Seemännische Tüchtigkeit der Phönizier.

Und wenn es Männer gab, die einer solchen Aufgabe gewachsen sein mochten, so waren sie es. Kein Land war geeigneter, ein Volk zur Seefahrt zu erziehen, als ihre Heimath, der schmale Küstensaum Syriens mit seinen trefflichen Buchten, mit den Cedern und Cypressen des Libanon, die ein Material zum Schiffsbau lieferten, wie es besser kaum gefunden werden konnte, und mit seinem wenig ergiebigen Boden, der den Menschen seit den ältesten Zeiten gelehrt hatte, seine Blicke auf das Meer zu richten, das hier in nächster Nähe die hafenreichen Küsten dreier Erdtheile umfluthete. Daher erfreuten sich die vielen Städte dieses Gestades, von denen man im benachbarten Aegypten sagte, sie seien reicher an Fischen als an Sand, hoher Blüthe, und Sidon, Tyrus, Berytus, Tripolis u. a. bildeten, in ihrer besten Zeit frei von jeder fürstlichen Herrschaft, einen seemächtigen Bund, eine Hansa des Alterthums, welche mehr und mehr mit der See verwuchs, die vor ihren Thoren brandete. Kein Wunder, wenn in einem solchen Lande ein Volk erstand, dem wir die hervorragendsten Entdeckungen des Alterthums verdanken. Schon den Knaben, welche in diesen Küstenstädten das Licht der Welt erblickten, galt das Meer als zweite Heimath; so kannten sie, zu Männern herangereift, nicht nur alle Tücken, durch welche die bösen Geister der Luft und des Wassers die Schiffer zu necken und zu ängstigen pflegen, nein, sie verstanden auch – wohl unter allen Sterblichen die ersten – die Kunst gegen den Wind zu segeln[133]. Zunächst befuhren sie die Gestade des Mittelmeeres und gründeten hier Kolonieen und Handelsfaktoreien; die Küsten Siziliens und Sardiniens, die Balearen gehörten ihnen, in Afrika hatten sie Niederlassungen, und von der Pomündung holten sie den Bernstein, der auf uralten Handelsstrassen von Preussen über die Alpen hierhergebracht wurde. Nachdem sie so das heimische Gewässer nach allen Richtungen hin gekreuzt, genügte ihnen dieses rings umschlossene Becken nicht mehr; kühn segelten sie durch die Säulen des Herakles hinaus in den weiten atlantischen Ozean und landeten an der Küste von Tarschisch im südwestlichen Spanien[134]. Hier erbauten sie als ältesten Hafen Gadir, das heutige Cadiz, wahrscheinlich schon ums Jahr 1100 v. Chr.[135]. Ohne Rast und Ruhe aber, wie sie waren, ein echtes Handelsvolk, trieb es sie noch weiter in das unermessliche Weltmeer hinaus, und es liegt kein Grund vor, an der Nachricht Strabos zu zweifeln, dass sie von Britannien – genauer von den Scilly-Inseln vor der britischen Küste – Zinn geholt haben[136]. Doch selbst diese erweiterte Reise genügte ihnen nicht; sie schlugen noch eine andere Richtung ein und haben jedenfalls schon in sehr früher Zeit auch in das rothe Meer ihre Ruder getaucht, und zwar zunächst wohl auf ihren viel besprochenen Fahrten nach Ophir. Als sicher darf betrachtet werden, dass diese schon ums Jahr 1000 v. Chr. stattgefunden, weniger fest steht, was wir uns denn unter Ophir eigentlich zu denken haben. Die einen versetzen es nach Indien[137], andere nach Ostafrika, Madagaskar gegenüber[138] oder weiter nördlich ins Somaliland[139], und nach einer dritten Ansicht ist es im südwestlichen Arabien, in Jemen, zu suchen, wo in den ältesten Zeiten der Geschichte der Mittelpunkt für den indisch-äthiopisch-ägyptisch-arabisch-phönikischen Handel war[140]. Von einer Seite ist sogar die Entdeckungsfahrt Nechos als eine Reise nach Ophir angesehen worden[141]. Es kann natürlich nicht die Absicht des Verfassers dieser Abhandlung sein, in eine selbständige Untersuchung