Welches Getreide haben die Phönizier gesäet und geerntet?
Wenden wir uns nun der Betrachtung der Fahrt selbst in ihren Einzelheiten zu, so wird es zur Gestaltung eines deutlichen Bildes von derselben vor allem nöthig sein, über die Punkte ins Klare zu kommen, wo die Phönizier Rast gehalten haben. Es heisst in dem Bericht: „So oft die Saatzeit kam, gingen sie ans Land“; meiner Ansicht nach – die Gründe werde ich später darlegen – geschah dies im ganzen zweimal. Die Frage, wo die Rastorte gelegen haben mögen, ist nun in den meisten mir zu Gesicht gekommenen Abhandlungen über unsere Expedition wunderbarerweise gar nicht erörtert, in einigen andern oberflächlich berührt, aber, wie ich glaube, ganz verkehrt beantwortet worden. Eine direkte Auskunft lässt sich aus Herodots Berichte ja auch unmöglich herauslesen, doch auf einem Umwege hinter das Richtige zu kommen, scheint mir nicht ausgeschlossen zu sein. Auf diesem soll uns die Frage leiten: Was haben die Phönizier an ihren Ruhepunkten wohl gesäet und geerntet? Durch die Beantwortung derselben werden wir vielleicht einen Fingerzeig zur Lösung des andern Problems gewinnen. Zunächst wird es sich darum handeln, was wir an dieser Stelle des Herodot unter σῖτος zu verstehen haben. Die Antwort hierauf mit Sicherheit zu geben ist nicht ganz leicht und wird eine längere Betrachtung erfordern. σῖτος bedeutet überhaupt „Kornfrucht“, auch bei Herodot, wo an einer Stelle[288] darunter Weizen, Gerste, Hirse und Sesam begriffen werden; ausgeschlossen ist dabei von vornherein eine Pflanze, welche nach Diodor[289] in Aegypten, wenigstens im Delta, wo unsere Phönizier doch wahrscheinlich ansässig waren, zur Brotbereitung diente, der Lotos. Es versteht sich auch von selbst, dass diese, die nur bei ausgiebigster Bewässerung gedeiht, von Schiffern nicht zur Aussaat mitgenommen werden konnte, wenn sie nicht wussten, ob sie die für das Fortkommen derselben erforderlichen Bedingungen antreffen würden. Ausser dem, was Herodot an der erwähnten Stelle unter σῖτος versteht, könnten wir nun etwa noch an Roggen, Hafer, Reis und – wenn wir z. B. Duncker folgen wollen – auch an Mais denken; eine nur oberflächliche Betrachtung der einschlägigen Verhältnisse genügt jedoch, uns zu überzeugen, dass keine dieser Körnerfrüchte die Phönizier auf ihrer Reise begleitet haben wird. Was die erstgenannte Pflanze anbetrifft, so soll sie nach Luther zwar in Altägypten gebaut worden sein, denn er übersetzt, als von dem Hagelwetter bei Gelegenheit der ägyptischen Plagen berichtet wird: „Aber der Weizen und Roggen ward nicht geschlagen“[290], doch liegt hier sicher ein Irrthum vor und statt „Roggen“ muss es heissen „die Wicke“, eine Frucht, die wohl wesentlich als Zusatz zum Viehfutter verwendet wurde[291]. Der Roggen kam überhaupt schwerlich im alten Aegypten vor; in den Monumenten wenigstens ist er nicht aufgefunden[292]. An Hafer darf noch weniger gedacht werden; er wird zwar jetzt in Aegypten gebaut, im Alterthume war dies jedoch nicht der Fall[293], ganz abgesehen davon, dass sich das Mehl dieser Frucht zum Brotbacken wenig empfiehlt. Was den Reis anbetrifft, so wäre es nach de Candolles Ausführungen[294] nicht wunderbar, wenn die Aegypter zur Zeit des Necho die Kultur dieser Pflanze gekannt hätten, obgleich sich in den Sämereien der Denkmale und auf den altägyptischen Gemälden kein Anzeichen dafür findet. Auch hätten die