Charakter Nechos.

Ein Spross dieses Königshauses war also auch Necho, und das hilft verstehen, wie er auf den Gedanken einer Umsegelung Afrikas kam. Es ist aber nicht nur der Charakter seines väterlichen Geschlechtes, der diesem Fürsten seinen Stempel aufgedrückt hat, er war zweifellos persönlich ein hervorragender Mann. Ein kurzer Blick auf seine Regierung wird uns davon überzeugen. Wie viele der bedeutenderen ägyptischen Könige vor ihm, hat auch er seinem Unternehmungsgeiste die Zügel schiessen lassen durch einen Einfall in Syrien; dass er zu diesem Vorgehen die politische Konstellation benutzte, welche sich ihm zeigte, als Assyrien durch Kyaxares von Medien und Nabopalassar von Babylon angegriffen wurde, die drei grossen asiatischen Reiche also vollauf beschäftigt waren, beweist, wie er es verstand, von günstigen Umständen zur Erreichung seiner Zwecke Vortheil zu ziehen. Den König von Juda, Josias, der ihm bei seinem Beginnen zunächst entgegentrat, besiegte er mit leichter Mühe bei Megiddo[77], dann ging der Zug weiter an den Euphrat. Aber mittlerweile war das assyrische Reich gefallen, die Sieger hatten die Beute getheilt, und Nabopalassar fand nun Zeit, seinen Sohn Nebukadnezar dem ägyptischen Heere entgegenzusenden, um den unbequemen Feind in seine Grenzen zurückzuweisen. Durch die Schlacht bei Karchemisch wurde diese Absicht erreicht[78] und Necho gezwungen, ganz Syrien zu räumen und sich auf sein ägyptisches Gebiet zu beschränken. Wie schwer mag es ihm bei den Plänen, mit denen er sich trug, geworden sein, auch die für Handel und Schifffahrt so wichtigen phönizischen Küstenstädte wieder aufzugeben! Hatte er so als Feldherr wenig Lorbeern geerntet, und durfte er nicht daran denken, dem mächtigen Herrscher von Babylon noch einmal mit den Waffen in der Hand entgegenzutreten, so ist er doch staatsmännisch auch später gegen denselben thätig gewesen und hat ihm Schwierigkeiten bereitet, wo er konnte, zumal durch Schürung des Hasses, den man im Reiche Juda gegen die Chaldäer empfand, und der schliesslich zur Empörung führte[79]. Und weit entfernt sich durch den syrischen Misserfolg entmuthigen zu lassen, hat Necho seiner Thatkraft alsbald andere Bahnen eröffnet. Die Verwirklichung des grossartigen Planes, den wahrscheinlich schon vor ihm ein ägyptischer Herrscher auszuführen versucht hatte[80], den nachher mehrere intelligente und energische Regenten jenes Landes mit nur zeitweiligem Erfolge wieder aufgenommen haben, und der in unsern Tagen nun endlich, ein leuchtender Sieg des menschlichen Geistes über die erdgestaltenden Naturkräfte, definitiv der Vollendung entgegengeführt ist – die Verbindung des mittelländischen Meeres mit dem rothen Meere durch einen ägyptischen Nordostseekanal – hat Necho als wesentliche Aufgabe in sein Regierungsprogramm aufgenommen[81] und dadurch der Mit- und Nachwelt den Beweis geliefert, dass er dem thörichten Wahne, der Lorbeer der Unsterblichkeit werde nur auf blutgetränktem Schlachtfelde angesichts der feindlichen Lanzenspitzen gepflückt, entsagt hatte und klar erkannte, dass seine üppigsten Blätter gerade den Fürsten entgegengrünen, denen die Palme des Friedens als Symbol ihrer Thätigkeit dient, und die in der Erfüllung des hohen Berufes, unter ihren Zweigen die freundschaftlichen Beziehungen der Völker zu pflegen, ihre weltgeschichtliche Aufgabe erblicken. Freilich: si vis pacem, para bellum; das wusste auch Necho. Beabsichtigte er – und das zeigt ja der Kanalbau – den Verkehr seines Landes zu heben, trug er sich mit dem Gedanken, dem überseeischen Handel Aegyptens ein neues Gebiet zu eröffnen – und dass nur einem solchen Bestreben die Erzählung von der Umschiffung Libyens ihre Entstehung verdanken konnte, werden auch die zugeben, welche an ihre Ausführung nicht glauben – wollte er endlich einem unter Nebukadnezars Führung zu erwartenden Angriffe asiatischer Völker, der alle diese Pläne kreuzen musste, und bei dem sicherlich den Schiffen der Küstenstädte Syriens eine Rolle zugewiesen war, mit Erfolg die Spitze bieten, so war eine zahlreiche, wohl gerüstete Flotte dazu unbedingt das erste Erforderniss. Nur unter ihrem Schutze war es möglich, Handelsbeziehungen mit entlegenen Gegenden anzuknüpfen und zu erhalten, nur Kriegsschiffe in gleicher Anzahl und gleich wohl armirt, wie der Beherrscher Syriens sie ohne Mühe vom Mittelmeere aus zu einem Angriff auf das Nildelta verwenden und vom Nordende des rothen Meeres gegen die ägyptische Ostküste auslaufen lassen konnte, waren im Stande, einige Aussicht auf den Bestand des Reiches und eine wünschenswerthe Entwicklung seiner materiellen Interessen zu gewähren. So baute denn Necho eine Mittelmeerflotte und eine solche im arabischen Busen[82]. Nach Herodot hatten die Aegypter allerdings schon vor Necho eine Kriegsmarine[83], und es wäre demnach anzunehmen, der Letztere hätte dieselbe nur vergrössert; es ist aber anderweitig festgestellt, dass in älterer Zeit Kriegsschiffe nur auf dem Nil, nicht zur See vorkommen, demnach z. B. die grosse Seeexpedition, welche dem Sesostris zugeschrieben wird, ins Gebiet der Fabel verwiesen werden muss und in der That die ägyptische Trierenflotte für eine Schöpfung Nechos angesehen werden darf[84].

