Zweite Szene.

(Er zündet sich eine Zigarette an und geht mit langen Schritten, gewiegt, durch das Zimmer. Die Asche legt er auf einen Teller. Eintritt der Freund.)

Der Freund:

Guten Morgen!

Der Sohn:

Bist du schon da?

Der Freund:

Du scheinst nicht erfreut, mich zu sehn.

Der Sohn

(verlegen):

Oh doch — wie spät ist es?

Der Freund:

Es ist elf Uhr. Du hast erst gefrühstückt? Um diese Zeit pflegtest du zu Hause nicht aufzustehn.

Der Sohn:

Ich brauche einen neuen Anzug. Wo bekomme ich den?

Der Freund:

Hör' mal, ich sah eben die süße Adrienne entschreiten.

Der Sohn:

Ich liebe sie.

Der Freund:

Nein, du irrst.

Der Sohn:

Sie wird es mich lehren.

Der Freund:

Das meinte ich nicht. Was wird sie dich lehren? Überspringe diese Schulklasse ruhig — du hast Besseres vor. Eine Dame ihres Genres ernst nehmen, ist eine Sache, nicht ganz deiner würdig. Du kommst in Konflikt mit den Ärzten. Ich rate ab.

Der Sohn:

Es reizt mich, eine neue Gefahr zu erleben. Ich lungre förmlich nach ihr.

Der Freund:

Du wirst sie bald genug haben.

Der Sohn:

Auf welchem Gebiet?

Der Freund:

Hast du vergessen, daß dein Vater dich jeden Augenblick zurückholen kann? Du bist minderjährig, mein Sohn.

Der Sohn:

Jetzt — wo ich im Leben stehe zum erstenmal — jetzt wieder in die Knechtschaft zurück? Nie.

Der Freund:

Nenn diesen gemeinplätzigen Zustand doch nicht Leben. Eine witzlose Nacht mit einem Weibe — und du bist nicht einmal enttäuscht? Du warst nie so flach als bei dieser Dame. Jedes deiner Wahnsinnsworte am Abend, wo ich dich überraschte, ist größer.

Ich komme, einen Propheten zu sehn und finde einen kleinen Flüchtling, der verliebt ist. Du spielst deine eigne Persiflage! Dein Fräulein im Elternhaus war ungeheuer. Aber diese Hure, welch eine geistlose Attrappe!

Der Sohn:

Sie ist zum mindesten in meinem Leben so wichtig wie du.

Der Freund:

Teufel, laß uns ernst sein. Könntest du dein Gefühlchen unter der Lupe sehn, du würdest staunen, wie es von Läusen wimmelt.

Der Sohn:

Ich will aber nicht! Ich sage dir, die Kleine wird mich abholen, und dabei bleibt es.

Der Freund:

So werde glücklich.

(Er nimmt seinen Hut.)

Der Sohn:

Wohin?

Der Freund:

Ich überlasse dich den Huren. Schade um dich.

Der Sohn:

Bist du verrückt? Rennt man so aus dem Zimmer?

Der Freund:

Nein, mein Junge. Entweder — oder. Zuhälter werden alle Tage geboren.

Der Sohn:

Ich will, nach so viel Stationen, endlich eine Sache ganz tun.

Der Freund:

Dazu hast du Gelegenheit.

Der Sohn:

Und wie?

Der Freund:

Wann ist das Rendezvous?

Der Sohn:

In einer halben Stunde.

Der Freund:

Dann können wir zwanzig Minuten reden. Setzen wir uns dazu. (Sie sitzen sich gegenüber.)

Der Freund:

Du bewunderst dieses Mädchen? Sie mag dressiert sein und tüchtig in ihrer Branche. Zugegeben. Das ist viel!

Aber hast du nicht vor wenigen Stunden etwas getan? Mensch, du standest in einer europäischen Halle — bedenk' das! Was für ein Ruhm lastet auf deinen Schultern! Meinst du, so leicht kann man die Verantwortung von sich abschütteln? Dann verdienst du, daß man dich hängt. Wer einen Gedanken in die Welt schleudert und bringt den nicht zu Ende, soll des höllischen Feuers sterben. Das ist das Einzige, dem ich rückhaltlos das Recht der Existenz bekenne: Die Tat. Und wie stehst du jetzt da? Man sah dich von vorne, Prometheus, und nun sieht man dein Hinterteil — Nachtigall und Kindskopf. Man muß dir die Hosen halten.