Phönizier aus seinen Körnern, wenn nicht Brot, so doch brotähnliche Kuchen herstellen können, aber er gedeiht bekanntlich nur in sumpfigen Gegenden, und der Verproviantirung mit diesem Lebensmittel wenigstens zum Zwecke der Aussaat, stellten sich jedenfalls die bei dem Lotos geltend gemachten Bedenken entgegen. Hinsichtlich des Mais aber irren Duncker u. a., welche ihn dem alten Aegypten zuertheilen, entschieden[295]; er ist ursprünglich in der ganzen alten Welt nicht heimisch, sondern ein Geschenk der neuen an diese[296], und in Europa beispielsweise erst seit dem 16. Jahrhundert eingebürgert[297]. Fassen wir nun die Pflanzen ins Auge, die Herodot selbst, wie oben erwähnt, als zum σῖτος gehörig bezeichnet, so sind Sesam und wohl auch Hirse – sowohl panicum italicum, wie auch miliaceum – von der Debatte auszuschliessen, obwohl beide in Altägypten vorkamen; die erste, weil man sie nur der Oelgewinnung wegen baute[298], die zweite, da es, obgleich sich wohl ein brotartiges Gebäck aus ihr herstellen lässt, nicht wahrscheinlich ist, dass die Phönizier sich davon hauptsächlich genährt haben sollten[299]. Es bleiben demnach noch Weizen und Gerste übrig, die beide sowohl für die Verproviantirung, wie auch zur Saat von vornherein ganz geeignet erscheinen dürften. Trotzdem haben Rawlinson[300] und Sandberg[301] vorgezogen, an Durrah zu denken. Da es nun zur Bestimmung der Stellen, wo gesäet, und somit, wo gerastet wurde, von der höchsten Bedeutung ist, ob diese Pflanze oder jene Getreidearten von den Phöniziern mitgenommen worden sind, wird es unsere Aufgabe sein müssen nachzuforschen, mit welchem Recht jene Gelehrten dies gethan haben. Der letztgenannte, der allein sich auf eine längere Begründung einlässt, führt als Beleg für seine Ansicht Niebuhrs Beschreibung von Arabien an, wo erzählt wird, dass zu der Zeit, als dieser berühmte Reisende jenes Land besuchte, die grosse Menge des arabischen Volkes aus Durrah gebackenes Brot ass. Aber jeder unbefangene Beurtheiler wird zugeben, dass aus dem Umstande, dass die Araber Mitte vorigen Jahrhunderts Durrahbrot gegessen, schwerlich gefolgert werden kann, die Phönizier in Aegypten hätten zweitausend und einige hundert Jahre früher das Nämliche gethan. Ferner beruft sich derselbe Herr auf eine Stelle der Genesis[302]; es scheint mir aber eine ziemliche Portion guter Wille vorausgesetzt zu werden, wenn man aus dieser das Säen von Durrah herauslesen soll. Interessant sind die völlig entgegengesetzten Urtheile über die Verwendbarkeit der Durrah als Nahrungsmittel. Viktor Hehn[303] meint, dass sie wesentlich als Thierfutter Werth habe und nur in Theurungsjahren zu anderm Mehl gemischt werde. Dem gegenüber bekundet sich in Ungers Ansicht[304] die alte Wahrheit, dass über Geschmacksrichtungen nicht zu streiten sei; er behauptet, Durrah gebe ein schmackhaftes Brot. Ihm stimmt Delile bei durch seine Aeusserung[305]: „il (dourrah d’Égypte) donne une farine bonne pour faire des gâteaux“, fährt dann freilich gleich fort: „mais dont on ne fait point de pain levé (aufgegangenes Brot), comme avec le blé“. Es kann nicht schwer sein, trotz dieser sich entgegenstehenden Ansichten zu einem Urtheil darüber zu kommen, ob die Phönizier Durrah mitgenommen haben werden oder nicht. Ich glaube entschieden, annehmen zu dürfen, dass sie es nicht thaten; entweder gab das Mehl ein unschmackhaftes Brot, dann verbot diese