Warum fuhren nicht Aegypter?
Gehörte nun aber König Necho zu den bevorzugten Männern des Alterthums, in deren Geist der Gedanke an die Lösung eines so schwierigen Problems Raum fand, hätte man dann nicht erwarten sollen, dass er sein Vertrauen in dieser Angelegenheit seinen Landsleuten schenkte? Muss es nicht auf den ersten Blick wunderbar erscheinen, wenn er Fremden die Ausführung eines so wichtigen Unternehmens übertrug? Eine Betrachtung der Volkscharaktere der betreffenden Nationen wird uns darüber aufklären und jedem Zweifel an der Wahrheit der Erzählung, der etwa aus dem Umstande entnommen werden könnte, dass von einem ägyptischen Könige nicht Aegypter, sondern Phönizier zu der Fahrt ausersehen seien, ein Ende machen.
Wenn Nechos Bestreben dahin ging, den Handel seines Landes zu heben – und dass dies seine Absicht war, zeigt der Kanalbau – so konnte er sich dazu unmöglich solcher Elemente bedienen, die voll hochfahrenden Nationalstolzes verächtlich, ja feindlich auf alles, was fremd hiess, hinabsahen, und denen die Seefahrt nicht nur unsympathisch, sondern auch völlig ungewohnt war. Solche Leute waren aber die eingeborenen Bewohner des Nilthales. Strabo sagt, die Könige der Aegypter, zufrieden mit dem, was sie hatten, und eingeführter Güter nicht eben bedürftig, seien gegen alle Heranschiffenden feindlich gewesen[104]; und wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln, dass dies ungastliche Verhalten der Könige ein Ausdruck der Gesinnung des ganzen Volkes gewesen sei. So sind denn nach Herodot[105] die Jonier und Karer, welche sich unter Psammetich in Aegypten niederliessen – also nachdem das Reich etwa zwei und ein halbes Jahrtausend bestanden hatte – als die ersten Leute fremder Zunge in diesem Lande dauernd sesshaft geworden, und auch sonst pflichtet das Alterthum der Ansicht jenes Schriftstellers bei[106]. Neuere Aegyptologen sind allerdings geneigt anzunehmen, dass doch schon früher einigen heterogenen Elementen der Zutritt gestattet worden sei, nur nicht den Griechen[107]. Und in der That haben schon in sehr alten Zeiten die Aegypter Handel mit Fremden getrieben; ja, im neuen Reiche stand der Verkehr mit Syrien in vollster Blüthe[108]. Fremde werden jedenfalls schon vor Psammetich Aegypten wenigstens vorübergehend besucht haben. Wenn dieses Land hinsichtlich seiner Abgeschlossenheit während des Alterthums China und Japan an die Seite gestellt worden ist[109], so wird ein derartiger Vergleich nur zutreffend sein in Bezug auf die letzten Jahrhunderte vor Psammetich, wo die inneren Wirren und die dadurch herbeigeführte Rechtsunsicherheit den Besuch Aegyptens nicht räthlich erscheinen lassen konnten; vorher haben Fremde zweifellos dort verkehrt. Schon Homer führt ja den göttlichen Dulder Odysseus auch an den Nil[110], und wenn wir demselben Dichter in anderer Beziehung vertrauen dürfen, verkehrten zu jener Zeit auch bereits Phönizier dort. Freilich, mehr als geduldet sind die Fremdlinge wohl nicht gewesen, und erst unter Psammetich und mehr noch unter Amasis werden sie angefangen haben, eine Rolle zu spielen. Schwerlich wird man irren, wenn man meint, dass der Grund, aus welchem der erstere die Häfen Aegyptens fremden Schiffen öffnete, ein politischer war: er suchte ausserhalb des Landes Stützpunkte für seine Macht[111], und mit Amasis wird es wohl nicht anders gewesen sein. Es erklärt sich aber aus der nach jener Zeit von Seiten der Aegypter bewiesenen Gastfreundlichkeit die Ansicht Herodots[112], dass wir alles, was seit König Psammetich in Aegypten sich zugetragen, mit Zuverlässigkeit wüssten; während der Regierung dieses Herrschers traten sich eben auch Hellenen und Aegypter näher. Vorher werden vor allem die Bewohner der Nachbarländer – ich erinnere nur an Josephs Brüder – des Handels wegen nach Aegypten gekommen sein; ansässig sind aber auch sie wohl nur ausnahmsweise gewesen. Daher die Nachricht des Herodot, dass Naukratis vor Alters der einzige