Das ist in grossen Zügen ein Bild dieses bedeutenden Herrschers. Nun wird es sich darum handeln: war er ein Fürst, von dem man sich den Befehl zur Umschiffung Afrikas ausgehend denken kann? Ich glaube es wird sich schwerlich jemand finden, der diese Frage zu verneinen wagt. Selbst die Bedenken Mannerts, hervorgerufen durch die ägyptische Vorliebe für Abgeschlossenheit innerhalb der eigenen Heimath[85], werden schwinden müssen, wenn der Persönlichkeit Nechos die nöthige Berücksichtigung zu theil wird. Freilich, der einzige Zweck, den er im Auge hatte, war der, für Handel und Verkehr den Weg zu ebnen; wissenschaftliche Begeisterung, welche späterhin so viele Reisen veranlasst hat und noch auf die gegenwärtigen Entdeckungsfahrten einen so grossen Einfluss ausübt, dürfen wir seiner Zeit noch nicht zutrauen, und mit Recht sagt Paulitschke: „Geistige Interessen, ein Verlangen, die Wohnstätte der Menschheit in einem auch nur mässigen Umfange kennen zu lernen, walten in dem Zeitraum bis Herodot nirgends vor“[86]. Nur das Bestreben, den materiellen Wohlstand seines Volkes durch die Theilnahme am grossen Weltverkehr zu heben, konnte selbst einen Herrscher wie Necho bewegen, Aegypten in stärkerem Masse mit dem Auslande zu engagiren. Bis jetzt gingen – abgesehen von den Fahrten nach Punt, von denen nachher die Rede sein wird – die Aegypter nicht in die Fremde zum Zwecke kaufmännischer Thätigkeit, sie liessen sich die Waren bringen, suchten sie aber nicht auf, oder sie verkauften im eigenen Lande ihre Erzeugnisse an die Nachbarvölker, die dorthin kamen, um sie zu holen[87]. Aber auch in diesem Verkehr zeigt sich ihre Abgeschlossenheit und die Scheu vor der Berührung mit Fremden; ich erinnere nur an die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, denen man bei ihrem Besuche in Aegypten einen Tisch besonders deckte[88]. Wohl war es also ein wichtiger Schritt, den Necho that, wenn er sein Land in erweiterte Berührung mit der Fremde brachte, aber um seiner höheren Zwecke willen hat er den Bruch mit altägyptischer Sitte und Tradition nicht gescheut. Wir Deutschen der Gegenwart werden ihn verstehen; haben wir doch selbst erlebt, wie durch eine energische und weitsichtige Regierung seit dem Auftauchen der modernen Kolonialbestrebungen unserm Volke, unbekümmert um die Kirchthurmspolitik engherziger Bierbankphilister, in transozeanischen Ländern weite Gebiete zur Besiedlung erworben sind. Wer hatte früher in unserm Vaterlande – abgesehen von unbedeutenden Versuchen einer dafür noch nicht reifen Zeit – jemals an die Anlage von Kolonieen gedacht? Freilich, Widerspruch hat der grosse Kanzler, der Förderer dieser überseeischen Gründungen, so gut dabei erfahren, wie die altägyptische Partei mit Nechos Regierungsprogramme unzufrieden gewesen sein wird; aber das ist ja gerade das Charakteristische an grossen Männern, dass sie sich ihre eigenen Wege suchen. Und Necho ging noch unvermittelter vor als Bismarck, denn das Beweismittel für die Nothwendigkeit kolonialen Ländererwerbs, welches unserer Regierung aus der massenhaften Auswanderung erwuchs, fehlte dem ägyptischen Herrscher vollständig. Dagegen spielte sich hinter den Kulissen vielleicht etwas anderes ab; wir werden schwerlich fehl gehen, wenn wir annehmen, dass die Phönizier, unternehmend und erwerbslustig, wie sie waren, den König selbst zur Entsendung der Expedition angestachelt haben.