Abfahrtsort der Expedition.
Haben wir uns im Vorstehenden über die Zeit, in welche die Expedition fällt, Rechenschaft gegeben, so wird es nun nicht minder wichtig sein, den Ort festzustellen, von wo die Phönizier aussegelten. Trotzdem übergehen die meisten Forscher diesen Punkt mit Stillschweigen; doch kann man hie und da aus beiläufigen Bemerkungen den Schluss ziehen, dass sie der Ansicht sind, die Fahrt sei von der Nordspitze des rothen Meeres ausgegangen. Und in der That hat diese Vermuthung auf den ersten Blick etwas Bestechendes, denn da die Phönizier wohl hauptsächlich im Delta sassen, war ihnen der nordwestliche Ausläufer jenes Meerbusens nahe genug. Auch hatten, wie wir gesehen haben, die Saïten, zu denen ja Necho, der intellektuelle Urheber des ganzen Planes, gehörte, im Delta, also in der Nähe des heutigen Busens von Suez, ihre Residenz. Nichts desto weniger kann ich der bezeichneten Ansicht nicht beipflichten; denn der Verkehr Aegyptens mit den südlichen Ländern ist, wie ich gleich nachweisen werde, in älterer, wie in neuerer Zeit meist nicht von hier ausgegangen. Eine auffällige Vermuthung verfechten zwei Gelehrte in trefflichen Abhandlungen, Junker und Sandberg; sie sprechen sich mit Entschiedenheit für den Golf von Aden als Abfahrtsort aus[185]. Untersuchen wir, mit welchem Rechte! Herodot sagt: „οί Φοίνικες ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης ἔπλεον“; was haben wir nun unter den Worten „ἐκ τῆς Ἐρυθρῆς θαλάσσης“ zu verstehen? Sandberg – es mag genügen, einen von Beiden zu widerlegen – erwähnt mehrere Stellen, wo jener Schriftsteller ausdrücklich den arabischen Busen vom erythräischen Meere unterscheidet, und will damit beweisen, dass an ein Absegeln aus ersterem nicht zu denken sei. Zweitens führt er als Beleg für seine Ansicht das an, was Herodot über den Skylax überliefert[186], der auf der Rückkehr von seiner Entdeckungsreise nach Indien zuletzt nach Westen gefahren und so an dem Orte gelandet sei, von wo Necho die Phönizier ausgesandt hatte, während der Berichterstatter, wenn diese aus dem rothen Meere abgesegelt wären, ihn doch schliesslich nach Norden steuern lassen müsste. Mir scheinen beide Gründe nicht ganz einwandsfrei zu sein. Was den ersten anbetrifft, so nennt Herodot an einer Stelle das rothe Meer einen Busen – und das heisst doch so viel wie einen Theil – des erythräischen Meeres, wie er denn überhaupt unter dem letzteren augenscheinlich den ganzen indischen Ozean mit dem persischen und dem arabischen Meerbusen[187] versteht; wenn er also sagt: „Die Phönizier fuhren aus dem erythräischen Meere ab“, warum sollte es nicht erlaubt sein, an jenen Theil zu denken? Das zweite Zitat aber, in dem von Skylax die Rede ist, heranzuziehen halte ich für bedenklich, gerade wo es sich um Feststellung der Himmelsgegenden handelt, denn in dieser Beziehung ist Herodot hier sehr ungenau; den Indus, der doch nach Südwesten fliesst, lässt er nach Osten münden! Dazu kommt, dass König Necho wohl schwerlich am Busen von Aden Landbesitz hatte, wo er Vorbereitungen zu der phönizischen Expedition hätte treffen können, wohl aber besass er am rothen Meere dazu geeignetes Terrain – die Reste der dortigen Schiffswerfte sah ja Herodot noch[188] –, und schliesslich können wir behaupten, dass den Phöniziern das rothe Meer viel zu bekannt gewesen sein wird, als dass sie eine Fahrt auf demselben hätten zu scheuen brauchen. Sehen wir also von der Nordspitze des Meeres und vom Golf von Aden ab und suchen eine andere Stelle ausfindig zu machen, die mit grösserer Wahrscheinlichkeit den Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann, der Abfahrtsort dieser denkwürdigen Expedition gewesen zu sein. Etwa unter 26° n. Br. liegt am Nil an einer Stelle, wo der Fluss sich dem rothen Meere auf 150 Km. nähert, die Stadt Keneh, ein wenig nördlicher, als im Alterthum Koptos lag. Von dieser Stadt führte, wie heute von Keneh, eine Strasse durch das Thal, welches jetzt Wadi Hamamat heisst, zum Meere[189] in der