Der Sohn:

Wovon reden wir? Von deiner Tat, nicht von der meinen. Du bist schuld an mir — ich stand unter deiner Suggestion; das weiß ich. Weshalb tatest du es nicht selber? Gib zunächst einmal darauf Antwort!

Der Freund:

Mich kennen sie; leider. Ich habe ihre Notdurft zu oft geteilt. Ich bin kein Redner. Die Flamme ist mir versagt; ich würde am Ende selber gegen mich sprechen.

Aber du hast die Gemüter. Ich weiß nicht, wieso, aber du hast sie. Die größte Macht — und du brauchst sie nicht. Das ist doch zum verzweifeln! Erst hole ich dich aus deinem Käfig, und zwei Stunden lang bist du die Gewalt meiner Ideen. Und schon verrätst du mich und verkriechst dich hinter die Instinkte des Pöbels.

Der Sohn:

Als ich heute morgen in der Dämmerung mit mir selber ins Reine kam, da erkannte ich nebenbei dies seltsame Theaterspiel. Ich mußte mich fragen, wer ich bin. Der Verdacht liegt nahe, daß deine Hilfe nicht ganz so parteilos war. Ich beklage mich nicht über meine Rolle — aber —

Der Freund:

Ich gebe zu, daß mein Wille über dir geherrscht hat. Ich mißbrauchte dich von Anfang an. Sogar während der Rede habe ich dir, ohne daß du es wußtest, Worte und Gesten diktiert. Dein Haß gegen mich ist also vollkommen begreiflich.

Der Sohn

(erhebt sich):

Ach so!

Der Freund

(drückt ihn nieder):

Noch einen Augenblick. Jetzt ist das Reden bei mir. Als ich dich sah, damals in der Stunde des Selbstmords blutend an deinem Kampf, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: hier war der Mann, den ich brauchte! Denn ich sah in ungeheuerster Erregung — du hattest, was uns allen fehlte —: Jugend und die Glut des Hasses. Nur solche Menschen können Reformatoren sein. Du warst der Einzige, der Lebendige, der Rufer: Gott will es.

Und so beschloß ich, dich auf einen Sockel zu heben, von dem hinunter du nicht mehr stürzen kannst.

Der Sohn:

Bist du dessen so gewiß?

Der Freund:

Ja. Eine unzerstörte, unverbrauchte Kraft in dir bewegt dich nach vorne. Es hätte vielleicht nicht geschehen sollen. Aber wo es geschehen ist, kannst du nicht mehr zurück.

Der Sohn:

Und was soll ich tun?

Der Freund:

Die Tyrannei der Familie zerstören, dies mittelalterliche Blutgeschwür; diesen Hexensabbat und die Folterkammer mit Schwefel! Aufheben die Gesetze — wiederherstellen die Freiheit, der Menschen höchstes Gut.

Der Sohn:

An diesem Punkt der Erdachse glühe ich wieder.

Der Freund:

Denn bedenke, daß der Kampf gegen den Vater das gleiche ist, was vor hundert Jahren die Rache an den Fürsten war. Heute sind wir im Recht! Damals haben gekrönte Häupter ihre Untertanen geschunden und geknechtet, ihr Geld gestohlen, ihren Geist in Kerker gesperrt. Heute singen wir die Marseillaise! Noch kann jeder Vater ungestraft seinen Sohn hungern und schuften lassen und ihn hindern, große Werke zu vollenden. Es ist nur das alte Lied gegen Unrecht und Grausamkeit. Sie pochen auf die Privilegien des Staates und der Natur. Fort mit ihnen beiden! Seit hundert Jahren ist die Tyrannis verschwunden — helfen wir denn wachsen einer neuen Natur!

Noch haben sie Gewalt, wie einst jene. Sie können gegen den ungehorsamen Sohn die Polizei rufen.

Der Sohn:

Man sammle ein Heer! Auch für uns sind die Burgen der Raubritter zu erobern.

Der Freund:

Und zu vernichten bis ins letzte Glied. Wir wollen predigen gegen das vierte Gebot. Und die Thesen gegen den Götzendienst müssen abermals an der Schloßkirche zu Wittenberg angenagelt werden! Wir brauchen eine Verfassung, einen Schutz gegen Prügel, die uns zur Ehrfurcht unter unsere Peiniger zwingt. Dies Programm stelle ich auf, denn ich kann es beweisen. Führe du das Heer.

Der Sohn:

Aber wer hilft uns? Bis zum einundzwanzigsten Jahre sind wir preisgegeben der Peitsche und dem Wahnsinn des väterlichen Gespenstes.

