Die Zuverlässigkeit der muthmasslichen Gewährsmänner Herodots.
In zweiter Linie werden wir gut thun, um zu einem sichern Urtheil über die Glaubwürdigkeit der in Betreff der phönizischen Expedition uns überlieferten Nachricht zu gelangen, uns über die Zuverlässigkeit der muthmasslichen Gewährsmänner Herodots, der ägyptischen Priester, ein Urtheil zu bilden. Wir sind glücklicherweise bei dem Material, welches wir durch unsern Schriftsteller selbst und an andern Stellen aufgezeichnet finden, dazu im Stande. Dahin gehört zunächst eine Bemerkung des Strabo, der die ägyptischen Priester als „geheimnissvolle und ungern mittheilende Menschen“[63] bezeichnet. Hieraus dürfen wir vielleicht den Schluss ziehen, dass sie nur gegen die sich äusserten, welche sich ihres besonderen Wohlwollens erfreuten, können aber andererseits dann auch nicht annehmen, dass sie solche Männer zu hintergehen und durch falsche Berichte zu täuschen suchten. Da sie es nun, wie wir gesehen haben, höchst wahrscheinlich waren, welche dem Herodot Mittheilungen zukommen liessen, liegt die Vermuthung von vornherein nicht gerade nahe, dass diese auf Täuschung berechnet gewesen seien. Die weiten Reisen, welche Herodot bereits gemacht hatte, als er ägyptischen Boden betrat, mochten in einer Zeit, die an Verkehrsmitteln bequemer Art so arm war, wie das 5. Jahrhundert v. Chr., noch weit mehr imponiren als heutzutage und dem kühnen Wanderer von vorn herein eine begünstigte Ausnahmestellung in den Augen von Männern sichern, zu denen er kam mit der Bitte, ihn auch in ihres Landes Geschicke und Sitten einen Einblick thun zu lassen. Freilich lag ja unter diesen Umständen die Versuchung nahe, Bilder zu entwerfen, die mehr darauf berechnet waren, Bewunderung wach zu rufen, als die Verhältnisse der Wahrheit gemäss darzustellen, zumal wenn wir das natürliche Bestreben der Gewährsmänner in Betracht ziehen, über ihr Volk und ihre Heimath nicht minder Grossartiges und Interessantes zu berichten, wie der Hörer bereits über die mächtigen Reiche erkundet hatte, in die ihn sein Weg vorher geführt. Die Möglichkeit also, dass Herodot in Bezug auf die phönizische Expedition einer schlau berechneten Täuschung zum Opfer gefallen sei, könnte im ersten Augenblicke als ziemlich nahe liegend erscheinen, besonders wenn man die nicht wegzuleugnende Ruhmredigkeit der ägyptischen Priester in Betracht zieht, die trotz achtbarer Leistungen alter, wie neuer Zeit auf diesem Gebiete doch wohl unübertroffen dastehen möchte. Wem daran liegt, sich von der staunenswerthen Fertigkeit derselben nach dieser Seite hin eine Vorstellung zu machen, dem sei die Lektüre des Gedichtes auf Ramses II., vom Tempeldiener Pentaur verfasst, warm empfohlen[64]. Auch sonst hat jener Nationalheld herhalten müssen als Spiegelbild ägyptischer Grösse, und die Ausschmückung seiner Feldzüge zeigt uns auf Schritt und Tritt, wie die Historiographen des Nilthales – und das können doch nur die Priester gewesen sein – es verstanden, auf Kosten der Wahrheit Grossthaten ihrer Könige und ihres Volkes zu erfinden[65]. Auch das ist nicht unverdächtig, dass Herodot von den ägyptischen Verhältnissen meistens nur das für Aegypten günstig Lautende weiss; das weniger Ruhmreiche haben ihm seine Gewährsmänner wohlweislich verschwiegen, und wenn wir nicht durch andere Quellen darüber aufgeklärt wären, dass es auch sehr trübe Zeiten für das Land der Pyramiden gegeben hat, würden wir uns unter Zugrundelegung des herodoteischen Berichtes allein von manchen Perioden ein völlig falsches Bild machen. Beispielsweise hat Herodot sicherlich nicht das Geringste davon erfahren, dass jemals Assyrier über das Nilthal geherrscht hatten. Diesem Verschweigen von Demüthigungen – so wird mancher folgern – konnte nun aber ein Erfinden von Grossthaten, wie z. B. die Umsegelung Afrikas eine war, leicht nahe verwandt sein. Und doch ist es nicht wahrscheinlich, dass die Priester Herodot gegenüber eine solche Taktik befolgt haben. Einmal müssen sie gegen ihn von einer ganz besonderen Offenheit gewesen sein; das sehen wir daraus, dass ein Kollegium ihn sogar in seine Mysterien einweihte[66] – ein Beweis des Vertrauens, wie er grösser nicht gedacht werden kann. Dieses Kollegium, dem sicher eine absichtliche Täuschung des Fremdlings fern lag, war das saïtische, das, im Delta wohnend, jedenfalls über alle maritimen