Das Volkslied
Unter der Linde war Tanz, und die fahrenden Schüler krähten ihr schnödes Latein; aber der mit der Fiedel wußte den Burschen und Mädchen andere Lieder zu singen.
Die Jungfrau Maria kam nicht darin vor, auch nicht die zierlichen Seufzer der Minne: ein Spaßvogel sang in gewürzten Reimen, wie er die Mädchen am Rhein, in Sachsen, in Schwaben und Bayern zur Liebe geneigt fand.
Das Lied war frech, und die Worte mußten den Tönen mitlaufen, aber die Täglichkeit lockte darin, und alle sangen den Reim, so sprang die Fiedel ins Blut.
Der Spielmann wußte noch andere Reime: von einem Geizhals, der sich mit Geld ein leckeres Weibchen einfangen wollte, von einem Knaben, den seine Buhlin betrog, von einer Spröden, die nie ihr Vergißmeinnicht fand.
Aber die kannten sie schon unter der Linde, Burschen und Mädchen sangen die Reime, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des Dorfes abgingen; denn die Lieder der Fahrenden waren Feldblumen, die überall hingestreut überall Wurzeln schlugen.
Feldblumen und Blumen aus Urväterherkunft in Gärten gepflegt; denn immer noch blühte die Zeit, die vor dieser war, und die Seele des Volkes war heimlich getreu ihr Gärtner.
Dietrich und Hildebrand ritten die klirrenden Fahrten, und Siegfried sank in sein Blut, Schwanhild die schöne und Randwer der feine büßten die Liebe, Brunhild und Kriemhild kühlten die Rache.
Die fahrenden Spielleute kannten die alten Sagen und wußten die neuen, sie hielten die Reime und Töne lebendig, sie flochten die Rosen des Tages ein in den Kranz, der im Herzen des Volkes immergrün war.
So wurde aus alten und neuen Gesängen das Volkslied, von Burschen und Mädchen gesungen, wenn sie am Abend in Reihen verschränkt die Straßen des Dorfes abgingen.
Was der Seele des Volkes Gutes und Böses geschah, was in den Brunnen des Mitleids hinein fiel und was auf den rosigen Wolken der Mitfreude schwamm, hoben die zärtlichen Hände des Liedes ins ewige Dasein.