Die Glaubwürdigkeit Herodots.
Naturgemäss werden wir uns nun beim Lesen eines Berichtes, der Zweifel an seiner Zuverlässigkeit erwecken kann und von irgend einer Seite verdächtigt wird, zunächst die Frage nach dem Charakter des Berichterstatters vorlegen und zu ergründen suchen, ob er unbedingtes Vertrauen verdient oder etwa die Vermuthung berechtigt erscheinen könnte, er habe uns täuschen wollen oder sei selbst getäuscht worden. Bei der Erörterung der Frage nach der Glaubwürdigkeit Herodots betreten wir nun zwar eine recht oft begangene Strasse; dies darf uns aber nicht abschrecken, denn ohne sie zu passiren, kommen wir nicht ans Ziel. Dass im allgemeinen aus seinen Werken grosse Wahrheitsliebe spricht, ist nur von Wenigen geleugnet worden, und diese Wenigen gehören dem Alterthume an; auch die neuere Forschung hat ihn vor ihr Tribunal gezogen, aber von dem Verdachte absichtlicher Täuschung völlig freigesprochen. Schon seine kindliche Schreibweise erweckt Vertrauen. Zwar verwirft er ja auch das Seltsamste nicht als unmöglich, aber „nicht aus Leichtgläubigkeit, sondern weil seine Erfahrung ihm die Wirklichkeit der sonderbarsten Dinge gezeigt hat, welche er innerhalb der Grenzen der Heimath für unmöglich gehalten haben würde“[45]. So findet sich in seinem Werke genug des Wunderbaren, ja des Fabelhaften, doch alles dieses ist nicht im Stande gewesen, in den gediegensten Forschern die Vermuthung wachzurufen, er habe seine Leser absichtlich täuschen wollen. Doch hat er das Schicksal vieler Reisenden getheilt, die von Dingen erzählten, welche der Mitwelt und zum Theil auch noch der Nachwelt als Wunder erschienen: Die ersten Zweifel an seiner Wahrheitsliebe sind das Signal gewesen, auf welches hin ein allgemeiner Angriff auf seine Zuverlässigkeit stattgefunden hat; wohl über keinen der alten Historiker ist mehr Zank und Streit gewesen, und erbittert ist oft die Fehde entbrannt[46]. Das Resultat war, dass man seine Glaubwürdigkeit im Allgemeinen nicht mehr anzweifelt, wenn ja auch dies oder jenes mit Recht jetzt noch Widerspruch erfährt und immer erfahren wird. Eine Betrachtung im Einzelnen wird dies mildere Urtheil begründet erscheinen lassen, denn offen und ehrlich bekennt Herodot in vielen Fällen seine Unwissenheit und verschweigt nicht, wo er nur Vermuthungen bietet. Er erzählt nur das als sicher, was er genau zu wissen meint[47], und gesteht ein, wenn er ungenau über etwas unterrichtet ist[48]; es liegt ihm gänzlich fern, in solchem Falle die Leser mit Märchen zu unterhalten[49]. Auch wenn ihm das eine oder das andere als nicht ganz zuverlässig gemeldet wird, registrirt er diesen Umstand sorgfältig[50]; ist er aber bei zwei Darstellungen einer und derselben Sache zweifelhaft, welche vorzuziehen sei, so prüft er sie entweder auf ihre Wahrhaftigkeit und trifft demnach seine Auswahl[51] oder theilt beide mit, dem Leser anheimstellend, für welche er glaubt, sich entscheiden zu müssen[52]. Vor allem aber macht Herodot stets als gewissenhafter Berichterstatter einen Unterschied zwischen dem, was er selbst gesehen und erlebt, und dem, was er nur von andern gehört hat[53]. Dass er bei Ueberlieferung von Nachrichten ersterer Art wahrheitsgetreu verfahren ist, können wir in vielen Fällen noch jetzt beweisen; so sind seine Angaben über asiatische Verhältnisse, die vielfach Angriffe erfuhren, grossentheils durch nunmehr entzifferte Keilinschriften bestätigt worden, und derartige Beglaubigungen seiner historischen Treue sprechen naturgemäss auch für Zuverlässigkeit in vielen andern Dingen. Wohl erscheint ja Herodots Erzählung manchmal wunderbar und sagenhaft und schreitet scheinbar mehr in dem Gewande phantasiereicher Dichtung als in dem ernster Geschichtsschreibung einher, doch würde man unrecht thun, ihn deswegen der Uebermittlung absichtlich lügenhafter Berichte zu zeihen; pflegt er doch, wo ihm Zweifel an dem, was er aufzeichnet, kommen, gewissenhaft dem allzu vertrauensseligen Leser durch eine passend eingeflochtene Bemerkung eine Warnungstafel zu errichten. Ja, an manchen Stellen verhehlt er seinen eigenen Unglauben keineswegs, wenn er sich deshalb auch nicht für berechtigt hält, seiner Pflicht als Geschichtsschreiber durch Verschweigen untreu zu werden, wie II, 123, wo es heisst: „Diese Geschichte mag glauben, wer will; ich theile mit, was überliefert ist.“ Mit vollem Rechte haben ihm daher auf Grund solcher Erwägungen berufene Beurtheiler der Neuzeit, wie beispielsweise unter den Litterarhistorikern Otfried Müller, unter den Geographen – was hier doch besonders wichtig – Vivien de St. Martin, der sich zwar, wie oben erwähnt, der Umsegelung Afrikas gegenüber zweifelnd verhält, und viele andere das Zeugniss grosser Wahrheitsliebe nicht verweigert[54].