Der Freund:

Ist es das erstemal, daß ein Werk für die Freiheit geschieht? Auf, die Fahnen und Schafotte der Revolution! Wenn das alte tot ist, macht man ein neues Gesetz. Wir wollen brüllen, bis man uns im Parlament unter der goldenen Kuppel hört. Um nichts Geringes wagen wir unser Blut. Und der Gedanke, dies Feuer, mächtig zu allen Tagen der Welt, wird nicht erlöschen vor Übermacht und Hinterlist. Wir müssen siegen, weil wir stärker sind.

Der Sohn:

Sind wir nicht allein — wir zwei in diesem Zimmer? In welchen Räumen tönt Widerhall?

Der Freund:

In allen, wo junge Menschen sind. Hast du nicht geredet in der gestrigen Nacht? Hörtest du nicht die Stimmen des einen tausendfach? So glaube nur: die Stunde ist da. Und sie fordert das Opfer.

Der Sohn:

Was kann ich tun! Ich bin nur ein armer Teufel, der selber vertrieben ist.

Der Freund:

Du hast begonnen — vollende das Werk. Tu nun das Letzte. Empfange die heilige Pflicht.

Der Sohn:

Was hab' ich Großes getan, daß du alles auf mich setzest!?

Der Freund:

Das Schicksal von Millionen ist in deiner Hand. Was du gestern sahst, ist nur ein kleiner Teil des mächtigen Volkes von Söhnen, die auf deine Taten bereit sind. Der Funke ist entzündet — schleudre ihn ins Pulverfaß. Jetzt muß ein Fall kommen, ein ungeheurer, noch nicht dagewesener, der die ganze Welt in Aufruhr setzt. Auf diesem Boden an einer Stätte muß der Umsturz beginnen. Gestern klang deine Rede hinaus — heute mußt du es tun.

Der Sohn:

So sage mir, wie schon einmal an der Wende meines Lebens — was ich tun soll.

Der Freund

(zieht einen Browning aus der Tasche):

Kennst du dies schwarze Instrument? Es beherbergt den Tod. Ein kleiner Griff — und Leben erlischt. Betrachte es genau: mit diesem Metall hätte ich gestern dich vernichtet; aber du hast gesiegt. Du hast den Tod überwunden: das macht dich unsterblich zum Leben.

Sieh an, es ist scharf geladen. Ich gebe es dir. Dasselbe, das noch gestern hinter deinem Atem stand. (Er reicht es ihm hinüber.) Nimm es.

Der Sohn:

Gegen wen?

Der Freund:

Bald bist du gefangen.

Der Sohn:

Nein!!!

Der Freund:

Doch die Häscher sind dir auf der Spur.

Der Sohn:

Nein!! Nein!!

Der Freund:

Dein Vater weiß, wo du bist. Er rief die Polizei.

Der Sohn:

Wer — hat das getan?

Der Freund:

Du willst es wissen: Ich.

Der Sohn:

Du ...!

Der Freund

(mit aller Ruhe):

Ich teilte deinem Vater deinen Aufenthalt mit.

Der Sohn

(reißt den Revolver an sich und zielt):

Verrat! Stirb dafür!

(Er drückt ab. Der Revolver versagt.)

Der Freund

(ohne sich zu verändern):

Du hast ihn nicht aufgezogen. Ich wußte, du würdest auf mich schießen. Aber es ist noch zu früh. Ich bin nicht das richtige Ziel — deshalb ersparte ich mir den Griff.

Du mußt ihn auseinanderziehn — so — jetzt ist die Kugel im Lauf — (Er tut es und reicht es ihm hin.) Jetzt kannst du schießen.

Der Sohn

(läßt den Revolver sinken):

Verzeih. — (Er steckt ihn zu sich.) Ich behalte dein Geschenk.

Der Freund:

Und nun auch die letzte Klippe umschifft ist — wie zwecklos wäre ein Mord in diesem Moment — so will ich dir sagen, weshalb ich es tat.

Ich kenne die Versuchung, mit Ruhm und mit Weibern zu schlafen. Doch brauchte ich nichts zu fürchten — ich sehe, du brennst noch. So ist es gut. Aber jeder hat die Probe auf sein Exempel zu machen; schon der Kleingläubigen willen und des Unverstandes. Mit beiden muß ein Feldzug rechnen. (Er sieht auf die Uhr.) In nicht mehr zehn Minuten, am Schritt der Polizisten gemessen, wirst du in Ketten deinem Vater zugeführt. Du stehst vor ihm, der Ketten ledig, Aug in Auge. Und er wird dein Urteil sprechen: es lautet auf Zwangsarbeit. Was — wirst du dann tun?

