Fünfte Szene.
(Das Brausen im Saal, die Musik verstummt. Man sieht kurz den erleuchteten Raum voller Menschen. Ein langer Ton der Erwartung, Überraschung, des Staunens setzt ein. Dann wird es still.)
Der Freund
(gedämpft):
Stellen Sie sich an den Vorhang, von Tuchmeyer, und hören Sie zu!
(Er eilt nach vorn, als dirigiere er hinter dem Vorhang unsichtbar einen Chor.)
Nehmen wir alle teil an diesem Akt — jetzt gilt es —
(Man hört im Saal die Stimme des Redenden, doch ohne die Worte zu verstehn. Alle sind in höchster Erregung im Zimmer verteilt.)
Der Freund:
Dort steht ein Mensch, der in zwanzig Jahren mehr Leid erfahren hat, als wir Freude in einem Jahr. Deshalb hat Gott ihn gesandt ...
(Unruhe im Saal.)
Was ist?
von Tuchmeyer:
Er reißt die Maske ab. Seine Augen sehen noch nicht. Er redet von seiner Kindheit. Viele können ihn nicht verstehn ... da, jetzt spricht er lauter. Einige stehen auf und kommen näher ...
Der Freund
(die Hände ballend):
Bewegt er die Hände?
von Tuchmeyer:
Nein. Doch — jetzt —
Der Freund
(öffnet die Arme):
— streckt er sie aus: so?
von Tuchmeyer:
Er ist irre! Er sagt —: er nimmt die Marter unser aller Kinderzeit auf sich!
Der Freund:
Ah — er redet wahr! Weiter, was tut er?
von Tuchmeyer:
Jetzt ist er vom Podium gesprungen. Er steht mitten unter den Leuten. Er sagt —: daß wir alle gelitten haben unter unsern Vätern — in Kellern und in Speichern — vom Selbstmord und von der Verzweiflung —
Der Freund
(beugt sich, mit allen Muskeln gespannt, vorwärts):
Die Geister stehn ihm bei!
(Er bewegt die Glieder und die Züge seines Gesichts mit magischer Gewalt):
Hörst du! Sag es!
(Ein furchtbarer Wille ist in ihm, den Redenden unter seine Gedanken zu zwingen.)
von Tuchmeyer:
Es gibt ein Unglück!!! Er sagt: die Väter, die uns peinigen, sollen vor Gericht! Das Publikum rast — —
(Ungeheurer Tumult im Saal.)
Cherubim und der Fürst
(rechts und links am Vorhang):
Alles in Aufruhr. — Sie dringen auf ihn ein. — Die Stühle sind los — die Tische —
Cherubim
(hysterisch schreiend):
Bravo. Ein herrlicher Fall!
Der Freund
(ganz vorn):
Ruhe! (Er holt einen Revolver aus der Tasche.) Ich töte ihn, wenn er verliert!
von Tuchmeyer
(am Vorhang):
Da — jetzt —
Der Freund
(mit dem Rücken zum Saal, ohne sich umzuwenden):
Was?
von Tuchmeyer:
Er reißt sich die Kleider vom Leibe. Er entblößt die Brust. Er zeigt die Striemen, die ihm sein Vater schlug — seine Narben! Jetzt kann man ihn nicht mehr sehn, so viele sind um ihn. Jetzt — sie ergreifen seine Hände — sie jubeln ihm zu —
Der Freund
(im Triumph):
Jetzt hat er gesiegt! Jetzt hat er's vollbracht! (Er steckt den Revolver ein und wendet sich um. Im Saale brausender Beifall. Hochrufen.)
von Tuchmeyer:
Sie heben ihn auf die Schultern! Die Studenten tragen ihn!
Der Freund:
Was sagt er?
von Tuchmeyer:
Er ruft zum Kampf gegen die Väter — er predigt die Freiheit —! »Wir müssen uns helfen, da keiner uns hilft«! Sie küssen ihm die Hände — welch ein Tumult! Sie tragen ihn auf Schultern — zum Saale hinaus ...
(Immer neue Hochrufe.)
Der Freund:
Er hat den Bund gegründet der Jungen gegen die Welt! Listen auf — alle sollen sich unterschreiben!
von Tuchmeyer
(reißt sein Notizbuch entzwei):
Alle sollen sie unterschreiben! Mein Vater lebt nicht mehr. Heute ist er zum zweiten Mal gestorben. (Er wirft Blätter auf den Tisch.)
Cherubim:
Tod den Toten! Der meine schickt mir kein Geld mehr. (Mit lauter Stimme.) Ich unterschreibe!
Der Freund
(zum Fürsten):
Und Sie, Majestät, wie wird Ihnen? (Er hält ihm die Blätter entgegen.)
Der Fürst:
Geben Sie her!
Der Freund:
Das nennt man Revolution, Bruder Fürst!
Der Fürst
(ekstatisch, springt auf einen Tisch, reckt seinen Arm empor wie das Schwert der Freiheitsstatue):
Meine Herren! Wir sind ein Menschenalter! So jung werden wir nie mehr sein. Es gibt noch viele Idioten — aber — zum Teufel: wir leben länger!
(Er beginnt, auf dem Tisch stehend, die Marseillaise. Die andern singen mit. Stimmen im Saal fallen ein):
»Aux armes, citoyens!
Formez vos bataillons!
Marchons! Marchons!«
Ende des dritten Aktes.