Die Rastorte der Phönizier.

Mit dieser Erkenntniss ist aber unendlich viel gewonnen; wir können nun einen grossen Theil Afrikas von vornherein als ausgeschlossen in Bezug auf die Stationen der Phönizier bezeichnen. Wir wissen nämlich, dass innerhalb der Wendekreise mit Ausnahme einiger Gegenden, die in Folge besonderer lokaler Eigenthümlichkeiten, wie z. B. frischer Winde, eine exzeptionelle Stellung einnehmen, Weizen erst in solchen Höhen gebaut werden kann, die hinsichtlich ihrer klimatischen Verhältnisse den subtropischen Zonen entsprechen[337]. Murzuk z. B. ist einer der südlichsten Punkte nördlich des Aequators, wo in Afrika noch Weizen und Gerste gedeihen, aber nur im Winter[338]. Da nun innerhalb der Tropenzone der Küstensaum Afrikas durchweg niedrig und auch sonst der angedeuteten Vergünstigungen nicht theilhaftig ist, da ferner die Annahme, die Phönizier hätten sich von ihren Schiffen weg weiter ins Innere des Landes auf die zum Plateau führenden Terrassen begeben, um dort zu säen und zu ernten, ganz unhaltbar erscheint, können wir mit Sicherheit behaupten: innerhalb der Wendekreise haben die Phönizier ihre grossen Ruhepausen nicht abgehalten. Auch einige Küstenstrecken in den gemässigten Zonen können sogleich ausgeschlossen werden. In der nördlichen einmal die kleine Stelle an der Ostküste vom Abfahrtsorte bis zum Wendekreise des Krebses, weil da eine Ergänzung des Proviantes noch nicht nöthig war, sodann an der andern Seite des Erdtheils das Gebiet vom nördlichen Wendekreise bis zum Atlas hin als der Sahara angehörig; in der südlichen gemässigten Zone aber die Partie westlich von der Kalahari. Hier kann zwar Ackerbau getrieben werden, aber nur mit Hülfe künstlicher Bewässerung[339]. Wenn nun die Phönizier solche auch höchst wahrscheinlich kannten[340], so wird doch niemand behaupten, sie hätten dieselbe hier angewendet, denn die Anlage solcher Irrigationen erfordert Zeit. Da nun jedenfalls wohl zweimal gerastet wurde – in den beiden ersten Jahren je einmal – und diese Rastorte unbedingt auf der Strecke vom Abfahrtsorte bis zur Strasse von Gribraltar zu suchen sind – denn erst im dritten fuhren sie durch die Säulen des Herakles –, kann der erste nur in dem südlichen Zipfel des Erdtheils, der zweite im Atlasgebiet gelegen haben. Im Kaplande, wo das Klima bereits subtropisch ist, gedeiht Weizen schon in geringer Höhe über dem Meeresspiegel. Vivien de St. Martin sagt in seinem Dictionnaire de géographie universelle[341] über diese Stelle unseres Planeten: „Pendant la plus grande partie de l’année là ou il y a de l’eau la terre rend presque tout ce qu’on lui demande“. Nun zerfällt dieses Land hinsichtlich der Niederschlagsvertheilung in einen Ost- und einen Westtheil[342]; in ersterem regnet es in der Zeit vom September bis April, in letzterem im Winter (unserm Sommer). Wie ich später nachweisen werde, sind die Phönizier nun wahrscheinlich im Mai des ersten Jahres ihrer Fahrt in Südafrika angelangt; liessen sie sich hier im westlichen Kaplande nieder und säeten etwa Anfang Juni, so hatten sie die sicherste Aussicht in Betreff des Aufgehens der Saat. Es hat sich in den wärmern Ländern im allgemeinen der Gebrauch herausgestellt, zur Zeit des niedrigsten Sonnenstandes zu säen, wenn die folgenden Monate zugleich angenehme Feuchtigkeit bieten; die Periode, in welcher das Getreide wachsen soll, ist ja naturgemäss die milderer Temperatur, wie ansteigenden Lichtes und muss stets im Anfang viel, nachher weniger Feuchtigkeit bieten[343]. Das trifft alles für jene Gegend zu; wenn zu Beginn des Juni gesäet wurde, hatte man bis August ausgiebige Feuchtigkeit, von da an nahm sie bei steigender Temperatur allmählich ab[344]. Da der Zwischenraum zwischen Saat und Ernte von Weizen und Gerste in diesen Gegenden nun ungefähr 5-6 Monate beträgt, würden sie etwa im November geerntet haben. Der zweite Rastort wird im Atlasgebiete südlich der Strasse von Gibraltar, also etwa im heutigen Marokko zu suchen sein. Auch von dieser Gegend ist es, wie vom Kaplande, bekannt, dass sie zur Produktion von Weizen sehr geeignet ist. Hier mögen die Phönizier, wie weiter unten ausgeführt werden soll, etwa im folgenden November angekommen sein, und da die Aussaat in diesen Gegenden im Dezember stattfindet, konnten sie, wenn sie dies Geschäft rechtzeitig vornahmen, im Juni ernten[345].

