Schnelligkeit der Schiffe des Alterthums.

Um uns aber ein richtiges Bild von der ganzen Expedition zu machen, werden wir diese Fahrzeuge auf das, was sie an Schnelligkeit leisten konnten, einer genaueren Prüfung unterziehen müssen; wir werden dann feststellen können, ob sie im Stande waren, in der angegebenen Zeit die ja immerhin bedeutende Strecke um Afrika herum zurückzulegen. Die Gegner haben auch dieses bezweifelt und zum Beweise für die Richtigkeit ihrer Ansicht ein naheliegendes aus Herodot entlehntes Beispiel, das des Skylax von Karyanda, angeführt[270], der zu einer Reise von Kaspatyros den Indus hinab bis zu der Stelle, von wo Necho seine Expedition ausgesendet hatte, also zu einer weit kürzeren Fahrt, etwa eben so viel Zeit gebrauchte, wie unser Gewährsmann den Phöniziern bewilligt, nämlich 30 Monate. Es ist nun die Behauptung aufgestellt worden, dass die Phönizier unmöglich ihre Reise in der angegebenen Zeit hätten vollenden können, wenn etwa hundert Jahre später Skylax zu der seinigen eben so viel aufwenden musste. Aber diese Behauptung ist nur scheinbar richtig. Wie es gekommen sein mag, dass Skylax so lange Zeit zum Durchsegeln einer verhältnissmässig geringen Entfernung brauchte, wissen wir nicht, vielleicht wird es sich aus öfterem Anlegen erklären lassen. Das aber wissen wir glücklicherweise, dass die Schiffe des Alterthums in Betreff ihrer Schnelligkeit weit leistungsfähiger waren, als es nach dieser Notiz Herodots scheinen könnte, und damit wird der von gegnerischer Seite angeführte Grund hinfällig. Den Beweis für meine Behauptung werde ich sogleich erbringen. In dem Periplus des Skylax findet sich eine Stelle[271] des Inhalts, dass im fünften Jahrhundert eine Küstenfahrt von Phönizien bis zu den Säulen des Herakles bei einer Entfernung von etwa 5300 km 80 Tage dauerte. Das würde auf den Tag 66 km ausmachen. Diese Angabe dürfen wir, da es sich um eine Reise nach Spanien handelt, wohl auf ein schweres, sogenanntes Tarsisschiff beziehen; leichte Fahrzeuge fuhren schon früher weit schneller. Bereits bei Homer[272] segelt ein phönizisches Schiff in sieben Tag- und Nachtfahrten von einer der Inseln nördlich von Delos bis Ithaka. Freilich wird gegen die Heranziehung dieses Beispieles geltend gemacht werden, dass die Angaben Homers in der Schilderung des Lebenslaufes des Eumäus, welche die angeführte Stelle enthält, soweit sie sich auf Lokales beziehen, jedes topographischen Untergrundes entbehren und reine Phantasiegebilde seien, sodann, dass es sowohl gewagt erscheinen dürfte, Dichterstellen zu benutzen zur Bildung geographischer Begriffe, als auch im besondern einen Epiker als Zeugen zu zitiren, dessen Existenz von der wissenschaftlichen Kritik längst als Sage hingestellt ist. Dem gegenüber mag es aber gestattet sein, darauf hinzuweisen, wie doch auch die Interpreten unserer deutschen Heldenlieder vielfach nicht nur den allgemeinen Schauplatz mancher Begebenheiten, sondern auch bestimmte ursprünglich sagenhaft erscheinende Lokalitäten mit Sicherheit als wirklich vorhanden festgestellt haben und kein Grund vorliegt, beim griechischen Epos auf die gleiche Möglichkeit zu verzichten, wie ferner gerade die letzten Jahrzehnte durch ihre überraschenden Resultate auf dem Gebiete der Ausgrabungen den Beweis geführt haben, dass bei Homer manches wörtlicher zu nehmen ist, als es früher den Anschein hatte, und also mit den in jener Erzählung aufgeführten Punkten in der That recht wohl Inseln des ägäischen Meeres gemeint sein können, vor allem aber, wie niemand – mag die homerischen Gedichte geschrieben haben, wer will –, dem Dichter oder den Dichtern gründliche Kenntniss aller nautischen Verhältnisse, also auch der Entfernung zwischen zwei durch Schifffahrt verbundenen Oertlichkeiten wird absprechen wollen. Der Weg von Delos bis Ithaka ist nun etwa 560 km lang, sie fuhren also in 24 Stunden ca. 80 km. Wer aber diesen Beweis aus Homer nicht gelten lassen will, den verweise ich auf Herodot. Er giebt an[273], dass ein Schiff in 24 Stunden weit über 200 km fährt, eine Stelle, die freilich nicht ganz unverdächtig ist wegen des Verhältnisses zwischen Tag- und Nachtfahrt, das schwerlich stimmen kann. Es soll nämlich das betreffende Fahrzeug unter ca. 41° n. Br. – das ist die Lage des südlichen Pontos, und von dieser Gegend ist die Rede – zur Zeit des Hochsommers