echt.
Adrienne:
Du weißt nicht mehr, was du gemacht hast?
Der Sohn:
Ich erinnere mich, wir nahmen einen Wagen und fuhren in die Vorstadt hinaus. Ich sah dich nur flüchtig — du schienst mir sehr schön. Mein Gott, ich habe ganz vergessen, mich bei den Studenten zu bedanken. Sie trugen mich wohl eine halbe Stunde im Regen herum. Jemand drückte mir Geld in die Hand.
Adrienne:
Ist es viel?
Der Sohn:
Es wird langen.
Adrienne:
Du bist aus vornehmem Haus. Man sieht es an der Wäsche.
Der Sohn:
Wie kommst du darauf?
Adrienne:
Mein Kleiner! Du hast keine Erfahrung in der Liebe, und von den schönsten Spielen verstehst du nichts. Du mußt erst erzogen werden. Ein Mann von deinem Stande braucht das.
Der Sohn:
Ich dachte, das kommt von allein.
Adrienne:
So klug sind die Männer nicht! Du willst doch einmal heiraten. Du könntest böse hereinfallen; deine Frau wird dich betrügen — weil du nichts verstehst.
Der Sohn:
Adrienne, das wußte ich nicht. Was ist da zu machen!
Adrienne:
Willst du bei mir lernen? Ich bringe dir alles bei. Und du wirst sehr klug werden.
Der Sohn:
Mein Vater hat mich nicht einmal gelehrt, was man nach dem Lieben tun soll. Es war doch zum mindesten seine Pflicht.
Adrienne:
Die Väter schämen sich vor ihren Söhnen. Das ist immer so. Weshalb schickt man sie nicht zu uns? Man schickt sie auf Universitäten.
Der Sohn:
Wieviel Ekel und Unglück könnte verhütet werden, wenn ein Vater moralisch wäre! Er ist der nächste dazu.
Adrienne:
Statt dessen verfolgt uns die Sittenpolizei.
Der Sohn:
Ich verstehe. Ihr fangt an, eine Rolle zu spielen. Man muß von seinem Vater verlangen, daß er uns mit freiem Herzen zur Hure führt. Ein neuer Passus für unsern Bund. Ich werde ihn in meiner nächsten Rede sagen ...
(Er geht erregt umher.)
Adrienne
(mit ihrer Frisur zu Ende):
Frühstücken wir derweilen.
(Sie setzen sich.)
Adrienne
(kauend):
Hast du noch nie mit einer Dame gefrühstückt — nach der ersten Nacht?
Der Sohn:
Noch nie. Weshalb?
Adrienne:
Du bist ungeschickt. Alle haben mir die Bluse zugeknöpft — du kennst die einfachsten Anstandsregeln nicht.
Der Sohn:
Ich bin ein Anfänger in der Liebe: das wird mir mit Schrecken klar. Aber die Kunst ist groß, und ein junger Mann muß Bescheid wissen, bevor er die höhere Mathematik versteht. Ich nehme deinen Vorschlag an — unterrichte mich! Ich bewundere dich: du weißt viel mehr als ich. Ich war so ängstlich, als wir heute Nacht die Treppe hinaufgingen, an den frechen Kellnern vorbei. Wir sind durch die Mitte des Lebens gewandert ... aus allen Zimmern dieses verrufenen Hotels brachen Ströme, dunkle und unbewußte ...
Adrienne:
Gib mir die Butter!
Der Sohn:
Ja, und wie du den Mantel nahmst und aufs Bett warfst — das werde ich nicht vergessen. So selbstverständlich, so klar in sich! Ich weiß jetzt, mit welchem Ton man eine Kerze verlangt, die nicht da ist.
Adrienne:
Du mußt nächstens nicht so unruhig sein.
Der Sohn:
Ich sah zum ersten Male, wie man sich auszieht. Und das langsam genießen! Wie schön ist ein Geldgeschäft: man ist ganz unter sich.
Adrienne:
Habe ich dir gefallen?
