Unternehmungslust des Alterthums auf dem Gebiete des Reisens.
Das passendste Werkzeug drängte sich also einem Könige Aegyptens, der seinem Lande durch Förderung des Handels bisher unbekannte Quellen materiellen Wohlergehens erschliessen wollte, gewissermassen von selbst auf, und diese Erwägung mag fördernd auf Nechos Pläne eingewirkt haben; bei sorgfältiger Betrachtung wird sich aber zeigen, dass auch manche andere Verhältnisse sowohl des Alterthums im Allgemeinen, als auch der Zeit Nechos im Besondern, die Aussendung der Expedition in einem nicht so wunderbaren Lichte erscheinen lassen, wie man auf den ersten Blick geneigt sein könnte zu glauben. Zunächst muss festgestellt werden, dass es heissen würde, einen grossen Irrthum begehen, wenn man dem Alterthum Mangel an Unternehmungsgeist auf dem Gebiete des Reisens vorwerfen wollte. Abgesehen von vielen über allem Zweifel erhabenen Fahrten der Phönizier und Griechen erinnere ich nur an ein Faktum, das Herodot selbst erzählt[201]. Aus dem Volke der Nasamonen, nomadischer Schafzüchter an den Syrten, unternahmen einst fünf Jünglinge die abenteuerliche Wanderung nach dem Niger, eine That, die erst in unserer Zeit durch Expeditionen, welche mit allen Hülfsmitteln moderner Kultur ausgerüstet waren, in Schatten gestellt ist. Diese Durchquerung der Sahara von Seiten der Nasamonen ist eine grossartigere Leistung als selbst die Umsegelung Libyens durch die Phönizier. Befähigt waren die Vertreter beider Völker für die Lösung ihrer Aufgabe, diese in Folge ihrer früheren ausgedehnten Fahrten zur See, jene durch ihre jährlichen Wanderungen nach Audschila, von wo sie Datteln holten[202]. Aber wenn es wahr ist, dass Wüsten die sie begrenzenden Länder mehr trennen als Ozeane die Küsten, welche sie bespülen, so wird auch zugestanden werden müssen, dass eine Wanderung durch das unbekannte afrikanische Sandmeer ohne Kamele, die damals in jenem Erdtheile noch nicht heimisch waren, mindestens eben so schwierig sein musste, wie eine Fahrt in eine fremde Wasserwelt, bei der man doch die Küste schwerlich auch nur einen Tag ausser Sicht verlor. An einem gewissen Wagemuthe, der die Schrecknisse aberteuerlicher Fahrten gering achtete, fehlte es also dem Alterthume entschieden nicht.