Der Schützengraben
Die Feldheere hatten in Frankreich vergeblich gerungen; als die Russengefahr Hindenburg rief, lag im Westen der Krieg an der Kette, die Ring um Ring ineinander geschmiedet von Flandern zum Elsaß die feindlichen Heere verband.
Ein stummes Gewühl war gewesen durch Tage und Nächte, Spaten und Hacken hatten die Löcher gegraben, darin die Männer nun saßen, vor Kugeln gesichert, darin sie Rast und Unterstand hatten nach wilden Märschen und blutigen Schlachten.
Aber der Unterstand wurde die Wohnung für Wochen, und Wochen liefen in Monaten hin; da waren die Gräben und Löcher nichts nütze, da wurde die Front vom Elsaß nach Flandern als Festung gebaut.
Schützengräben, künstlich gewinkelt, waren die Brustwehr, wenn irgend ein Angriff die Männer aus ihren Höhlen heraus rief; sonst saßen sie sicher geschützt in den Kammern, dahin die Treppen tief in die Erde hinunter gingen.
Nur die Horchposten standen im Stahlhelm; wie einmal die Torwächter spähten sie aus nach dem Feind, der drüben gleichso verbaut saß.
Hüben und drüben der Graben mit seiner Brustwehr, kaum sichtbar erhöht, manchmal am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle oder der bräunliche Rauch großer Kanonen, selten ein Schuß in der Nähe, nur unaufhörlich das ferne Gegroll: so war der Krieg in die Stille gesunken.
Aber die Stille war Tücke: tief in der Erde wurden die heimlichen Gänge gebohrt, eine Mine sprang gegen den Unterstand auf, alles mit Feuer und Eisen und Hölle vernichtend; oder ein Schuß schnitt seinen Blitz zu spät in die Nacht, Siegergeheul und Todesröcheln erfüllten die Gräben.
Aber die Raubtiere, einander belauernd vom Elsaß bis Flandern, konnten auch friedlicher sein: ein sonniger Wintertag rief sie heraus aus den Löchern; da saßen sie da in den Gräben, rauchten und lachten und riefen einander mit fremdem Mund spöttische Worte hinüber.
Auch konnte die Neugier sie packen, einander mit Augen zu messen; dann trauten sie ihren Zeichen, kamen herauf auf die Brustwehr und sahen die fremde Lehmgestalt an mit seltsamen Augen, daß solches geschähe: Mensch gegen Mensch entfesselt durch Wochen und Monde, gestern noch blutrünstige Tiere und heute harmlose und fröhliche Knaben.
Alle hatten daheim eine Mutter, eine Braut oder gar eine Frau mit ihren Kindern, den Stall und das Feld, den Schraubstock oder den Schreibtisch treu zu besorgen, indessen sie hier in der Fremde dem Tod und der Trübsal verkauft waren.
Es konnte schon morgen geschehen, daß die grollende Ferne über sie fiel mit Granaten, daß die Kanonen hüben und drüben den Feuerkampf um den Graben begannen.
Dann kam das Unheil heulend geflogen, Zentner von Eisen bohrten sich ein in den Grund und zersprangen im Feuer; brüllender Donner, Blitz und Schlag unaufhörlich; ein feuriger Krater, tief aus der Erde gerissen, verschüttete Männer, Graben und Unterstand.
Trommelfeuer hießen sie das, wenn sie in ihren Höhlen dasaßen, stumm und geduckt, und die Hölle raste über sie hin, Stunden um Stunden, manchesmal Tage erbarmungslos füllend.
Da wurde die letzte Fröhlichkeit still, da bebte die tapferste Seele, da war der Mensch nur noch Kreatur, aus Raum und Zeit zurück in den Abgrund der Schöpfung gerissen.
Und wenn die Hölle ausgerast hatte, wenn das Donnergebrüll schwieg und die gepeinigte Erde zu zittern aufhörte, fing die Vernichtung ihr letztes Mörderwerk an: Hyänen kamen gesprungen, die Opfermahlzeit zu halten; Handgranaten und Messer mußten dem letzten Verzweiflungskampf dienen.
Und einmal war alles vorüber, die Verwundeten waren verbunden, die Verschütteten ausgescharrt, die Toten begraben, Brustwehr und Graben von Blut und Gedärm, vom Unrat des Todes gereinigt: Stille stand über dem Graben, nur das dumpfe Gegroll in der Ferne, am Himmel das dralle Gewölk der Schrapnelle.
Bis wieder nach Stunden, nach Tagen, nach Wochen die Hölle anfing, wie es der Heerbefehl wollte, dem alle diese Männer hüben und drüben in ihren Höhlen, als ihrem Schicksal blind untertan waren.