Was bedeutet Her. IV, 42 φθινόπωρον?

Die vorstehenden Auseinandersetzungen zeigen zur Genüge, dass das Wort φθινόπωρον an unserer Stelle nicht den Herbst im meteorologischen Sinne bezeichnen kann, sondern in der Bedeutung von „Saatzeit“ aufzufassen ist. Herbst – nach ägyptischen Verhältnissen gerechnet – haben unsere Schiffer überhaupt während ihres Aufenthalts auf den Hauptstationen nur einmal gehabt und zwar im zweiten Jahre in Marokko. Als im ersten Jahre der ägyptische Herbst kam, also in unserem September, rasteten sie auf der Südspitze und hatten demnach Frühling; als aber im März der Herbst der südlichen Halbinsel begann, waren sie sicher bereits wieder von dort abgefahren. Schon aus diesen Betrachtungen ergiebt sich, dass unter φθινόπωρον nicht das verstanden werden darf, was der Kalender als „Herbst“ bezeichnet. Gosselin[352] freilich behauptet, da das Fallen der Jahreszeiten in andere Monate, wie es doch auf der südlichen Halbinsel stattfinde, an der Stelle, wo von Saat und Ernte die Rede ist, garnicht erwähnt sei, könne man mit Sicherheit annehmen, dass die Phönizier von dieser Erscheinung selbst nichts gewusst und also die Fahrt überhaupt nicht gemacht hätten. Ich möchte dem gegenüber darauf hinweisen, dass wir in der kurzen Notiz bei Herodot schwerlich alles besitzen, was über jene Reise anderthalb Jahrhunderte vor dessen Aufenthalt in Aegypten in die Oeffentlichkeit gedrungen war. Da die Fahrt aber nicht die geringste Konsequenz für die Geschichte Aegyptens gehabt hatte, waren die Einzelheiten verschollen und wären es vielleicht für immer gewesen, wenn nicht die Priester dem wissensdurstigen Fremdling zu Liebe die wenigen Trümmer der Ueberlieferung, die man noch besass, wieder ans Tageslicht gezogen hätten. Wie viel Wunderbares mag den Phöniziern auf ihrer Fahrt in den fremden Gegenden aufgestossen sein! Und doch erfahren wir – sei es, dass sie absichtlich schwiegen, sei es, dass die Kunde im Laufe der Zeit verloren ging – über alle diese Dinge, abgesehen von dem veränderten Stande der Sonne, nichts. Wie dürfen wir nun eine Mittheilung gerade darüber erwarten, dass die Schiffer die Aussaat ein einziges Mal zu anderer Zeit vornahmen als daheim? Ich muss also dabei beharren: φθινόπωρον bedeutet hier „Saatzeit“; diese deckte sich im ersten Jahre der phönizischen Reise, als am Kap Halt gemacht wurde, keineswegs mit dem ägyptischen Herbste, wohl aber im zweiten bei Gelegenheit der marokkanischen Rast. Bähr sagt[353], φθινόπωρον bezöge sich „ad illud omnino tempus, quo sua quisque in terra maturos percipiat fructus“, vergisst aber dabei, dass nicht unter allen Himmelsstrichen und nicht für alle Früchte der Herbst die Zeit der Ernte ist; seine Erklärung passt hinsichtlich des Weizens weder für das Kap, noch für die Länder des Atlas. Die Gewährsmänner Herodots aber, welche zwar wussten, dass die Phönizier mehrmals gesäet und geerntet hatten, hinsichtlich der Einzelheiten sich jedoch völlig im Unklaren befanden, nahmen, da sie die klimatischen Verhältnisse der betreffenden Länder nicht kannten, mit einem gewissen Rechte an, ersteres sei zur Zeit des Herbstes ihrer ägyptischen Heimath geschehen, wo man im Dezember, spätestens im Januar, wenn das Wasser abgelaufen war, die Felder bestellte und Weizen Ende März[354], eventuell während des April oder Anfang Mai, Gerste etwas früher einheimste[355]. Vor allen Dingen erscheint es aber garnicht ausgemacht, dass die Priester dem Herodot gegenüber ein Wort mit der Bedeutung „Herbst“ gebraucht haben; vermuthlich sprachen sie nur von einer Zeit des Säens, und unser Schriftsteller bezog dies auf den ägyptischen Herbst, da auch ihm unmöglich bekannt sein konnte, dass z. B. am Kap die Saatzeit eine andere sei[356]. Dies ist um so wahrscheinlicher, als es nach Diodor fraglich erscheinen muss, ob die Aegypter überhaupt den Herbst als besondere Jahreszeit betrachtet haben. An einigen Stellen dieses Schriftstellers[357] ist nämlich nur von einem ägyptischen Frühling, Sommer und Winter die Rede, auch sagt er bei anderer Gelegenheit[358] ausdrücklich, die Aegypter hätten nur drei Jahreszeiten angenommen. Ich denke, aus allen diesen Erwägungen wird klar hervorgehen, wie sehr Gosselin und seine Anhänger[359] irren, wenn sie das Schweigen unseres Berichtes über die veränderte Lage der Jahreszeiten in Südafrika so auslegen, als ob die Phönizier die Fahrt überhaupt nicht gemacht hätten.