Der Sohn:
Erst blau und dann rosa; das Schwarz der Strümpfe! Mir gefielen die Spitzen sehr.
Adrienne:
Und ich?
Der Sohn:
Ich weiß nicht mehr, wie du aussahst.
Adrienne
(mit großer Ruhe, nimmt ein neues Stück Brot):
Du liebst mich noch nicht.
Der Sohn:
Im Ernst — sei nicht böse. Ich war enttäuscht. Wie nüchtern ist ein Körper und ganz anders, als man sich denkt. Adrienne, du lebst für mich, wie du aus dem Wagen in den Korridor tratest. Wie du in einem fremden Hause Bescheid weißt! Du bist eine Heldin. Ohne dich wäre ich vor Scham in die Erde gesunken. Auf verschossenem Samt am Geländer — ich glaube, das ist die gleiche Anmut, über Goldfelder und malayische Spelunken zu gehn. Ich habe nichts Irdisches mehr an deinen Füßen bemerkt —
Adrienne:
Manche Herren lieben nur meine Füße. Ich muß nackt auf dem Teppich tanzen.
Der Sohn:
Wohin führt dieses Wort! Welch ein Zauberkreis. Im Panoptikum einst eine Dame war blautätowiert ... viele Dinge gibt es, von denen man trotzdem weiß.
Adrienne:
Weshalb hast du nicht geschlafen?
Der Sohn:
Ich war nicht müde. Ich liebte dich sehr in der Dämmerung, ruhend auf dem gleichen Lager, als du mich nicht mehr empfandest. Ich glaube, erst da liebte ich dich ganz.
Adrienne
(mit ruhiger Überlegenheit):
Du kannst es noch nicht. Aber du wirst es lernen.
Der Sohn:
Ich bin begierig auf diese Kunst. Welche Angst, zu nehmen, was einem geboten ist! Doch man muß sie überwinden.
Adrienne:
Ich hab meine Handschuhe verloren. Schenk mir ein Paar neue!
Der Sohn
(legt ein Goldstück auf den Tisch):
Ich weiß nicht, was Handschuhe kosten.
Adrienne:
Das ist zuviel! Ich bring dir zurück.
(Sie setzt ihren Hut auf.)
Der Sohn:
Wo gehst du hin?
Adrienne:
Nach Hause, mich umziehn.
Der Sohn:
Wann kommst du wieder?
Adrienne:
Soll ich dich abholen?
Der Sohn:
Ich warte auf dich.
Adrienne:
Hast du noch einen Groschen für die Bahn?
Der Sohn
(gibt ihr):
Hast du Geschwister?
Adrienne:
Ach, reden wir nicht davon. Meine Schwestern sind anständig.
Der Sohn:
Es ist doch merkwürdig, das zu bedenken.
Adrienne:
Weshalb willst du es wissen?
Der Sohn:
Ich suche ein Äquivalent für meine Schwäche. Du bist mir zu überlegen.
Adrienne:
So schnell verliere ich das Gleichgewicht nicht!
Der Sohn:
Ich hasse jeden, der meine Zustände weiß. Ich begreife einen Mann, der ein Weib tötet, das ihn durchschaut.
Adrienne:
Aber Bubi! Wer wird schon von so etwas reden — in deinem Alter.
Der Sohn:
Du weckst meine schlummernden Talente. Seitdem ich dich kenne, seh ich manches klarer in mir. Die Freude an euerm Geschlecht regt zum Denken an. Man findet immer wieder einen Weg zu sich.
Adrienne
(zuversichtlich):
Heute abend ist Tanz in Pikkadilly. Ich führe dich ein! Nachher gehn wir in die Bar.
(Sie ist in Hut und Mantel.)
Der Sohn
(betrachtet ihre schlanke Figur):
»Auf, in den Kampf, Tore-ro ...«
Adrienne:
Adieu, Bubi!
Der Sohn
(küßt weltmännisch ihre Hand):
Adieu, Madame!
(Sie geht, ihm zuwinkend, ab.)