Stapelplatz im Delta gewesen sei[113]. Neuere Ansichten haben freilich hinsichtlich dieser Stadt allerhand Zweifel ergeben, nicht nur über ihre Abstammung von Milet, sondern – was hier ins Gewicht fällt – über die Zeit ihrer Gründung, die vielleicht richtig erst unter Amasis angesetzt wird. Was in dieser Beziehung das Zutreffende ist, mag dahin gestellt bleiben; jedenfalls lebten seit Psammetich Griechen in Aegypten, und zwar im Delta, und damit mag die Notiz Herodots zusammenhängen. Aber mögen auch schon in weit früherer Zeit Ausländer in Aegypten verkehrt haben und kleine Bruchtheile der ansässigen Bevölkerung des ägyptischen Nilthales stammfremd gewesen sein – fest steht doch, dass das Volk der Pharaonen, von dem Strabo sagt, dass es hinreichend eigene Hülfsmittel hatte[114], dem Verkehr mit Nichtägyptern abhold war und also zur Anknüpfung von Handelsbeziehungen in bisher unbekannten Gegenden wenig geeignet erschien. Die Aegypter waren eben ihrer Ansicht nach die grande nation unter den damals blühenden Völkern, wie das verschiedene Erzählungen Herodots beweisen[115]; sie werden auch an allen einen erspriesslichen Verkehr so sehr erschwerenden Schwächen der in solchen Anschauungen Befangenen in reichem Masse gelitten haben. Das einzige Verhältniss zu Fremden, in das sie sich ohne Mühe hineindenken konnten, war das von Herren zu Sklaven, ein Zusammenleben mit jenen als Gleichgestellten erschien ihnen unnatürlich und ihrer unwürdig; die Verwirklichung solcher Ideen im Handelsverkehr musste aber bei der andern Partei naturgemäss Misstrauen und Unbehagen erzeugen und eine befriedigende Entwicklung der Beziehungen von vornherein ausschliessen.
So ist es begreiflich, dass die Aegypter bis zu Nechos Zeit zu Koloniegründung und ausgedehnteren kaufmännischen Beziehungen nicht gekommen waren, und wenn auch schon Sethos und sein Sohn Ramses II. daran gedacht hatten, um des Handels willen, der auf dem rothen Meere getrieben wurde, einen Kanal von hier aus zum Nil zu graben[116], so dürfen wir daraus doch nicht schliessen, dass dieser ägyptische Handel sich weiter als an die Afrika gegenüber liegende Küste Arabiens erstreckt hätte. Der Aegypter zog nicht gern ausser Landes, und was von solchen Expeditionen – auch kriegerischen – die Sage erzählt, ist mit grosser Vorsicht aufzunehmen; es ist nicht wahrscheinlich, dass über das Amanosgebirge und den Euphrat jemals ägyptische Heere vorgedrungen sind[117]. Ja, so stark war der Aegypter in heimathlichen Anschauungen befangen, und so sehr legte er die Verhältnisse seines Landes als Massstab auch an die fremden an, dass ein ägyptisches Heer, als König Thutmosis I. auf seinem syrischen Feldzuge bis an den Euphrat gedrungen war, sich wunderte, dass dieser Fluss in umgekehrter Richtung floss, wie der Nil[118]. Und das war doch schon nach der Vertreibung des Hyksos! Man kann sich denken, wie einem Volke, dem die Verhältnisse daheim in dieser Weise massgebend waren, das Verlangen nach Erwerbung überseeischer Landstriche, der doch Phönizier und Griechen mit grossem Eifer oblagen, nicht kommen konnte, und so erklärt sich denn leicht die Erscheinung, dass trotz der vielen Handelsreisen, welche die Aegypter schon in ältester Zeit nach dem produktenreichen Lande Punt zu beiden Seiten Bab-el-Mandebs[119] zur Beschaffung nothwendiger Bedürfnisse unternahmen, und trotz der Erneuerung dieser Fahrten ums Jahr 1400 v. Chr. unter der Königin Hatasu – auch Hatschepsut genannt – im grossen Stil dieses Gebiet niemals von ihnen annektirt worden ist[120]. Was sonst von grossen Seeunternehmungen – z. B. zur Zeit des Sesostris – erzählt wird, der mit einer gewaltigen Flotte durch das erythräische Meer nach Indien hin bis an den Ganges gefahren sein soll[121], ist sicher in das Gebiet der Sage zu verweisen[122], und die Versuche, die historische Wahrheit derselben aufrecht zu erhalten müssen, nachdem jener König als Fabelwesen erkannt ist, für gescheitert gelten[123].
