Zweite Szene.
(Der Sohn tritt durch die Mitteltüre langsam ein. Er ist noch immer im Frack und bleibt an der Tür in abwartender Haltung stehn.)
Der Vater
(steht auf, ihm entgegen):
Da bist du. — (Er streckt die Hand aus): — Willst du mir nicht die Hand geben?
Der Sohn:
Nein, Papa.
Der Vater:
Wir haben miteinander zu reden. Setz dich. (Er geht zu seinem Tisch und betrachtet ihn.) Du siehst nicht wohl aus — willst du etwas essen?
Der Sohn:
Ich habe keinen Hunger.
Der Vater:
Willst du dich erst umziehn und auf dein Zimmer gehn?
Der Sohn:
Nein; ich danke.
Der Vater
(sitzt in seinem Sessel rückwärts zum Tisch):
Nun, dann setz dich. Dann wollen wir reden.
Der Sohn
(setzt sich, ihm gegenüber, an den kleinen Tisch nach rechts).
Der Vater:
Du bist gestern abend, trotz des Verbotes, aus deinem Zimmer heimlich entflohn. — Wo warst du die Nacht?
Der Sohn:
Du hast die Polizei gerufen. Du hast mich gefesselt hierher bringen lassen.
Der Vater:
Ich wünsche eine Antwort auf meine Frage: wo warst du die Nacht?
Der Sohn:
Du hast, unter dem Deckmantel der Erziehung, ein Verbrechen an mir begangen. Dafür wirst du Vergeltung finden.
Der Vater
(springt auf, beherrscht sich aber):
Ich warne dich!
Der Sohn:
Ich bin nicht hier, um in Tönen des gestrigen Tages dich um etwas zu flehn, für das ich zu klein und zu niedrig dich erkannte. Ich bin hier, Rechenschaft von dir zu fordern — und Sühne: Auge um Auge. Du wirst kein überflüssiges Wort von mir hören. Heute werde ich die nüchterne Rolle spielen, in der du gestern verunglückt bist. Laß alle Gefühlchen beiseite. Willst du mich auf meinen Geisteszustand untersuchen — es steht dir frei. Ich phantasiere nicht. Soll ich mich auf diesen Tisch legen ...? (Er wendet sich zum Untersuchungstisch.)
Der Vater
(zieht hinter dem Schreibtisch eine Hundepeitsche hervor und beugt sie, wie um sie zu prüfen, übers Knie):
Sprich weiter!
Der Sohn
(fährt auf die Geste mit der Peitsche schnell in seine Tasche und läßt die Hand dort):
Als Auskultator minderer Individuen hast du vielleicht deine Verdienste. Doch hüte dich, die Peitsche zu berühren! (Er hebt, vom Vater unbemerkt, den Revolver halb aus der Tasche.) Ich besitze mein eignes Attest. Ich bin durchaus gesund und weiß, was ich tue.
Der Vater
(unwillkürlich eingeschüchtert, läßt momentan die Peitsche sinken; gleichzeitig verschwindet der Revolver in der Tasche des Sohnes):
Man hat dich — in einem verrufenen Hotel — heute morgen gefunden. Was hast du darauf zu sagen?
Der Sohn:
Es ist die Wahrheit. Ich befand mich dort.
Der Vater
(erstaunt):
Du leugnest also nicht?
Der Sohn:
Keineswegs. Weshalb soll ich leugnen?
Der Vater
(nimmt einen Bogen Papier und notiert, wie bei einem Verhör):
Was tatest du dort?
Der Sohn:
Ich habe mit einer Frau geschlafen.
Der Vater
(richtet sich starr auf):
Du hast ... Genug. — Aus meinem Zimmer!
Der Sohn
(ohne sich zu rühren):
Unser Gespräch ist noch nicht zu Ende. Setz dich wieder. Ich sagte dir schon: es handelt sich um dich.
Der Vater:
Ich sage dir: hinaus!!
Der Sohn
(erhebt sich ebenfalls):
Du erlaubst also, daß ich mich entferne?
Der Vater:
Das Weitere hörst du auf deinem Zimmer.
