Andere Versuche der Umschiffung.
Ist somit die Untersuchung, ob die Aussendung einer Expedition, wie die phönizische war, mit dem eben entworfenen Bilde Nechos in Einklang zu bringen sei, zweifellos in bejahendem Sinne abzuschliessen, so wird uns doch die Erzählung Herodots noch weit glaublicher erscheinen, wenn es uns glückt nachzuweisen, dass das Bestreben, das schwierige Problem der Umschiffbarkeit Libyens zu lösen, auch sonst im Alterthume auftaucht. Und in der That steht Nechos Unternehmung nicht vereinzelt da, wenn es sich bei den anderen, die wir kennen, auch schwerlich um mehr als Versuche gehandelt haben wird. Zunächst weiss Strabo[94] von einer Umsegelung zu melden, freilich nicht, ohne dass erhebliche Zweifel an ihr geltend gemacht wären. Eudoxus von Kyzikus soll (130 v. Chr.) von Gades bis zum arabischen Meerbusen um Afrika herumgefahren sein. Wahrscheinlich ist immerhin, dass er eine Ahnung von der wirklichen Gestalt des Erdtheils hatte, weil er trotz wiederholten Schiffbruches den Gedanken, Indien durch Umsegelung desselben erreichen zu können, nicht aufgab. Auch Plinius berichtet von mehreren Umschiffungen, deren Wahrheit freilich nicht minder angefochten ist[95]. Ja, selbst ein so eifriger Gegner der Glaubwürdigkeit der phönizischen Reise, wie Gosselin, hält es nicht für undenkbar, dass eine solche schon vor Necho stattgefunden habe, und glaubt, nur dieser, die er für eine Erfindung der Priester erklärt, die Wirklichkeit absprechen zu müssen[96]. Uebrigens machen die Einwürfe Gosselins an dieser Stelle seines Werkes, wie auch sonst, den Eindruck, als habe dem Verfasser mehr daran gelegen, seinen Scharfsinn in helles Licht zu setzen, als der Wahrheit die Ehre zu geben. Auch Bougainville meint[97], diese Umsegelung sei nichts Neues gewesen, wie der Wortlaut des von Necho ertheilten Befehles beweise, und die Vorsichtsmassregeln, welche die Phönizier angewendet hätten, um günstige Winde abzuwarten, zeigten, dass sie genugsam über die Natur des von ihnen zu befahrenden Meeres unterrichtet gewesen seien. Ich vermag hinsichtlich des ersten Punktes, wie oben gesagt, in den Worten Nechos nur eine Aufforderung zu einem Versuche zu erkennen, die eine wirkliche Bekanntschaft mit der vorgeschriebenen Fahrstrasse keineswegs voraussetzt, und was das Abwarten günstiger Winde anbetrifft, so steht davon zwar im Herodot nichts, doch ist anzunehmen, dass die Phönizier die wechselnden Luftströmungen des indischen Ozeans kannten und als gute Seeleute benutzten; ganz entschieden aber muss bestritten werden, dass sie diese Kenntniss nur durch frühere Reisen um Afrika herum erworben haben konnten. Auf etwaigen Handelsexpeditionen nach Indien sammelten sie jedenfalls Kenntnisse über diesen Punkt genau so gut, und dass wir Fahrten dorthin in der Zeit vor Necho weit eher annehmen dürfen, als solche, die mehr nach Süden gingen, denke ich weiter unten beweisen zu können. Mögen nun aber andere Versuche der Umsegelung Afrikas, die das Alterthum unternahm, geglückt sein oder nicht, auf alle Fälle beweisen sie, dass der Gedanke daran lebendig war und nichts Auffallendes darin liegen kann, wenn ein Mann wie Necho ihn verwirklichte. Ueber die gewaltigen Schwierigkeiten, vor deren Bekämpfung solche Afrikaumsegler bei dem damaligen Stande der Schifffahrt gestellt wurden, hat man sich freilich keineswegs getäuscht, das beweist, was Herodot über Sataspes erzählt[98]. Dieser, ein persischer Grosser, sollte wegen eines schweren Vergehens auf Befehl des Xerxes den Martertod sterben. Da bat seine Mutter für ihn und sagte, sie wolle ihm eine grössere Strafe auferlegen, als jene sei, nämlich die Umschiffung Libyens. Hiermit erklärte sich Xerxes einverstanden; wir werden uns aber gewiss nicht täuschen, wenn wir annehmen, dass er auf diesen Vorschlag nur einging, weil er die Ausführung des Wagestückes sicherem Tode gleich achtete. Sataspes segelte nun an der Nordküste Afrikas nach Westen, um, den Erdtheil zur Linken behaltend, um die Südspitze herum ins rothe Meer zu gelangen. Da ihm hierbei auf dem grössten Theile der Strecke Winde und Strömungen entgegen waren, verlor er den Muth, wandte sein Schiff und kehrte heim, hatte aber nun die Nichtausführung des Befehles am Kreuze zu bereuen. Aus diesem Umstande will Junker[99] schliessen, dass das Gelingen der phönizischen Expedition dem Grosskönige bekannt gewesen sein musste. Es hat dies etwas für sich; ein schlagender Beweis freilich ist es bei der Unberechenbarkeit von Despotenlaunen nicht. Jedenfalls wird aber auch hier wieder gegen Gosselin Opposition zu machen sein. Nicht wird, wie jener behauptet, durch den verunglückten Versuch des Sataspes bewiesen, dass noch keiner vor ihm die Fahrt gemacht[100], sondern nur, dass er, in der entgegengesetzten Richtung wie die Phönizier fahrend, mit grösseren äusseren Schwierigkeiten, hervorgerufen durch Wind und Wellen, zu kämpfen hatte, und allenfalls, dass er weniger Energie besass. Der Merkwürdigkeit wegen sei hier auch noch auf eine neuere Schrift hingewiesen, die zu wunderbaren Resultaten kommt[101]. Nach ihr hat Odysseus etwa im 15. Jahrhundert v. Chr. nicht nur Afrika umsegelt, sondern ist sogar im südlichen Polarlande gewesen, eine Leistung, die das weit hinter sich lässt, was Strabo[102], gestützt auf das XIV. Buch der Odyssee, Vers 81 ff., dem Menelaus zutraut, wenn er dessen Reise für eine Fahrt um das Kap der guten Hoffnung erklärt.
In Folge der vorstehenden Ausführungen werden wir einmal die Ueberzeugung gewinnen, dass der Gedanke, Afrika zu umsegeln, das Alterthum mehrfach beschäftigt hat, sodann aber auch die Vermuthung, die meisten dieser Versuche seien erfolglos gewesen, als berechtigt anerkennen und nach sorgfältiger Erwägung aller Umstände dem Ausspruch Paulitschkes[103] beistimmen: „Dass es vor der epochemachenden Fahrt Vaskos da Gama irgend einem Seefahrer gelungen wäre, das Kap der guten Hoffnung zu umsegeln, (wir sehen hier von der Fahrt der Phönizier ab) – eine Frage, welche viele Geographen beschäftigt hat – ist schwer glaublich“.