Wahl sich von selbst, da eine zusagende Nahrung durchaus erforderlich scheinen musste, um die physischen Kräfte und damit auch den Muth der Matrosen für die gefährliche Fahrt aufrecht zu erhalten, oder es war nur zum Kuchenbacken geeignet, dann handelten sie thöricht, wenn sie sich mit so weichlichem Proviant versahen, da ihnen kräftige Speise mehr nützte und „toujours perdrix“ für die Menschen zu Nechos Zeit gewiss ein eben so wenig anheimelnder Gedanke war, wie für die modernen. Vor allem wird sich aber die Frage zur Beantwortung drängen: Stand denn den ägyptischen Phöniziern Durrah überhaupt zur Verfügung, d. h. wuchs sie um 600 v. Chr. in Aegypten? Die Ansichten darüber gehen weit auseinder; Unger[306] meint, es sei sicher der Fall gewesen, dahingegen behauptet Alphons de Candolle[307] unter „Holcus saccharatus oder Sorghum saccharatum (Moorhirse, Durrahgras)“, dass kein Beweis einer so frühen Kultur dieser Pflanze im Nilthal vorliege. Einige Denkmäler zeigen die Ernte einer Kornfrucht, welche allenfalls Durrah darstellen könnte[308]. Diesem bedauerlichen Zwiespalt der Meinungen gegenüber werden wir gut thun, von der Gegenwart ausgehend, zunächst festzustellen, was sich über den Anbau der betreffenden Frucht in Aegypten für die näher liegenden Zeiten sagen lässt, und da werden wir denn finden, dass sie heute dort massenhaft gepflanzt wird. De Candolle[309] schreibt unter „Holcus Sorghum oder Sorghum vulgare (Kafferhirse)“: „Dies ist eine der am meisten von den Aegyptern der Neuzeit unter dem Namen Durrah, im äquatorialen Afrika, Indien und China angebauten Pflanzen“ und Delile[310] sagt, dass die Durrah (oder Sorgho) das Getreide oberhalb Thebens ersetzt. Im mittelalterlichen Aegypten dagegen wurde diese Frucht, so viel wir wissen, nur an einer Stelle gebaut[311]; der arabische Arzt aus Bagdad, Abd-Allatif, der gegen das Jahr 1200 n. Chr. lebte und eine Beschreibung des unteren Nilthales herausgab, theilt ausdrücklich mit, dass sie hier mit Ausnahme der oberen Gegend des Saïd – d. i. Oberägypten – fehle. Demnach dürfte es nicht wahrscheinlich sein, dass sie im Alterthume in grösserem Umfange gebaut wurde, da kein Grund ersichtlich ist, warum die Kultur einer so nützlichen Pflanze zurückgegangen sein sollte. Ist diese Annahme aber richtig und erst unter der türkischen Herrschaft dies Korn in Aegypten allgemein angebaut, so werden die im Delta wohnenden Phönizier, welche die Fahrt unternahmen, allenfalls Durrah gekannt, sicherlich aber daraus nicht ihr Brot verfertigt haben. Schlosser[312], den Sandberg anzieht, meint freilich, die alten Aegypter hätten das Mehl jener Pflanze zum Backen verwendet, und wenn er recht hätte, würden Rückschlüsse auf die Phönizier ja nicht allzu fern liegen. Das Citat aus Schlosser lautet: „Das gewöhnliche Brot, von welchem man neuerdings noch einiges in Gräbern gefunden hat, war aus Durrah oder Moorhirse bereitet; ausserdem hatte man auch Brot von anderen Getreidearten“. Ganz entgegengesetzter Ansicht ist de Candolle[313], welcher meint: „In den Gräbern des alten Aegypten hat man das Vorkommen der Kafferhirse nicht mit Sicherheit nachgewiesen“. Mir scheint die Stelle aus Schlosser ohne Quellenangabe, wie sie ist, und ganz allgemein gehalten, wenig überzeugende Kraft zu haben. Es fehlt jeder Nachweis darüber, in welcher Gegend Aegyptens diese Durrah enthaltenden Gräber lagen, ob im Delta oder weiter