Gegend, wo Kosseir liegt, der Leukos Limen der Griechen[190]. Von diesem Hafen oder von seiner nächsten Umgebung wird die Expedition der Phönizier wahrscheinlich ausgegangen sein. Den Beweis für die geäusserte Ansicht wird ein Ueberblick über die Rolle geben, welche diese Stätte in der Geschichte des ägyptischen Handels und Verkehrs gespielt hat. Bereits vor und während der Pyramidenzeit war der Weg von hier aus an den Nil eine Hauptstrasse des Weihrauchhandels; jedenfalls schon in den Tagen der elften Dynastie, vielleicht noch früher, ist von Seiten der Regierung der Versuch gemacht worden, von hier aus direkte Beziehungen zu dem Lande Punt, der Heimath des Weihrauchs in Arabien, anzuknüpfen. Ob den Endpunkt der Strasse am Meer Kosseir oder ein nur wenig weiter nördlich gelegener Hafen bildete, mag dahin gestellt bleiben[191]; zur Zeit der zwölften Dynastie, wo der Handel auf dem rothen Meere in voller Blüthe steht, ist sein Ausgangspunkt jene andere Stelle. In den nächsten Jahrhunderten scheint der Verkehr mit Punt bald unterbrochen gewesen zu sein, bald aber lesen wir, dass er einen neuen Aufschwung nimmt, so besonders nach der Vertreibung der Hyksos, wo in Aegypten dasselbe geschah, was sich 3000 Jahre später in Spanien nach der Besiegung der Mauren wiederholte: das Selbstgefühl, gehoben durch die in schweren Kämpfen wieder errungene Freiheit, äusserte sich in kühner Seefahrt, und die Königin Hatasu, das Spiegelbild der kastilischen Isabella, beschloss wieder Schiffe ins Weihrauchland zu entsenden. Leider fehlen über den Abgangsort derselben alle positiven Angaben; erst das wissen wir wieder sicher, dass unter Ramses III. in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts die Expeditionen den alten Weg von Koptos zur Küste gehen, ja dass Ramses IV., der unmittelbare Nachfolger jenes Königs, sich durch Anlegung einer neuen Verbindungsstrasse besonders verdient gemacht hat. Nicht geringere Bedeutung hat der Verkehrsweg zur Zeit der 26. Dynastie, der saïtischen, eben der des Necho. Diese umfasst eine Periode der Restauration; im Kultus, in der Sprache, in der Schrift kommt man auf das Alte zurück. Das Staatsleben sucht man durch das Hervorholen archaistischer Titulaturen mit der Würde verflossener Jahrtausende zu umkleiden und tritt mit einer gewissen Ostentation auch auf anderen Gebieten in die Fussstapfen der älteren Königshäuser. Schon aus diesem Grunde würde es uns leicht glaublich erscheinen, dass man auch bei der Wiederaufnahme eines regeren überseeischen Handelsverkehrs hinsichtlich des Ausgangspunktes der alten Tradition nicht untreu wurde; aber wir haben sogar ausdrückliche Beweise dafür. An einer Felswand des Wadi Gasus auf dem Wege vom Nil zu dem alten Hafenplatze am rothen Meere finden sich nämlich aus der Zeit der 26. Dynastie die Namen mehrerer „Gottesweiber“ – das sind Königinnen, welche zugleich Gattinnen des Gottes Amon zu Theben waren –; Beweis genug, dass die Strasse von Koptos an die Küste damals wieder erhöhte Bedeutung gewann. Und wie zur Zeit der alten Pharaonen hatte auch unter den Ptolemäern der ägyptische Handel auf dem rothen Meere seinen Ausgangspunkt neben dem nördlicher gelegenen Heroopolis[192] hauptsächlich in Kosseir, ja, noch für die Periode um Christi Geburt schildert uns Strabo Koptos als den Stapelplatz für indische, arabische und äthiopische Waren, wenn auch die Verbindungsstrasse mit der Küste etwas weiter südöstlich lief, als früher, nämlich nach Berenice[193], und selbst in der Neuzeit bis zur Eröffnung des Suezkanales spielte Kosseir, über das auch eine wichtige Route für die afrikanischen Mekkapilger führte, als Verkehrsmittelpunkt dieser Gegenden seine Rolle. So liegt in der That die Vermuthung nahe, dass dieser Platz oder ein benachbarter Hafen, wie so vieler anderen Fahrten, auch der phönizischen Ausgangspunkt gewesen, und es dürfte nicht zu gewagt sein, unter Zurückweisung der oben erwähnten Ansichten für diese die grössere Wahrscheinlichkeit in Anspruch zu nehmen.