Der Sohn
(geht zur Mitteltür und verschließt sie):
Dann muß ich dich zwingen, mich zu hören. (Er nimmt den Schlüssel an sich und streckt drohend den Arm aus.) Setz dich, oder es gibt ein Unglück! Du willst es nicht anders — du sollst es haben. (Er tritt auf ihn zu. Der Vater erhebt die Peitsche, als wollte er zuschlagen, aber von plötzlichem Schwindel ergriffen, fällt er rückwärts in den Sessel.) Zum letzten, blutigsten Male frag ich dich hier: läßt du mich in Frieden aus deinem Hause? Du hast mich lange genug gequält. Doch die Gewalt am wehrlosen Kinde ist nun vorbei. Vor dir steht einer zum Äußersten entschlossen. Wähle! (Er wartet auf eine Antwort. Sie erfolgt nicht. Er geht zurück zu seinem Tische und setzt sich wieder.) Reden wir weiter.
Der Vater
(kommt langsam aus der Abwesenheit zu sich):
Meine Haare sind weiß geworden ...
Der Sohn:
Was geht mich dein Haar an — denke an deine Worte gestern! Ersparen wir uns die Altersjournale. Wir sind unter Männern: wenigstens halte ich mich dafür.
Der Vater:
Was willst du noch hier?
Der Sohn:
Mein Recht. Und diesmal bin ich willens, es durchzusetzen — bis zu Ende.
Der Vater:
Danke deinem Schöpfer, daß ich in dieser Stunde zu alt war. Sonst ... Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Rede also! Auf meinem Totenbette will ich den Vorwurf nicht tragen, der Erste gewesen zu sein. Rede zu Ende! Ich will volle Klarheit über dich haben, eh ich auch das Band zerreiße, das dich noch an mich kettet.
Der Sohn:
Papa, du wirst nichts mehr zerreißen. Ob so oder so auf deinem Totenbette — mich rührst du nicht mehr. Überlasse mich nur den Furien: sorge du, daß du in Ruhe sterben kannst.
Deshalb höre und glaube, was ich dir sage: gib mich frei. Ich stehe in furchtbarem Ernste vor dir!
Der Vater:
Ich lache über deinen Ernst. Ein Irrer steht vor mir.
Der Sohn:
Papa — laß uns alles vergessen. Aber hör diese Pose auf! Es geht um dein Leben!! Alles sei ungeschehen, Qual und Rache und Hinterlist. Streiche mich in deinem Herzen als Sohn. Und laß mich jetzt gehen!
Der Vater
(höhnisch):
Noch nicht, mein Sohn.
Der Sohn:
Nun denn —: als ich gestern aus deiner Gewalt entfloh, begleiteten mich viele, die im Garten versteckt waren, mit Revolvern.
Der Vater
(aufmerksam):
Was — soll das heißen?
Der Sohn
(fortfahrend):
Und in derselben Nacht, eine Stunde später, hab ich zu ihnen geredet gegen euch, ihr Tyrannen, ihr Väter, ihr Verächter alles Großen — ja, erblasse nur — ich bin nicht mehr in deine Hände gegeben: Dein Intellekt reicht nicht aus zum Gedanken, so beuge dich vor der Tat! Wir sind keine Irren, wir sind Menschen, und wir leben: leben doppelt, weil ihr uns töten wollt. Du wirst keinen Schritt aus diesem Zimmer tun, ohne daß Tausende, die ich rief, dich zerschlagen, bespeien, zertreten. So rächen wir uns an euch und eurer Macht, und keiner von den Göttern wird uns verlassen. (Da er antworten will): Ja, ich habe die Revolution begonnen, inmitten der Folterkammer, wo ich stehe — und bald wird mein Name über Leitartikeln stehn. Jetzt kämpft ein Volk von Söhnen, wenn du längst in Staub zerfallen bist.
Hier — lies in deiner Zeitung, (er wirft ihm ein Blatt entgegen): zitterst du? Das ist dein wahres Gesicht! Ja, ich bin es gewesen! Ich habe geredet!
Der Vater:
Du lügst! Du lügst!