bei Tage etwa 130, bei Nacht etwa 110 km – also im ganzen 240 – zurücklegen, und daher scheint es, dass hier ein Irrthum untergelaufen sei, da sich sonst in der erwähnten Jahreszeit unter jenem Breitengrade die Länge des Tages zur Länge der Nacht etwa wie 7 : 6 verhalten würde. Das ist aber nicht der Fall, sie verhält sich etwa wie 5 : 3[274]. Doch steht die Gesammtleistung, wenn der Bericht wahr ist, nicht vereinzelt da; bei Xenophon[275] legt eine unter Segeln und Rudern gehende Triere den Weg von Byzanz nach Heraklea Pontica – über 200 km – in einem Tage zurück, ohne die Nacht zu benutzen, ja, Graser[276] schätzt in seinem mustergültigen Werke die höchste Schnelligkeit der Schiffe zur Zeit des Xenophon auf 9-10 Knoten (Seemeilen) in der Stunde, das ergiebt auf 24 Stunden die erstaunliche Summe von 450 km. Interessant ist auch die Notiz in Arrians Periplus Ponti Euxini[277], wo an einem Vormittage, noch dazu bei zeitweise ungünstigem Wetter, über 90 km zurückgelegt werden, so dass auf 24 Stunden – gleiche Fahrgeschwindigkeit zur Nachtzeit vorausgesetzt – 360 km kommen würden. Diese Schnelligkeit unter erschwerenden Umständen ist so erstaunlich, dass der Herausgeber hier einen Irrthum vermuthet. Schliesslich sind noch einige Mittheilungen des Plinius erwähnenswerth[278]. Von der Strasse von Messina ging, wie er erzählt, ein Schiff bis Alexandria in 6 Tagen, das macht über 260 km auf den Tag, von Gades nach Ostia in 7 Tagen, das würde etwa eben so viel ausmachen, von Afrika nach Ostia aber in 2 Tagen, so dass auf den Tag gegen 300 km kommen. Nur bei solcher Schnelligkeit wird die Anekdote von der Feige des Cato glaublich, die den dritten punischen Krieg veranlasst haben soll[279], und nur so lässt es sich erklären, dass der alte Fanatiker die römischen Senatoren glauben machen konnte, die Epigonen Hannibals ständen vor den Thoren der Stadt, wenn sie in Afrika mit König Masinissa um ihre Grenzen haderten.

Leitung der Expedition.

Nachdem wir uns so ein Bild von der Leistungsfähigkeit der Schiffe des Alterthums gemacht, werden wir im Stande sein, ein Urtheil darüber zu gewinnen, ob die phönizischen Pentekontoren in dem von Herodot angegebenen Zeitraume die Umsegelung vollbringen konnten, verschieben aber die Beantwortung dieser Frage auf später, um dann mit ihr zugleich eine genauere Vertheilung der gesammten Zeit auf die einzelnen Abschnitte der Fahrt vorzunehmen, und lenken unsere Aufmerksamkeit zunächst auf einen anderen Punkt, nämlich auf die oberste Leitung der Expedition. Wer war der Führer dieses zur Lösung eines so wichtigen Problems ausgesandten Geschwaders? Herodot nennt seinen Namen nicht, und es fehlt jede Handhabe, darüber Vermuthungen aufzustellen. Wenn ich nun doch bei diesem Punkte noch ein wenig verweile, so geschieht es, um die Angriffe zurückzuweisen, welche er hervorgerufen hat. Es ist behauptet worden, man könnte doch erwarten, dass bei einem so hervorragenden Unternehmen, wenn es wirklich stattgefunden hätte, auch der Name des Führers überliefert wäre; da er fehle, sei die Erzählung von der Fahrt einer Fabel gleich zu achten. Dagegen lässt sich aber Folgendes erwidern. Dass der Name nicht erhalten ist, scheint weniger wunderbar als betrübend, und keinenfalls kann dieser Umstand als Beweis dafür gelten, dass die Umsegelung nicht stattgefunden habe. Auch die Stellen bei Strabo[280] und in der Bibel[281], wo von den wohl allgemein als historisch anerkannten und gewiss für das Alterthum sehr hervorragenden Fahrten der Phönizier nach Tarsis, den Kassiteriden und Ophir die Rede ist, nennen die betreffenden Führer nicht. Das Fehlen des Namens ist somit ganz gewiss kein Beweis gegen die Glaubwürdigkeit des Berichtes; eher würde es unter Umständen das Anführen eines solchen sein können, wie die von Vincent[282], wie mir scheint, nicht sehr glücklich herangezogenen mythischen Beispiele zeigen. Er argumentirt: Bei den Fahrten aus älterer Zeit nennt man Herakles, Jason u. a. als Führer, obgleich deren Thaten sich doch auf einem weit kleineren Raume abspielten; da durfte bei unserm Unternehmen ein Hinweis auf den Leiter doch erst recht nicht fehlen. Dem gegenüber meine ich, dass eben die Namen jener Helden gegen die ihnen zugeschriebenen Thaten leicht Misstrauen erwecken werden. Herakles und Jason sind doch nur Vertreter von Kulturperioden; wenn