Wo waren die ausgesandten Schiffer zu Hause?
Zeit und Abfahrtsort der Expedition sind somit wenigstens annähernd festgestellt; es tritt nun an uns die Frage heran: woher nahm Necho die Mannschaft, welche er aussendete? Auch hierauf können wir jetzt Antwort geben. Ging das Geschwader erst nach der Rückkehr des Königs vom syrischen Feldzuge ab, so gewinnt damit die Vermuthung an Wahrscheinlichkeit, dass die Bemannung der Schiffe nicht von der phönizischen Küste Asiens, sondern aus dem Nildelta stammte, eine Ansicht, durch die ich freilich in Gegensatz zu einigen Gelehrten gerathe, welche sich ebenfalls mit der Umsegelung beschäftigt haben. Ein Theil der Beurtheiler übergeht diese Frage gänzlich mit Stillschweigen und lässt sich auch nicht andeutungsweise darüber vernehmen, andere, die sie nicht besonders erörtern, lassen wenigstens errathen, dass sie Phönizier aus dem Mutterlande für die Beauftragten halten, während eine dritte Kategorie dieses geradezu behauptet. Ihnen allen gegenüber möchte ich auf Folgendes hinweisen. Nechos Herrschaft über Syrien währte nur wenige Jahre[194]; nach der Schlacht von Karchemisch gab er mit seinen anderen Eroberungen auch die Herrschaft über die phönizischen Städte auf[195]. Da lag es ihm doch näher, falls er nun erst seine Expedition aussandte, die Phönizier im Delta, seine Unterthanen, mit der Ausführung zu betrauen, als sich an die im Mutterlande gebliebenen zu wenden, welche eben von seiner Herrschaft wieder frei geworden waren. Auch ist noch zu erwägen, dass in den nächsten Jahren nach der Schlacht bei Karchemisch Nebukadnezar Syrien in Besitz nahm[196]. Sobald dieser Herr der Phönizier geworden war, verstand es sich von selbst, dass sie für seinen Feind – denn der Friede, welcher folgte, war ein bewaffneter – nicht fahren durften; aber auch ehe sie wirklich das babylonische Joch trugen, werden sie schwerlich geneigt gewesen sein, auf etwaige Anerbietungen Nechos einzugehen und sich damit der Rache des von Osten gegen sie vordringenden asiatischen Machthabers auszusetzen. Und konnte Necho nicht die Dienstleistung der syrischen Phönizier recht wohl entbehren? Ganz gewiss. Nach Herodot[197] wohnten Landsleute von ihnen bei Memphis, ja nach Lieblein[198] waren Phönizier bereits 2600 Jahre vor Chr. von Südarabien – hier glaubt dieser Gelehrte seien sie ursprünglich zu Hause gewesen – über das rothe Meer nach Aegypten gekommen und hatten ausser an anderen Stellen auch in der Nähe von Koptos eine Kolonie gegründet; dass sie sich auch in dem wegen seiner vielen Wasserstrassen für Handel und Verkehr so sehr geeigneten Delta werden ausgebreitet haben, dürfen wir bei unserer Kenntniss des phönizischen Nationalcharakters mit Sicherheit annehmen. Sagt doch auch Curtius[199]: „Im unteren Nilthale waren die Phönizier seit ältesten Zeiten heimisch und besassen daselbst die einträglichsten Handelsstationen“. Und dass sie auf einem Terrain, welches ihrem amphibischen Charakter so zusagte, die alte Tüchtigkeit zur See, wie die syrische Heimath sie ihnen anerzogen hatte, sich bewahrten, bedarf kaum der Erwähnung. Wo wir auch immer phönizische Kolonisten auftauchen sehen, des Erbes ihres Stammlandes, der Kunst, den flüchtigen Kiel geschickt durch die wogende Fluth zu lenken, sind sie überall theilhaftig geblieben; sicherlich nicht am wenigsten diejenigen, welche an den tausend Wasseradern des Nildeltas neue Wohnsitze gefunden hatten. Geeignet für die in Frage stehende Fahrt waren auch diese also unbedingt, denn was werden sie anders gewesen sein als Kaufleute und Matrosen? Sicher verdankte die ägyptische Handelsmarine zum grossen Theile den im Delta ansässigen Phöniziern ihre Existenz. Diese wird Necho also ohne Zweifel auch zur Bemannung seiner neu geschaffenen Kriegsflotte verwendet, ihnen den Befehl zur Umsegelung Afrikas ertheilt haben. Fast unwiderleglich scheint mir aber der Beweis dafür, dass es ägyptische Phönizier gewesen waren, welche die Fahrt unternommen hatten, sich aus den Vorbereitungen zu ergeben, die Sataspes zu seiner Reise traf. Er ging, um ein Schiff für seine Umfahrt ausrüsten zu lassen, nicht, wie es doch näher gelegen hätte, in den Küstenstrich, wo die persische Marine ihren Hauptsitz hatte, nach Syrien, sondern ins Nildelta. Da es nun völlig ausgeschlossen erscheinen muss, er habe Aegypter heuern wollen[200], bleibt nur die Annahme übrig, dass er die hier ansässigen Phönizier für diejenigen Leute hielt, bei denen die Tradition von der Fahrt des Necho am lebendigsten war, und denen er am ersten zutrauen durfte, die Fährlichkeiten einer neuen gleichen Reise mit ihm zu bestehen.