Können wir demnach fest überzeugt sein, dass Herodot uns nicht absichtlich täuscht, so wollen wir uns andrerseits nicht verhehlen, dass er ein recht schwacher Kritiker ist. Er prüft und kritisirt wohl, aber eigentlich kritisches Talent besitzt er nicht, und Stein charakterisirt ihn treffend mit folgenden Worten[55]: „Jene unwandelbare Kritik, die in den Kern der Dinge dringt, unbekümmert, ob darüber die Form der Tradition zertrümmert wird, war seiner treuherzigen, schonenden Natur fremd.“ Dürfte uns die Ansicht gewisser Schriftsteller des Alterthums leiten, so würden wir freilich gezwungen sein, wie manches andere, so auch den Bericht über die phönizische Expedition mit starkem Misstrauen zu lesen; die Urtheile, welche seine mangelnde kritische Befähigung zumal bei zweien seiner Volksgenossen hervorgerufen hat, sind hart genug. Ich denke, indem ich dies schreibe, an Aristoteles und Plutarch; der erste hält ihn für einen Fabulisten[56], und der andere lässt an der ganzen Art seiner Berichterstattung kein gutes Haar[57]. Auf alle Fälle ist also beim Lesen seines Werkes Vorsicht geboten, und wir werden ihm daher die Nachricht über die Expedition auf sein Wort trotz seiner anerkannten Wahrheitsliebe nicht ohne weiteres glauben dürfen, sondern alle in Betracht kommenden Verhältnisse einer sorgfältigen Prüfung unterwerfen müssen.
So würde es sich z. B. empfehlen, zunächst zu fragen, wie es denn hinsichtlich der Zuverlässigkeit der übrigen Nachrichten aussieht, welche Herodot über Aegypten mittheilt, und da werden wir bei kompetenten Beurtheilern die Ansicht vertreten finden, dass diese, trotz mannigfacher Irrthümer im einzelnen, im ganzen und grossen durch spätere Forschungen bestätigt sind, und zwar sowohl die geschichtlichen, wie die dem Gebiete der Landeskunde angehörigen, so dass der Geograph Vivien de St. Martin eben so recht hat, wenn er über das, was Herodot in Aegypten erfahren, in seiner Histoire de la géographie, p. 85, urtheilt: „ses informations, içi comme partout d’une remarquable exactitude ...“, wie der Aegyptolog Lieblein, wenn er in seinem oben zitirten Werke, p. 77, sagt: „Die neuere historische Kritik ist übrigens zu der Erkenntniss gekommen, dass Herodot nicht, wie man früher wähnte, ein Fabler sei, den man ungestraft vernachlässigen kann, sondern ein in all seiner Naivetät wahrhafter Erzähler, zu dem man Vertrauen haben muss.“ Vor den Urtheilen so gewichtiger Autoritäten wird nun aber auch der Vorwurf in sich zusammensinken, dass Herodot seine Leser unabsichtlich getäuscht, indem er, der Sprache des Nillandes vielleicht nur oberflächlich kundig, seine ägyptischen Gewährsmänner nicht ganz richtig verstanden habe. Wir dürfen nach den Aeusserungen der eben zitirten Gelehrten mit Fug und Recht annehmen, unser Schriftsteller sei im Stande gewesen, einer ihn sicherlich wegen ihrer scheinbaren Absurdität in hohem Grade interessirenden Nachricht, wie diese Mittheilung war, auf den Grund zu gehen. Wesentlich ist ihm bei dem Bestreben, nur Zuverlässiges zu berichten jedenfalls auch die Menschenkenntniss, welche er auf seinen weiten Fahrten erworben, zu statten gekommen; als er in Aegypten weilte, hatte er bereits Assyrien, Medien und Persien bereist[58]. Der Verkehr mit den verschiedensten Volksstämmen und Individuen hatte sein geistiges Auge geschärft, so dass er ohne Mühe erkennt, wenn jemand ihm etwas aufbinden will und sich mit ihm nach dieser Richtung hin einen Scherz erlaubt[59]. Vor Täuschungen, welche in einem derartigen Bestreben ihren Ursprung haben könnten, dürfen wir uns daher als gesichert betrachten und können ohne Bedenken behaupten, dass Herodot nicht nur geneigt, sondern auch befähigt war, die Wahrheit zu erkunden und zu übermitteln[60].