über die Frage einzutreten, wo Ophir gelegen haben mag, sie würde weit von unserm Thema abführen; die meisten kompetenten Beurtheiler haben sich allmählich wohl dahin geeinigt, dass es in der That in Jemen oder einem der andern Küstenländer in der Nähe von Bab-el-Mandeb zu suchen sei, eine Vermuthung, die wir theilen. Zwar sagt die heilige Schrift: „Das Meerschiff des Königs Salomo, das auf dem Meere mit dem Schiffe Hirams fuhr, kam in dreien Jahren einmal“[142], und man hat geglaubt, das Land Ophir deshalb in grösserer Entfernung vom Nordende des rothen Meeres, dem Ausgangspunkte dieser Expeditionen, suchen zu müssen; wenn man aber erwägt, dass die Schiffer auf diesen Fahrten gewiss sehr häufig anlegten, ans Land gingen und ausgiebigen Tauschhandel mit den Eingeborenen, vielleicht auch den weiter im Innern wohnenden, trieben, wird man an der langen Abwesenheit keinen Anstoss mehr nehmen. Kaum zu bezweifeln dürfte aber sein, dass die Phönizier auch bei Bab-el-Mandeb nicht Halt machten, sondern lange vor Necho durch diese Strasse hindurch in den indischen Ozean hineinsegelten, zwar nicht an der afrikanischen Küste entlang, aber, links umbiegend, an dem südlichen Gestade Vorderasiens hin; denn mit dem Verwerfen der Annahme, Ophir habe in Indien gelegen, soll keineswegs die Behauptung ausgesprochen sein, die Phönizier hätten dieses Land auf ihren Fahrten nicht berührt. Im Gegentheil, es ist sehr wahrscheinlich, dass sie bis hierhin gelangt sind. Indische Kaufleute fuhren früh, wie Lassen[143] nachweist, von ihrer Heimath nach Arabia felix, um hier die Produkte ihres Landes abzusetzen; scheint es da nicht nach allem, was wir sonst über die Phönizier wissen, schon von vornherein in hohem Grade glaubhaft, dass sie, den Spuren dieser Händler folgend, nach Indien gesegelt seien, um die Waren an Ort und Stelle zu kaufen? Wenn sie – Küstenfahrt vorausgesetzt – bei der Strasse von Ormus nach Persien hinübergingen und so den persischen Meerbusen abschnitten, war der Weg von Jemen nach Indien nicht annähernd so weit wie der von Phönizien nach den Kassiteriden. Ein präziser Beweis für diese phönizischen Reisen nach Indien ist zwar nicht zu erbringen und die Thatsache selbst darum viel angezweifelt worden; es liegt aber kein Grund vor zu der Annahme, dass dieselben Männer, welche die westliche Pforte der Mittelmeerwelt so bald durchsegelten, an der östlichen zaghaft Halt gemacht haben sollten. Dies ist um so weniger wahrscheinlich, als wir wissen, dass die Sabäer im südwestlichen Arabien schon in sehr alten Zeiten Seeverkehr mit Indien hatten; sie konnten die Phönizier über den Weg belehren oder ihnen als Führer dienen. Auch Lassen zieht diese Fahrten durchaus nicht in Zweifel, wenn sie ihm auch bei seinem Standpunkt in der Ophirfrage als Reisen in jenes Land gelten[144]. Man braucht ja nicht gleich anzunehmen, wie Grotefend dies thut[145], dass sie bis Ceylon hinab gefahren seien; es genügte für ihre Zwecke, etwa an die Mündung des Indus zu gelangen, wo sie zweifellos alle Produkte Indiens erwerben konnten. Wenn ich eben die Ansicht aussprach, die Phönizier seien vor Necho von Bab-el-Mandeb aus wohl nach Indien, nicht aber um das Kap Guardafui herum an der Ostküste Afrikas nach Süden gefahren, so denke ich das folgendermassen, wenn nicht zu beweisen, so doch wahrscheinlich zu machen. Die Produkte, welche die Schiffe Salomos aus Ophir – also Jemen oder nahe liegenden Ländern – holten, sind: Gold, Sandelholz, Edelsteine, Silber, Elfenbein, Affen und Pfauen. Von diesen Waren werden Sandelholz, Pfauen und