ersterer eine Personifikation der Zeit ist, die den Kampf gegen das Ungeheuerliche in der Natur, wie in der Menschheit siegreich aufnahm, so erblicken wir in dem letzteren den Vertreter der Epoche, in welcher der Grieche die Scheu vor dem trügerischen Meereselemente überwinden lernte und zuerst seinen Kiel nach fernen Gestaden lenkte. Historische Wirklichkeit wird man keinenfalls diesen beiden oder ähnlichen Gestalten zugestehen dürfen. In unserm Falle scheint mir nun das Fehlen des Namens gerade ein Beweis für die Glaubwürdigkeit der Gewährsmänner Herodots zu sein. Bezweifeln dürfen wir kaum, dass letzterer bei seiner Gründlichkeit Erkundigungen über den Leiter einer so wichtigen Expedition einzuziehen versucht hat. Nun wäre es seinen Berichterstattern ja ein Leichtes gewesen, irgend einen Namen zu erfinden, so gut man ein paar Jahrhunderte früher sich den Herakles und Jason konstruirt hatte. Trotzdem nannten sie einen solchen nicht, sonst hätte Herodot ihn uns sicher überliefert, und dass sie es nicht thaten, spricht für ihre Wahrhaftigkeit und damit zugleich für die Wahrheit des Faktums, das sie berichteten. Aber, wird eingewendet werden, es sind doch z. B. die Namen des Sataspes und Skylax bekannt, der Leiter von Expeditionen, welche sich an Bedeutung mit der phönizischen nicht annähernd messen können. Wie das gekommen sein mag, ist nicht schwer zu erklären. Verweilen wir einen Augenblick bei Sataspes. Leicht mag Herodot, wie Berger[283] aus dem, was jener Schriftsteller selbst mittheilt[284], meint schliessen zu dürfen, von einem Samier, der durch einen Eunuchen des unglücklichen Prinzen in den Besitz der Schätze und wohl auch der Nachricht von der verunglückten Umsegelung desselben gekommen war, seine Information erhalten haben. Es scheint mir aber nicht undenkbar, dass er noch direktere Quellen hatte. Er selbst war am persischen Hoflager zu Susa, wie aus einigen Stellen seines Werkes hervorgeht[285], und hier war jedenfalls der Name des Sataspes noch wohl bekannt; sorgte dafür nicht sein nautisches Fiasko, so that es sicher die chronique scandaleuse des Achämenidenhofes. Das Vergehen, wegen dessen ihm die Umschiffung Libyens auferlegt war, bestand in der Vergewaltigung einer Perserin aus einer der ersten Familien des Reiches. Da nun die Hofgesellschaft in der persischen Residenz unter dem Einfluss der Haremsdamen sicherlich für derartige pikante Stoffe ein treffliches Gedächtniss hatte, lebte auch Sataspes noch in der Erinnerung dieser Kreise, wenn seine misslungene Expedition ihm auch erst in zweiter Linie dazu verhalf. Es ging ihm ähnlich wie dem Paris, der ja auch mehr wegen seiner Heldenthaten im Boudoir der Helena, als durch seine Erfolge auf dem Schlachtfelde bekannt ist. Auch Berger[286] giebt zu, die Erzählung von der Fahrt des Sataspes trüge den Charakter einer Hofgeschichte. Dazu kommt, dass seit dieser Reise beim Aufenthalt des Herodot in Susa wohl erst etwa zwei Dezennien verflossen waren, seit der Umschiffung Libyens durch die Phönizier, als er in Aegypten weilte, aber anderthalb Jahrhunderte. So kann es uns nicht wundern, dass man sich des Sataspes trotz seines Misserfolges noch erinnerte, während man den leitenden phönizischen Kapitän, der doch ungleich mehr geleistet, nicht zu nennen wusste. Was aber den zweiten Namen anbetrifft, der herangezogen werden könnte, um den herodoteischen Bericht auffallend lückenhaft erscheinen zu lassen, den des Skylax von Karyanda[287], der vom Indus zum rothen Meere fuhr, so wird folgende Erwägung am Platze sein. Dieser kühne Entdecker war unserm Schriftsteller sicher am wenigsten unbekannt. Karyanda lag ja von Halikarnass, dem Geburtsort desselben, nur etwa 20 km entfernt, und die Fahrt des Skylax wird doch nur etwa ein Menschenalter vor Herodot stattgefunden haben. Die nautische That, welche der berühmte Landsmann im Dienste des Perserkönigs vollbracht hatte, wird nun zweifellos nicht nur in seiner Vaterstadt, sondern auch im benachbarten Halikarnass jedem Kinde geläufig gewesen sein, und so erklärt sich meiner Ansicht nach sehr natürlich, wie es kam, dass Herodot über ihn genau unterrichtet war. Für die Erinnerung an den phönizischen Anführer fehlte es an solch günstigen Vorbedingungen, so ist begreiflicherweise sein Name versunken und vergessen, und nur seine grosse That lebt im Munde der Nachwelt fort.