(Er steht vor ihm, ganz nahe.)

Der Sohn

(weicht zurück):

An welchem Ende der Welt stehn wir ... kann der Gedanke noch weiter ... mir schwindelt ...

Der Freund

(folgt ihm nach):

Was wirst du tun? Wohin gehst du?

Der Sohn

(an die Mauer gedrängt):

Du bist furchtbar. — Hier ist nichts mehr — (schreiend) Vatermord!!!!

Der Freund

(tritt zurück):

Gott ist bei dir.

Der Sohn

(stürzt heftig nach vorne, packt ihn am Arm):

Ich kann es nicht! Ich kann es nicht! (In gräßlicher Angst.) Laß mich los! (Er fällt ihm zu Füßen.) Ich bitte dich!

Der Freund

(eisern):

Mensch! Nachdem der ungeheure Gedanke in dein Inneres zog, wirst du ihm nicht mehr entrinnen. Du bist ihm verfallen mit Leib und mit Seele. Du hast keine Ruhe mehr. Geh hin und führe ihn aus!

Der Sohn

(nach einer langen Weile):

Wie darf ich ein Leben töten — ich — der ich kaum geboren bin. — Es gehört unmenschlicher Mut dazu, das kleinste Tier zu vernichten. — — Ich habe einmal einen Hund erdrosselt und konnte zehn Nächte nicht schlafen. Ich bin zu schwach. Mache mich nicht zum Mörder. Schon jetzt sind die Erinnyen in mir.

Der Freund:

Ist Feigheit Trumpf? Und du wolltest in die Schlacht?

Der Sohn:

Rette mich vor dem furchtbaren Alp!

Der Freund:

Und doch hast du eben mit kaltem Blut auf mich geschossen! Wie reimt sich das? Weshalb verfolgt dich mein Schatten nicht? Hab ich dir mehr getan als dein Vater? Antworte, weshalb konntest du es bei mir?

Der Sohn:

Wie gut gelang dieser Effekt. Ich verstehe — die Falle ist hinter mir zu. Ich bin um eine Festigkeit ärmer. Weh dir, du rettest mich nicht. Ich hasse dich maßlos! Jetzt fühl ich: ich könnte es tun.

Der Freund:

Was liegt an uns und einem Toten. Hunderttausende werden leben.

Der Sohn:

Es gibt edle Väter!

Der Freund:

Wir kämpfen nicht für die Ausnahme — wir kämpfen für die Tat!

Der Sohn:

Weshalb muß ich sie schaudernd vollbringen?

Der Freund:

Weil dir und keinem anderen die Macht gegeben ist.

Der Sohn

(stolz empor):

Was ich auch tue: nicht um deretwillen werd ich es tun. Was gehn mich diese an! Für mein eigenes, armes Geschlecht will ich zu Ende leiden. Mir allein ist das große Unrecht geschehn. Ich werde es tun! — Mit dir habe ich nichts mehr gemein.

Der Freund:

Du gabst dein Wort. (Stille tritt ein.)

Der Freund:

Wenige Minuten noch, und man hat dich befreit von meiner Gegenwart. Werden wir uns wiedersehn? Vielleicht nicht. Einer von uns könnte den großen Sprung machen — möglicherweise nicht einmal du. Ich meine (mit Geste) die restlose Entfernung ...

(Der Sohn antwortet nicht.)

Der Freund:

Ich könnte dir in spiritistischen Zirkeln erscheinen. Doch ich lege keinen Wert darauf. Dann schon lieber monistisch verwesen.

Indessen, auf dem schwankenden Boden noch nebeneinander, sollten wir uns beide wenigstens klar sein.

Der Sohn

(wie abwesend):

Schon aus diesem goldenen Sterne entschwinden ... wieder in die Nacht ... wer wird mir jetzt im Unglück helfen?

Der Freund

(mit starker Stimme):

Zum ersten, zum gewaltigsten Male: du selbst dir! Hier im Tode beginnt dein Leben. Du stehst im größten aller Geschicke! Was du bis dahin gelebt hast, waren Stubenarrest und Nachtkapellen. Dir schien es nur so! Aber man lebt nicht mit seinen Reklamesäulen. Zeige, mein Junge, daß du nicht verloren bist!

Der Sohn

(leise und demütig):

Ich fürchte mich so vor dem Sterben.

Der Freund:

Bist du noch nie gestorben? Wieso denn überraschte ich dich dabei?

