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Und bei ihm sitzt ein junges Weib; warum im Lenz schon bricht

Denn gar so trüb durch Nebel ihrer Schönheit helles Licht?

Nicht Blumen schmücken sie, noch ein Gewand mit Prunkgeschmeide,

Das schwarze Aug ist tief gesenkt, sie selbst im Trauerkleide;

Im Antlitz dunkelt Gram, die Stirn neigt sich in leiser Bebung

Und deren Widerschein ist nur — das Lächeln der Ergebung.

Wenn irgend plötzlich, wo sonst dichte Schatten sie umfangen

Sei’s ein Gedanke, sei’s Erinn’rung rötet ihre Wangen,

Ist doch so bleich dies Licht, wie wenn von einem Säulenbild

Der volle Mond die Züg mit ungewohntem Leben füllt.

Gestalt an Schönheit wie an Adel reich! Ihr Flug, er ging

Zum Kreis der Engel, deren reiner Zauber sie umfing.

Doch herbstlich angeweht vom zehr’nden Hauch der ird’schen Lust,

Verwelkte des Gefühles Knospe früh in ihrer Brust.

So geht sie ihren Weg gepeitscht von scharfen Sturmesbesen,

Gebannt in schwere Erdenfessel, doch ein Himmelswesen.

Ihr Herz ist ausgebrannt und doch glänzt sie wie Morgenglühen: —

So gleicht sie jenen Früchten29, die am toten Meer erblühen,

Die durch Gefahr und Müh, doch reizend schön dem Wandrer winken —

Er findet Asche drin, und wollte Nektar daraus trinken.

Ein jeder Zug von ihr — so scheint es — hauchet düstre Milde

Und Tränen siehst du nicht, noch Harm in dem umwölkten Bilde.

O nein! vergang’nen Grames Kampf ist da nicht mehr zu sehn,

Doch leicht das stille Grab entschwund’ner Hoffnung zu erspähn;

Des Glückes Ampel, die in ihren Augen einst gefunkelt,

Hat im Erlöschen düsternd ganz ihr Angesicht verdunkelt.