Fünfte Szene.
Der Freund:
Ein schönes Mädchen!
Der Sohn:
Kennst du sie nicht? Das ist die dritte Gouvernante. Ich muß jeden Abend mit ihr essen um neun Uhr. Mein Vater will es so.
Der Freund:
Hast du gesehn, wie sie zu uns ins Zimmer trat! Kannst du es ermessen, wenn eine Frau zu dir kommt, wo die Erde doch voll ist von andern! Bist du ein Mensch und fühlst nicht das Ewige ihres Schrittes in der Dämmerung? Du solltest deinen Vater segnen, daß er dich jeden Abend mit ihr leben läßt — jeden Abend, o Mensch! Weißt du denn, wie lange du lebst? Bist du nicht glücklich, daß so viel dir geschieht! Sie ißt von der gleichen Speise wie du und trinkt aus dem gleichen Krug. Welche Harmonie, welch erschütterndes Wort, daß sie schlafen muß wie wir alle und Tee kocht und Zimmer staubt, wo sie doch ein göttliches Wesen ist und auf Inseln wohnt.
Der Sohn:
Was du sagst, habe ich nie gewußt. Wie kann etwas so Schönes lebendig sein?
Der Freund:
Denk an Penelope!
Der Sohn:
Seitdem ich dies Wort auch auf Kabarettnummern las, schwindelt mir nicht mehr im Palaste des Homer.
Der Freund:
Du wirst einmal erfahren, weshalb Gott alle Frauen eins sein ließ — zum Fluch und zum Segen.
Der Sohn:
Sprich weiter von dieser Frau. Ich habe Angst.
Der Freund:
Eine Welle ihres Haares schwimmt noch im Raum. Weshalb liebst du sie nicht?
Der Sohn:
Wie kann ich das?
Der Freund:
Sie wird deine Augen sehend machen — du Narr am verschlossenen Tor. Durch sie sind die Riegel gesprengt, und du wirst etwas erkennen von dem Schauspiel der Welt. Hab keine Angst, sie ist gütig. Auch deine Mutter war eine Frau wie sie. Du wirst ihr Kind sein.
Der Sohn:
Eine tiefe Trauer erfüllt mich vor dem, was ich niemals werde sehn und nie werde sagen können. Ich denke nur an die Steppen Sibiriens, obwohl ich manchmal einen alten Mann im Graben finde und weiß, daß viele im Schnee verhungern. Ein Schauer erfaßt mich, daß ich nirgends die Schöpfung begreife! Ich denke des Augenblicks, da ich mitten im Frühling gehe und doch nur ein Fingerzeig bin am Himmel, der über mir lastet. Alles, was mir geschieht, ist ja ewig geschehn! Was bleibt denn von mir in dieses Daseins ruhloser Kette!?
Der Freund:
Die Not deines Herzens, die Träne in der Nacht und die Auferstehung am Morgen!
Der Sohn:
Komm bald wieder, dann werde ich dir näher sein. Ich will das Wunder kennen lernen, ehe der Schatten meines einsamen Zimmers mich wieder umhüllt. Ich will diesen Zaubergarten betreten, und koste es mein Augenlicht! Vor einer halben Stunde hab ich geschworen, der Freude zu gehören, die ich noch nicht kenne. Einmal muß mein Dasein mich erhören, vielleicht heute, vielleicht in hundert Tagen. Ich fühle, die Zeit ist nicht fern.
Der Freund:
Ich bin so zuversichtlich: dich führt ein gutes Gestirn. Ich komme wieder, wenn du mich brauchst. So entfliege denn!
Der Sohn:
Auch du, mein Freund, im grenzenlosen Gefühl!
Der Freund:
Dich trägt die Woge noch hin. Mich rief sie zurück. Leb wohl. (Er geht.)