oberhalb, und das würde doch, wenn wir für das Alterthum in Betreff dieser Pflanze dieselben Verhältnisse annehmen, wie sie uns für das Mittelalter verbürgt sind, von grosser Wichtigkeit bei der Entscheidung der Frage nach dem Backmaterial sein. Der Fellah in Oberägypten mag sein Brot aus Durrah hergestellt haben, ohne dass der phönizische Schiffer an der Mündung des Flusses dasselbe that. Auch wird es nicht gleichgültig für die Beurtheilung unserer Frage sein, welchem Stande die Leute angehört haben, in deren Gräbern man Durrahbrot gefunden hat. Im alten Reiche war es ein Privilegium der besseren Kreise, sich eine Art der Bestattung zu vergönnen, welche den Zweck erfüllte, den Stürmen der Zeit Widerstand zu leisten; im mittleren und noch mehr im neuen Reiche ist diese Sitte allgemein geworden, alle Schichten des Volkes nehmen an ihr Theil, vom hohen Beamten bis zu den Inhabern der niederen Stellen herab; selbst Gräber von Privatleuten und Handwerkern sind mit Sicherheit nachgewiesen, und leicht mögen sich auch die Bauern in ähnlicher Weise haben bestatten lassen[314]. Diese letzteren befanden sich aber in einer kümmerlichen Lage; sie waren grösstentheils unfrei, wie die Natur des Landes es mit sich bringt, welche in Folge der grossen Ueberschwemmungen, gegen die der einzelne machtlos ist, die Menschen zwingt, sich zusammenzuthun zum gemeinsamen Kampfe, in dem sich dann naturgemäss der weniger Bemittelte dem Wohlhabenden unterordnet. Kurzum, es war mit der Bauernbevölkerung am Nil vor zwei bis drei Jahrtausenden genau wie heute: die Lebensweise dieser Leute war ausserordentlich dürftig. Nun mag Durrah dem einen absolut nicht munden, dem andern wie Kuchen schmecken, eine für den täglichen Konsum minderwerthige Sorte Brotes als Weizen und Gerste giebt sie auf alle Fälle[315], und ist es nicht unwahrscheinlich, dass der ägyptische Ackersmann der alten Zeit in seinen traurigen Verhältnissen gezwungen war, sich des Mehles dieser Pflanze zum Backen zu bedienen. Leider theilt uns Schlosser nun nicht mit, welches Standes die Leute gewesen sein mögen, in deren Gräbern man Durrahbrot gefunden hat; waren es vielleicht bäuerliche Grabkammern, so würde das für die Ernährungsweise der Phönizier noch gar nichts beweisen. Dieser wesentlich Handel und Seefahrt treibende Bruchtheil der ägyptischen Bevölkerung wird in einer finanziell ungleich günstigeren Lage gewesen sein als die armen Fellahs, und es leuchtet ein, dass demnach die Ernährungsweise der letzteren auf die jener besser situirten Leute keine Rückschlüsse gestattet. Die hinsichtlich des Proviantes und des Saatkornes aufgestellte Behauptung Sandbergs wird sich also auch durch das Citat aus Schlosser nicht stützen lassen, und dieser Umstand im Verein mit dem, was sonst gegen die von jenem Forscher vorgebrachte Ansicht gesagt ist, dürfte die Mitnahme von Durrah in hohem Grade unwahrscheinlich machen. Ich komme also darauf zurück: Die Kornfrucht der Phönizier entstammt den Pflanzen, welche Herodot[316] in erster Linie als σῖτος bezeichnet, dem Weizen oder allenfalls der Gerste, die man beide, wie die heilige Schrift bezeugt, und wie das Stroh beweist, das man in ungebrannten Ziegeln findet[317], im Alterthume in Aegypten baute. Nun wissen wir zwar durch Herodot[318], dass die Aegypter das aus diesen Pflanzen hergestellte Brot verschmähten, was ja nach Delile[319], der ausdrücklich