Erste Szene.

Wenige Stunden später.

Das Sprechzimmer des Vaters im elterlichen Hause. Ein langer Raum; in der Mittelwand rechts und links eine Türe, an den Seitenwänden je eine. Links steht der Tisch des Vaters mit Büchern, Telephon; davor Sessel mit Holzlehne. An der Mittelwand Glasschränke mit ärztlichen Utensilien, rechts ein Untersuchungstisch, aufklappbar. An der rechten Seitenwand der Bücherschrank. Davor, gegenüber dem Arbeitstisch des Vaters, ein kleinerer Tisch mit Stühlen. An der Wand die Rembrandtsche Anatomie.

Der Vater. Der Kommissar.

Der Vater:

Ich danke Ihnen, Herr Kommissar. — Hat mein Sohn sich zur Wehr gesetzt?

Der Kommissar:

Der junge Mann war ganz ruhig. Wir hatten erwartet, einen Rasenden zu finden. Statt dessen trafen wir zwei Herren im Gespräch. Ein Anlaß, Gewalt anzuwenden, lag nicht vor. Trotzdem haben wir auf Ihren Wunsch die Hände gefesselt. Auch die Fahrt hierher verlief in voller Ruhe.

Vielleicht, Herr Geheimrat, war die Maßregel etwas zu strenge. Ich als alter Menschenkenner habe nur mit Bedauern das Zwangsmittel ergriffen. Vielleicht ist es in Güte möglich, den jungen Mann auf die rechte Bahn zu führen. Ich bin überzeugt, er ist kein schlechter Mensch. Es gibt schlimmere Sorte!

Der Vater:

Herr Kommissar, ich habe ihn zwanzig Jahre beobachtet. Ich bin sein Vater, außerdem bin ich Arzt. Ich muß es wissen.

Der Kommissar:

Verzeihung, Herr Geheimrat, ich wollte keineswegs ...

Der Vater:

Im Gegenteil: ich bitte um Ihr Urteil! Sie sind sicher ein erfahrener Mann, doch betrachten Sie die Dinge unter Ihrem Winkel. Ich glaube, ich täusche mich nicht. Ich habe reiflich überlegt, bevor ich mich entschlossen habe. Es ist keine Güte mehr möglich! Nur die äußerste Strenge kann ihn noch bessern. Dieser Junge ist verdorben bis auf den Grund seines Charakters. Er will sich meinem Willen entziehen — das darf unter keinen Umständen geschehn. Sie haben seine Reden nicht gehört! Die Jugend von heute läuft ja Sturm gegen alle Autorität und gute Sitten. Seien Sie froh, daß Sie nicht einen solchen Sohn haben.

Der Kommissar:

Herr Geheimrat: ich habe Söhne. Und ich liebe sie! Ich könnte den Fluch der Schändung nicht auf ihr Haupt rufen. Ich kenne die furchtbare Tragödie zu sehr! Wir haben mit Tieren und Verbrechern zu tun. Bevor ich mein eignes Blut in diesen Abgrund stoße, lieber lebe ich nicht mehr. Selbst bei jugendlichen Kriminellen kennen wir vor dem Gesetz noch Verweise und Strafaufschub. Was hat Ihr Junge denn Schlimmes getan? Hat er geraubt, gefälscht, gemordet? Das sind die Kreaturen, mit denen wir rechnen müssen; das ist die Gesellschaft, in die Sie ihn treiben. Verzeihn Sie mir noch ein offenes Wort: Sie brandmarken ihn für sein Leben. Sie stempeln ihn mit der Marke des Gerichts. Er hat einen kleinen Ausflug gegen Ihren Willen unternommen ...

Der Vater

(lacht höhnisch):

Einen kleinen Ausflug!!

Der Kommissar:

Sie sind im Recht und werden ihn strafen. Aber rechtfertigt das eine Erniedrigung? Ich fürchte, die Fesseln sind nicht mehr gut zu machen. Herr Geheimrat — es kann ein Unglück geben!

Der Vater:

Er hat mir den Gehorsam verweigert; es ist nicht das erstemal. Wenn er, der doch mein Sohn ist, schimpflich mein Haus verläßt — was kann ich anders tun, als ihn meine Macht fühlen lassen! Ich bin sonst der Entehrte. Was wird man von mir denken? Wie wird man mich ansehn! Ich muß, wenn kein Mittel mehr hilft, zu diesem letzten greifen. Das schulde ich meiner Pflicht gegen mich — und gegen ihn. Ich glaube noch, ich kann ihn bessern. Er ist jung: dies sei ihm eine Warnung für sein ganzes Leben.

