Sechste Szene.
(Der Raum wird dunkler. Das Fräulein tritt ein mit der Lampe. Sie deckt den Tisch und trägt das Essen auf.)
Der Sohn:
Fräulein! Ich sehe, daß Ihr Haar blond ist. Sie stehn zwischen Lampe und Dämmerung.
Das Fräulein
(am Fenster):
Die Wolken sind noch hell. In unserm Dorf kommen die Kühe heim. Wie schön ist dieser Abend!
Der Sohn
(leise):
Und wie schön sind Sie!
Das Fräulein
(sieht ihn aufmerksam an):
Sind Sie traurig?
Der Sohn:
Traurig? Weshalb? Weil ich durchgefallen bin? O nein. — Ich bin froh.
Das Fräulein:
Dann wollen wir zu Abend essen. (Sie setzen sich.)
Der Sohn
(ohne etwas zu berühren):
Wir haben so oft an diesem Tisch gesessen; fremd. Und wir sind es gewöhnt.
Das Fräulein:
Bin ich Ihnen immer so fremd gewesen?
Der Sohn:
Fräulein, man hat mir gesagt, daß Sie leben und auf der Erde sind. Ich muß lernen, viel zu verstehn. Daß Sie eine Stimme haben und auf silbernen Füßen durch das Zimmer gehn.
Das Fräulein
(lächelnd):
Ach, wer hat Ihnen das alles geschwindelt! Das glauben Sie doch nicht.
Der Sohn
(mit großem Ernst):
Ich glaube alles und noch mehr.
Das Fräulein:
Soll ich Ihnen ein Brot streichen?
Der Sohn:
Ich kann nichts essen.
Das Fräulein:
Ich habe oft an Sie gedacht und Mitleid mit Ihnen, weil Sie so strenge gehalten sind. Ich möchte gern, aber ich darf ja nicht anders.
Der Sohn:
Das ist wahr, es ist düster hier.
Das Fräulein:
Sie müssen nicht daran denken. Es kommen wieder gute Zeiten.
Der Sohn:
Wenn ich Sie um etwas bitte, würden Sie es tun?
Das Fräulein:
Was soll ich für Sie tun?
Der Sohn:
Ich muß eine Frau lieben. Lassen Sie mich fort heute abend.
Das Fräulein:
Kleiner Junge! Seit wann ist das über Sie gekommen?
Der Sohn:
Seit heute, Fräulein, seit heute.
Das Fräulein:
Hat Ihr Vater nicht strenge verboten, daß Sie am Abend ausgehn?
Der Sohn:
Fräulein! Als ich sieben Jahre war, nahm mein Vater mich mit auf eine Fahrt. Wie erschrak ich vor dem Tunnel — ich dachte, es sei die Hölle. Wir fuhren im Dampfboot den Fluß hinab und standen einen Augenblick im Maschinenraum. Da sah ich zum erstenmal die riesige Glut und die schwarzen Menschen voll Schweiß. Wissen Sie, was mein Vater tat? Er gab jedem Heizer eine Mark. Ich war mit den armen Teufeln so froh.
Das Fräulein:
Sie haben ein gutes Herz.
Der Sohn:
Als ich größer war, hab ich oft gewünscht, mein Vater möge auch mir eine Mark schenken, denn ich wollte mir Süßigkeiten kaufen. Aber das hat er nie getan. Ich weiß nicht warum. Er sagte, ich könnte mir Krankheiten holen.
Das Fräulein:
Wenn ich jetzt eine Mark hätte, dann schenkte ich sie Ihnen.
Der Sohn:
Was nützt mir heute die Mark! Ich kann nicht die Droschke bezahlen, mit der ich fahren will.
Das Fräulein:
Es gibt böse Frauen. Vielleicht kommen Sie traurig zurück.
Der Sohn:
Kann ich noch trauriger werden als in den zwanzig Jahren meines Harrens auf diesem nahen Stern! Wann endlich werden mir die Fanfaren tönen? Ach Fräulein, und doch gab es Stunden, in denen man traumhaft seine Sphäre verließ — wenn wir im Sommer in Konzerten saßen mit rosa Damen am Geländer des ewigen Stroms.
Geben Sie mir den Hausschlüssel!
Das Fräulein
(nimmt den Hausschlüssel und gibt ihn):
Hier haben Sie ihn.
Der Sohn
(ergreift ihn):
So halte ich denn dies kostbare Gut, (er springt auf und taumelt) ach, ich bin wie ein Blinder. Meine Augen sind die Helle nicht gewöhnt. Ich fürchte, ich könnte ihn verlieren. Nehmen Sie ihn wieder! (Er gibt ihn zurück.)
Das Fräulein:
Werden Sie nicht ausgehn?
Der Sohn
(aufmerksam):
Fräulein, war das nicht ein Opfer — ein Geschenk von Ihnen? Wenn mein Vater das wüßte, es kostet Sie Ihre Stellung ...
Das Fräulein
(lächelnd):
So helfen Sie mir dafür Ihrem Vater schreiben. Er will doch jeden Tag einen Brief haben, wie es geht im Hause. Ich weiß nicht, was ich ihm schreiben soll! (Sie nimmt Feder und Tinte.)
Der Sohn:
Übrigens: ich will mit meinem Vater reden! Schreiben Sie ihm, er soll wiederkommen.
Das Fräulein
(sitzt bei der Lampe und schreibt):
Der wievielte ist heute? Der Zwanzigste.
Der Sohn:
Ja, ich will mit ihm reden. Er soll es wissen. Ich muß bald etwas Großes tun. Ich höre auf, in dieser Schule zu lernen. Wie viel werde ich ihm sagen ..!
Das Fräulein
(sieht ihn an):
Soll ich das alles schreiben?
Der Sohn:
Ich werde nach Hamburg fahren und die transatlantischen Dampfer sehn. Ich will mir auch Frauen halten. Glauben Sie es nicht, Fräulein?
Das Fräulein:
Aber das kann ich doch Ihrem Vater nicht schreiben!
Der Sohn
(steht hinter ihr und zeigt über sie weg auf das Papier):
Dann schreiben Sie ihm, er soll wiederkommen.
Das Fräulein
(schreibt).
Der Sohn
(legt die Hände auf ihre Schultern und zittert).
Das Fräulein
(ohne sich umzuwenden):
Was machen Sie da — so kann ich nicht schreiben!
Der Sohn
(öffnet ihre Bluse am Hals und berührt sie).
Das Fräulein:
Ah, jetzt ist ein Flecken auf dem Papier —
Der Sohn
(beugt sich tiefer zu ihr).
Das Fräulein
(zurückweichend, fast über dem Papier):
Nicht doch; wenn Ihr Vater —
Der Sohn:
Ich liebe Sie! (Sie wendet sich um. Er küßt sie mit schneller, ängstlicher Gewalt.)
Das Fräulein
(steht auf und wendet sich ab. Dann ordnet sie ihr Haar. — Nach einer Weile):
Was soll nun werden!
Der Sohn
(in großer Verwirrung):
Es ist etwas vorgegangen ... zürnen Sie mir nicht ...
Das Fräulein
(mit leiser, guter Stimme):
Sie sind mir niemals fremd gewesen. (Sie nimmt die Lampe.) Gute Nacht! (Sie geht schnell.)