bestätigt: „L’orge est le grain que les Égyptiens donnent aux chevaux“, hinsichtlich der Gerste auch heute noch der Fall ist, aber es liegt nicht der geringste Grund zu der Annahme vor, dass die Phönizier diesen Abscheu getheilt hätten. Im Gegentheil, wir dürfen aus der bekannten Thatsache, dass in vielen Mumiengräbern sich Weizenkörner gefunden haben, vielmehr mit Sicherheit schliessen, dass garnicht einmal alle Aegypter, sondern vielleicht nur die gesellschaftlichen Kreise oder die Landstriche, mit denen Herodot in Berührung kam, sich ablehnend gegen Brot aus diesem Getreide verhielten. Weizen, das Hauptprodukt Aegyptens, haben meiner Ansicht nach also die Phönizier mit auf die Reise genommen, von dieser Frucht ihr Brot gefertigt und die Körner derselben gesäet. Daneben könnte man noch an Gerste denken, wenn auch deren Name „oberägyptisches Getreide“[320] ihre Verwendung weniger wahrscheinlich macht; da diese sich aber in allen für unsere Abhandlung wichtigen Fragen – Säen, Fortkommen und Ernten – ganz ähnlich verhält wie der Weizen, werde ich im Folgenden nur letzteren ins Auge fassen, wobei ich die eventuelle Substituirung jener andern Getreideart jedem Leser überlasse.
Zur Bekräftigung der eben vertretenen Ansicht, σῖτος bedeute an unserer Stelle Weizen, wird es sich noch empfehlen, im Folgenden zu untersuchen, ob die Bewohner des unteren Nilthales sich vorwiegend von Brot aus dem Mehle dieser Pflanze nährten; lautet die Antwort bejahend, so muss die Annahme, die Phönizier hätten anderes Getreide mitgenommen, von selbst ausgeschlossen erscheinen. Nach der soeben mitgetheilen Behauptung Herodots, betreffend die Abneigung der Aegypter gegen Weizenbrot, könnte es nun zwar – zumal da sie, wie wir aus den Opferlisten der Gräber wissen, mindestens 16 verschiedene Arten Brot und Kuchen kannten[321] – den Anschein haben, als wenn dieser Nachweis schwerlich glücken dürfte, und doch ist er möglich, denn in den allgemeinen Begriff Weizen können wir zweifellos die Abart des Spelzes oder, wie man in andern Gegenden Deutschlands sagt, des Dinkels hineinbeziehen, und diese wurde in Aegypten als Nahrungsmittel in ausgiebigster Weise verwendet: malte sich doch die Phantasie des dort ansässigen Bauern das Paradies als ein Gefilde, wo sie sieben Ellen hoch würde[322]. Die Griechen hatten – wie wir – zwei Namen für den Spelt, und Herodot sagt ausdrücklich[323]: „Die Aegypter leben von ὄλυρα, welche andere ζειά nennen“. De Candolle bezweifelt zwar das Vorkommen des echten Spelzes in Altägypten und den benachbarten Ländern[324], aber der angeführte Ausspruch Herodots lässt es mindestens sehr zweifelhaft erscheinen, ob er recht hat. Sehr erschwert werden Untersuchungen wie die vorliegende leider dadurch, dass die griechischen Autoren die Cerealien in so kurzer und nichtssagender Weise beschrieben haben und in Folge davon der Sinn, den sie mit ihren Worten haben verbinden wollen, häufig genug ganz unsicher erscheint[325]. Immerhin aber gewinnt aus mancherlei Gründen die Ansicht, dass in Aegypten irgend eine Weizenart – gleich viel welche – gebaut wurde und diese an unserer Stelle unter σῖτος zu verstehen sei, grosse Wahrscheinlichkeit. Nicht nur wies der fette Boden seine Bewohner wesentlich auf die Kultur dieses Getreides hin[326], sondern auch die Denkmäler zeigen Weizen als Ernteprodukt, wie ja auch heute noch diese Kornfrucht für das Land des