Herr Kommissar, Sie sind mir ein Fremder. Trotzdem habe ich Ihnen mehr gesagt, als je einem Menschen. Bitte, vertrauen Sie mir. Alles lastet ja auf mir in dieser Stunde — ich will nur das Beste nach meinem Gewissen. Aber das darf ich nicht auf mir sitzen lassen! Sie sind selber Vater. Was täten Sie an meiner Stelle?

Der Kommissar:

Ein Wesen aus meinem Geschlecht, das in meinem Leben entsprungen ist, kann nicht verworfen sein. Das ist für mich das höchste Gesetz! Auch wir altern. Weshalb soll unser Sohn nicht jung sein?

Der Vater:

Und wenn er Sie beleidigt?

Der Kommissar:

Mein Sohn ist doch ärmer und schwächer als ich. Wie kann er mich beleidigen!

Der Vater:

Herr Kommissar, ich bin aktiv gewesen; ich habe für meine Ehre mit dem Säbel gefochten. Ich trage noch die Spuren (er weist auf eine Narbe in seiner Wange): ich muß mein Haus rein halten. Ich kann mich auch von meinem Kinde nicht ungestraft beschimpfen lassen. Außerdem erachte ich die Verantwortung des Erziehers zu hoch, sich einem Zwanzigjährigen gleichzumachen.

Der Kommissar:

Ich fürchte, wir reden einander vorbei. Ich habe auch in meiner Jugend gefochten. Aber die Zahl der Semester und Mensuren erscheint mir kein Maßstab. Unsere Söhne verlangen, daß wir ihnen helfen. Herr Geheimrat: Das müssen wir tun. Ob sie besser sind oder schlechter als wir, ist eine Frage der Zeit — nicht des Herzens.

Der Vater:

Ich bin bestürzt — verzeihn auch Sie mir die Offenheit in einer ernsten Stunde. Wie kann ein Vater, wie kann ein Beamter so reden! Unsre jungen Leute werden schlimmer und verderbter von Tag zu Tag. Das ist notorisch! Und dieser Fäulnis im kaum erwachsenen Menschen soll man nicht steuern!? Ich halte es für meine heiligste Pflicht, gegen die Verirrung zu kämpfen, und ich werde es tun, solange ich atme. In welcher Zeit leben wir denn? Hier lesen Sie in der Zeitung, wie weit es schon gekommen ist! (Er nimmt das Blatt und weist auf die Stelle.) Gestern hat in einer geheimen Versammlung ein Unbekannter gegen die Väter gepredigt. Das kann nur ein Wahnsinniger sein!! Aber das Gift hören Tausende und saugen es gierig. Weshalb schreitet die Polizei nicht ein? Diese Bürschchen sind staatsgefährlich. Hinter Schloß und Riegel mit allen Verführern; sie sind der Auswurf der Menschheit.

Der Kommissar

(mit einem Blick in die Zeitung):

Diese Versammlung war der Polizei bekannt. Es ist ein Klub junger Leute. Er steht unter dem Protektorate einer hohen Persönlichkeit ...

Der Vater:

Auch das noch! Dann haben wir ja bald die Anarchie.

Der Kommissar:

Ich kann Sie über diesen Vortrag beruhigen. Er war nur gegen die unmoralischen Väter gerichtet.

Der Vater

(höhnisch):

Also gegen die Unmoralischen. Und die Regierung unterstützt das Treiben? Um so mehr ist es unsere Pflicht, sich gegen den Verrat in der eigenen Familie zu schützen. Nein, Herr Kommissar, die äußerste Strenge. Die äußerste Strenge!

Der Kommissar:

Wir sind die Leute des Gerichts. Wieviel Verdammnis sehn wir! Glauben Sie mir, ich will keinen Unschuldigen henken, geschweige denn meinen eigenen Sohn. Und wenn er mir tausendfach unrecht tut — ich bin doch sein Vater! Soll er andere mehr lieben als mich? Wir Väter müssen erst unsre Söhne erringen, ehe wir wissen, was sie sind.

Der Vater:

Sie scheinen unter Söhnen etwas Absonderliches zu verstehn.

Der Kommissar

(bescheiden):

Ich verstehe darunter ein Wesen, das mir geschenkt ist, dem ich dienen muß.

Der Vater

(erhebt sich):

Herr Kommissar — wie gesagt: ich danke Ihnen. Auch ich kenne meine Pflicht als Vater, allerdings in einem andern Sinne. Ich wünsche Ihnen keine Enttäuschungen! Ich werde es versuchen, selbst in diesem Falle noch, mit meinem Sohne in Güte zu reden — solange ich das vermag. Mehr kann ich nicht sagen. Ich bitte, führen Sie ihn mir jetzt zu.

Der Kommissar:

Ich werde Ihrem Sohne die Fesseln abnehmen. Er wird den Weg zu Ihnen allein finden. (Er verbeugt sich und geht. Der Vater setzt sich in den Stuhl links an seinen Tisch.)