Vorkommnisse am besten unterrichtet sein konnte, und da zu Saïs der Palast des Necho, des intellektuellen Urhebers der phönizischen Expedition, gestanden[67], speziell auch von dieser Unternehmung jedenfalls die genaueste Nachricht hatte. Wir werden also kaum fehl gehen, wenn wir annehmen, dass in einem der Tempel zu Saïs die Quelle floss, aus der Herodot seine Kenntniss von der Umsegelung schöpfte. Sodann waren die Aegypter von einem förmlich krankhaften Nationalgefühl beseelt; alles Fremde, von dem sie fürchten mussten, dass es die von den Vätern überkommenen Sitten und Anschauungen beeinflussen könnte, war ihnen von vorn herein unsympathisch, und wir können fest überzeugt sein, dass die Einwanderer aus andern Nationen, welche, wie unten weiter erörtert werden wird, wohl schon vor Psammetich, jedenfalls aber unter diesem Könige und unter Amasis sich in Aegypten niederliessen, also auch die Phönizier, den Priestern, als den geborenen Vertretern und Vertheidigern altägyptischen Wesens, ein Dorn im Auge waren. Man mag es noch als einen Akt selbstbewusster Vaterlandsliebe betrachten, wenn ein Priester dem Perserkönige Darius trotz zweifellos grosser Thaten nicht das Recht zugestehen wollte, seine Bildsäule vor derjenigen des Pharao Sesostris, einer völlig mythischen Persönlichkeit, aufzustellen[68] – viele andere Züge, die uns das Alterthum überliefert hat, zeigen uns zur Genüge Ueberschätzung der eigenen Weise, verbunden mit Geringachtung alles anders Gearteten. So können wir mit voller Sicherheit annehmen, dass es nicht in der Absicht der Priester lag, den Phöniziern eine nautische Grossthat zuzuschreiben, wenn sie dieselbe nicht wirklich ausgeführt hatten; ihre pfäffische Unduldsamkeit war sicher eher geneigt, sie zu verkleinern als zu erheben, wenn auch von einem ihrer eigenen Könige der Befehl zu jener That gegeben war. Eben dass er Phöniziern, dass er Fremden Gelegenheit gegeben hatte, Ruhm zu erwerben, wird ihnen wenig angenehm gewesen sein. Endlich aber wirkt die Schlichtheit des Berichtes überzeugend; gerade so einfach, wie Herodot sie in Aegypten hörte und später aufzeichnete, klingt die Erzählung wahrheitsgetreu und zuverlässig. Hätten die Priester sie mit Fabeln ausschmücken wollen, wie leicht wäre ihnen das geworden! An Phantasie dazu fehlte es ihnen wahrlich nicht, das zeigt das von Eduard Meyer in der „Geschichte des alten Aegyptens“[69] in seinen Grundzügen mitgetheilte Märchen von dem ägyptischen Odysseus, der, allein von seinen Genossen aus dem Schiffbruch gerettet, den Versuchungen der Tochter des Schlangenkönigs widersteht und schliesslich die Heimath wiedersieht. So dürfen wir als Resultat dieser Betrachtung wohl die Ueberzeugung hinstellen, dass die ägyptischen Priester, wenn auch sonst manchmal mit der Wahrheit auf gespanntem Fusse, in diesem Falle wahrscheinlich eine Thatsache berichteten, keinenfalls aber, sei es nun wegen eines masslosen Chauvinismus – der freilich genau so die Modekrankheit des Alterthums gewesen zu sein scheint, wie er die der neuesten Zeit ist – sei es aus den andern oben erwähnten Gründen, eine phönizische Grossthat zu berichten sich geneigt zeigten, wenn sie nicht geschehen war. Ob sie aber geschehen war, darüber hatte man doch zunächst ums Jahr 600 nicht wohl im Zweifel sein können. Waren die phönizischen Schiffe, die man mit der Umsegelung beauftragt hatte, damals wirklich vom rothen Meere in den Nil eingelaufen, so mussten sie Afrika im Süden umsegelt haben; denn da es – wenn wir Herodot glauben dürfen – unter Necho eine Wasserverbindung zwischen dem arabischen Meerbusen einerseits und dem Nil oder dem Mittelmeer andrerseits nicht gab, hätten die Schiffer ja sonst ihre Fahrzeuge zu Lande bis an jenes Becken, bezw. den genannten Fluss schaffen müssen, und, ganz abgesehen von der Umständlichkeit, wird doch niemand glauben, dass sie dies völlig unbemerkt hätten thun können. Man wusste also in Aegypten zur Zeit Nechos jedenfalls ganz genau, wie man mit den Phöniziern daran war. Erzählten nun die Priester dem Herodot trotz ihrer ausgesprochenen Missgunst gegen fremde Verdienste von einer phönizischen Fahrt um Afrika, so können wir annehmen, dass ihr Bericht in wohl verbürgter Tradition aus jener früheren Periode wurzelte, die Schiffer durch die Nilmündungen heimgekehrt waren und also ihre Aufgabe wirklich gelöst hatten.