Der Sohn:

Da kannte ich die Welt nicht. Da war ich reich. Da konnte ich sterben.

Der Freund:

Sei mutig; heute bist du besser.

Der Sohn:

Und als ich im Saale stand — vergißt du?

Der Freund:

Jetzt erst wirst du ganz du selbst sein. Ich nehme Abschied von dir. Du hast mich überholt. Ich kann dir nichts mehr geben.

Der Sohn:

Ich gehe zum Tode. Weißt du, was das heißt?

Der Freund:

Er oder du! Der muß sterben, der sein Lebendigstes nicht vollbracht hat. Wer das Leben in einem andern Menschen haßt, darf den eignen Tod nicht fürchten. Kein Hund unterliegt ohne Kampf! Das beste an uns ist, daß wir die Gefahren wollen, daß wir ohne sie nicht geboren sind. So rette denn dein Geschlecht — unser aller Geschlecht: das Höchste, was wir besitzen. Wenn auch schlimm und vergänglich, einmal müssen wir dahin gelangen.

Der Sohn:

Und das Eine gegen Alles! Hat es Raum auf der alten Welt?!

Der Freund:

Nieder, was uns bewuchert! Gib keinen Pardon — auch dir hat man nichts gegeben.

Schaudre nicht: Gott will, daß die Gesetze sich ändern.

Der Sohn:

Erwarten wir die Polizei. Diese kurzen Sekunden sind das Gottesgericht. Ich bin bereit zu gehn. Die Henker sollen mich mutig finden.

Nein, ich unterwerfe mich nicht.

Tritt keiner hier ein, mich zu fesseln, so will ich fliehn, und kein Haar soll ihm gekrümmt sein. Wenn aber ja, (er hebt den Finger) ich schwöre! Und fordre den gräßlichen Zweikampf heraus. Aber ich will das Verbrechen sehn, daß ein Vater seinen Sohn den Schergen überliefert. Wenn das geschieht, ist die Natur entmenscht. Dann führe ein andrer meine Hand.

Der Freund:

Gedenke dieses Schwurs!

Der Sohn:

Die Wolke am Himmel raucht. Ich könnte beten: Wende das Übel von mir ...

Der Freund:

Du brauchst keinen Christus am Kreuz. Töte, was dich getötet hat!

Der Sohn

(in Tränen):

Ich bin schwach wie das kleinste Opfertier. Und doch. Ich habe die Kraft.

Der Freund

(in tiefer Ergriffenheit):

Auch der Zweifel und die Versuchung sind uns gegeben und das Unendliche, damit wir fort und fort am eignen Willen scheitern, dennoch zum Größten gelangen. Glaub mir, der in alle Wasser getaucht ist, ich muß es zitternd sagen: Wir leben ja, um immer mehr und immer herrlicher zu sein. Und Glück und Qual und Wahnsinn sind nicht vergeblich — so laß uns wirken, Bruder, zwischen den Schatten, daß uns der Tod nicht erreicht vor unserm Ende.

Nur ein kleiner Raum ist noch zwischen uns beiden — schon wölbt sich die Brücke des gemeinsamen Stroms.

Da gehst du nun hin. Und ich nenne deinen Namen mit Ehrfurcht; bald werden viele ihn nennen.

Der Sohn:

Gibt es denn Absolution für das, was ich tue?

Der Freund:

Sie ist im Glauben der Menschen, deren Retter du wirst.

Der Sohn:

Und wenn es mißlingt? Wenn ein Spuk mich narrt? Wenn die Hoffnung scheitert?

Der Freund:

Dann ständen wir nicht hier. Unsre kleine Existenz ist das Korn der großen Erfüllung. Du lebst nur das Schicksal deiner Geburt. Was einst dir die Brust bewegt hat — heute wirst du's vollenden.

Der Sohn:

Mir ist, als hätte ich längst gelebt.

Der Freund:

So lebe von neuem! Lebe, deines Daseins endlose Kette zu begreifen. Zweifle nicht mehr! Ein Strahl bricht in unser armes Geschick. Bruder vor dem Tode — wir dürfen noch einmal beisammen sein.

Der Sohn

(in großer Bewegung):

Gib mir deine Hand!

Der Freund:

Kann ich noch etwas für dich tun?

Der Sohn:

Hier nimm das Geld. Ich erhielt es gestern. (Er gibt es ihm.) Arm ging ich aus meinem Vaterhaus, und so will ich zurückkehren. — Glaube an mich!

(Sie stehn sich hochentschlossen gegenüber.)