wahrscheinlich auch Edelsteine aus Indien dorthin gebracht worden sein, Gold und Silber kamen in Südarabien vor, dessen Ruf als Produktionsstätte dieser Edelmetalle, zumal des Goldes, wie die Erzählung von der Königin von Saba beweist[146], im Alterthume weit verbreitet war, Elfenbein und Affen aber in Afrika, obgleich ersteres auch aus Indien und letztere aus Arabien zu haben waren. Jedenfalls konnten die Händler aber beides in der Gegend von Bab-el-Mandeb so gut erhalten wie weiter südlich. Waren sie an der Danakil- oder Somaliküste, so befanden sie sich bereits in dem Produktionsgebiet dieser Waren oder vermochten sie doch aus dem Innern des Landes ohne Mühe zu beziehen; warum sollten sie da versuchen, sie von den entfernteren Küstenstrichen zu holen? Zu einer Fahrt nach Süden musste ihnen erst aus späteren Verhältnissen ein Antrieb erwachsen. Ganz anders lag die Sache hinsichtlich Indiens. Die Produkte dieses Landes an Ort und Stelle, also jedenfalls billiger zu erwerben, als es in Ophir möglich war, musste ihr Bestreben sein, sobald sie deren Werth erkannt hatten, und frühere Fahrten dorthin sind also nicht unwahrscheinlich.

So treten uns die Phönizier als das kühnste Schiffervolk des Alterthums entgegen; wahrlich, wir können Männern unsere Bewunderung nicht versagen, welche die Meere von England bis Indien befuhren, ohne die hülfreiche Nadel Flavio Giojas zu besitzen, und ohne eine andere Seekarte als etwa diejenige, welche die kunstfertige Hand des Hephästus in Erz gebildet hatte, als er dem Sohne der Thetis seine neue Wehr schuf. Wohl geschult und furchtlos war also jedenfalls auch die Mannschaft, welche die Schiffe Nechos hinaussteuerte in die unbekannte Weite, und Alles, was uns sonst über phönizische Seeleute überliefert ist, spricht dafür, dass sie im Stande war, ihr gefahrvolles Unternehmen glücklich zu Ende zu führen. Freilich, Männer wie Vincent und ähnliche, wahre Fanatiker des Zweifels, haben den Phöniziern selbst seemännischen Muth absprechen wollen, eine Eigenschaft, die sie doch in so hohem Grade besassen, dass jedes Blatt der Kolonialgeschichte des Alterthums die leuchtendsten Beispiele davon zu erzählen weiss. Nicht weil zu besorgen wäre, dass jene mit ihrer Ansicht durchdringen könnten, sondern nur der Vollständigkeit wegen mögen hier diese Behauptungen zurückgewiesen sein. Ukert[147] führt die Furcht der phönizischen Schiffer auf Xerxes’ Flotte vor der Umsegelung des Athos an. Eine Quelle dafür nennt er nicht, und ich muss leider gestehen, so unwissend zu sein, dass ich eine solche nicht kenne; trotz eifrigen Suchens habe ich keine hierauf bezügliche Andeutung in irgend einem Schriftsteller gefunden. Doch gesetzt, Ukert kennte eine solche, wäre diese Furcht auffällig? Giebt es nicht Stunden, denen auch der Muthigste mit Besorgniss entgegensieht? Sagt nicht Herodot ausdrücklich[148], dass Alle, die vor Xerxes um den Athos gefahren, grossen Verlust erlitten hätten, und wird nicht speziell das Unglück des Mardonius jenen phönizischen Seeleuten, die im Jahre 480 den Zug nach Griechenland mitmachten, genügend bekannt gewesen sein? Wohl mag also die sonst so Kühnen beim Anblick jener Unglücksstätte einen Augenblick Zaghaftigkeit befallen haben – ein Charakterzug des Volkes war sie nicht, und dass die Phönizier im allgemeinen die Gefahren fremder Meere nicht fürchteten, beweist ihre Geschichte zur Genüge. Das andere Beispiel, das Ukert erwähnt, betrifft Nearchs Fahrt an den südlichen Küsten Vorderasiens, die ja in der That keine hervorragende nautische Leistung genannt werden