Charakter der saïtischen Dynastie.

Die nächste Betrachtung, welche uns beschäftigen muss, wenn wir zu einem klaren Urtheile in der Frage nach der Glaubwürdigkeit der phönizischen Expedition gelangen wollen, wird die sein, ob Necho uns in seinen übrigen Thaten und in den Nachrichten, welche hinsichtlich seines Charakters uns sonst übermittelt sind, als ein Mann entgegentritt, dem wir so ausserordentlich grossartige Pläne, wie der Afrika umsegeln zu lassen einer ist, zuzutrauen das Recht haben, und da wird es zur Klärung dienen, wenn wir uns danach umsehen, welche Rolle das Herrscherhaus, dem er entstammte, denn überhaupt in der ägyptischen Geschichte spielt. Wir sahen bereits, dass das Königsgeschlecht, dem Necho angehört, aus Saïs stammte und hier seine Residenz hatte; es war die Dynastie, welcher von Königen, die in weiteren Kreisen bekannt sind, auch Amasis angehörte. In dieser Königsfamilie findet sich nun eine wunderbare Mischung vom Haften an altägyptischer Tradition und dem Uebergange zu einer Lebens- und Denkungsweise, welche den bisher über die Wahrung der königlichen Würde und die Bahnen, in denen sich die weitere Entwickelung des ägyptischen Volkes zu vollziehen habe, im Nilthale vertreten gewesenen Anschauungen diametral entgegenlief. Um nur ein Beispiel anzuführen für das Streben dieser Fürsten in die Fussstapfen der früheren Könige zu treten, genügt es, darauf hinzuweisen, dass Amasis hinsichtlich der Grossartigkeit seiner Bauten durchaus den alten Pharaonen sich würdig zur Seite stellt[70]. Dahingegen durchbrechen die Saïten in mancher andern Beziehung völlig die altägyptische Sitte, und so können wir uns nicht wundern, wenn wir vernehmen, dass die Wiege dieses Herrschergeschlechtes überhaupt nicht am Nil, sondern in Libyen gestanden hatte[71]. Als Söldner waren seine Vorfahren nach Aegypten eingewandert, und es erklärt sich demnach leicht, wenn die Nachkommen keinen Anstoss daran nahmen, sich über Hergebrachtes in vielen Stücken ohne Bedenken hinwegzusetzen. So hat Psammetich, der Vater des Necho, in das sonst so abgeschlossene Aegypten jedenfalls griechische Kriegsknechte[72], vielleicht auch Phönizier[73] aufgenommen; überhaupt stützte sich die saïtische Dynastie nicht auf die alte ägyptische Kriegsmacht, sondern auf Söldner, die sie in ihren Dienst nahm, und die bisher libyscher Abkunft gewesen waren[74]. Daneben wich auch auf andern Gebieten die Jahrtausende lang geübte Zurückhaltung der Aegypter einem freieren Auftreten; der Verkehr mit fremden Staaten und Völkern wurde begünstigt, der Handel gefördert. Ja, wir erkennen mit Staunen, wie die uralten Bande des Ceremoniels, welche die ägyptischen Könige seit undenklichen Zeiten wie mit eisernen Ketten gefesselt gehalten hatten, durch die leichtlebigen Anschauungen eines Amasis gelockert werden und fallen[75]. An dem Königthum dieses Fürsten ist nur noch die Hälfte ägyptisch; Amasis hielt sich – nach alter Anschauung ein Sacrilegium an der Würde des Thrones! – eine griechische Leibwache, und es kann nicht geleugnet werden, dass er philhellenischen Tendenzen in ausgiebigster Weise huldigte[76]. Kurzum die Zeit der Saïten ist eine Periode der gewaltigsten Reformen im ganzen ägyptischen Staatsleben; von dem, was die Ptolemäer dem Lande später sind, finden wir bereits eine Spur bei dieser Dynastie, der sechsundzwanzigsten im Lande der Pyramiden.