untern Nil von hoher Bedeutung ist. Thomé bezeugt dies ausdrücklich, wenn er sagt: „Weizen und Mais, zu denen in Oberägypten die Mohrenhirse und im Delta Reis hinzutreten, sind die am meisten gebauten Getreide“[327]. War doch auch Aegypten während des ganzen Alterthums von den Zeiten Josephs[328] bis auf die des römischen Kaiserreiches[329] die Kornkammer seiner Nachbarländer, deren Bedarf an Weizen es grossentheils deckte, und wie sehr diese Erdstelle als Hauptproduktionsstätte jener nützlichen Pflanze angesehen wurde, zeigt uns das Urtheil Diodors[330], der sie geradezu als Vaterland der Weizenkultur rühmt. Ist seine Ansicht nun auch keineswegs richtig, so mag sie doch als Beweis dafür gelten, wie gut das fragliche Bodenerzeugniss dort gedieh. De Candolle[331] belehrt uns, dass sehr alte Denkmäler Aegyptens, aus der Zeit vor der Invasion der Hyksos, diese Kultur als eine schon begründete hinstellen, und wenn – wie erwähnt – in den Mumiensärgen vielfach Weizen gefunden wurde, so ist das bezeichnend genug für die Rolle, welche ein Getreide spielte, das Unger[332] mit Recht als die wichtigste der ägyptischen Kornfrüchte hinstellt. Wie unerschöpflich die Produktionsfähigkeit des Landes in Bezug auf Weizen war, zeigt uns die Notiz des Plutarch in seiner Vita des Perikles[333], wo er erzählt, der König von Aegypten habe den Athenern 40000 Scheffel dieses Getreides geschickt. Der betreffende König kann nur Amyrtäus gewesen sein[334], und er konnte das Geschenk machen, nachdem Theile Aegyptens 20 Jahre lang vom Kriege verheert worden waren. Hier wird übrigens nicht im allgemeinen von σῖτος gesprochen, sondern es heisst τετρακισμυρίουσ πυρῶν μεδίμνους, und wenn Link[335] nachweist, dass in den späteren Zeiten des Alterthums σῖτος geradezu für πυρός gebraucht wurde, also die besondere Bedeutung „Weizen“ annahm, so ist dies gewiss ein Grund mehr für die Richtigkeit der Vermuthung, das Wort könne auch bei Herodot dasselbe bezeichnen. Dafür dass die Phönizier sich wesentlich aus diesem Getreide ihr Brot gefertigt haben, spricht übrigens ferner der Umstand, dass in ihrer syrischen Heimath Weizen und Gerste am häufigsten gebaut wurden[336]; und wenn Herodot erzählt, die Aegypter hätten das Mehl jener Früchte nicht zum Backen benutzt, und dies als etwas besonders Bemerkenswerthes hinstellt, das sie von andern Leuten unterschied, so dürfen wir daraus doch ebenfalls schliessen, dass die erwähnten Getreidearten andern Völkern, also doch auch wohl den seekundigen Fremdlingen, ihr wichtigstes Nahrungsmittel gewährten. Zu der Annahme aber, die Phönizier, welche ihre Heimath verliessen und in Aegypten Kolonieen gründeten, hätten ihre Lebensweise geändert, liegt gar kein Grund vor. Wenn wir für ausgemacht halten dürfen, dass die ägyptische Handelsflotte, so weit es überhaupt eine solche gab, bei der Abneigung der Aegypter gegen das Meer, in Händen phönizischer Kaufleute und Schiffer war, so ist damit zugleich gesagt, wo diese sassen, nämlich im Delta, und hier fehlte es zur Zeit des neuen Reiches sicherlich an dem trefflichsten Marschboden für Weizenbau nicht. Kurz, man mag die Frage erörtern, wie man will; es wird stets dasselbe resultiren: die Phönizier lebten, was ihre vegetabilische Nahrung anbetraf, wesentlich von Weizenbrot, und σῖτος kann hier nichts anderes bedeuten als Weizen eventuell Spelz – oder – wie ja immer mit eingeschlossen – Gerste.