Nach diesen Ausführungen wird die Ansicht Rennels, sie hätten zuerst in Angola und später in Senegambien Station gemacht, die, wie so manche andere, sein Landsmann Wheeler theilt, hinfällig[346]. Sein Irrthum ist übrigens verzeihlich; er publizirte sein Werk im Jahre 1800, also zu einer Zeit, wo der Gedanke an eine Wissenschaft der Pflanzengeographie in A. von Humboldts Kopfe noch unausgesprochen schlummerte. Ebenso unhaltbar ist natürlich auch die Vermuthung Junkers[347], dass sie auf der Küste von Mozambique oder Sofala und später in Oberguinea gesäet und geerntet haben könnten, und nicht minder diejenige Peschels, der von einem zweimaligen australischen Frühlinge[348] spricht. Wie dieser scharfsinnige Gelehrte zu der Annahme kommt, die Phönizier hätten an beiden Rastorten sich südlich vom Aequator befunden, ist mir, da er Gründe für seine Behauptung nicht anführt, leider unklar geblieben. Wunderbar könnte es auf den ersten Blick erscheinen, dass die Sendlinge Nechos die passenden Stellen und die richtige Jahreszeit für die Aussaat des Weizens erkannten; bei genauerer Betrachtung erklärt sich aber auch dieses leicht. Dass sie im Kaplande zu säen beschlossen, dazu mag sie der Stand der Sonne veranlasst haben, die sie hier bei ihrer Ankunft mittags etwa eben so tief im Norden erblickten, wie in Aegypten und in ihrer syrischen Heimath im Süden, wenn man dort im Dezember zur Aussaat des Weizens schritt[349]. Auch war die Temperatur der heissen Zone, die sie vorher durchsegelten, jedenfalls zu verschieden von der heimathlichen, als dass sie zu einem Versuche hätte einladen können; die des Kaplandes hingegen entsprach jener ungefähr, und dasselbe wird in Marokko der Fall gewesen sein. Ferner dürfen wir annehmen, dass die Phönizier mit dem Lande fortgesetzt in Verkehr standen; abgesehen von mancherlei Bedürfnissen, die sie gezwungen haben werden, hier und da anzulegen, musste ihnen bei ihren auf die Eröffnung eines neuen Handelsgebietes gerichteten Plänen eine möglichst genaue Erkundung von Land und Leuten am Herzen liegen. Sie wären nicht Phönizier gewesen, wenn sie darauf verzichtet hätten. In der Ausübung dieser Thätigkeit werden sie nun ohne Mühe aus den Beschäftigungen der Küstenvölker und dem Stande der Felder erkannt haben, wo und wann es angängig sein könnte, Weizen zu säen, und so in der westlichen Hälfte des Kaplandes als der ihrem Vorhaben günstigeren gelandet sein. Im Atlasgebiet kam ihnen aber vielleicht noch ein anderer Umstand zu Hülfe. Strabo[350] erzählt, die Phönizier hätten kurze Zeit nach dem trojanischen Kriege an der Westküste Libyens Städte angelegt. Nun äussert zwar derselbe Schriftsteller an anderer Stelle hinsichtlich dieser Gründungen Bedenken, aber seine Zweifel können nicht ins Gewicht fallen, denn Junker[351] weist nach, dass er auch sonst Glaubwürdiges verwirft. Diese Kolonieen, von denen ein Theil sehr wohl im heutigen Marokko liegen mochte, oder wenigstens Reste derselben, werden nun die nechonischen Phönizier berührt haben und durch den Rath ihrer Landsleute hinsichtlich der Zeit der Feldbestellung sicherlich unterstützt worden sein.