Persönlich hatte er jedenfalls keinen Grund, an der Wahrheit jener Erzählung zu zweifeln. Seine ägyptischen Nachrichten hat Herodot nach der landläufigen Annahme grösstentheils von den dortigen Priestern erhalten. Dass diese Vermuthung richtig ist, lässt sich aus mehreren Stellen seines Werkes mit einiger Sicherheit schliessen[61]. Zu beweisen ist sie freilich nicht, und der Zweifel, den Junker in seiner Abhandlung[62] äussert, kann nicht strikte widerlegt werden; es erscheint aber doch nicht gerade wunderbar, dass Herodot sich, um Auskunft über dies und das zu erhalten, an diejenigen Männer wandte, welche er mit Recht als die gründlichsten Kenner ihrer Heimath und der Geschichte ihres Volkes ansah, und dass er bei dieser Gelegenheit auch von der phönizischen Expedition hörte. Auf alle Fälle werden seine Gewährsmänner – ob nun, wie in erster Linie zu vermuthen, Priester oder nicht – Leute gewesen sein, denen er glaubte vertrauen zu dürfen, denn nicht an der Fahrt selbst zweifelt er, sondern die ihm unerklärliche Stellung der Sonne scheint ihm unglaublich.
Aber auch aus innern Gründen die Nachricht anzuzweifeln, lag für ihn keine Veranlassung vor. Dass eine Umschiffung Afrikas im Süden – rein geographisch betrachtet – möglich sei, nahm das herodoteische Zeitalter wohl allgemein an, und das war nicht wunderbar. Homer und seine Zeitgenossen hielten für ausgemacht, dass im Westen und Osten die Landmassen vom Oceanus umgeben würden, der durch den Phasis und die Strasse von Gibraltar mit dem mittelländischen Meere in Verbindung stände. In Betreff der Begrenzung der Länder im Norden und Süden fehlte ihnen jede positive Kenntniss, nicht aber eine Vermuthung, dahin zielend, dass diese beiden Enden der Welt durch Umströmung mit den Gegenden des Sonnenaufgangs und Sonnenuntergangs verbunden seien. Da konnte den Völkern zur Zeit des Herodot, denen die Meere, welche die Ost- und Westküste Afrikas bespülen, zum Theil bekannt waren, die Annahme nicht fern liegen, dass diese durch eine sie im Süden verbindende Wasserwelt eins seien und der Schifffahrt um die Südspitze Libyens kein Hinderniss im Wege stehe. Ebenso wenig konnte sich Herodot aber an dem Zeitmasse der Umsegelung stossen, denn zu dem, was die Schiffe des Alterthums an Schnelligkeit leisten konnten, stand die Dauer der phönizischen Reise, wie unten gezeigt werden wird, durchaus in keinem Missverhältnisse. Und sollte denn – bei aller Achtung, die auch er sicherlich der Kühnheit eines so grossartigen Unternehmens zollte – ihm diese Fahrt etwa wegen ihrer Gefahren und Beschwerden so unmöglich erschienen sein, dass er glauben musste, man erzähle ihm ein Märchen? Wir können dies nicht annehmen; wir werden vielmehr verstehen, warum Herodot der Erzählung ohne hierauf bezügliche Bedenken Glauben entgegenbrachte, sobald wir uns erinnern, dass unser Schriftsteller nach der Verbannung aus seiner Vaterstadt in Samos gelebt und hier gewissermassen eine zweite Heimath gefunden hatte. Von Samos war aber Koläos zu seiner berühmten Reise ausgefahren, und wer, dem, wie Herodot doch jedenfalls, die Erzählung von dieser kühnen Meerfahrt bekannt war, hätte zweifeln sollen, dass eine Expedition wie die der Phönizier möglich sei?
Fassen wir nun kurz zusammen, was sich als Resultat über die Glaubwürdigkeit unseres Berichterstatters ergiebt, so lässt sich dasselbe etwa dahin präzisiren, dass wir zwar seine Schwäche als Kritiker nicht leugnen können, andrerseits aber an seiner Wahrheitsliebe nicht zweifeln und keinesfalls ihm die Absicht zutrauen dürfen, uns mit Fleiss zu täuschen. Wir haben ferner keine Berechtigung, ihm die Fähigkeit abzusprechen, seine Gewährsmänner nach ihrem wahren Werth zu beurtheilen, seine ägyptischen Nachrichten im allgemeinen für unzuverlässig zu erklären oder Erstaunen darüber zu äussern, dass er speziell der Erzählung von der Umsegelung ohne Zweifel an ihrer Wahrheit lauschte und sie weiter verbreitete. Dagegen sind wir in der Lage, die oben über ihn verzeichneten ungünstigen Aeusserungen als durchaus unrichtig oder gar böswillig zurückzuweisen und von vorn herein der Prüfung des Berichtes näher zu treten ohne Vorurtheil gegen den, welcher ihn erstattet.