Wulfila

Ein Psalm, der vor dem Tag verscholl, gesungen aus Traum und Wachen, bevor das wilde Kriegswerk der Völkerwanderung begann, ein Klagelied aus dem Brunnquell der deutschen Sprache: das war die Gotenbibel des Wulfila.

Sie sollte der Psalter des deutschen Evangeliums werden und ist der Sargdeckel geworden der germanischen Frühzeit, weil aus der fröhlichen Botschaft der Haß des geistlichen Lehrstreites Giftblumen blühte.

Der sie den Westgoten schrieb, zwölfhundert Jahre vor Luther den Deutschen die Schrift zu schenken: Wulfila war arianischer Bischof; und Arianer, das hieß der römischen Kirche ein Ketzer und schlimmer als Heide zu sein.

Sie saßen im Tiefland der Donau, vom schwarzen Schrecken der Hunnen verdrängt, als Grenzwacht des Kaisers geduldet, und hörten die Botschaft der himmlischen Ferne:

Gott war gekommen, der über den Göttern von Ewigkeit war, den Menschen das glückhafte Reich des Friedens zu bringen, da wieder Gerechtigkeit wurde, sonniges Land und selige Freiheit den grausam Enterbten.

Denn Wulfila hatte die Worte der Botschaft in ihre Sprache gebracht: da klangen die uralten Laute den uralten Sinn, da war die ewige Herkunft der Dinge, da war ihr himmlischer Vater und sandte Surtur, den herrlichsten Sohn seiner Stärke, die Seinen zu sammeln aus Not und Bedrängnis.

So lauschten die Goten dem Wulfila und konnten nicht ahnen, daß sie der Glaube betrog, daß sie die fröhliche Botschaft ins Fegfeuer des Ketzertums brachte.

Arianer und römische Kirche: so war der Kampf angesagt bis aufs Messer; die Goten und alle germanischen Völker der großen Wanderschaft hatte ihr gläubiges Herz gegen die römische Schneide gestellt.