Es wird kaum nöthig sein, nach dieser Schilderung noch besonders darauf hinzuweisen, dass die Aegypter zur See nicht tüchtig sein konnten und keineswegs im Stande waren, ein Material an Matrosen zu stellen, wie es Necho zur Verwirklichung seiner weit ausschauenden Pläne bedurfte. Die Gleichgültigkeit seines Volkes gegen das Meer und alles, was damit zusammenhing, ging so weit, dass es nicht einmal eine Gottheit desselben kannte, wie etwa die Griechen ihren Poseidon[124], und in wie hohem Grade die Salzfluth den Priestern, die wir als die Inkarnation altägyptischer Anschauungen betrachten dürfen, ein Gegenstand des Abscheus war, erkennen wir daraus, dass sie es vermieden, mit Schiffern zu reden, da diese jener ihren Lebensunterhalt verdankten[125]. So kann es uns nicht wundern, wenn wir bei Herodot lesen[126], dass die Aegypter die Produkte ihres Landes nicht selbst ausführten, sondern den Vertrieb derselben den Phöniziern überliessen; durch Kombination werden wir allenfalls hinzufügen dürfen, dass diese sich in das Geschäft mit den im Delta ansässigen Griechen getheilt haben mögen. Mit Recht sagt daher Bougainville[127]: „Les Égyptiens n’etaient pas gens de mer“, und es wird bei der vorstehenden Charakteristik begreiflich erscheinen, wenn sie, wie oben gezeigt, erst sehr spät – eben unter Necho[128] – in den Besitz einer Kriegsflotte kamen. Dass sie nachher als tüchtige Seeleute hingestellt werden, ändert an diesem Urtheil gar nichts[129]. Herodot erzählt, sie hätten dem Xerxes auf seinem Zuge nach Griechenland 200 Schiffe gestellt, und nach demselben Berichterstatter[130] zeichnen sie sich in einem der Treffen bei Artemisium sogar besonders aus. Der Druck des fremden Despotenthums wird eben, nachdem er sie zu anderen Zugeständnissen genöthigt hatte, wie den Verlust ihrer Selbständigkeit, so auch den ihres eigenthümlichen nationalen Wesens herbeigeführt und sie aufs Meer gezwungen haben, das sie früher mieden; die im Delta ansässigen Phönizier und Griechen mögen ihnen aber Lehrmeister der Schifffahrt gewesen sein. So lernen wir das Urtheil Bougainvilles über eine spätere Zeit verstehen, welches lautet[131]: „Le commerce et la navigation ne fleurirent en Égypte que sous les Ptolémées, et les Égyptiens y avaient beaucoup moins de part que les Grecs d’Alexandrie“. Unter diesen Umständen kann ich nicht, wie Mannert[132] es thut, etwas Auffälliges darin sehen, dass Necho die Ausführung seines grossartigen Planes Ausländern übertrug; im Gegentheil, Aegypter zu verwenden, wo er die seekundigsten Leute zur Verfügung hatte, wäre eine arge Thorheit gewesen. Er war hinsichtlich der Bemannung der Schiffe, die zu einem so gefahrvollen Unternehmen auslaufen sollten, genau in der Lage wie Salomo bei seinen Ophirfahrten; beider Fürsten Völker waren nicht im Stande, Reisen, wie die Herrscher sie wünschten, mit Aussicht auf Erfolg zu machen, und so mussten diese Phönizier fahren lassen.