Der Sohn:
Hier ist die Maske des Unbekannten! (Er zieht sie hervor und schwingt sie durch die Luft.) Zweifelst du noch? Ich bin es!! Nun will ich dein Ende sehn — in deinem eignen Zimmer —
Der Vater
(schwankend über den Tisch):
Sage, daß du lügst, ich vergesse mich sonst ...
Der Sohn
(hochaufgerichtet):
Läßt du mich frei? Ich will dein Geld nicht. Ich schenke es den Armen. Du darfst mich enterben. Ich will nur mein Leben, das Ärmste und Höchste! Ich habe noch viel zu tun auf der Welt. Ich will nicht verbluten an diesen Sekunden ...
Der Vater:
Ich bin dein Vater nicht mehr.
Der Sohn:
Du warst es nie! Vater — wer kennt es heute! Wo bin ich geboren! Ich war ein Stiefkind nur. Habe ich je einen Sohn, so will ich gut machen an ihm, was mir Übles geschehen. O wunderbar großes Licht, könnt ich es erleben, eines süßen Kindes Behüter zu sein!
Der Vater
(in ganzer Härte vor ihm):
Dein Wunsch ist erfüllt: Du hast keinen Vater mehr. Ich habe dir seine Hand geboten — du hast sie verächtlich von dir gewiesen. Der Fluch komme über dich. Ich verstoße dich.
Aber weil du in dieser Nacht die Schande über mich gebracht hast, deshalb lösche ich dich aus. In meiner Todesstunde will ich an mein Wort denken —: ich habe vergessen, daß du mein Sohn bist.
Du siehst mich heute zum letztenmal.
Wage nicht mehr, mein Haus zu betreten; ich jage dich durch die Hunde hinaus. Hier nehme ich die Peitsche und werfe sie dir vor die Füße. Du bist nicht wert, daß meine Hand dich berührt. (Er tut es.) Jetzt kannst du gehen.
Der Sohn:
Papa ...
Der Vater:
Sprich den Namen nicht aus!
Der Sohn:
Läßt du mich frei!?
Der Vater:
Frei! (Er lacht gellend.) Noch ein Jahr bist du in meiner Gewalt. Noch ein Jahr kann ich wenigstens die Menschheit vor dir schützen. Es gibt Anstalten zu diesem Zweck.
Verlaß jetzt mein Zimmer und betritt es nicht mehr!
Der Sohn
(Mit eiserner Ruhe):
Das Zimmer ist verschlossen. Hier geht keiner heraus.
Der Vater
(steht auf und geht langsam, schwerfällig zur linken Seitentür).
Der Sohn
(Mit furchtbarer Stimme):
Halt! Keinen Schritt!!
Der Vater
(einen Augenblick wie gelähmt von dieser Stimme, setzt sich an den Tisch.)
Der Sohn
(zieht den Revolver unbemerkt jetzt ganz aus der Tasche.)
Der Vater:
Hilfe gegen den Wahnsinn ... (Er ergreift das Telephon).
Der Sohn
(hebt den Revolver in die Höhe):
Der Vater
(am Telephon):
Bitte das Polizeiamt.
Der Sohn:
Sieh hierher! (Er zielt auf ihn und sagt mit klarer Stimme): Noch ein Wort — und du lebst nicht mehr.
Der Vater
(macht unwillkürlich eine Bewegung, sich zu schützen. Er hebt den Arm, das Telephon entfällt ihm. Er läßt den gehobenen Arm sinken. Sie sehen sich in die Augen. Die Mündung der Waffe bleibt unbeweglich auf die Brust des Vaters gerichtet — Da löst sich der Zusammengesunkene, ein Zucken geht durch seinen Körper. Die Augen verdrehen sich und werden starr. Er bäumt sich kurz auf, dann stürzt das Gewicht langsam über den Stuhl zu Boden. Der Schlag hat ihn gerührt.
Der Sohn mit unverändertem Gesicht nimmt diese Stellung wahr. Sein Arm fällt herunter, dumpf schlägt der Revolver auf. Dann sinkt er automatisch, als setze sein Bewußtsein aus, in einen Stuhl nahe am Tisch.)