kann. Mit Recht ist aber gegen eine zu ungünstige Beurtheilung derselben geltend gemacht worden, dass die Flotte dieses Admirals, aus zusammengerafften Schiffen bestehend, kein richtiges Bild von der Leistungsfähigkeit des damaligen Seewesens giebt, und die Bemerkung Ukerts, dass die Umsegelung Afrikas nicht an Wahrscheinlichkeit gewinne, wenn man diese Expedition betrachte, hat Sandberg[149] zurückgewiesen, indem er darlegt, dass Alexander, als er den Nearch entsendete, neben Cypriern, Kariern und Aegyptern freilich auch wohl Phönizier, aber doch schwerlich phönizische Matrosen in seinem Heere gehabt habe[150]. Dass übrigens dies Geschwader, welches Nearch von Indien her in den Euphrat führte, von Alexander selbst als untüchtig angesehen wurde, geht ganz klar daraus hervor, dass er nach dem Eintreffen desselben in Babylon noch phönizische Schiffe aus Syrien auf dem beschwerlichen Ueberlandwege bis Thapsakus kommen und ausserdem eine neue Flotte bauen liess. Auch die Bemannung zog er aus Phönizien und andern Küstenländern heran, alles, um zur Umschiffung Arabiens eine wirklich tüchtige Seemacht zur Verfügung zu haben[151]. Mit andern Bedenken, die ebenfalls Zweifel an dem Muthe der Phönizier erheben, tritt uns Vincent[152] entgegen. Er sagt, es sei nicht anzunehmen, dass Seefahrer aus diesem Volke in den Kanal von Mozambique mit seiner reissenden Strömung hineingesegelt seien, sowie sie ihn zuerst erblickten, während doch die Araber in der langen Zeit, wo sie die Ostküste Afrikas befuhren, das niemals gewagt und ihre Besitzungen nur bis zu seinem nördlichen Eingange ausgedehnt hätten. Er ist leicht widerlegt, denn was er über die Grenzen der arabischen Schifffahrt in diesen Gegenden sagt, ist einfach unrichtig. Die Araber sind wahrscheinlich bis zum heutigen Inhambane und dem Kap Corrientes gelangt, Punkten, die beide am Südende des Kanales liegen[153]. Es wird also schwerlich glücken, die Schiffer Nechos als Leute hinzustellen, denen der zu einer Umsegelung Afrikas nöthige Muth fehlte, und die „ausserordentlich dehnbare Vorstellung von der Seetüchtigkeit der Phönizier“, welche Berger[154] bespöttelt, braucht nur auf das durch das Alterthum gut beglaubigte Mass zurückgeführt zu werden, um an wirklich grosse Thaten derselben glauben zu machen. Waren sie, nach ihrem Verhalten beim Graben des Kanals am Athos zu schliessen[155], überhaupt anstellige und gewandte Leute, so ist es um so mehr über allen Zweifel erhaben, dass sie in der Führung von Schiffen unübertroffen dastanden[156]. Was die Venetianer und Genuesen dem Mittelalter, was die Holländer und Engländer der Neuzeit waren und sind, das ist jenes Volk dem Alterthume gewesen, und ohne Bedenken dürfen wir Heeren beipflichten, wenn er sagt[157]: „Der Zufall hat uns einen Bericht von ein paar solcher Unternehmungen erhalten, die Herodot gelegentlich anführt; aber wie viele mögen von einem Volke gewagt und glücklich ausgeführt sein, das so gut wie die Briten und Portugiesen seine Cooks und seine Vaskos da Gama gehabt haben muss!“ Wenn aber die Phönizier in Betreff aller zur Lösung der schwierigen Aufgabe erforderlichen Eigenschaften dem Volke des Necho so weit überlegen waren, fällt nicht nur jeglicher Grund des Staunens weg, dass er mit Uebergehung der eigenen Landsleute jene durch seinen Auftrag auszeichnete, sondern es wird auch Jeder, der nicht voreingenommen ist, zugeben müssen, dass vielmehr durch die Erwähnung dieses Umstandes einerseits die Erzählung glaubwürdiger und andrerseits die glückliche Vollendung der Fahrt wahrscheinlicher wird.